Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XIII (1912)
- Issue
- Heft 21 (22.8.1912)
- Date
- 1912-08-22
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 21. XIII./l Jahrg. Beilage zur ״ Wiener Jüd. Volksstimme" 22 August 1912 Seite 9 Streiflichter über die Lage der Handelsangestellten. 11. Der Zentral-Verein ist eine der ältesten heute noch ernstzunehmenden Organisation und seine Tätigkeit soweit sie sich auf die Verbesserung der Lage der Angestellten bezieht, ist einiger Anerkennung wert. Auch der größte Gegner wird ihm das Zeugnis nicht versagen können» daß er sich in allgemeinen Fragen um die Interessen der Angestellten bemüht hat und daß er eS, in Wien wenigstens, verstanden hat, die Angestellten aus der Lethargie aufzurütteln. Das Handlungsgehilfengesetz als alleiniger Verdienst des Zentral- Vereines zu betrachten, lehne ich allerdings ab, doch hat er zum Entstehen dieses Gesetzes ebenfalls wesentlich mitgewirkt. Der Zentralverein steht auf internaüonalen sozialdemokratischen Programm. Ich will Hier nicht untersuchen ob eS für seine Arbeiterorganisation überhaupt, für eine Handelsangestelltenorganisation im besonder«, ratsam erscheint sich auf parteipolitischen Boden zu stellen, die Beantwortung dieser Frage, will ich an anderer Stelle zu geben versuchen. Ich glaube aber, daß eine Organisation die sich auf wirklich internationalen Programm stellt, eine Organisaüon die als die führende gelten will, nicht bloß die Aufgabe hat, Verkürzung der Arbeitszeit und höhere Löhne zu erstreben, sondern auch verpflichtet ist, dort einzugreifen wo eine große Gruppe Berussangehöriger ihrer Nationalität wegen (oder um dem Zentralverein evtgegenzukommen will ich Consession sagen) zurückgesetzt wird... Eine solche Zurücksetzung wird den jüdischen Angestellten zuteil sie werden von vielen Unternehmern boykottiert. Ich weiß nicht ob dem Zentralverein ein Erfolg im Kampfe gegen den Boykott beschieden gewesen wäre, denn wenn überhaupt, so hätten sich die sonst so kampfeslustigen Führer nur höchst lau und widerwillig in diesen Kampf begeben. Sie haben diesen Kampf nicht einmal versucht und auch dann nicht eingegriffen als einige ihrer Mitglieder wegen ihres Judentums gemaßregelt wurden... Um dieses Bergehen genügend würdigen zu können, muß man bedenken, daß die Führer des Zentralvereines ausschließlich, die Mitglieder in der überwiegenden Mehrzahl Juden sind und nur die demagogische Erwägung, daß die national-antisemitischen Orgauisaüonen eine eventuelle Stellungnahme für die boykottierten und gemaßregelten Juden agitatorisch ausnützen könnten, das passive Verhalten bestimmt haben. Wie fadenscheinig diese Ausrede ist, wie leicht dieser ״Vorwurf" zu entkräften wäre, habe ich öffentlich mündlich und schriftlich bereits so oft und ausführlich erörtert, daß es nachgerade auch der Zentralverein und seine Führer begriffen haben könnten. Freilich muß man gewerkschaftlich und nicht parteipolitische Zwecke in erster Linie im Auge haben, um zur Erkenntnis zu kommen, daß der Boykott in seiner letzten Eonsequenz auch eine Schädigung der nichtjüdischen Kollegen beinhaltet. Das Gros der von den Parteipäpsten und marxistischen Pfaffen gegängelten jüdischen Angestellten Wiens und teilweise auch Westösterreichs hat die Führer und Leiter des Zentralvereins deswegen nicht zur Rechenschaft gezogen. Nur einige Kollegen waren eS, die opferwillig und selbstlos, von wahrhaft gewerkschaftlichen Erwägungen geleitet, die nötigen Consequenzen gezogen und die jüdischen Angestellten in einer Organisation zu vereinigen unternommen haben, in denen ihre allgemein-wirtschaftlichen und jüdischwirtschaftlichen Jntereffen gleichermaßen gewahrt find. Der Jüdische Handlungsgehilfenverband in Wien (U. Taborstraße 11 b) will Sachwalter der jüdischen Angestellten sein und die inlder kurzen Zeit des Bestandes erzielten Resultate, lassen diesen Titel gerechtfertigt erscheinen. Nicht zaghaft und verdrossen, sondern hingebungsvoll und opferwillig wird von dieser Seite der Kampf gegen den Boykott betrieben und ich hoffe es wird der Tag kommen, an dem alle Angestellten von der Notwendigkeit dieses Kampfes überzeugt sein werden. Ebenso wie ich die Verdienste oder Mangel der anderen Organisationen unterstrichen habe, will ich es auch beim Jüdischen Handlungsgehil» fenverband tun. Freiheits» und Geldstrafen die den Kämpfern dieser Organisaüon im Kampfe für frühere Geschästssperre z. B. zu teil wurden, zeigen, daß auch in allgemein-sozialen