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Jüdische Volksstimme · 1912-09-11 · Heft 24 (11.9.1912) · page 9

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XIII (1912)
Issue
Heft 24 (11.9.1912)
Date
1912-09-11
Page
– (sequence 9)
Language
German
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12 September 1912 S S. Nr. 24. XIH/li Jahrg Beilage zur) ienerJüd. Volksstimme' Neujahr. Ein Stimmungsbild von Jda Bück. Festlich gekleidete Menschen schritten ernsten Gesichtes an mir vorüber, andere noch in Alltagsgewändein eilten geschäftig ihrer Behausung zu. Ich durchmaß langsam die reinlich gekehrte Gasse. Gefällige einfache Häuser blicken mir überall freundlich entgegen. Ihre geöffneten niederen Fensten gestatten einen Einblick in die wohlgeordneten Stuben, die durch den weißgedeckten Tisch, worauf zwei oder auch vier meist silberne Leuchter gestellt waren, eine gewisse Gleichheit aufwiesen. Gruppen von Kindern plauderten eifrig aber leise vor einzelnen Türen. Ein blasser Knabe saß auf einem runden Ecksteine und blickte sinnend den dahinjagenden Wolken nach. Er senkte die Lider, da ich chm nahe kam, als wollte er seine geröteten Augen vor den Fremden verbergen, während seine schmalen Hände mit einem abgerissenen Gebetbuche spielten. ״Beginnt der Gottesdienst bald?" fragte ich. Der Knabe erhob sich rasch, dann traf mich ein Blick des Erstaunens und fast vorwurfsvoll erhielt ich die Antwort: ״Um sechs Uhr!" Dabei streifte er meinen vom Staube der Landstraße noch nicht gesäuberten Anzug und den Spazierstock in meiner Rechten. Aber freilich, daran hatte ich vergessen oder vielmehr gar nicht gedacht. War ich doch nur durch bloßen Zufall an diese Stätte gekommen und nun trieb mich die Schaulust, wieder eine Synagoge zu betreten. Aber, seltsamer Knabe, welch fremdes Gefühl weckst du in meinem Herzen? Mußt' ich doch kaum, daß es darin geschlummert! Es lenkt mir die beflügelten Schritte dem Gasthofe zu, gebietet mir, mich mit Sorgfalt zu kleiden und immer stehst du vor mir mit deinem frommen Duldergesichte den tränenschweren tiefdunklen Augen. Schämst du dich nicht, alter Geselle? Wie würden sie über dich lachen, deine Freunde. Was ist denn in dich gefahren? Und wozu diese große Toilette? Gibt es einen Ball zu besuchen, oder eine Soiree oder bloß einen Jour? Nicht von dem, nichts — nur einen Tempel? Ei, bist du noch nicht über derlei erhaben und tatest doch oft so! — Müßt' ich doch nur, warum es geweint hat, das arme, blasse Kind? — Possen! — Feierliche Stille lag jetzt über Gasse und Haus. Heller Kerzenschcin strahlte mir überall entgegen, verhaltenes Schluchzen traf mein Ohr. Ein alter wtmüder Mann saß am Fenster, neben ihm aber lehnte mein Knabe und streichelte weinend die zitternden Hände des Greises, der in seinem weißen Gewände längst verschollene Erinnerungen in mir auftauchen ließ. ״Bleibe gut und fromm, mein teures Kind. Bertrau' auf Gott, er wird dich nicht verlassen. Du wirst nicht allein Zurückbleiben, selbst wenn auch ich — —" Mehr konnte ich nicht verstehen. Wo hatte ich nur dieses Linnenkleid gesehen, wo dieses weiße, mit Goldborte geschmückte Seidenkäppchen? Was willst du ,einfältiges Herz? Wozu dieses törichte Pochen? Was kümmern mich diese fremden Leute, was ihre Feste? Was habe ich mit ihnen gemein? Ich, der ich nicht einmal den Namen Jude ertrage! Kam ich nicht her, um kühl zu beobachten? Schrullen, nichts als törichte Schrullen! Fort damit! Wie sich die Damen herausgeputzl haben! Fast durchgchends Tommcrtoilctten. Ein hübsche Frau dort, die eine, — das blühende Mädchcit an ihrer Seite mag Wohl die Schwester sein? Jetzt bleiben sie stehen, — weßhalb? El ja, da