Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XIII (1912)
- Issue
- Heft 24 (11.9.1912)
- Date
- 1912-09-11
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Erscheint jeden Donnerstag. Wiener XIII I. Jahrg. Nummer 24 Bezugspreise: Für Österreich-Ungarn, halbjährig . . ganzjährig. Deutschland, ganzjährig. Rußland, ganzjährig. Balkan, Frankreich. Einzelne Nummer 20 b. Sä- Kronen 520־ Kronen 10*— Mark 10 — Rubel 60&׳ Franks 12•— Herausgeber: Max Hickl. Inserate: die 6 spaltige Petitzeile 30 h. Buchhändlerische Vertretung: Otto Klemm, Leipzig. Geschäftsstelle, Wien: l., Rotenturmstraße Nr. 31. Telephon 3009/VIII. Sprechstunden von 10—12 Uhr Postsparkassakonro Nr. 312.842! Unverlangte redaktionelle Beiträge werden nicht honoriert. Manuskripten ist Rückporto beizusagen. Brünn—Budapest. Wien, Prag—Lemberg. Aus dem Inhalte: Prof. Dr. I. R., Roschhaschanah. — Ein antisemitisches Hetzblatt in Prag. — Jeanette Bauer, Lbercbes la komme. — Mähr, schles. Rabbinertag in Prerau. — Die neue jüd. akad. Verbindung. — Malvine Grünwald, Gedicht. — Ernst Sommer, Gideons Auszug. — Offener Brief an die erste böhm. Versicherungs-Gesellschaft. — Jda Böck. Neujahr. — Prager Brief. — Die Blutlegende in Rußland. — Dr. F. R. Heinschel, Lemel. — Bon der Sitzung des zionistischen Zentralkomitees. — Rundschau. — Korrespondenzen. Zum Jahreswechsel entbieten unseren Freunden, Mitarbeitern, Abonnenten und Lesern die herzlichsten Glückwünsche כתיבה'וחתימה טובח Zldministration und Redaktion ״Jüdische Bolksstimme". Nosch-Haschanah! Ein Jahr ist verrauscht im Strome der Zeiten, ein neues Jahr zieht herauf'. Ter Neujahrstag bildet gleichsam den Markstein zwischeu Vergangenheit und Zukunft! Eine kurze Spanne Zeit und dennoch eine hohe Warte, von welcher aus Israel, dieses Volk, das schon im Baue seiner Sprache eigentlich keine Gegenwart kennt, sondern nur eine Vergangenheit und eine Zukunft, stets gewöhnt war, den Blick retrospektiv auf das Verflossene zu wenden, um dann neuerweckt, am Jom teruah, am Tage des Läriublasens und der Erweckung frohen Mutes feine künftigen Ziele ins Auge zu fassen. Erkennet die Vergangenheit als eine von Gott geleitete, so ruft uns der Neujahrstag zu und ihr werdet euch bewußt werden eurer Zukunft, da der Herr über euch sichtbar werden wird und sich zeigen wird in feiner Herrlichkeit. Und so vernehmen wir sie denn mit dem Schauer tiefster Andacht, die weltumfassenden Worte: ״Verbreite die Furcht vor dir über alle deine Werke, daß dich allein fürchten werden alle Wesen und sie alle zu vollziehen mit aufrichtigen! Herzen ... Tie Ungerechtigkeit wird verstummen und die Bosheit wie Rauch dahinschwinden, denn du wirst verdrängen die Herrschaft frevelhafter Ge- Walt von der Erde hinweg. Und als Herrscher wirft du allein erkannt werden über alle deine Werke auf dem Berge Zion, dem Wohnsitze deiner Herrlichkeit." Die Herrschaft frevelhafter Gewalt wird verdrängt werden von der Erde und die Ungerechtigkeit verstummen! Das ist Israels ideale Forderung an die Menschheit, deren höchste Weisheit heute noch in dem Satze gipfelt: Alles Recht fließt aus der Macht und nur das besteht zu Recht, was auch die Gewalt hat, sich durchzusetzen. Wer denkt da nicht unwillkürlich an die geschichtlichen Ereignisse des letzten Jahres; vor einem Jahre gerade wurde ein Krieg heraufbeschworen, der nicht auf einer Forderung des Rechtes, sondern auf dem Vollgefühle der Macht und jener Gewalt beruhte, die in unseren Tagen noch allein Recht schafft. Italien hat beschlossen, seine Oberherrschaft über ein Gebiet auszudehnen, das ihm niemals gehörte, weil es diese Ländereien für sein Erpansionsbedürfnis braucht und die zivilisierte Menschheit schwieg beifällig, qui tacet consendire videtur, Gewalt schafft Recht, der Starke ist sich selbst Herr! Es wäre ein müßiges Beginnen, des weiteren über dieses geschichtliche Ereignis, das seinem Abschlusse entgegeneilt, zu meditieren; wir fühlen nur die große Kluft, die uns vom Jdealzustande trennt, den unser tiefstes Gebet an unseren heiligsten Tagen, an den ״ehrfurchtgeb ietenden Jomim noroi m" anstrebt und erkennen daraus die Größe der Arbeit und die Gewalt des Widerstandes, die noch zu leisten, die noch zu überwinden ist. Durch die Annektion der Cyrenaika kommt eine alte jüdische Kulturstätte in den Besitz Italiens. Schon Josephus Flaviüs berichtete am Schlusse seines Buches über den ״Jüdischen Krieg", daß die Zeloten, nachdem bereits Palästina vollständig in den Besitz der Römer gelangt war, von Cyrene und von der Libyschen Wüste aus