Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XIII (1912)
- Issue
- Heft 23 (5.9.1912)
- Date
- 1912-09-05
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Xllljl. Jahrg. Nummer 23 Wiener Erscheint jeden Donnerstag. Bezugspreise: Für Österreich-Ungarn, halbjährig . . ganzjährig. Deutschland, ganzjährig. Rußland, ganzjährig . .. Balkan, Frankreich. Einzelne Nummer 20 h. Kronen 520־ Kronen 10•— Mark 10 - Rubel 650־ Franks 12 — Herausgeber: Max Hickl. י- Inserate: die 6 spaltige Petitzeile 30 h. | Buchhändlerische Vertretung: Otto Klemm. Leipzig.! Geschäftsstelle, Wien: l., Rotenturmstraße 4ir. 31.! Telephon 3009/V111. Sprechstunden von 10—12 Uhr. | Postsparkassakonto Nr. 312.842. I llnverlangtereüattionelle Beiträge werden nicht honoriert. Manuskripten ist Rückporto beizusügen. I Brünn—Budapest. Wien, Prag—Lemberg. Aus dem Inhalte: Sitzung des Zenttalkomitees der zionistischen Organisation. — Lorenz Scherlag, Lemberg. Brief eines Schiffbrüchigen. — Znaimer Brief. — Zum Verfalle der mährischen Judengemeinden. — Eine neuartige jüdische akademische Ver« bindung in Oesterreich. — Esperanto und Antisemitismus. — Die Dumawahlen in Rußland. — Korrespondenzen. — Brünner Nachrichten. — Rundschau. — Bücherbespre» chungen. — Die Blutbeschuldigung in Rußland. — Volkswirtschaftlicher Teil. Das Bankjahr 1911. — Salamon Dembitz-r, Lieder. — Dr. M. H. Fr. R. Zewi Aschkesi. — Dr. F. R. Henschel. Lemel. Sitzung des Zentralkomitees der zionistischen Organisation. Berlin, 2. September 1012 Sonntag den 1. September wurde in dem! neuen Logenhaus des Bne-Brith-Ordens ^uj Berlin die Sitzung des Zentralkomitees der zio-; indischen Organisation durch den Vorsitzenden! des Aktionskomitees, Prof. Dr. O. Marburg, Berlin, eröffnet. Zli der Tagung warenvom Zio- 1 nistischen Aktionskomitee 25 Mitglieder sowie vom Zentralkomitee 40 weitere Mitglieder aus, Deutschland, Oesterreich, Rumänien, Bulgarien,. Rußland, Belgien, Holland. England, Frankt reich und Amerika erschienen. Pros. Marburg ' gab in seiner Eröffnungsrede einen allgemeinen ' Uebcrblick über die Lage der zionistischen Bewegung und die Arbeiten des letzten Jahres. Die Leitung der Organisation war bemüht, mit allen Teilen der Gesamtbewegung enge Fühlung zli halten und hat durch ausgezeichnete organisato-1 rische und propagandistische Arbeit auch in finanzieller Beziehung günstige Resultate aufzu-! weisen. In Politischer Beziehung bewegte sich dief Arbeit in den von den letzten Kongressen vorgeschriebenen Richtlinien, und sie bleibt aufs engste verbunden mit der fortschreitenden Entwicklung des osmanischen Reiches. In Palästina selbst schreitet die Arbeit ständig vorwärts, so daß die Lettung mit Befriedigung auf das abgelaufene Jahr zurückblicken kann. Hierauf nahm das Mitglied des Engeren Aktionskomitees, Herr Dr. Viktor Jacobson aus Konstantinopel, das Wort und schilderte die allgemeine Lage in der Türkei, wie sie sich unter dein Einfluß des Krieges und der inneren Ver- Wicklungen gestaltet hat. Der Redner führte aus, die zionistische Bewegung müsie die bisherigen Grundsätze beibehalten, wonach die öffentliche Meinung und die politischen Kreise der Türkei durch aufklärende 'Arbeit davon zu überzeugen seien, daß ein so menschenarmes und auf Jahrzehnte im wesentlichen auf Agrikultur angewiesencs Land wie Palästina nur durch eine starke Einwanderung sich wirtschaftlich entwickeln könne, und daß hierfür die Juden das geeignetste Memchenmaterial darstellen. Hierauf beleuchtete ein anderes Mitglie des Engeren Aktionskomitees, Herr Sokolow. Berlin, die allgemeinen Grundsätze der zionistischen Politik, die nicht einseitig seien, sondern alle Machtfaktoren berücksichtigen und sich das Wohlwollen der gesainten Oeffentlichkeit und aller maßgebenden Kreise erobern!näßten. Professor Marburg berichtete sodann speziell über die Tätigkeit der zionistischen Organisation in Palästina, und betonte, daß die zur Aufforstung Palästinas dienende Oelbaumspende, die Palestine Land Development Company, die sich mit dem Erwerb und der Parzellierung ländlicher Grundstücke befaßt, sowie der Ausbau der Kunstaewerbeschule Bezalel in Jerusalem für die nächste Zukunft im Vordergrund der praktischen Palästinaarbeit stehen müßten, iese Gesellschaften bilden im Verein mit den Feuikketon. Brief eines Schiffbrüchigen. Lorenz Sch er lag (Lemberg). (Schluß) Einer schwamm aus Leibeskräften uns nach, schneller als das Boot. Es war ein Matrose, ein kräftiger Mann. Er teilte die Fluten mächtig mit den Armen, und mühte sich, das Boot einznholen. . . Rettet mich, winselte sein Blick. Die am Ruder saßen arbeiteten mühsam, um ihm zu entkommen. Nun hatte er das Boot erreicht, und