kommen zwei Damen auf sie zu. Man reicht einander die Hände: ״Ein glücklich Neujahr!" ״Ein glücklich Neujahr!" irnederholte eine Stimme in meinem Innern. Es ist zum Lachen, wahrhastig! So lache doch nur, lache! Du vermagst es nicht? Warum denn nicht? Ist cs auch nicht wirklich urkomisch, dieses Treiben um dich? Junge lebensfrohe Männer in Sterbegcwandcrn? Sterbegewand? Wie kommst du darauf? lind plötzlich zieht ein lang entschwundenes Bild an meiner Seele vorüber. — Ich sehe mich wieder in der Postkutsche neben meinem Pater, der so still und traurig dasitzt, daß ich nicht zu fragen wage, ob cs denn wirklich der Wind sei, der draußen so schauerlich Pfeift. Wütend fährt er in die Aeste der Bäume, daß sie krachend aufslöhnen. Zornig wirst er ihre letzten Blätter in die Wolken hinauf, peitscht den eisigen Regen gegen die klirrenden Schciben des Wagens, der langsam und schwer dahinrollt. Endlich hält er vor einem kleinen Hause, aus dem sofort einige Männer treten. Einer nimmt mich auf seine Arme. Ich sehe mich ängstlich nach meinem Vater um. Er folgt uns gesenkten Hauptes durch den dunklen Flur in ein matt erleuchtetes Zimmer. Es war mit Menschen gefüllt, doch keinen hörte ich sprechen. — ״Sich' dir ihn an. Er war gut und fromm. Werde wie er," sagte jetzt die bebende Stimme des Mannes, der mich hierher gebracht ׳ hatte, indem er mich in die Mitte des Zimmers führte. Tort aber stand ein Sarg. Darinnen lag mein Großvater im weißen Linnenkleide, das vergilbte Scidcnkäppchen auf dem Kopfe. Ich starrte .= Achtung mit Entsetzen auf das regungslose Gesicht. Er war so bleich! Ich schrie auf! ״Werde so fromm wie er." Armer Oheim, haben alle deine Wünsche so kläglichen Schiffbruch erlitten wie dieser? Ich, das freisinnige Großstadtkind, das sich schon als Knabe über die Gebräuche seiner Religion bclustigte. Was weiß ich mehr vom Judentum, als daß es mir immer eine schier unerträgliche Last schien? Ein lautes Gemurmel weckte mich jetzt aus meinen Gedanken und ließ mich rasch aufblicken. Ich befand mich dem Gotteshause gegenüber. Einfach, doch stattlich, fast gebieterisch stolz erhob.es sich auf dem freien, geräumigen Platze, alle Gebäude rings umher hoch überragend. Strahlender Lichtschein ergoß sich durch die weit geöffneten Türen auf eine Menge, meist aus Kindern bestehend, die draußen unter den noch frischgrünen Bäumen hin- und herwogte. Ich stieg die wenigen Stufen hinan und begab mich gedämpften Schrittes in eine der letzten noch leeren Bänke. Eine feierliche Stille umfing mich. Der Gottesdienst hatte noch nicht begonnen und bloß ein vereinzeltes leises Gebet oderein flüsterndes Sprechen ließ sich in dem ernsten Raum vernehmen. Mein Blick flog rasch der Galerie entlang und blieb auf einer alten Frau ruhen, deren welkes Gesicht an der rosigen Wange eines Bübchens lehnte, das ihr auf dem Schoße saß. Jetzt sah es der Greisin mit schelmischem Lächeln voll in die freudestrahlenden Augen, faltete die vollen Händchen und bewegte die kirschroten Lippen. Macht es dich glücklich, dieses gedankenlose Lallen, weißhaariges Mütterchen? Freue dich — freue dich, eh es vorüber für immer. — Vorüber! — Weißt du noch nicht, hast du noch nicht erfahren, wie bald es entschwindet, das kaum erblühte fromme Gefühl, gleich der duftenden Krone, lieblicher Blumen in alle Winde verweht, unwiederbringlich verloren? Freilich, dir bleibt es bewahrt, bis die eisige Hand des Todes dich knickt und zermalmt. Hat dich doch Beschränktheit schützend umhüllt, ist doch die köstliche Frucht, Vernunft, bei dir schon im Werden verdorrt und vergangen! Aber wie, wären alle diese Männer um mich her veruunftlose Toren? Wie sie jetzt demütig