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Jüdische Volksstimme · 1912-08-15 · Heft 20 (15.8.1912) · page 10

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XIII (1912)
Issue
Heft 20 (15.8.1912)
Date
1912-08-15
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Seite 10. Jüdische Volttfltmme. Nr. 26. bandsnamen zum Ausdruck kommt. Ein großer Teil seiner Mitglieder sind Juden, jedoch sind auf der letzten Prager Hauptversammlung, propagiert durch den Verbandssekretär, antisemitische Tendeuzen zutage getreten, was. wie ich hoffe, für viele jüdische Kollegen Grund sein wird, dem Zentralverband den Rücken zu kehren. Die Mitgliederzahl dürste 2000 betragen. Und nun die dritte Gruppe. Die Jnternationalen. Sie bilden wie beim Fußballsport eine Klasse für sich. Wenn ich ganz ausführlich sein will, müßte ich hier eigentlich eine Zweiteilung vornehmen in internationale schlechtweg und in internationale mit Ausschluß der Juden. Letztere Sorte ist repräsentiert durch die diversen katholischeu und christlichen Bereinchen, welche aber so bedeutungslos sind, daß man sie ruhig übergehen kann. Die dritte Gruppe umfaßt nur zwei Vereine von Bedeutung, den Verein reisender Kaufleute Oesterreichs und den Zentralvercin der kaufmännischen Angestellten Oesterreichs. Ein reiner Angestelltenverein ist der Verein reisender Kaufleute nicht, ein überaus großer Prozentsatz seiner Mitglieder sind Chefs und so kann auch seine Tätigkeit keine gewerkschaftliche sein. Die einzige Frage von Bedeutung für alle Angestellten, in welcher der Verein reiiender Kaufleute sich an die Seite der übrigen Angestellten stellt, ist der noch immer nicht erledigte Kampf gegen das Pensionsversicherungsgesetz. In dieser Frage haben nämlich Angestellte und Chefs die gleichen Interessen. Die sonstige Tätigkeit dieses Vereines, der Ortsgruppen und Mitglieder in allen Teilen der Monarchie besitzt, beschränkt sich auf die Erwirkung ökonomischer Begünstigungen und auf die Unterstützung in Not geratener Mitglieder und deren Hinterbliebenen und leistet er in letzterem Punkte Vorzügliches. Als piöce de resistenze ist nun des Zentral- Vereines der kaufmännischen Angestellten Oesterreichs zu gedenken. Diese Organisation bezeichnet sich selbst als die ״führende" und so will ich ihr auch einen etwas breiteren Raum widmen, wobei auch die entschiedene Abneigung die in dieser Organisation entgegenbringe, mich nicht abhalteu wird, die nötige Objektivität zu beachten. (Fortsetzung folgt.) Lemel. Dr. F. R. Heinschel. (II. Fortsetzung.) Nach den sieben Segenssprüchen, welche der Vorbeter rezitierte, wurde dem Bräutigam der Kelch vom zweiten Unterführer gereicht und Lemel leerte auch diesen fast bis zur Neige. Es war aber, als sollten die Lachmuskeln bei Lemels Trauung vom Anfänge bis zum Schluffe nicht zur Ruhe kommen, denn als der Schammes * *) dem Bräutigam das in ein weißes Tuch gehüllte Trinkglas zum Zerbrechen unter den rechten Fuß gelegt, mußte Lemel so harte Arbeit verrichten, bis das Glas in Scherben ging, daß ihm der Schweiß auf der Stirne perlte. Freilich rühmte sich der Gemeindediener später, daß er dem Lemel ein solch hartes Glas unter den Fuß gelegt, über das ein Ochsenwagen hätte rollen können, ohne es zu beschädigen. Bei all dem aber zuckte Lemel mit keiner Wimper, aber auch Telce merkte