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Jüdische Volksstimme · 1912-09-05 · Heft 23 (5.9.1912) · page 9

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XIII (1912)
Issue
Heft 23 (5.9.1912)
Date
1912-09-05
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Nr. 23. XIII/I Jahrg. Beilage zur J iener Jüd. Volksstimme September 1912 S. 9 VoT8wirt^aMc^er Teik. Das Bankjahr 1911. Die Jahresberichte unserer großen Finanzinstitute sind wahre Triumphe für das Jahr 1911. Die seit etwa 1909 einsetzende Hochkonjunktur in unserer Industrie hat ihren verstärkten Abglanz auch auf die Bilanzen der Banken geworfen, die sich ja am besten mit ״Brennspiegcln" vergleichen lassen. Sie sind die Brennpunkte, in denen sich die Strahlen des Kredit- Wesens konzentrieren. Die vorzügliche Konjunktur, die auch Heuer ungeschwächt anhält, und ihren Höhepunkt noch lange nicht erreicht zu haben scheint, brachte ein großes und allgemeines Geldbedürfnis mit sich, das, da es nicht aus genügende Barmittel traf, eine Steigerung des Geldpreises zur Folge hatte, lind wirklich fließen die ganz bedeutenden Reingewinnsteigerungen der meisten Anstalten aus Mchreinnahmen für Dcbetschuldenzinsen. Die k. k. Privileg. Böhmische Unionbank verzeichnet im Jahre 1910 für Zinsen 6,941.508 K 8 h und 7,910.235 K 13 h für dieselbe Post des Jahres 1911. Auch in! Berichte der Länderbank wird eine solche Steige-rung hervorgehoben. Sie betrug hier 1,320.784 K 70 h. Am allerschäcfsten prägt sich diese Erscheinung in dem Abschlüsse der Anglobank aus. Ter Ertrag des Zinsenkontos stieg hier von rund 3 Millionen aus rund 11,3 Millionen Kronen. Diese exzeptionelle Steigerung wird aber, wie dem Lortrage des Gouverneurs zu entnehmen ist, zum Teile der Vermehrung des eigenen Kapitales, wie auch der Erweiterung des Geschäftsumfanges zugeschrieben. Bei allen genannten Unternehmungen macht sich ein fühlbarer Mangel an eigenem Kapital bemerkbar, der sämtliche zur Herausgabe neuer Aktien veranlaßt. So hat die Unionbank erst im Jahre 1911 eine Kapitalserhöhung um 15 Millionen Kronen beschlossen und durchgeführt, und behält sich jetzt durch Statutänderung das Recht vor, bis zuin Betrage von 85,000.000 K neue Emissionen dnrchzuführen, ohne dazu die staatliche Genehmigung nachsuchen zu müssen. Ebenso habeu die beiden anderen Institute erst in jüngster Zeit Kapitalserhöhungen durchgesührt. Die Berichte bringen aber auch interessante Daten über den Geschäftsgang der ihnen finanziell kooptierten Jndustrieunternehmungcn. Die Länderbank und Anglobank gründeten im Pereine die Oefterreichische Jmmobilarbank-A.-G. in Wien. Ferner gehören diesem Konzern in neuester Zeit auch die Holzindustrie-Aktiengesellschast ״Bucovina" in Czcrnowitz an. Dieselbe Anstalt beteiligte sich auch an der Umwandlung zahlreicher Fabriksfirmen in Aktiengesellschaften. Dazu gehört unter anderen auch eine Prager Brotfabrik. Gute Erfolge verzeichnete auch die ״Spalato"-Portlandze!ncnt-A.-G., die eine Dividende von 9 Prozent verteilte. Ilm noch einige bekannte Namen zu nennen, seien ferner noch: die ״Konserven-Aktiengesellschaft in Bozen" (vorni. Ringlers Söhne), die Prager Maschinenbau-A.-G., die Poschacher Braucrei-A.-G., die Aktiengesellschaft der Emaillierwerke und Metallwarenfabriken ״Austria", die nach Berich der Anglobank trotz des infolge der orientalischen und chinesischen Wirren verringerten Exportes, statt 9eine lOprozentige Dividende verteilt, erwähnt. Diese lebhaften Beziehungen mit der Industrie zwangen die Großbanken, ihr Filialnetz zu erweitern. So besitzt die Böhm. Unionbank derzeit 23 Filialen in Oesterreich. Außerdem verbinden sich alle mit kleineren Banken in allen Teilen des Reiches. Die Länderbank nennt als solche die Ungarische Eskompte- und Wechslerbank in Budapest, die Galizische