Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XIII (1912)
- Issue
- Heft 21 (22.8.1912)
- Date
- 1912-08-22
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2621806-2621807-2621828--1672-2622730- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 10. Jkvische Volttstimme. Nr. 21. ״maßgebenden" und weiß Gott wie sonst noch sich nennende Organisationen will diesem Beginnen wehren. Der Boykott der jüdischen Angestellten, die Behandlung der jüdischen Handelsreisenden in Rußland, kurz alle jene Fragen, die Fragen der jüdischen Angestellten sind, die jüdische Interessen tangieren (also eines sehr beträchtlichen Teiles der Angestellten) hat den Schlaf dieser Organisationen, der in vielen Fällen ein sehr gesunder ist, nicht gestört und so glaube ich, daß der jüdische Angestellte, der seine Lage klar erkennt nur dort organisiert sein kann, wo auch seine spezifisch jüdisch, wirtschaftlichen Interessen volles Verständnis finden, im ״Jüdischen Handlungsgehilfenverband". So manches wäre noch zu sagen. Die Rolle der Frauenarbeit im Handelsgewerbe, die Konzentrierung des Kapitals und dessen Folgen konnte ich hier nicht einmal streifen und doch sind es Fragen, die tiefeinschneidend sind für unsere Lage und die richtig gewürdigt, so manche Erscheinung verständlich machen. Ziehe ich aus vorstehend Gesagten das Resumee, so ergibt sich, daß die Lage der kaufmännischen Angestellten eine höchst ungünstige ist, lange Arbeitszeit, karge Löhne, Existenzunsicherheit sind Uebelstände unter denen wir leiden. Die Lage der jüdischen Angestellten wird noch verschlechtert durch den Boykott und wenn die anderen Fragen durch die Mithilfe aller Kollegen gedeihliche Lösung finden werden, bleibt die Be- Dämpfung des Boykotts den jüdischen Angestellten allein überlassen, und selbst dieser Lebensfrage stehen heute noch viele jüdische Kollegen fremd gegenüber. Die Zeiten sind vorbei in denen auf eine kurze Zeit, des ״Angestellter sein" die Selbstständigkeit folgte. Der Angestellte von heute bleibt Angestellter sein Leben lang und daß dieses Leben kein rosiges ist, wissen wir alle. Gerade jetzt ist die Zeit, wo tausende schulentwachsene Knaben ins werktätige Leben tteten; die Berufswahl für ihr Kind beschäftigt jetzt viele Eltern und so kann ich zum Schluß nur der Hoffnung Ausdruck geben, daß recht viele Eltern zur Einsicht kommen, daß im Handelsgewerbe Siot und Elend das Los der meisten ist, und daß sie aus dieser Erkenntnis auch die nötigen Konsequenzen ziehen. Veritas. Lemel. Dr. F. R. Heinschel. (III. Fortsetzung.) Der Winter ging vorüber und Pessach, der erste Pessach in Lemels Balbosherrlichkeit war herangcnaht. Lemel hatte ja gesehen, wie sein Vater, wie sein Dienstgeber Reb Mendel die Sederfeier arrangierten, so wollte er es auch machen. Allein Jekew lez') hatte es anders beschlossen. Am Schaboshagodaul *) nach der Deraschah 3), der Rabbiner hatte ein sehr schwieriges talmudisches Thema in einem zweistündigen Vottrage behandelt, bei welchem Lemel in tiefen Schlummer verfiel, sagte Jekew zu Lemel: ״Hast Du gehört, was der Rebbe heute in der Droschoh gesprochen? Lemel schwieg; er wollte sich weder die Blöße geben, den Lehrvorttag nicht verstanden zu haben, geschweige, daß er eingestanden hätte, er habe während diesem in