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Jüdische Volksstimme · 1912-09-05 · Heft 23 (5.9.1912) · page 10

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XIII (1912)
Issue
Heft 23 (5.9.1912)
Date
1912-09-05
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Seite 10. Jüdische BolttNmme. Nr. 23. sondern auch durch Selbstbewußtscin und Charakterfcstigkcit auszeichnete, sah sich ob der im zugefügten Kränkungen veranlaßt, das Feld zu räumen und in seine Klaus sich zurückzuziehen. wo er seine Zeit und Kraft ausschließlich den theologischen Studien widmete. Sein Ruf als scharfsinniger Talmudist verbreitete sich iu der Gclehrtenwelt, selbst die entferntesten Gemeinden appellierten in den wichtigsten religiösen Fragen an ihn. So z. B. wurde er einmal selbst von der Londoner Geincindc ersucht, ihr in einer sehr wichtigen Angelegcnheit Bescheid erteilen zu wollen. Der Londoner Rabbiner David Nieto hatte nämlich in einer Predigt behauptet, ״daß Gott und das was man die allgemeine Natur nennt (natura naturaus) ein und dasselbe sei". Infolgedessen entstanden Zerklüftungen in der Gemeinde, weil viele in diesem Rabbiner einen Spinozisten erblicken zu müssen glaubten. So wurde R. Zewi Aschkenasi — Chacham Zewi genannt — vom Londoner Gemeindcvorstand um Erteilung eines diesbezüglichen Bescheides angegangen, welchem Wunsche Aschkenasi auch bereitwilligst cntsprochcn batte. Sein Bescheid fiel zugunsten des Nabbiners Ricto aus. (Vgl. Nesponsen Chacham Zewi IS.) Fm Iatzre 1710 wurde Zewi Aschkenasi von der deutschen Gemeinde in Amsterdam per Akklamation zum Rabbiner ernannt. Zur selben Zeit fungierte Talomon Ayllon als Chacham der portugiesischen Gemeinde Ainstcrdams. Dieser war auf Aschkenasi nicht gut zu sprechen, weil er sich durch ihn, der ihm geistig weit überlegen war, verdunkelt sah. Es dauerte nicht lange und es bot sich Ayllon die Gelegenheit dar. dem neuen deutschen Chacham, in welchem er einen gcwaltigen Rivalen erblicken zu müssen glaubte, bittere Stunden zu bereiten. Es kam nämlich nach Amsterdam der berüchtigte Erzbctrüger Rehemias Ehason, um dort im geheimen sabbathianische Lehren zu verbreiten.*) Kaum hatte Chacham Zewi von der Ankunft dieses Emissärs erfahren, als er alle Hebel in Bewegung setzte, um diesen Abenteurer unschädlich zu machen, ihm das Handwerk zu legen. Allein Allon nahm sich Ehasons sehr warm an und mit Hilfe des einflußreichen portugiesischen Gemeindepräsidenten Aron de Pinto — der ein echter Kultustyrann war — gelang es ihm, den sabbathianischcn Missionär rcinzuwaschen und den frommen, hochgelehrten Chacham Zewi zu verdächtigen und in ein schiefes Licht zu setzen. Infolgedessen entstanden im Innern dieser großen Gemeinde Zerklüftungcn und Streitigkeiten, daher der so oft geprüfte Rabbi Zewi Aschkenasi sich gezwungen sah, den Schauplatz seiner Tätigkeit zu verlassen und sein Heil in der Flucht zusuchen. Er ging zunächst nach London und von dort über Brcslati nach Polen, wo ihm in Lemberg die damals vakant geivordene Oberrabtn verstelle übertragen wurde. In dieser großen Gemeinde — in der er sich einer ungewöhnlichen Popularität erfreute — wirkte er segensreich bis zu seinem am 8. Mai 1718 erfolgten Tode. Seine Responsen ״Schaalot utcschubot Chacham Zebi" zeugen von dem Scharfsinne und der immensen Gelehrsamkeit des Verfassers. In seinen rituellen Entscheidungen war Zewi Aschkenasi mehr für die Erleichterung geneigt. Sein Auverwandter R. Mcir Eifeustadt, gewöhnlich ״Meharam Asch" genannt, berichtet in seinen Nechtsgutachtcn ״daß Rabbi Zewi Aschkenasi selbst die Entscheidungen des ״Schulcham Aruch", wenn ihre Begründung nicht im Talmud zu finden war, nicht beachtet hatte. Er entschied oft gegen sie, wenn sie seinen Ansichten nicht entsprachen". *) In den Jahren 1708—1714 bereiste Nehemias Chajon Polen und Tieutschland, um die neue Lehre fzu verbreiten. Er galt für einen großen Kabbalisten, ließ auch anfangs nicht