Volksbank für Landwirtschaft und Handel in Lemberg mit einem Aktienkapitale von 2,000.000 K. Die Entwicklung dieser, erst 1911 gegründeten Anslalt soll eine durchaus befriedigende sein. Diese große Dezentralisation des Geschäftes bringt eine starke Steigerung der Akquisitionstätigkeit mit sich, die wohl einerseits eine bedeutende Er- Höhung der Provisionsgewinne der Banken veranlaßt (die Anglobank beziffert die Provisionscinnahmen mit 7,87 Millionen Kronen gegen 1,15 Millionen Kronen im Vorjahre; die Kundenkonti der Böhm. Unionbank nahmen in dieser Periode um 1,516 zu), andererseits aber, die weiten Kreise der privaten Kavitalisten jeden Genres, die sich früher fast ausscylietzlich mit der Anlage ihrer Gelder in Staatspapieren begnügten, in die gefährliche Sphäre der Spekulation locken. Die starke und allgemein bekannte, vielleicht auch überschätzte Beschäftigung der Jndustrie, gleichzeitig mit dem stetigen Sinken der Rente in allen Staaten, läßt eine Anlage der Kapitalien in Jndustriepapieren vorteilhaft erscheinen. Es ist nun allgemein bekannt, daß der Mensch umso leichter geneigt ist, beim geringsten Anlaß himmelhoch zu vergöttern oder aufs tiefste zu verdammen, je weniger er imstande ist, sich ein eigenes, sicheres Urteil zu bilden. Und das ist cs mit der Privatspekulation. Die von der Berufsspekulation eingeleitete Hausiebewegung wurde dieser förmlich aus der Hand gewunden und nun durch eine wilde Woge hinaufgerissen. Während aber die Gruppen der Berufenen einem Sinken der Kurse nicht sofort nachgeben, bricht unter den Diletanten der Spekulation ebenso leicht eine Panik aus, die erst die Urfache zu einem Zusammenbruche wird, und das ist das Gefährliche. Wilhelm Schwager. Lieder .vun Salomon Deutbitze r. 1. Wet eich kümmern amol. Wo ich bin, Wet ihr fräge« auf mir Wenn die Sunn? Wo ich lieg dort ergez Sing un klär. Wo mein krankes Herz Klappt nit mehr.... Wet ihr frägen auf mir Wenn die Sunn?! Weißt ihr, as sie weiß gor- Nit dervun?! 'ch hob in Leben keinmal Sie gesehn — Nor die Wolken, fragt sei, Tenn sei sennen mit niir Stets gewe'en . . o Dein Lied hob ich gelesen. Dein Herz hob ich gesehn; Du hast geredt vor Steiner Zu kenn a Stein verstehn?! Tu host gesehn die Leiden In groißen Lebensiam, A Lied vun göttlich Faier Un ansgemischt mit Sam. Ich knie var dir itzt nieder. Und dank dir ohn a schier. Du host mir vun Gen-Eiden Ausgemacht die Tür. O Eibig denken, eibig klären, Keinnwl west!)erstaunen weren; Eibig hoffen, eibig zielen. Bis du west dein Welt verspielen . . . Ständig kämpfen, mitschen, sogen, Un die Lebenslust zu trogen! Un in Herzen die Gefühlen, Wet far Tank, die Nacht einhüllen . . Aus dem Leben der hervorragendsten rabbinischen Auloritäten Ungams der Letzten drei Jahrhunderte. R. ־Seit» Aschkest. I. Zur Zeit als Ofen wieder von den kaiserlichen Truppen eingenommen wurde — 1686 — wa R. Zewi Aschkenasi, der zu den hervorragendsten rabbinischen Autoritäten des 17. Jahrhundert zählte, Rabbiner der deutschen Gemeinde ״Kehal Aschkenasi" in Ofen. Zewi war der Lohn des seines tragischen Geschickes, wie seiner Geistesschärfe wegen berühmt gewordenen R. Jakob Aschkenasi. der einer berühmten Gelehrtenfamilie entstammte, sah' sich gezwungen, mit seiner jungen Frau in Begleitung seines Schwieger- Vaters, des hochgelehrten R. Esraim Kav aus Wilna, — um den wutentbrannten Russen entrinnen zu können — die Flucht zu ergreifen. Allein unterwegs wurde er von den Seinen getrennt, von den wütenden Soldaten ergriffen und zum Tode verurteilt. Den Krieger jedoch, der Jakob bereits zum Niederknien befohlen hatte, beschlich plötzlich ein menschlich Fühlen, es wäre doch schade - - so dachte er - ein so junges Leben ohne jeglichen Grund schonungslos niederzumachen, und begnügte sich mit einem Kolbenstreich, den er ihm versetzte, und dabei ausrief: ״Flieh', junger Hund, und rette dein Leden." Auf so wunderbare Weise dem Tode entrönnen, verweilte er noch einige Tage unter Leichen, nitd zwar lag er des Tages wie leblos neben denselben, während er des 'Nachts sich heimlich hernmschlich. um die allernöiigsten Kräuter zur Erhaltung seines Lebens sammeln zu können.