Fragen Opfermut und Zähigkeit zum Durchbruch unserer Forderungen beizutragen bestrebt sind. Was ich über die mißliche Lage der kaufmännischen Angestellten vorstehend schrieb, bezieht sich auf die westlichen Provinzen Oesterreichs. Weit trauriger noch ist die Lage der kaufmännichen Angestellten Galiziens und der Bukowina. Dort vereinigen sich ungemessen lange Arbeitszeiten, elende Schundlöhne und unwürdige Behandlung zu einem abstoßenden Bikd und verursachen die massenhafte Abwanderung der galizischen Kollegen nach Wien, verursachen hier das große Ueberangebot an Arbeitskräften. Die kaufmännischen Angestellten Galiziens sind fast durchwegs Juden. Die trostlose Lage der kaufmännischen Angestellten Galiziens ist wohl mitbedingt durch die rückständigen Wirtschaftsverhältnisse die in diesem Lande herrschen, und durch die große Rolle die der Zwerghandel dort noch spielt. Daß die Verhältnisse in Galizien ganz andere sind wie in Westösterreich ist ja bekannt und naturgemäß müssen daher auch die Verhältniffe unter denen unsere Kollegen dort leben andere sein als hier. Immerhin aber müßten die Verhältnisse dort doch nicht so trostlos sein. Das dem doch so ist, daran ist in erster Linie der Mangel einer Berufsorganisation schuld. De facw besteht eine nennenswerte Organisation unserer galizischen Kollegen erst seit knapp einem Jahre; wenn auch der Zentralverein der kaufmännischen Angestellten vorgibt seit langen Jahren in einer Anzahl galizischer Städte Ortsgruppen zu unterhalten. Diese Behauptung ist unrichtig; um sein Presüge zu erhöhen, hat dieser Verein in Galizien Ortsgruppen auf dem Papier bestehen lassen. Eine auch nur halbwegs nennenswerte Zahl von Mitgliedern hat er jedoch in Galizien nie besessen. Der Grund für diese immerhin auffallende Erscheinung ist folgender: Der Zentralverein als sozialdemokratische Organisation will in Galizien die Geschäfte der polnischen Sozialdemokratie betreiben, die Angestellten für diese Partei pressen; ein Bemühen das bei den galizischen Kollegen auf kein Verständnis rechnen kann, denn wie erwähnt find die Angestellten Galiziens fast ausschließlich Juden und die Juden Galiziens betrachten sich nicht als Polen, sondern als Juden und einen jüdischen Teil der Internationale anerkennt die Sozialdemokratie nicht. Es sind ganz widerwärüge Manöver aufgeführt worden um den ״Eigensinn" unserer galizischen Kollegen zu brechen. Ein Erfolg war jedoch diesen Experimenten nicht beschieden. Mit mir wird sich so mancher Kollege die Frage vorlegen, warum die Angestellten Galiziens wenn sie sich nicht einer Reichsorganisation anschließen wollten oder tonnten, nicht wenigstens den Versuch unternommen haben, in einer LandeSorganisaüon sich vereinigend, den ärgsten Uebelständen abzuhelfen. Wohl bestanden in einigen Städten, untereinander durch kein Band zusammen gehalten, jüdische Handlungsgehilfenvereine. Diese Vereine standen auf zionistischen Bode», der Pflege und Verbreitung des Zionismus war ihre ganze Arbeit gewidmet und zur Verbesserung der Lage der kaufmännischen Angestellten in Oesterreich ist der Zionismus, man mag sonst über ihn denken wie man will, denn doch nicht geeignet. Einen Einfluß auf die Verbesserung der Arbeitsbedingungen konnten daher diese Vereine nicht ausüben. Der Gründung eines Landesverbandes der galizischen Kollegen ist man überhaupt nicht nähergetreten und zwar wie mir scheint aus der Erwägung heraus, daß die Kollegen in jungen Jahren, meist schon knapp nach der Auslehre, Galizien verlassen um in Westösterreich unter günstigeren Bedingungen Arbeit zu suchen. Bis vor kurzem bestand keine Organisaüon, die von diesen Kollegen bei einer jüdischen Organisation erworbenen Rechte bei Ihrem Umzug nach Westösterreich übernommen hätte, weshalb sie die höheren Beiträge einer Landesorganisation vermeidend, sich in einzelnen Städten zu kollegialen Vereinen zusammenschlossen. Den Beweis, daß solche Erwägungen maßgebend waren, glaube ich damit erbracht zu haben, wenn ich die Tatsache konstaüere» daß die Gründüng des Jüdischen Handlungsgehilfenverbandes in Wien, den Anstoß zur Gründung eines gleichen Verbandes in Lemberg gegeben hat. Beide Verbände stehen im GegenseiügkeitSverhältnis. Bei einem Verband erworbenen Rechte werden bei Bebersiedlung eines Mitgliedes in das Gebiet des anderen Verbandes von diesem übernommen. Die Sicherheit, daß die geleisteten Beiträge nunmehr in ganz Oesterreich die Erlangung von Rechten gewährleisten, hat auch zur Folge