Morpheus Armen gelegen. ״Die Zadikim (Frommen), so hat der Rebbe, soll leben, gesagt haben den Minhag (Gebrauch), nach dem Seder, den Auszug aus Mizrajim und den Durchzug durch's rote Meer auch darzustellen. Deshalb sitzt man bei der Sederfeier mit einem Stabe in der Hand und trägt ein Bündel am Rücken. Nach der Sederfeier um 12 Uhr nachts springt man über einen mit Wasser gestMen Waschttog, das stellt den Zug Israels durch's rote Meer bildlich dar." Das ging dem Lemel ein und er nahm sich vor, diesen Brauch zu beobachten. Jekew trug eifrig Sorge dafür, daß sein Spaß weite Verbreitung finde; die jungen Leute griffen diesen gierig auf, das sollte doch ein Gaudium werden. ES war am ersten Sederabend, die jungen Leute versammelten sich unter Lemels Fenster, nachdem in deren Elternhäusern die Sederfeier vorüber war. Awrohom Kohn, einer der ärgsten, ausgelassensten unter den R'ern, machte sich am Nachmittage schon in Lemels Wohnung etwas zu schaffen, schob den Fensterriegel zur Seite und hob am Abend, von der Straße aus, das Fenster ») Spötter. ») Großer Sabbath, der Sabbath vor dem Pesiachfeste. ») Predigt. aus den Angeln. Die Nacht war bereits vorgeschritten; Lemel saß noch immer am Sedertische und sang aus Leibeskräften. Außer dem Ehepaare waren auch Lemels Kousin, David Bochte und ein Aurach 4) zur Sederfeier eingeladen. Lemel saß auf dem Bette, zur linken Seite von Kissen unter- Ätzt, mit weißen Sterbegewändern bekleidet, in »er Rechten hielt er einen Stab; auf dem Rücken baumelte ihm ein kleines Bündel. Telce trug eine weiße Nachtjacke und einen weißen Unterrock; auch ie hatte ein Bündel am Rücken. Es war bereits gegen Mittemacht, als Lemel Chadgadjoh») anstimmte. Als die Turmuhr die zwölfte Stunde ankündigte, sprang Lemel vom Bette und auch die Andern erhoben sich wie auf Kommando von den Sitzen. Lemel postierte sich vor dem Wassertroge; die Tischgesellschaft mit ihm. Plötzlich erscholl Lemels sonore Stimme: ״Lemel, pring über'« Jem" (eigentlich Jam, ist gleich Neer: spring übers Meer) und Lemel hüpfte über ilen Waschttog. ״David, spring über'n Jam!" David sprang behend über das rote Meer. ״Orach sprengst über'n Jam!" Der Gast stieg behutsam über den Waschttog. ״Telce, mein Gold, leben sollst Du 120 Jahre und gesund sein, spreng doch über'n Jam!" Als Telce sich anschickte, über das improvisierte rote Meer zu springen, da begannen die!ungen Leute, welche am offenen Fenster standen and den ganzen Vorgang still beobachteten, so laut zu lachen, daß Telce heftig erschrak und in das rote Meer fiel. ES erging ihr aber nicht so arg wie den Aegyptern, denn sie kam mit dem bloßen Schrecken und einem unfteiwilligen kalten Bade davon. In den Sommermonaten war Lemel schon vor dem Abendgebete zurück und hatte nach dem Abendgebete zuweilen das Glück, den Abend in Gesellschaft des Rabbi und seines Freundes Christoph Holzwurm zu verleben. Lemel und Holzwurm waren des Rabbi Nachbarn. In den Wintermonaten saß der Rabbi fast ununterbrochen über seine Folianten gebeugt, er kam von Sabbath bis Sabbath buchstäblich nicht ins Bett, sondern schlief einige Stunden in seinem Lehnstuhle. In den Sommermonaten verließ er mit Tagesanbruch das Bett, um bis zum Morgengottesdienste zu studieren; seine geliebte lange Pfeife war die einzige