merken, welche Absichten er im Schilde führte, wurde daher in Prag von David Oppenheim, Oberrabbiner daselbst, ehrenvoll ausgenommen, hatte bei dessen Sohne Joses sein Domizil, allwo er auch ein Werk ״Dibre Nechemja" verfaßte. Er verteilte auch Kameoth und soll sogar der vorgenannte Rabbi Oppenheim einen solcher Schutzblättchen für seinen Enkel sich bedient haben. Nehemia verbreitere auch mehrere von ihm verfaßte kabbalistische Traktate, worüber er aber von Husch Aschkenasi (Chacham Zewi) angefochten und als Ketzer enlärt wurde. Konnte auch Aschkenasi diesmal nicht durchdringen, weil Salamon Ayllon die Partei NehemiaS nahm, so wurde letzterer doch entlarvt und von 130 Rabbinern in den Bann getan. (Kli-nperer Jonntan Eibenschitz) In seinen Rechtsgutachten, bemerkt Löw, zeigt sich N. Zewi als ein Mann von streng sittlichen Grundsätzen. Er findet es sehr verwerflich, wenn man in Betreff der Nächstenpflichten zwischen den Anhängern der eigenen oder einer anderen Religion irgendeinen Unterschied machen will. Es ist ja sehr klar, sagt er, daß wir, ganz abgesehen von demjenigen, gegen den wir die Menschenpflichten zu üben haben, schon um unserer Würde und Seligkeit willen angewiesen sind, uns wahre Grundsätze ״deot amitijot" und gute, edle Gesinnungen ״Midot towot wejescharat" anzueignen, und denselben gemäß zu Handein. Wird uns ja selbst gegen die vernunftlosen Geschöpfe, gegen Tiere und Pflanzen Schonung empfohlen. (Rechtsgutachten 26.) So dachten und schrieben die fromnien Lehrer Israels aller Zeiten, desienungeachtet entblöden sich nicht so viele Feinde des Judentums nach heute, das jüdische Schrifttum zu fälschen und zu verdächtigen. Dr. M. H. Fr. Lemel. Dr. F. R. Heinschel. (NI- Fortsetzung.) Als die Reihe an Lemel Schwarz kam und Ncb Mendel dessen Ausnahme vorschlug, erhob Rcb Awrohom lauten Protest gegen eine solche Herabwürdigung des Babosrechtes. ״Ein Mensch, der sich und seine Familie nur kümmerlich ernährt, der vielleicht morgen schon der Gemeinde zur Last fallen wird, den darf man doch nicht unter den Gemcindcmitgliedcrn aufnehmen." Rcb Mendel war der Ansicht, wer sich um das Recht eines Gemeindemitgliedes bewirbt, dem dürfe man dieses nicht vorenthalten; wer sein Scherflein zur Erhaltung des Gemeindehaushaltcs beitragen will, den soll man dazu heranziehen. Niemand hat die Gewißheit, daß er als reicher Mann stirbt. Der Vorsitzende ließ zur Ilbstimmung schreiten und Lemel wurde gegen eine Aufnahmsgebühr von fünf Steingulden zum Gemeindemitglied erhoben; die Höhe des Steuersatzes gelangte erst später zur Sprache. Die Steuerbemessung wurde nach dem Alphabet vorgenommen. Folgen wir diesem, so haben wir auch Gelegenheit, einen Teil der R.er Gemeinde Revue passieren zu lassen; das Milieu, aus welchem Lemel hervorgegangen, kennen zu lernen. Zuerst wurde über Reb Awrohom verhandelt. Rcb Awrohom verließ die Gemeindestube. Über ihn waren die Herren bald einig, denn er war ein vermögender Mann/ Außer einem gutgehenden Holzhandel betrieb er auch ein Schnittwarengeschüft. Man wandte bei ihm den vorjährigen ,Steuersatz an. Recht machen konnte man es ihm; bod) nicht, schimpfen würde er für alle Fälle; so j lieft man cs beim Alten bewenden/ Als Reb!Awrohom in die Gemeindestubc zurückkehrte,! warf er, che er noch von dem gefaßten Beschlüsse E Kenntnis hatte, wütende Blicke auf die Kam-! Missionsmitglieder, als wollte er sagen, ich werde |c& euch schon heimzahlen. I Die verschiedenen Awrohom, Awron, Ore t.nd Efrajim wurden in kurzer Zeit ohne viel Lärm abgetan. Erst als Bendel Vlinkler, oder! auch Bendet mit den Hüten genannt, an die lReihe kam, wurde es in der Kabalsstube etwas! lebhafter. Bendet hatte den Koscherweinausschank ■ der Gemeinde in Pacht, handelte mit Wurstzeug und betrieb dabei einen Kolonialwaren- Handel, sowie eine k. k. Tabaktrafik. Reb Awro- 1 hom war der Ansicht, nian solle Bendet in der Steuer erhöhen, denn sein Geschäft nähre ihn reichlich. Rcb