gehabt, daß der galizische Verband jüdischer Handels- und Privatangestellter in 22 Ortsgruppen nach knapp einjährigem Bestand mehr Mitglieder zählt, als je zuvor eine Handelsangestelltenorganisation in Galizien aufweisen konnte. Seit Bestand dieses Berbandes wurden durch seine Tätigkeit bereits einige Verbesserungen der Arbeitsbedingungen erreicht, und die Zeit dürste nicht mehr ferne sein, in der auch in Galizien Arbeitsbedingungen erkämpft sein werden, die die Lage der dorügen Kollegen wenigstens erträglich machen und daß so das massenhafte Abfluten galizischer Kollegen nach Wien sein Ende findet. Wenn dies der Fall ist, so ist dies ein Verdienst der jüdischen HandlungSgehilfenorganisaüon und ihr gebührt dann das Verdienst, eine Frage gelöst zu haben, die für die Angestellten von höchster Wichtigkeit ist. Daß taktische Erwägungen und hinterlistige Kampfesweise aus der anderen Organisationen die Erreichung dieses Zieles erschwert haben, kann das Verdienst des Jüdischen HandlungSgehilfenverbandes nur vergrößern. Wir sehen also, daß bei Besprechung der Organisationen der kaufmännischen Angestellten Erfreuliches und Betrübliches zu berichten ist. Ein gleiches wäre auch zu konstatteren, wenn ich die Stellung ins Auge fasse, die der eine oder der andere Kollege zur Organisationsfrage einnimmt. Der Gedanke der Organisation hat bei den kaufmännischen Angestellten noch nicht so Wurzel gefaßt wie eS wünschenswert wäre. Abgesehen von der bedauerlichen Erscheinung, daß Tanz, Spiel und Turf, Modetorheiten und Geckereien bei vielen Angestellten weit empfänglicheres Verständnis finden als brennende BerufSftagen, ist vielen Kollegen, die einer Organisaüon beitreten, deren politisches Programm wichüger, als deren soziale Täügkeit und sozialen Ziele. Ich leugne den Wert des nationalen Gedankens nicht. Speziell bei dm kaufmännischen Angestellten sollten nationale Probleme stets auf Interesse stoßen, denn das hervorstechende nationale Kennzeichen, die Sprache und Schrift ist ja für ihn auch ein wichtiges Handwerkszeug. Mit der Erweiterung des Sprachgebietes. der von ihm gesprochenen Sprache erweitet sich ja auch das Gebiet in dem er Ver- Wertung seiner Arbeitskraft finden kann. Eine Organisaüon mit naüonalen Tendenzen kann daher nicht ohneweiters verworfen werden, wohl aber verlange ich von einer auf nationalem Stand- Punkt stehenden Organisation, daß sie nicht nationalen Haß, Chauvinismus und Unduldsamkeit gegenüber andersnaüonalen Kollegen predigt. In erster Linie muß jede Organisation die allgemeinen Berufsinteressen fördern, Kollegialität-- gefühl und Solidarität muß sie allen Kollegen entgegenbringen. Diesen Maßstab zu Grunde gelegt, sind die nationalen Angestelltenorganisaüonen Oesterreichs fast ausnahmslos zu den betrüblichen Erscheinungen zu zählen und betrübend ist eS auch, daß die Mitglieder dieser Organisationen ihren Führern diesbezüglich keine Aenderung der Taktik zur Pflicht machen. Die Zeit scheint noch nicht gekommen zu sein, die allen nationalen und internaüonalen Führern dm verdienten Fußtritt gibt, jenen Führern, die an der Not der Massen ihr Süppchen kochen wollen, und die teis Haß und Zwietracht säen, teils elender patriotischer Rücksichten wegen und um ihren ruhigen Schlaf durch ein nicht vorausgesehenes Problem nicht zu stören, die Interessen der jüdischen Angestellten, die auch hier die Prügelknaben sein müssen, mißachten. Die Zersplitteruug der Angestellten in eine Anzahl Organisationen hat gewiß ihre Nachteile und wir wollen hoffen, daß sich in Oesterreich die Erkenntnis durchbricht, daß parteipolitische Gewerkschaften, mögen sie anscheinmd noch so stark sein, im letzten Ende doch schädlich sind und abgelöst werden müssen, durch eine Gewerkschaft-- form, die streng unpolitisch, die Möglichkeit bietet, alle Berufsangehörigen auf rein wirschastlicher Basis zusammenzufassen. Als Angestellter beklage ich das Fehlm einer solchen Organisaüon, als jüdischer Angestellter, erfüllt von dem Bestreben die Lage meiner Klasse zu heben, und klar erkennend, daß der jüdische Angestellte nicht nur unter den allgemein empfundenen Mißständen, sondern auch unter dem Boykott zu leiden hat, kann ich derzeit als alleinigen Vertreter der jüdischen Angestellten nur die jüdische Organisaüon ansehen. Es sind Kräfte am Werk den jüdischen Angestellten das Hungern zu lernen, die Verwertung seines einzigen Gutes der Arbeitskraft, wird dm jüdischen Angestellten erschwert und keine der ״großen", ״asten" und