das Haupt beugen, wie sich tiefer Ernst, fromme Ergebung auf ihrem oft so intelligenten Antlitze ausprägt! Und was ergreift mich jetzt so mächtig? Ist es die volle, angenehme Stimme des Vorbcters oder die weihevolle Andacht, die über dem Raume zu schweben scheint? Unsinn! Wie komme ich zu diesem Gefühl? Mache dich frei davon, es ist deiner nicht würdig! Keine Orgel, nicht cinnial Ehor und doch so ergreifend, ich möchte fast sagen, erschütternd. Wie er dasteht, der hochgewachseue Mann mit dem langen, weißen Barte! Wie sein Auge voll Zuverficht und Hoffnnng in die Ferne zu blicken scheint! Ist er bis jetzt nicht auf unserer Erde gelvaudelt, wußte er Unglück und Schmerz von sich fern zu ballen? Doch die mächtige Denkerstirne ist von tiefen Furchen durchschnitten und ein schmerzlicher Zug hat sich um den Mund eingegraben. Gleicht er nicht einer der Herrlichcn, hehren Gestalten aus der Zeit, da noch Wunder geschahen? Ich glaube, er könnte das Feuer vom Himmel herabfleheu, könnte den trägen Sinn des Volkes mit flammenden Worten zu Heldentaten begeistern, könnte mit ruhigem Lächeln den Scheiterhaufen besteigen! Wenn er jetzt vor mich herträte, tvie einst der Prophet Elia vor Achab, vor mich, der ich so oft über seinen Glauben gespottet, der ich nabe daran tvar, ein Abtrünniger zu werden, — wenn er spräche .... Du bist tvohl heute ein Narr gemordeu? Was soll dieses dumme Gefasel? Willst du nicht lieber gleich mitbeten und dich schütteln und neigen? Hahaha, löstlich! Wie du doch mitunter drollige Einfälle hast! Darf ich dich cinladen, dieses Hans jetzt zu verlassen? In der kühlen, einsamen Nacht sucht der Spuk wohl geschäftig daS Weite! — Ich vor mir selbst fliehen? Seit wann wäre ich so schwach geworden? Hier will ich bleiben, will sehen, tvclche Macht dieser Gottesdienst, diese ganze Umgebung noch über mich gewinnt. Was dämmert da wieder für ein Erinnern mir'? — Zum Kinde — zum Kind, sagst du? Wie wars doch? — Es ist so unheimlich still im großen, halbdnnkten Zimmer. Ich höre deutlich das Ticken der Wattduhr nhr und die tiefen Atemzüge meiner kleinen Sebiveirer. Mutter, sich doch das Oellämpcben an. Jetzt in eine große gelbe Katze aus der Flamme gestiegen! Geiviß, ich habe sie ganz deutlich gesehen. Sie ivollte mich mit ihren feurigen Krallen zerreißen! War nicht ein Pferd da? Ein riesengroßes, wildes Pferd? Ich habe es gehört! Ich fürchte mich so schrecklich, gib mir die Hand, Mutter, was soll ich tun? ״Bete, mein Kind, bete, vielleicht hilft dir der liebe Gott!" Sie war so weich und kalt die Hand, tvie sie mir jetzt über die fieberheiße Stirne strich. ״Schma Jisroel adonai elauhenu". Ha, wie sie auf den kleinen 8 mir leise mit bebender Stimme die Worte vorsprach, kam eS wie süßer Friede über meine stürmisch pochendes Herz. Ich sah nichts mehr als die guten, umflorten Augen der schönen Frau, die sich angstvoll über mich beugte. Hast du mich lieb. Mütterchen, hast du mich lieb? — Wer sprach hier? — Ach so, ich vergaß, wo ich bin — o, sie ist tot, daran läßt sich einmal nichts andern. Und jetzt will ich endlich zur Vernunft kommen. Ob auch das hübsche Mädchen da ist? Ich sehe es nicht. Doch eigentlich recht nichtssagende Gesichter da droben bei den Frauen, fast überall das gleiche Gepräge. Doch dieses hier? Nein, das ist nicht tvie die anderen. Welch energische, stolze Züge, wie gramerfüllt in diesem Augenblicke und doch, wie kalt abweisend? Warum starrt dein Auge, warum zuckt dein Mund? Was haben sie dir getan, welch linfaßbares Leid haben sie dir zugefügt? Wo ist dein Gatte, dein Sohn? Hast du nie einen besessen? Nicht, armes Weib? Floß deine Jugend liebe- und freudeleer dahin? Oder hat sic