Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XIII (1912)
- Issue
- Heft 22 (29.8.1912)
- Date
- 1912-08-29
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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XIII|1. Jahrg. Nummer 22 Wiener Erscheint jeden Donnerstag. Ojschr UolksßinlMk. -׳:..ז -m m- Bezugspreise: Für Österreich-Ungarn, halbjährig . . Kronen S 20 > ganzjährig.Kronen 10•— Deutschland, ganzjährig. Mark 10 — Rußland, ganzjährig. Rubel 6'&0 Balkan, Frankreich.Franks 12׳— | Einzelne Nummer 20 h. Herausgeber: Max Hickl I---S Inserate: die 6 spaltige Petitzeile 30 h. Buchhändlerische Vertretung: Otto Klemm, Leipzig. Geschäftsstelle, Wien: I., Rolenturmstraße Nr. 31. Telephon 3U09/VIII. Sprechstunden von 10—12 Uhr. Postsparkassakonro 4!r. 312.842. Unverlangteredaktionelle Beiträge werden nicht honoriert. Manuskripte» ist Rückporto beizusügen. 1־---Ä Brünn—Budapest. Wien, 29. August!912. 16. Eiul 5672. Prag—Lemberg. Aus dem Inhalte: Ihr Programm. — Prager Brief. — Eine Ecwiderung. — Juden als christliche Steuerträger. — Die Sprachenfrage in Palästina. — Im deutschen Kasino zu Wall.-Meseritsch. — Zioni» stische Konferenz in Berlin. — Bezalel. — Der Judeneid in Kroatien. — Das Angolaprojekt. — Rundschau. — Korrespondenzen. — Jüdische Feste. — Jütischer Nationalfond. — Dr. F. R. He,tjchel. Lernet. — Bücherbesprechungen. Ihr Programm. Wien, im August 1012. Man kann sich nichts Einfacheres und in gewissen Kreisen pünktlicher Wirkenderes denken, als wenn man bei der Aufstellung eines Partei- Programmes vom ersten bis zum letzten Punkt Äuu-.ps, Hchc und Totschlag fordert. Es gibt Menschen, deren einzige Freude das Niederreißen ist, destruktive Elemente, die sozusagen vom To molieren leben, geistige Hooligans, deren Tenkcn und Sinnen bloß daraus gerichtet ist, den Nebenmenschcn die Lebensader durchzuschneiden. Solche Leute drängen sich natürlich in Scharen um d i e Fahne, welche den geistigen und moralischen Totschlag zum Parteiprinzip erhebt. Wenn man das Parteiprogramm der deutschradikalen Partei zergliedert, so findet man, das; sein Organismus aus dem Grundsätze des Zusammenreißens ausgebaut ist. Kamps gegen die Liberalen, Kampf gegen die Tschechen und vor allem: Kampf gegen die Juden. So gewissenhaft man auch suchen mag, eine andere Nüance ist nicht herauszufinden. Geistige und. cü)qa)e Forderungen sind erst gar nicht aufgestellt, wissen doch die Führer zu gut, daß sie ihre Kohorten nur durch den ständigen Kriegsruf Zusammenhalten können. Zu welcher Frage immer die Deutschradikalen bisher Stellung genommen haben, das Ergebnis läuft immer darauf heraus; schlagt sie tot, ob es nun Juden oder Tschechen sind. Ihre Metode ist eine Summe von Brutalität und Gewalt, die, wenn sie sich schon nicht in Taten äußern kann, sich doch in rünstigen Reden Luft macht. Begreiflich ist ja diese Art der politischen Eristcnz vollkommen. In der Sphäre des Achselschweißes und der Jägerhemden hat der un- I heimliche Alkoholkonsum eine gewisse Schlaffheit I in den Gehirnen erzeugt, die nur durch Polenzierte Nervenkitzel zu bannen ist. Vernünftige Reden, sachliche Projekte verfehlen ihre Wirkung vollkommen, sie dienen höchstens dazu, das Müdigkeitsgefühl bis zur Schlaflust zu steigern. Will man diese Hirne aufpeitschen, so muß man schon kräftige Säfte in Anwendung bringen und dazu eignet sich am besten Blut und blutige Verhetzung. ._ Aus diesen Gründen sind auch die Herren gleich mächtig erbost, wenn sich irgendwo in ihren Reihen eine Anwandlung von Kultur und Ge-I sittung geltend machen will. So hat das Nord-j mährerblatt vor kurzem die Anregung gebracht/ in der Auffassung der Judenfrage innerhalb der deutschradikalen Partei eine mildere Auffassung zur Geltung kommen zu lassen. Tas Blatt hat diese Anregung gar nicht weiter ausgeführt und hat nicht einmal die Wege angedeutet, die zur Erreichung dieses Zieles eingeschlagen werden sollen. Allein diese leise Regung von Anstand und Moral paßte den Leit- Hammeln nicht und der sattsam bekannte, edle Stransky und sein Kumpan K. H. Wolf erschienen sofort aus dem Plan, nahmen die Kriegstrompete in die Hand und posauiuen hinaus: ״Tie deutschradikale Parteileitung hält an der Bekämpfung des Judentums im öffenllichen Leben als einer nnnmgünglichen Forderung des Programines der Teutschradikalen fest. — Und in Hellem Ehorus tönt der Wiederhall aus den rauchgeschwängerten Kneipstuben Österreichs, der in den einzigen Refrain ansklingt: ״Hoch die Führer, nieder die Juden". Tie beiden Schlauköpfe haben in der sauren Gurkenzeit gierig nach dem Anlaß gehascht, wieder etwas von sich hören zu