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Jüdische Volksstimme · 1912-08-15 · Heft 20 (15.8.1912) · page 9

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XIII (1912)
Issue
Heft 20 (15.8.1912)
Date
1912-08-15
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Sh. 20. XIII /i Jahrg. Beilage zur ״Wiener Jüd. Volksstimme" 15. August 1912 Seite 9 Streiflichter über die Lage der Handelsangestellten. Wenn ich in Lösung der mir gestellten Aufgäbe es unternehme, die Lage der kaufmännischen Angestellten Oesterreichs objektiv zu schildern, bin ich mir wohl bewußt, daß diese Schilderung an dieser Stelle keine ausführlicher sein kann. Meine Zeilen sollen nur in groben Umrissen ein Bild der Verhältnisse geben, sie sollen sich in erster Linie mit der Lage der jüdischen Angestellten Oesterreichs beschäftigen. Diese Beschränkung ist nur eine scheinbare, denn alle soziale Nöten unter denen die Angestellten leiden und die im folgenden zur Erörterung gelangen, sind solche, die auch den Angestellten allerübrigen Nationen unseres nationenreichen Heimatlandes be- Kleiukaufleuten, die das Rekrutenkdntingent der Angestellten bildeten, so find es heute auch die Söhne von Beamten und Akademikern. Und ebenso wie sich der Kreis aus dem der Angestellte hervorging erweitert hat, hat sich auch seine Borbildung erweitert. Wenn dann der Angestellte fast ausnahmslos nur über Volks- und Bürgerschulbildung verfügte, in wenigen Fällen er» gänzt durch einen einjährigen Handelskurs, gibt es heute eine stattliche Anzahl Handels- und Industrieangestellter, die Mittelschulbildung besitzen und teilweise auch Hochschulen frequentiert haben. Sicher ist jedenfalls, daß die Vorbildung der Handelsangestellten und die der jüdischen Angestellten im besonderen, eine hohe Wertung ihrer Arbeit rechtfertigt. Wie sieht es nun mit dieser Wertung aus. Mit der Arbeitskraft des Angestellten wird kannt und drückend sind. Ueber diese allgemein > Raubbau getrieben. Wenn selbst in Wien die sozialen Berufsfragen hinaus, besteht jedoch für« Mehrzahl^ der Angestellten noch eine Arbeitszeit uns jüdische Angestellte im Handel und Industrie eine Frage, die einzig und allein uns tangiert, die Frage des Boykotts. Die Tatsache also, daß im Spiegelbild unserer Lage auch die Lage unserer andersnationalen und anderSkonfeffionellen Kollegen restlos zu erkennen ist, die Tatsache, daß die Lage der jüdischen Angestellten die schlechteste ist, und nicht weil ich für ein jüdisches Blatt, schreibe, bestimmt mich, die Lage der jüdischen Angestellten in den Kreis meiner Betrachtungen zu ziehen. Um die allgemeinen sozialen Forderungen, wie kürzere Arbeitszeit, höhere Gehälter usw., zu verwirklichen, werden die kaufmännischen Angestellten aller Nationen vereint allein kämpfen müssen, auf die breite Oeffentlichkeit, auf die Unterstützung der breitesten Schichten der Bevölkqrung werden sie dabei nicht rechnen dürfen, denn noch zu wenig ist die Erkenntnis verbreitet, daß die soziale und materielle Besierstellung eines Volksteiles auch eine Hebung des Volksganzen bedeutet, daß nur jenes Volk ein wahrhaftes Kulturvolk genannt zu werden verdient, bei dem auch der Geringste teilnehmen kann an den geistigen und materiellen Genüssen. Die Milderung des Boykotts jedoch werden die jüdischen Angestellten allein erzwingen müflen. Die soziale Lage der Handels- und Industrie- Angestellten Oesterreichs ist keine einheitliche. Es besteht nicht nur