ei» grausames Geschick so früh von deiner Seite gerissen? So stehst du allein in der weiten, der feindlichen Welt? Das ist hart. Aber, vielleicht ist er nur ferne, für den dein Herz sinnt und sorgt, vielleicht denkt er heute mit Sehnen an dich! Dein trauriger Blick verneint? O, so fasse doch Mut! Bricht nicht ein »eues Jahr an? Ein neues, hoffe, ein glückliches Jahr! Jetzt versenkt sie sich in ihr Gebet, jetzt hat sie sich wieder gefunden. Ich beneide dich, ich könnte dich beneiden, könnte dir dein glaubensstarkes Herz neiden, deinen frommen Sinn, dein unerschütterliches Vertrauen auf Gott, deinen nimmer wankenden Stab in Leid und Weh! Hoch sehe ich dich emporgehoben, von den rauschenden Fittigen des Unglücks getragen. Wie du so groß bist, mir so erhaben erscheinst! Tu wächst und steigst vor meinem erschauernden Blicke, dein stolzcs Antlitz erstrahlt von überirdischem Glanze. Woher nahmst du die Kraft, sprich es aus, ivoher, dich aber dein Schicksal siegreich Hinausschwingen? Was vesliigelte die zarten Schwingen deiner Seele? O, nimm mich mit, ich bin so schwach, so verlassen! Herr im Himmel, was soll dieser tolle Aufruhr in meinem Innern? Wo reißt er mich hin? Bin ich nicht mehr ich selbst? Hinaus will ich, fort, weit tveg von diesem Orte, der mir die Gedanken vertvirrt. mich ohnmächtig macht. Fort, fort! Sie beten so leise und voll Andacht — mein knarrender Schuh stört lvohl zu aufdringlich die Ruhe. Sie beten, beten alle. Flüsternd bewegen sich die srommeu Lippen. Hörst du das Summen der großen Fliege, die dort den Kristall-Lnster umschwirrt: Sonst alles ilill» jeder Blick gesenkt. — Jeder? — Siehst du den Manu dort??!achlässig lehnt sein Haupt an der vergoldeten Säule, spielend gleiten die Finger über die llhrkette hin, ein zyuisches Lächeln verzerrt den fvöttiichen Mund. Was willst du hier, ivas suchst du an dieser geheiligten Stätte? Wie ivagt dein freckier Fuß diese Schwelle zu überschreiten? Hebe dich biniveg mit deincr frivolen Stirn aus dem Kreise der Frommen. Tein Hauch entweiht die Luit, die sie atmen! Warum vlickst du auf mich, zog dich mein?luge so an? Ha״ tvie er verständnisinnig mich angrinst! Mensch. ich habe nichts mit dir gemein! Wähnil du mich zu deinen Genossen? Was gibt dir das .?!echt? ״Schma Jisroel adonai, elohenu adonai ectiod." War das nicht die Stimme meiner Mutter? Ach nein - - der Knabe »eben mir sprach die Worte so innig und sanft. . Er rückt dicht an mich heran. Will er mich sprechen? ״Ich habe noch ein Gebetbuch hier, ich kann dem Herrn eines leihen!" ״Tanke, mein Junge, so gib nur!" ״Und willst du denn wirklich beten"? ״Ich will, ich lvitt!" Friede zieht wieder in meine ivüsle Brust ein. Sie verschwinden, die!vildcn jagenden!gestalten. Ein leuchtendes Bild steigt allmählich aus meiner Seele empor. Ich sehe nun wieder das gütige Auge der schöneu Frau, die meine Mutter >var. ..Bete, mein Sohn, bete, vielleicht Hilst dir noch (Kolt!" Ein glücklich Neujahr! Prager Brief. In Rübe eine» Ileberblick über daS verflossenc» Jahr zu halten, rückblickend noch einmal kurz all das Unrecht, alle Unbilden zll betrachten, die es uns Inden Böhmens gebracht, das erlauben die Zeitereignisse nicht. Ja, nicht einmal ein tröstlicher Ausblick in die Zilikunit ist uns gestattet, denn gerade die letzten Tage haben uns unsere Feinde in vollüer Kriegsrüstung, auSgestattet mit ihren verworsenite:! Mitteln kennen gelehrt, und so bleibt unS nichts anderes übrig, als mir Variierung des alten Wortes vom Jahresschlüsse, ״uns das Geschehene zu bekennen und bang und sorgenvoll über die Zukunft, die allernächste Z,nknnit zu klagen." C

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