lassen, um das Vertrauen der Anhänger zu stärken und das tut man am besten, indem man der schlemmenden Meute die Juden zum Fräße vorwirft. Ten Jüdischnationaleil kann ja diese Taktik nichts anhaben. Sie beschränken sich daraus, die Hiebe zu parieren, damit sie nicht zu Schaden kommen. Sonst aber beschäftigt sich die Arbeit für ihr Volk viel zu sehr, als daß sie sich viel um kläffende Arminen oder Teutonen kümmern könnten. Tie dentschtümelnden Inden haben es aber wieder einmal gehört. Man tvill sie nicht lind er hebt den Kampf gegen sie zum offenen Partei grundsalr. Darauf gibt es doch nur eine Konse qnenz für aufrechte, mannhafte Menschen mit ungebeugtem Rückgrat. Doch das ist es ja eben: Wenn sie das noch besäßen! Feuilleton. Brief eines Schiffbrüchigen. Lorenz Scherlag (Lemberg). (Fortützuug) Roch zwei Boote waren geblieben. Und ringsherum standen die Leute und drängten. Es fiel deil Offizieren schwer, Ordnung zu erhalten. Doch man fürchtete ihre Waffe. Eine alte Jungfer nahm ihren Schoßhund mit sich in das Boot, eine andere ihre Katze. Sie wollten mit ihnen zusammen leben und sterben. Ich bat Ella wieder, einzusteigen, ich küßte ihre Hände: Steig nur ein! Wenn ich allein bleibe, werde ich mir leichter helfen können. Sonst gehen wir beide unter. Vielleicht finde ich allein im letzten Boot noch Platz. _ Tas vorletzte Boot war bereits zur Hälfte gefüllt. Des Schiffes Bug hatte sich schon tief gesenkt. Ich drängte Ella gegen das Boot. Sie gab endlich nach und ließ sich in das Boot stoßen. Sie schluchzte, am ganzen Körper bebend. Nun war sie im Boot. Lauter Frauen waren darin, und vier Matrosen als Ruderer. Tas Boot wurde herabgelassen. -- Artur, schrie Ella, rette dich. Ich flehe dich. . . Ich werde diesen Schrei niemals vergehen. Ich sah ihr nach. Das Boot stieß vom Dampfer ab. Toch ich konnte in der Tunkelheit nichts mehr unterscheiden. Und nun stand ich da, als wäre mein Empfinden erstarrt. Rings um mich Weinen und Klagen, und daneben stoische Ruhe, die kühl dem Unabwendbaren entgegenblickte. Der Washingtoner Millionär stand ratlos da. Sein Antlitz war verzerrt von wilder Furcht. Sein früherer Mut war ganz gewichen. — Rettet mich, rettet mich! rief er. Ich schenke euch den Ring. — Ihr verfluchter Ring, schrie ein Germane ihm erregt zu. Sie haben uns das Unglück gebracht. — Netten Sie mich! wiederholte der Amerikaner. Mein halbes Vermögen für einen Platz im Boot. — Verflucht ist ihr Ring, schrie ihm eine Frau zu. Es war das letzte Boot. — Keiner steigt mehr ein! rief der Offizier. Tas Boot stieß ab. Ter Washingtoner schrie verzweifelt aus, nahm den Ring vom Finger und warf ihn weit ins Meer. Hinter der Kommandobrücke sah man immerfort Funken ausgrellen. Ter junge Telegrasist saß dort auf seinen Posten und schickte unablässig Hilferufe in die dunkle Nacht hinaus. Und die Musikanten spielten weiter. Es gab keinen Zweifel mehr, daß das Schiss unterging. Dreitausend Meter tief war hier das Meer. Es schien, als ob die Meeresfluten immer höher zu uns emporstiegen. Es überlief inich kalt. Ich Sachte nicht so sehr an mich, als an Ella und an Sich, teuere Mutter. Und mit allen Fasern meiner Seele klammerte ich mich ans Leben. Tie Musikanten begannen jetzt einen Ehoral zu spielen: ״Näher, mein Gott, zn Dir". Eine grausige Stimmung war um uns. Ter Vorderteil des Schiffes war bereits tiei gesunken, und das Wasser begann über Sen Bord zu steigen. Und des Schiffes Hock hob sich immer höher in Sie Luft empor. Ter Dampfer glich einem Riesen- Ungetüm, das sich auf dir Vorderbeine stellte. Und tausend Stimmen riefen um Rettung: Hilfe, Hilfe! Und tausend Arme steckten sich zum -Himmel empor, als wollten sie non Oben ein Wunder erflehen. . . . Toch der Dampfer sank und sank. Und die Musikanten saßen ruhig weiter und spielten. Und die Funken des Marconiapparates grellren weiter, unablässig. Wenn ich an die Musikanten und an den Telegrafisten denke, die bis zum letzten Augenblick ihre Pflicht erfüllten, dann ums׳, ich endlos bestaunen diese übermenschliche und gläubige Selbstbeherrschung, die vom Glorienschein antiker Größe strahlend umglänzt ist. Sie starben wie Helden, ohne Weinen und ohne Klagen. Immer höher stieg das Wasser. Ich stand wie sinnlos da, als wäre mein Denken genommen. Plötzlich ermannte ich mich, wie ans Große Auswahl!! Synagogcuoruate auch Lüsterkutte» uud schöne seltene Gelegeuheitskaufe im Spczialhaus sür Synagogenornatc fVt W * Z M * rvyx!! *ו ׳,״ =:׳, : Lieferant zahlreicher in- und Nudolf Goldstein, Wien, II>. Taborstraße 54 Telephon 21990 (iuterurban). Wiederverkäufer Rabatt! Reich illustrierte Preisliste»!