Genossin seiner Mühen. An den Abenden erging er sich vor dem Hause und Christoph und Lemel gesellten sich zu ihm. Rabbi Wolf war zu jener Zeit noch ein junger Mann, jetzt deckt ihn schon lange die kühle Erde. Kaum sechzig Jahre alt, sank er ins Grab; die Tinte, die Moscheh, in der Feder zurückgelassen, so heißt eS in der Sage, ttäufelt Gott auf die Häupter der Frommen, dadurch werden sie dem irdischen Dasein enttückt. Die Erforschung des Gesetzes bleicht frühzeitig das Haar, ist gar oft der Keim zu frühzeitigem Tod — und doch hatte er bereits Welttuf. Seine hervorragende Begabung fürs Lehren ließ einen Kreis begeisterter Schüler um ihn sammeln, die seinen Ruf verbreiteten. Verband er ja doch mit tiefer Gelehrsamkeit präzifeste Gründlichkeit und außergewöhnlichen Scharfsinn, zu welchem sich ein geradezu steigender Fleiß gesellte. Der Rabbi war ein jovialer Mann, der mit seinen Nachbarn gerne plauderte. Christoph Holzwurms Verehrung für den Rabbi grenzte an Anbetung. Eines Tages — es waren seit dieser Zeit schon einige Jahre vergangen — brach bei Holzwurm Feuer aus, seine Frau lag gerade schwer krank darnieder. Der Rabbi legte selbst Hand an, als man die Kranke samt dem Bette hinaustrug und in das Rabbinerhaus brachte, wo sie von der Rabbinerin bis zur Genesung verpflegt wurde. Diese edle Tat vergaß Holzwurm nie und blickte zu dem Rabbiner wie zu einem höheren, übersinnlichen Wesen empor. Rabbi Wolf war in der Tat ein äußerlich wie innerlich herrlicher Mensch. Das edle schöngekormte Gesicht mit der klassisch schönen Nase, war von einem wohlgepflegten blonden Barte und langen gelockten PeoS (Stirnlocken) umrahmt. Herrliche glänzende Augen, die milde, weltverloren vor sich hinblickten, als vermochten sie auch ferne Welten zu durchschauen; eine hohe glänzende Denkerstirne und die blasse Gesichtsfarbe ließen den Rabbi als ein engelhaftes, überirdisches Wesen erscheinen. Rabbi Wolf war eine jener Erscheinungen, die im jüdischen Leben immer seltener werden. Ein Mann voll üefer Frömmigkeit und inniger Ueberzeugungstteue, von rührender Bescheidenheit und Anspruchslosigkeit und einer seltenen Herzens- Me; bedürfnislos für sich, konnte er für andere >as Letzte weggeben. In einer kleinen Gemeinde wie R-, hatte er nur ein sehr geringes Einkommen, dabei erfteute er sich reichen Kindersegens, und doch verließ nie ein Armer sein Haus, ohne eine Gabe erhalten zu jaben. Man mußte aber Rabbi Wolf beim Geben beobachten, wie gerne, wie fteudigen Herzens er zab, wie er sich bei jedem Hilfesuchenden entschul- >igte, daß er gerne mehr geben möchte, wenn es eine Verhältnisse gestatten würden. Wer ihn in seinem Hause und im Leben zu »eobachten Gelegenheit hatte, der vergaß dieses Bild edler Menschlichkeit nimmer. Man mußte Rabbi Wolf am 9. Ab auf der Erde sitzen und voll üefer Trauer in Tränen aufgelöst sehen oder ihn am Risttage des Bersöhnungstages beobachten, wie er mit Tränen in den Augen die paar Biffen jerunterwürgte, nach dem Tischgebete sich in die Sterbekleider hüllte und in Tränen aufgelöste Kinder und Schüler segnete, für jeden ein Wort der Moral, ein Wort der Liebe hatte, und wenn er alsdann laut aufschluchzend ins Gotteshaus ief, an dessen Schwelle er sich tief verbeugte, dann erzitterte und erbebte der ganze