*» Mittlerweile war sein Schwieger- Vater R. Esraim Kav!Koben Zedek», Verfasser der Rcsponsen ״Laare Esraim", nach Trebitich in Mähren gekommen, wo ihm die damals dort vakant gewordene Rabbinerstelle übertragen wurde. Als Esraim von Reisenden, die in der 'Nähe seines Schwiegersohnes Jakob Aschkenasi gewesen zu sein Vorgaben, erfahren halte, daß dieser auf dein Schlachtfelde umgekoinmen sei. ließ er seine junge Tochter als Witwe erklären und wünschte sogar sehnlichst ihre baldige Wiederverehelichung. Allein die vermeintliche Witwe konnte sich um keinen Preis der Welt zu einenc solchen Schritte entschließen, denn sie glaubte fest und unerschütterlich, daß ihr Gatte, dem sie mit allen Fasern ihres Lebens, mit der Glut ihres reinen, edlen Herzens treu anhänglich blieb, noch am Leben sei. Nach einem halben Jahre gelang es erst, den jungen Jakob Aichkenasi, das Domizil seiner Schwiegereltern zu erreichen. Wie groß, wie unbeschreiblich groß mochte wohl die Freude der treuen, frommen Gattin gewesen fein, als sie ihren teuer», totgeglaubten Jakob wieder erblickte. Das junge El!/paar lebte nunmehr im Hanse des hochverehrten Rabbi Esraim Kav glücklich und zufrieden. Im Jabre 1056 ivnrde den! Jakob Aschkenasi von seiner Gattin Nochama ein Sohn geboren, dem er den Naineu Zewi beigelegl hatte. Zehn Jahre später, 1060, wurde R. Esraim von der Ofner Gemeinde zu ihrem Rabbiner ernannt, daher er mit seiner Familie Mähren verließ und nach der Metropole Ungarns übersiedelte. Hier widmete R. Jatob seine Zeit und.Kraft ausfchließlich der Erziehung und Heranbildung seines hochbegabten Sohnes Z,elvi. dem es tatsächlich in kurzer Zeit infolge seines Scharfsinnes wie seiner iminensei! Gelehrsamkeit, gelang, die Aufmerksamkeit der Gelehrten auf sich zu lenken und deren Bewunderung zu erregen. I»! Alter von achtzehn Jahren wurde Zewi Aschkenasi mit der Tochter eines reichbegüterten, sehr geachteten Mannes in Ofen verheiratet und daher in die angenehme Lage versetzt, seinen Studien ungestört obliegen zu können. Einige Jahre später wurde er zun! Nachfolger seines Großvaters R. Efraim von der Ofner (Gemeinde ernannt. Infolge der Be lagernng von Ofen <1680», die ihm seine junge Frau und sein Vermögen raubte, sah er sich noch vor der Einnahine der Stadt genötigt, die Flucht zu ergreifen und in Bosna Seräi iSe rajewo in Bosnien! einen Rabbinerposten an zunehmen, da ein gewisser Ehajon, der am grü neu Tische das große Wort führte, ihm bittere Stunden bereitet und das Dasein unerträglich gemacht hatte. Er ging nach Deutschland zurück und heiratete in Altona die Tochter des dortigen Rabbiners. Hier wurde er Vorsteher einer Klans, während seine Frau ein kleines Geschäft führte, um den Hausbedarf decken zu können. 'Nach dem Tode seines Schwiegervaters entstanden in der Gemeinde anläßlich der Wahl eines Nachfolgers Streitigkeiten. Während eine Partei für Zewi Aschkenasi Propaganda inachte, setzte sich eine andere Partei für einen zweiten Aspiranten warm ein. Rabbi Zewi. der sich nicht nur durch große Gelehrsamkeit und Scharfsinn, *) Die bedeutendsten jüdhchen Gelehrten, die infolge der Chmelnick'schen Judenverfolgungen gezwungen waren, Polen zu verlassen, haben in österreichischen und deutschen Gemeinden Anstellungen gefunden. Efraim Kohen in Trebitsch, Sabbatai Kohen in Holleschau, Samuel Koide» notier in Frankfurt a. M. usw. Achtung auf den kleinen Anzeiger!

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