ein Unterschied zwischen Ost- und Westösterreich, zwischen Großstadt und Provinz, es bestehen auch weitreichende Unterschiede zwischen den Angestellten ein — und derselben Stadt. .Wie groß diese Unterschiede find, kann jeder ermesien, welcher das Dasein eines Spezereikommis, mit dem Leben eines Prokuristen oder Disponenten eines GroßhandlungS- oder Fabriks- Hauses vergleicht. Welch große Unterschiede in Bezug auf Entlohnung, gesellschaftlicher Wertung auch in puncto Vorbildung, schließen diese beiden Kategorien in sich, und wie zahlreiche Zwischen stufen schieben sich zwischen diese beiden Pole. Wie eingangs erwähnt, kann meine Schilderung nicht ins Detail gehen und so will ich denn den Durchschnittsangestellten, den Detailverkäufer, das Lager- und sogenannte niedere Bureauspersonal der en gros Geschäfte als Basis meiner ׳Schilderungen nehmen, weil diese Kategorien auch das Gros der Angestellten bilden. Untersuchen wir vorerst aus welchen Kreisen sich die Angestellten rekrutieren und welche Vorbildung sie in der Regel genossen haben Das Alte stürzt, es ändert sich die Zeit. Auch bei Beantwortung dieser Fragen müssen wir die Berechtigung des Dichterwortes anerkennen. Wenn vor zirka 20 Jahren noch, jeder jüdische Vater das löbliche Bestreben hatte, seinen Söhnen durch Mittel und Hochschulbildung den Weg zu hochsozial hochgewerteten Stellungen zur Beamtenlaufbahn, zum Staats- und Landesdienste zu ermöglichen, so geschieht dies heute nicht mehr so oft. Nicht etwa deshalb, weil die Gesinnung der Väter eine andere geworden ist, sondern weil der Geist der Faktoren, welche über die Anstellung der Staats-, Landes- und Kom» muvalbeamten zu entscheiden haben, ein anderer geworden ist. Staat, Land und Stadt wollen keine jüdische Beamte und Korporationen aller Art, deren Angestellte eine den Staatsbeamten gleiche Sicherheit in Bezug auf Avanzement und Kündbarkeit besitzen, find dem bösen Beispiel gefolgt, so die Handelskammern, viele Banken (z. B. die Oesterreichisch-ungarische Bank) ja selbst die Wiener Effektenbörse. Die sogenannten freien Berufe sind überfüllt und so wendet sich der Jude heute fa t ausschließlich dem Hantel zu. Waren es demnacj vor 20 Jahren die Söhne von Angestellten, von 11 Stunden und darüber unter den denkbar ungünstigsten Bedingungen hat, sei es als Ber- 1laufet in stauberfüllten Räumen, den nervenauftreibenden Launen der lieben Kundschaft schutzlos ireisgegeben, dabei ununterbrochen auf den Beinen, oder als Bureauangestellter oft, sehr oft in ungenügend ventilierten, künstlich beleuchteten Komptoirs stets emsig über die Bücher gebeugt, dann wird man es verstehen, daß neben allerlei Berufskrankheiten wie Kurzsichtigkeit, Engbrüstigkeit, Fußleiden, Rachen- und Bronchialkatarrhen der Bürgengel Tuberkulose unter ihnen reiche Beute >ält. Gewiß die Unfallsgefahr ist keine sonderlich roße, die Gefahr des langsamen Siechtums und chnellen Todes dafür eine umso größere, denn neben großen Arbeitszeiten haben die Angestellten auch unter kleinen Löhnen zu eiden. Die Arbeit des kaufmännischen Angestellten, 'ei es welcher Kategorie immer, ist eine hoch zu »ewertende und schon von diesem Standpunkt aus ist'eine angemessene Entlohnung zu fordern, Bedenkt man noch, daß an die Kleidung des An gestellten Anforderungen gestellt werden, die ganz «edeutende Summen erfordern, und daß, um den anitären Gefahren wirksam zu begegnen, vor allem eine ausreichende, kräftige Nahrung