nicht, daß sie der Dorfjugend zum Gaudium dienen. Bei dem Hochzeitsfeste ging es recht lustig her. Arme Brautpaare zu ersteuen, galt ja im Judentume immer als heilige Pflicht; die Verheiratung armer Bräute gilt als Gebot, besten Früchte der Mensch ans Erden genießt, während der Stamm ihm fürs Jenseits erhalten bleibt. So gab eS denn auch kein jüdisches HauS in R., welches zu Lemels und TelceS Hochzeit nicht ihr Scherslein beigetragen hätte. Lemel aß alle Schüsseln leer, trank nach Herzenslust und strahlte förmlich vor Glück und Liebe. Lemels Chasunoh ißt um drei, er aber ißt ״for 12" (ist gleich für, Wortspiel, soviel als er ißt ״für zwölf", so viel als 12 Menschen effen), witzelte Rebchandel. Während der sieben Hochzeitstage verließ Lemel nicht das Haus. Reb Jckew Schames war der Ansicht, man könne bei Lemel während der ganzen sieben Hochzeitstage die sieben Segensspräche verrichten, denn an Telce habe mau jeden Tag ponim chalosches. (Wenn während der sieben Hochzeitstage ponim chadoschaus, wörtlich übersetzt neue Gesichter kommen, die bei der ersten Mahlzeit >) Gemeinbediener. nach der Trauung nicht zugegen waren, so werden die sieben Segenssprüche nach dem Tischgebete rezitiert; ponim chalosches — Gesicht, bei besten Anblick einem übel werden könne — hat einen Anklang an ponim chadosches.) Am ersten Sabbath nach der Hochzeit wurde daS junge Ehepaar in die Synagoge geführt. Die Männer nahmen Lemel in ihre Mitte, die Frauen führten Telce. Lemel wurde unter den üolichen Gesängen zur Thorah gerufen. Er stand mit dem Hebräischen auf dem Kriegsfuße, sprach es unkorrekt aus, sprach aber die Segenssprüche über die Thorah so laut und gedehnt, als ob auch den Schwerhörigen in der Gemeinde seine Fehler nicht verloren gehen sollten. Nach dem Gottesdienste entbot er dem Rabbi das übliche gut Schabbos und machte dabei die Bemerkung: ״Nun, was sagt der Rebbe zu meiner ״Brochoh"-), man sicht und hört doch, daß ich etwas gelernt habe; wer gelernt ist, ist aber kein verlorener Mensch." Nach Ablauf der Hochzeitswoche ging Lemel mit seinen Packen beladen auf den Hausierhandel; Telce zog mit ihm. ״Mein schmeckedig Weibel, sie soll gesund sein und leben, sie hat doch eine Mutter gehabt, im Ganeden») ruht sie, die war doch klug wie Aristoteles, und sie geratet ihr doch ganz nach. Meine Telce sagt, Mann und Weib sind ein Leib, und wo der Mann ist, muß auch das Weib sein, deshalb geht sie mit mir. Und dann ist sie doch eine junge Frau. Soll sie den ganzen Tag allein sein, vergeht sie vor Langeweile und der Prophet Jesajah hat doch auch gesagt, bring uns nicht zur Versuchung; ein sündiger Mensch ist ein sündiger Mensch, deshalb hat auch Moscheh Rabbenu *) wieder recht, wenn er sagt, der Weise hat die Augen inr Kopfe; sie ist weise und geht lieber mit mir, ehe sie mit anderen Männern spricht." Lemels Dasein war kein leichtes, er war nicht auf Rosen gebettet, plagte sich schwer, aber für feine süße Telce war ihm die größte Plage nur leichtes Spiel. Telce durfte nur die Lebensmittel wie Mehl und Hülsenfrüchte. Eier und Butter, zuweilen auch lebendes Geflügel tragen; er tauschte bei den Bauern gegen seine Waren Naturalien ein. Und das muß jenen kleinen Häuslern in der Umgebung von R. nachgesagt werden, so sparsam sie auch waren, weil sie ja mit schwerer Mühe nur dem