einen verzweifelten Krieg gegen die Römer, die Vorfahren der heutigen Italiener, führten und ihnen noch viel zu schaffen machten (der jüdische Krieg, Buch 7, Kap. 11). Es gibt eben nichts Neues unter der Sonne, an die Stelle der Römer sind die Italiener, an die Stelle der Juden sind die stammverwandten Araber getreten. Im Mittelalter war Eyrene ein Hauptsitz jüdischen Wissens; dort lebte Jfak ben Salomo Israeli, berühmt als Arzt und Philosoph, dort wirkten die berühmten Halachisten Rabbenu Chuschiel und sein Sohn Rabbenn Chananel, dort lernte der große Alfasi und dort war die Heimat der Rabbenu Nissim; wenn eS kein Hebet gibt, aus dem nicht auch ein Glites erwachsen würde, so wäre zu wünschen, daß auch in jenen Gegenden, den Vorländern Palästinas, wieder neues jüdisches Leben erblühen möchte. Dieser Ausblick leitet uns hinüber zu jenen Hoffnungen. die wir für die Zukunft hegen. Palästina scheint aus seinem Schlummer sich zu erheben und den tausendjährigen Schutt abschütteln zu wollen. Das Land beginnt wieder seine Früchte zu tragen; sein Himmel zü Häupten ist nicht mehr Erz und sein Boden nicht mehr Eisen; seine Kinder aus dem Teman sie kehren zurück wie Tauben zu ihren! Taubenschlage. Mit steigendem Hochgefühle lesen wir die stetigen Fortschritte der zionistischen Kulturarbeit; wir schielen nicht, wir schauen frei und offen und unverwandt undfrohhinüberinsjüdischeLand unserer Väter. ״Sühne dem Lande und Versöhnung dem Volke", das ist das Abschiedswort des Mosesliedes, das nicht vergessen wird im Munde des jüdischen Volkes. Palästina geht seiner großen Zukunft mit Riesenschritten entgegen; wenn nicht alles täuscht, hat in den letzten Tagen England seine schützende Hand über die Türkei aus dem Grunde gebreitet, um einen neuen Kulturweg zu erlangen, der von Port Said gegen Indien führen und Palästina streifen wird. Palästina ist nahe daran wieder zu werden ״tabur haarez", das Zentrum, dem Ost und West sich zuwenden, und wird es dem Lande gutgehen, dann wird es auch den Kindern Wohlergehen, wäre ich Freimaurer, dann hätte ich beinahe geschrieben, den ״Kindern der Witwe". Es zieht ein ungeahntes Rauschen durch die ehemals morschen Gebeine des jüdischen Volkes. Wir fühlen es in Mark und Bein, daß unsere Hoffnung noch nicht geschwunden. ״Es blüht tatsächlich neues Leben auf den Ruinen." Mehr als neunzig Prozent der jüdischen Jugend, unserer Heranwachsenden Intelligenz, ist zionistisch, die falschen Ideale haben ihren Glanz verloren und ihr Schimmer ist für immer verblichen. Von Berlin kommt für uns frohe Botschaft; der n ä ch st e Z i o n i st e n k o n g r e ß ist i n W i e u. Das wird eine 'Augenweide werden, wenn in Herzls ehemaliger Wohnstätte jüdische Heerschau gehalten werden wird. Prof. Dr. I. R. Ein antisemitisches Hetzblatt in Prag. Gegen 500 Advokaten, davon ein ziemlich großer Prozentsatz Inden, haben in Prag ihren Wohnsitz. Ten Rechtshilfesnchenden Beistand zu leisten, ist ihr Beruf. Uno ohne Anspruch ans Entgelt seitens des notorisch armen Beistandsuchenden hat der 'Advokat von gesetzeswegen sein ganzes Können und Wissen in den Dienst des Rechtes zu stellen. Von Gesetzes wegen hat die Staatsanwaltschuft, die berufenste Hüterin von Gesetz und Ordnung einzuschreiteii. wenn eine Verletzung des Gesetzes zu ihrer Kenntnis gelangt, ohne Rücksicht darauf, ob die Geschädigten oder in direkt Geschädigten selbst Beistand suchen oder nicht, von Gesetzes wegen hat die Polizei die Pflicht, jede den Gesetzen widersetzesverletznng vorbereitende oder zu einer solchen aufreizende Tätigkeit im Keime zu er sticken und zu verhindern. ״-um allen Kronländern die Wob! tat eines umfassenden Schutzes durch das Gesetz zuzuwenden — —״ wurde mit Kaiserlichem Patente vom 27. Mai 12<".א das Srrafgeietztmch in Kraft gesetzt und aus diese ״Wohltat eines umfassenden Schutzes durch das Gesetz" tzaben auch die Juden dasselbe Anrecht, wie jeder an dere Staatsbürger, da doch das Staatsgrundgesetz vom 21. Dezember 1807 ausdrücklich im Art. 2 sagt: ״Vor dem Gesetze sind alle Staatsbürger gleich." Schön klingen wohl alle diese gesetzlichen und staatsgrundgesetzlichen Bestimmungen von der unumschränkten Möglichkeit. Recht zu suchen und zu erlangen, von der Pflicht, den Recht suchenden Beistand zu gewähren und Gesetzes- Verletzungen zu verhindern und zu unterdrücken. Aber wie sieht es damit in der Wirklichkeit ans) Wo ist der Angehörige des Advokatenstandes Jude oder Christ —, der eingedenk seiner Pflicht Große Auswahl!! 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