dem körper geboten werden muß, dann erst wird man >aS Aufreizende in seiner ganzen Größe erkennen, daß die Löhne der Angestellten selbst von manchem ״Welthaus" so bemessen sind, daß selbst die Be- Zeichnung Taschengeld dafür zu großsprecherisch wäre. Mir sind genügend Fälle bekannt, daß selbst 30 jährige Buchhalter eines Fabriksbetriebes we Niger Gehalt beziehen als 20 jährige gelernte gewerbliche Arbeiter desselben Betriebes, trotz rem deren Arbeitszeit kürzer ist. Wenn ich nun noch die steigende Unsicherheit der Stellung in Betracht ziehe, dann muß ich, msoferne ich der Wahrheit die Ehre geben will, offen aussprechen daß die Lage der Angestellten eine trostlose ist Lange Arbeitszeit, kleine Gehälter, Unsicherheit der Stellung sind Uebel unter denen alle Angestellten zu leiden haben. Eine Beseitigung dieser Uebel kann nur Sache der Berufsorganisationen sein. Bevor ich jedoch den Organisationen und Ihrer Bedeutung innige Worte widme, will ich der Frage gerecht werden, die einzig und allein Sache der jüdischen Angestellten ist und die auch zum Verständniß so manchen Vorkommnisses in der Gewerkschaftsfrage notwendig ist. Ich meine die Frage des Boykotts. Nicht uur der Staat will ein judenreines Beamtenkorps, sondern auch viele Unternehmer wollen ein judenreines Personal. Zweifellos hat es vor langen Jahren auch schon Unternehmer gegeben die dieses Bestreben hatten und darnach handelten; die Häufung derartiger Fälle, ist jedoch erst eine Sache der letzten Jahre und hat nun bereits bedrohliche Formen angenommen. Erwiesen ist es und jeder Kenner der Verhältnisse wird es bestätigen, daß die Zahl der Firmen die Juden prinzipiell nicht beschäftigen, bereits so groß ist, daß der jüdische Angestellte durchwegs länger postenlos ist als ein nichtjüdischer Kollege. Die jüdische Jugend kann auf Staats-, Landes- und Kommunalanstellungen nicht mehr rechnen und so wendet sie sich nunmehr ausschließlich dem Handel zu, ohne zu bedenken, daß auch hier Kräfte am Werk sind» den Antisemitismus sieg- Haft triumphieren zu lassen. Für mich ist es zweifellos, daß jeder jüdische Vater besser täte, seine Söhne zu tüchtigen Handwerkern heranzu-, bilden als sie dem Kaufmannsgewerbe zuzuführen. denn Handwerk und Kunstgewerbe hat auch heute noch fttr den Arbeiter immer eher goldenen Boden als das Handelsgewerbe. Die Lage der kaufmännischen Angestellten ist keine günstige und energischer Anstrengungen be- >arf es um diese zu verbessern. Außer Frage -teht es, daß dies dem einzelnen nicht möglich ist, daß nur die Zusammenfassung aller Kräfte, )ie Organisation hierin Wandel schaffen kann. Betrachten wir nun diese berufenen Kämpfer für Fortschritt in sozialer Beziehung. Selbst wenn ich wollte, könnte ich hier nicht ins Detail gehen, denn es ist für einen berufstätigen Angestellten!anz unmöglich, alle jene Vereine, Verbände und korporationen die Sachwalter unserer Interessen zu sein vorgeben, zu kennen, noch weniger aber, ihre oft hin- und herschwankende Taktik und Tätigkeit eingehend zu verfolgen. Hierüber eine getreue ausführliche Schilderung zu geben, wäre einzig und allein ein sich mit diesen Fräßen be« rufsmässig beschäftigender Gewerkschaftsbeamter im Stande und der bin ich nicht. In 3 Gruppen will ich die Angestelltenorganisationen (solche die ihre Tätigkeit über ganz Oesterreich erstrecken) und Aagestelltenvereine (solche, die ihre Tätigkeit auf )aS Gebiet einer Stadt oder eines Bezirkes