geizigen Boden das kärgliche Brot abtrotzen konnten, Lemel gegenüber waren sie steigebig. Ec besorgte den Bauern die Botengänge, besorgte aus P., wohin er allwöchentlich einmal, am Freitag, die gesammelten Waren wie Hadern, Knochen, Ziegen« und Schaffelle, Bettfedern und Kupfer zum Verkaufe führte, alles, was die Dorfbewohner aus der Stadt nötig hatten, ohne jemals auch nur das geringste Aufgeld zu verlangen. An jedem Abende kehrte Lemel nach R. zurück. In R. war das Steueramt, dort wohnten Aerzte, dort befand sich die Apotheke; Lemel führte filr die Dorfbewohner die Steuern ab, bestellte den Arzt, besorgte die Medikamente. Lemel war der Hausjude des ganzen Dorfes. Wenn er am frühen Morgen ins Dorf kam, pfiff er auf einem Leinen Holzpfeiferl, dann schrie er, so laut er nur konnte: ״Handle. Handle, nichts zu handeln l" Damit hatte er seine Ankunft im Dorfe angekündet. Es waren wohl keine ausgesprochenen Melodien, die Lemel aus seinem Blasinstrumente hervorzauberte, die Bauern merkten eS aber doch, ob Lemel festlich oder traurig, ob in ernster, feierlicher oder in steudiger Stimmung war. In den drei Trauer- Wochen waren Echaklänge»), in den Chanukatagen die Moauszurmelodie, im Elulmonate war der Kolnidregesang der sein Pfeiferl beherrschende Ton. Heute ist der Lemel lustig, denn die Juden haben bald Fasching, jetzt ist der Lemel ernst gestimmt, die Juden haben bald den langen Tag, pflegten die Bauern zu sagen. Sein Pfeiferl lachte und weinte, fühlte und empfand mit ihm. Ihm vertraute er seine geheimsten Wünsche, seine schönsten Hoffnungen an. An jedem Werktage war er in einem andern Dorfe seines Gotel (Bezirk), so nannte er die fünf kleinen Ortschaften, in welchen er seinem Hausierhandel oblag. Lemel war glücklich und zufrieden, waren ja seine Bedürfniffe so gering. Er war ein starker Esser. Aber ein Topf Kartoffel mit Dickmilch, ein Gericht Linsen, Bohnen oder Erbsen von Telces Hand zubereitet, beschaffte er sich im Dorfe' für ein Geringes, und weiter reichten seine Ansprüche nicht. Ein Stück Fleisch für Sabbath und Feier- -) Segensspruch. s) Paradies. Unser Lehrer Moscheh. 5) Klagelieder. tage verdiente er, ja eS reichte sogar, um noch Aermere als er selbst, zuweilen za unterstützen oder einen Orach (Gast, zugereisten Armen) zu speisen. Und hatte er dann am Sabbath seine Scholetsuppe gelöffelt, sein Stück Dörrfleisch und die große Kugel verzehrt, dann konnte kein Rothschild sich seliger fühlen als Lemel. Telce hielt sich für eine Beaute und sie hatte allen Grund dazu, denn in Lemels Augen war sie es auch; jedem Narren gefällt seine Kappe, meinte Lemel. Telce war darauf nicht wenig stolz und eitel. Freilich war es nur billiger Tand und wohl-- feiler Flitter, mit welchem sie sich schmückte. ״Ich hatte Zeit meines Lebens einen schönen Körperbau", sagte Telce — dabei drehte sie sich so rasch als es der breite, aber kurze Korpus gestattete, auf dem Absätze herum — und ich brauche keine große Toilettekünste, um meine Schönheit in günstiges Licht zu stellen." Es waren von Herrschäften abgelegte Kleider, die Lemel aus P. mitbrachte, mit diesen schmückte sich Telce. Freilich trug das buntscheckige Zeug zur Hbung Telces Schönheit durchaus nicht bei und verlieh ihr das Aussehen einer Fastnachtsgestalt. Wenn das Ehe-- paar am Abend heimkehrte, in den Wintermonaten