Meier war gegen eine Steuererhöhung. ״Reb Awrohm", so meinte Reb Meier, ״hätte auf Bendet Krenn׳'^) gegessen, weil er itzm nicht immer das schönste Stück geräucherter Rindsbrust bei Seite gelegt; ein anderer dürfe doch schließlich auch einmal einen saftigen Bisten für sein gutes Geld bekommen. Bendet hat eine zablreiche Familie zu ernähren, wird durch sein Augenleiden, das sich besonders in den Abendstunden bemerkbar mache, so daß er nicht ins Licht schauen kann, ohne zu zwinkern, von den Kunden oft hintcrgangcn und erleidet dadurch oft Schaden. Mit Bcndets Vermögen ist es nicht weit her. Letzthin erst hat mir seine Frau 3k) Meerretich. ein ganzes Brodkörbel voll falscher Sechser und Zwanziger gezeigt. Die sechs Dutzend Hüte, die er auf einer Auktion erstanden und abwechselnd trägt, haben auch keinen großen Wert." Reb Awrohom fühlt sich gekränkt, denn Meier hatte einen Wunden Punkt berührt. Reb Awrohoms Feinschmeckerei; er lärmte, polterte, schlug mit der Faust auf den grünen Tisch> ״so etwas käme nur in Bumestel vor, das ganze Kahal wäre nur ein Simchestorah Kahal. Es wäre eine Schande, mit solchen Menschen in einer Korporation zu sein." Im Falle Bendet entschied die Kommistion in Reb Awrohoms Sinn. Freilich zeigte sich einige Jahre später, als Bendet das Zeitliche segnete, wie richtig Meier sein Vermögen taxierte, denn man fand in seinem Nachlasse außer einer großen Menge falscher Münzen und einer stattlichen Zahl Hüte verschiedenster Fasson, kein nennenswertes Vermögen.׳ Boruch Kastowitz kani alsdann an die Reihe. Boruch Kastowitz, oder Boruch Mboh, so genannt, weil er jede Anrede mit diesen unartikulierten Lauten begann, so z. B. ״Mboh, Mboh, ich werde mich jetzt entfernen, damit die Herren über mich verhandeln können." Boruch betrieb einen unbedeutenden Getreidehandel, außerdem war er noch Besitzer des kleinen Gasthofcs ״Zum blauen.Engel", böse Zungen nannten es den ״Lauen Bengel", oder ״Das Hotel zur geflickten Hose". Als Boruch sich entfernt hatte, begann der Vorsitzende: ״Meine Herren, ich glaube, daß wir Herrn Kastowitz die Kultusstcuer herabsetzen sollten. Der Mann hat in diesem Jahre eine Tochter verheiratet und seine Vermögensverhältniste sind auch sonst nicht glänzend." ״Was," begann Reb Joseph Levi, ״eine Tochter hat er verheiratet, das ist wahr, das wissen wir, hat er ihr aber auch eine Nedunje (Mitgift) gegeben? Die Mischpochoh^) hat auf das Meublement zusammengelcgt und Boruch hat, wie das Sprichwort sagt, am Brand noch Profit gemacht. Und den Pflanz, den die Leute reißen. Bei der Hochzeit hat Boruchs Frau, Jittel Reibmazze (so genannt, weil sie blatternarbig, d. h. getüpfelt wie eine Reibmazze war), einen Federhut aufgehabt, daß sie ausgesehen hat wie ein Pompfuneberpferd (Pompes funebres), wenn die Musikbande den Chopinschen Trauermarsch sipelt, so hat ihr das Federngesteck auf dem Kopf gewackelt. Deren guter Mann bedarf keines Steuerabschlages; ja er kann sogar mehr zahlen, denn er hat einen großen Bowel aus dem Hause bekommen; loswerden ist alles Geld wert, sagt ein altes Sprichwort." ״Mein lieber Herr Levi," erwiderte eines der Kommistionsmitglieder, ״Sie sind dem Herrn Kastowitz feindlich gesinnt, weil er Ihr Konkurrenz, vergesten Sie aber nicht, der Mann hat — um mich Ihres Ausdruckes zu bedienen — noch solche Poseln im Hause; zwei heiratsfähige Töchter und noch zwei andere unversorgte Kinder, das ist denn doch kein Spaß, dazu kommt noch eine kranke Frau." ״Nun ja," replizierte Levi, ״Jittel Kastowitz ist kränklich, das ist wahr. Aber der liebe Gott hat Kastowitz vor dem Unglück bewahrt, Witwer zn werden, er soll ihn davon auch weiter behüten. Die Freude, daß ihm das Weib stirbt, gönne ich ihm nicht. Allein, wie kommt Jittel Reibmazze zur Kultussteuer?" (Fortsetzung folgt.) sa) Familie. I Sternhofi bestes aller Bitterwässer. SV* Achtung auf den ״Kleinen Anzeiger".

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