beschränken) einteilen. Gruppe l. Die nationalen Organisationen mit antisemitischen Programm. Gruppe ll. Die nationalen Organisationen, die auch Juden aufnehmen. Gruppe III. Die Organisationen mit inter« nationalem Programm. Die erste Gruppe umfaßt soweit mir bekannt ist nur drei Verbände, den deutschnationalen Handlungsgehilfenverband, den Verband ״Anker" und eine kleine slovenische Organisation. Irgendwelche Bedeutung besitzt nur der erstgenannte Verband, während der Anker an Mitgliederschwund leidet und der slovenische Verein, wie bei der geringen Ausdehnung des Handels unter den Slovenen leicht erklärlich, eben nur vegetiert. Die soziale Tätigkeit der auf national antisemitischen Programm stehenden Organisationen hier des Näheren auseinanderzusetzen unterlasse ich, ich bin nicht unvoreingenommen genug, um hier wo ich eine rein sachliche Schilderung geben will, über sie zu berichten. Hier an dieser Stelle will ich ihnen nur den einen Borwurf machen (und ich glaube er ist schwerwiegend genug) daß sie über die Vertretung der beruflichen Forderungen, den nationalen Radau und den wüsten Chauvinismus stellen und so bewußt oder unbewußt verhindern, daß die getrennten Kräfte wenigstens vereint schlagen. Die zweite Gruppe ist schon etwas buntscheckiger. Es find deutsche, tschechische, polnische und italienische Vereine, die in diese Gruppe einzureihen sind. Die größten Organisationen dieser Kategorie sind tschechisch. ES find wirkliche Organisationen von Handelsangestellten, frei von jedem Einfluß der Unternehmer, und bloß über diese tschechischen Organisationen verlohnt es sich ein Wort zu verlieren, während die deutschen, italienischen, polnischen rc. eben Vereine und keine Organisa« tionen sind. Ihr Gebiet erstreckt sich auf einzelne Städte oder Bezirke, demgemäß ist auch ihre Tätigkeit. Geselligkeitspflege betrachten sie als ihre erste Aufgabe, Unterrichtskurse find eventuell ihre zweite. Eine soziale Tätigkeit versuchen sie nicht einmal, es sei denn, daß das Gewähren von Unterstützungen als soziale Tätigkeit betrachtet wird. Sie können auch gar nicht für sozialen Fortschritt eintreten, denn sie zählen auch eine große Anzahl Unternehmer in ihren Reihen mit denen sie Hand in Hand gehen wollen. Wollte man derartige ״Handlungsgehilfenvereine" als Organisationen betrachten, so müßte ein gleicher Ehrentittel auch den Kaufmännischen Vereinen zugebilligt werden, von denen dann einige auch in die erste Gruppe einzureihen wären. Von den tschechischen Organisationen sind zwei erwähnenswert: 1. Die ^eslcoslovanslcä obcbodnicka beseda kurz C. O. B. genannt. Es ist dies eine der ältesten Organisationen, vor zirka 30 Jahren gegründet und auch was Mitgliederzahl betrifft, eine der größten Handlung«- gehilfenorganisationen Oesterreichs. Sie verfügt über ansehnliche Mittel und vertritt in sozialer Beziehung einen ziemlich vorgeschrittenen Standpunkt. Die C. O- B. steht auf tschechischnationalem Boden, zählt jedoch auch Juden unter ihren Mitgliedern, trotzdem sie bei einigen Gelegenheiten, so z. B. zu Zeiten der Hülsnerasfäre die Chefs zum Boykott der jüdischen Angestellten aufgefordert hat. Die zweite tschechische Organisation dieser Gruppe ist eigentlich schwer zu definieren. Der Zentralverband, dies ihr Name, ist eigentlich eine tschechisch-separatistische Gründung, will dabei utraquistisch sein, was schon im zweisprachigen Ber-

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