streckte seine Hand ihm entgegen. Da erhob eine Frau das Ruder und schlug mit aller Kraft auf den Kopf des schwimmenden Matrosen. Er wimmerte laut auf, und versank ins Meer. — Fort von hier, fort! Helfen sie rudern! Man ruderte aus Leibeskräften. Der tierische Egoismus erwachte in uns allen. Es wäre auch Wahnsinn gewesen an Rettnng der Ertrinkenden zu denken. Endlich waren wir ihnen entkommen. Unsere Blicke sahen nun in die Ferne, den herannahenden Dampfer entgegen. Wir konnten bereits die einzelnen Lichter unterscheiden. Immer näher kain der Dampfer, und immer freier ging unser Ateni. Und wieder sammelten sich alle Boote. Wie die Küchlein um die Gluckhenne, so hatten sich alle Boote um das Schiff vereint. Ich sah unablässig in alle Kähne und suchte nach Ella, doch ich sah sie nirgends. Ich rief ihren Namen, doch auch die anderen riefen Namen, so, daß man iiu Gemenge der Rufe nichts unterscheiden konnte.! Endlich hielt der Rettungsdampfer. Alle , Boote umstellten ihn. Es wurden uns Taue um ' den Leib geschlungen, und so wurden wir hinaufgezogen. Manche zog man, in Säcke gesteckt, einpor. Alle warteten geduldig. Es kam die Reihe an inich. Man führte uns in den Saal, wo man allerhand Vorbereitungen getroffen hatte, um uns zu erwärmen, und Bewußtlose zum Leben zu erwecken. Manche lagen still da und rührten sich nicht, als wären sie tot. Andere stöhnten. Ich suchte nach Ella. | Endlich bemerkte ich sie. Sie lag neben vie- ן len anderen auf einem improvisierten Bett. Sie!hatte keine Kraft sich zu erheben. Ich sank ihr jzu Füßen nieder. Sie sah mich tief gerührt an!und stammelte blos leise meinen Namen. Ihr j Haupt sank auf meine Schulter. Wir sprachen beide kein Wort und weinten vor Freude des zionistischen Bankinstituten (Jewish Kolonial Trust in London, Anglo-Palestine Company in Jaffa, Jerusalem, Haifa usw., Anglo-Levantine Banking Company in Konstautinopel) und dem Jüdischen Nationalfonds die wichtigsten kolonisatorischen Instrumente der Bewegung. In Anschluß daran entwickelt Richard Lichtheim, Berlin, die prinzipiellen Gesichtspunkte der zionistischen Palästinapolitik. Danach sei Oie unermüdliche Arbeit in Palästina die wichtigste Voraussetzung für alle politischen Erfolge sowie für den Fortschritt der zionistischen Bewegung überhaupt. Sie kann in der Gegenwart vor allem dadurch gefördert werden, daß die Zionisten selbst auf dem Wege der Privatinitiative an der wirtschaftlichen Erschließung Palästinas teilnehmen. In der Nachmittagssitzung vom Sonntag referierte Tr. Tschlenow, Moskau, über die Beobachtuugen und Eindrücke, die er auf seiner kürzlich unteruoinmenen Palästinareise gesam Hielt hat. Er gab einen allgemeinen Ueberblick über den Stand der bisherigen Arbeiten in Palästina und die Aufgaben der nächsten Zu- Jakobus Kann, Haag, kritisierte in längeren Ausführungen die palästinensischen Unternehmungen, die auf Anregung von Prof. Marbürg begründet worden seien, nach seiner Ansicht aber nicht richtig verwaltet würden. Jnsbesondere griff der Redner die Berichte über die Geschäftsführung der Knnstgewerbeschnle Bezalel in Jerusaleni an. Hoofien, Köln, schilderte zahlenmäßig ans Grund seiner Studien an Ort und Stelle die Verhältnisse in der Knnstgeiverbeschule Bezalel und bei den Oelbaumpflanzungen. Tr. H. G. Heymann, Berlin, widerlegte in sehr entschiedener Meise die von Herrn Kann erhobenen Angriffe und wies im einzelnen nach. Wiedersehens . . . Die bisherige Anstrengung übermannte inich jetzt. Man gab mir neue Kleider und hüllte mich in Decken. Mir batten uns beide arg verkühlt. Doch am nächsten Tag konnte ich schon herumgehen. Meine Widerstandsfällig feit hatte gesiegt. Ella dagegen lag ernstlich krank darnieder. Sie hatte in der kalten rauhen 'Nacht sich eine Lungenentzündung zugezogen. Ich saß ununterbrochen an ihrer Seite und erwartete voll banger Ungeduld die Stunde der Landung. Endlich war Land in Sicht. Ich konnte die Laudüng kaum erwarten. Tausende Menschen stau den beim Ausgang. Ich beachtete keinen. Ich fuhr mit Ella ins Sanatorium. Tie Aerzte schwiegen, und sahen mich mitleidig an. Gegen Abend begann Ella zu fiebern, sie verlor die Be sinitung. Ich verbrachte die ganze Nacht schlaf los an ihrem Bette. Am nächsten Tage schien die Sonne. Es n׳ar ein warmer Frühlingstag. Ella fühlte sich etwas Wähler und ihr Denken war wieder klar. Sie sprach von ihren Eltern. — Ich habe gegen ibren Willen gebandelt, und mein Glück mit ihrem Glück erkauft . . . Nun kam die Vergeltung . . . Meine armen Eltern ... Ich habe meine Eltern und meinen Glauben verraten . . . Und muß nun in der Ferne sterben. Große Auswahl!! 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