kurz nach Eintritt der Dunkelheit, verrichtete Lemel das Abendgebet, alsdann machte er, während seine Frau das Abendessen herrichtete, seinem Fremde und Nachbar Christoph Holzwurm einen Besuch. Christoph Holzwurm war ein weit herumgekommener, intelligenter Mann, tüchtig und vollendet in seinem Fache, ein Freund und Verehrer des Rabbiners Reb Wolf und ein ausgesprochener Judensteund. Mit Holzwurm besprach Lemel seine Geschäfte; dieser erteilte ihm in zweifelhaften Fällen seinen Rat und je mehr Spott er über Lemels Torheiten ausgoß, je mehr er Lemels Beschränktheit anstaunte, desto mehr wuchs seine Verehrung für den ehrlichen, kreuzbraven Lemel. ״Lemel, du bist halt eine ehrliche Haut. Du bist nicht der Gescheiteste, es gibt aber auch wenig Dümmere als Du, doch Ehrlichere als Du gibt eS gewiß nicht." ״Mein lieber Christoph, ich will Dir etwas sagm. Meine süße Telce sagt immer, ich sei noch klüger als ihr Vater, im Ganeden ruht er. der war doch gewiß klug, denn er war ein Gelehrter, und meine Telce, sie soll gesund sein, versteht sich darauf. Und daß ich ehrlich bin, dafür gebührt mir gar kein Schekauach (Jejascher koach, Dank). Steht nicht in der heiligen Thorah: Du sollst nicht stehlen, sollst nicht übervorteilen und was in der heiligen Thorah steht, muß man beobachten." Lemel beobachtete auch das Gottesgesetz, un» befchaoet seiner . großen Ignoranz. Mit dem Hebräischen stand er auf dem Kriegsfuße, dabei betete er mit Vorliebe so laut und vernehmlich, daß es nicht nur sein Nebenmann, sondern zuweilen alle Andächtigen hören mußten. Seitdem er den Titel Balhabajis!) führte, leistete er sich darin ein Erkleckliches. Er konnte das Boruch hu uboruch schmau -) nicht deutlich aussprechen und schrie über alle behubejeschoma. Oder man hörte ihn statt Mischoa umiwtoch ב) recht laut schimon umittwoch rufen. Diese Fehler wurzelten so tief in ihm, daß er sich eines Beffern gar nicht be!> lehren lassen wollte. Die Quelle seiner Frömmigkeit bildeten die Lehrvorträge des Rabbiners, welche er an jedem Sabbathnachmittage regelmäßig besuchte. Ec verstand zwar deren Inhalt nicht, trotze dem er einer der aufmerksamsten Zuhörer war,, aber was der Rabbiner für erlaubt oder unstatthast erklärte, nahm er getreulich zur Kenntnis. Was er an Torahworten daran aufnahm — darin bestand ja der Grundstock seiner Gelehrsamkeit» welche er in späteren Jahren zur Anwendung brachte — verdrehte und verbalhornisierte re;: setzte das Unterste zu Oberst; legte dem Propheten Jesajah in den Mund, was ein später Talmudlehrer ausgesprochen; nannte Salomo einen Propheten und Jeremijah einen König. Am Purim zog er mit seiner Gattin als Mufke verkleidet umhe7 und trank eine Menge Wein und verschlang dazu unzählige Kuchen und Süßigkeiten. Böse Zungen behaupteten, Telce hätte sich gar keine Larve vorbinden müssen, denn sie war von Mutter Natur aus schon verstellt. Jeckew Santjörgen 4), auch Jcckew Lez (Spötter) genannt» stellte die Behauptung auf, wenn sich Telce rein abgewaschen' hätte, was sonst nicht zu ihre» Gewohnheiten gehörte, so hätte sie kein Mensch erkannt. ') Hausherr, Hausvater. -) Responsorium im Gebete. ’) Stelle im achtzehnten Geber. *) St. Georgen. (Fortsetzung folgt.) Soeben erschienen: ״Wiener Jüdischer Volkskalender".

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