Leib, dann malte ich heilige Glaubensglut, innige Gottesfurcht auf >em blassen durchgeistigten Gesichte ab, dann wurde man von der faszinierenden Macht dieser Persönichkeit hingeriffen, wurde man selbst von Glaubenstreue durchglüht. Man mußte Rabbi Wolf an Purim sehen, wie er den aufspielenden Zigeunern Wein kredenzte und nimmer müde wurde, diese zum Trinken zu animieren; man mußte ihn an >en Festtagen vor den Hauptmahlzeiten in der Tüche hantieren sehen, wie er selbst die schönsten Bratenstücke auswählte, um diese den Witwen, den Lermsten, den vom Glücke Enterbten zu schicken, )enn ehe dieses Gottesgebot nicht erfüllt, ehe die Armen nicht beschenkt waren, setzte er sich nicht an den zur Ehre des Feiertages festlich geschmückten Tisch, mußte ihn überhaupt an Sabbaten und Festtagen beobachten, an solchen Tagen war er wie von einer innerlichen Gloriole umstrahlt. Sein ganzes Wesen hatte etwas Gewinnendes an sich, auf alle, die ihm näher ttaten, übte er einen gar mächügen Eindruck. Reb Wolf war auch von hinreißender Beredsamkeit. Wenn er auf der Kanzel stand, alle Schäden aufdeckte und oft mit harten Worten geißelte; wenn er für das gekränkte, beleidigte Menschenrecht einttat, von der Heiligkeit der Sache ganz hingerissen, so laut sprach, als sollten seine Worte über die Mauern des engen Gotteshauses hinausdringen, als sollte eine ganze Welt die ewigen Wahrheiten vernehmen, dann wurde er selbst so begeistert, daß er sein Organ nimmer meistern konnte und atemlos innehatten mußte, um sich ein wenig zu erholen. In solchen Augenblicken konnte man eine Stecknadel zu Boden fallen hören; die Zuhörer hingen wie gebannt an feinen Lippen, waren ergriffen, fühlten sich schuldbeladen und seufzten erst erleichtert auf, wenn er die Kanzel verließ. Doch kehren wir wieder zu den zwei Nachbarn Rabbi Wolfs, zu Lemel und Christoph Holzwurm, zurück. Rabbi Wolf nahm so innigen Anteil an seinen beiden Nachbarn, daß auch das kleinste Vorkommnis im Leben seiner Freunde sein größtes Interesse erregte. Lemel erzählte, was er gehandelt, wie viel er verdient, und der Rabbi hörte ihm voll Aufmerksamkeit zu, gab ihm zuweilen Ratschläge, wodurch er einen Mehrverdienst erzielen könne, wie er sich im Verkehre mit den Großhändlern in der Stadt benehmen müsse. Holzwurm beteiligte sich auch recht eifrig am Diskurse. War Lemel an der Abendpromenade verhindert oder abwesend, dann waren es vornehmlich religionsphilosophische Gespräche, die der Rabbi mit Holzwurm führte. ״Herr Rabbiner", sagte Holzwurm eines Abends, als Lemel abwesend war, ״ich muß Sie täglich mehr bewundern. Ich weiß, daß Sie ein gelehrter Mann sind und es ist mir oft unverstündlich, wie Sie Lemels Schnurren ruhig anhören, seinen Geschäften solches Interesse entgegenbringen. Sie leben sich so in Lemels Berhältniffe hinein, als wären Sie sein Bruder oder als trügen Ihnen Lemels Geschäfte weiß Gott welchen Nutzen. Sehen Sie sich doch unseren Herrn Pfarrer an, der ist reich, unabhängig, sorglos und kümmert sich um nichts als um seine Landwirtschaft, seine Jagd und Kartenparüe. Hierorts gibt es so viel Not Elend, so viel Armut, doch der gute Mann kümmert sich um das alles nicht." (Fortsetzung folgt.) *) Gaß, zugereister Armer. -) Schlußgefang bei der Sederfeier. Stenff&frrfptthpr" 'd' »