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Jüdische Volksstimme · 1912-08-01 · Heft 18 (1.8.1912) · page 10

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XIII (1912)
Issue
Heft 18 (1.8.1912)
Date
1912-08-01
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Seite 10. Aüdijchl Voiköstimmr. Nr. 18. gibt Fürsten im Reiche des Geistes, Männer welche durch ihre Leistungen auf den Gebieten der Kunst und Wissenschaft bahnbrechend und deren Namen im dankbaren Gedenken der Mit- und Nachwelt leben, ein Gedenken, welches dauerhafter, als ein solches, welches in Stein und Erz gemeißelt, denn Erz verwittert. Marmor zerfällt, wer aber im VolkLmunde lebt, der überdauert Zeiten und Geschicke. Menschen die einem unvergeßlich, gibt es auf allen Gebieten, warum sollte es nicht auch berühmte Schnorrer geben? Lemel war em solcher. Wodurch es Lemel zur Berühmtheit gebracht? Darauf wird sich im Verlaufe der Erzählung von Lemels Lebensgeschichte die Antwort von selbst ergeben. Lemel Schwarz, auch Lemel Torhaken genannt. hatte in Nin Ungarn das Licht der Welt erblickt. Sein Vater Cheskel Lumpe! ( Lunge) so genannt, weil er mit Vorliebe Rindslunge aß. Cheskel erfreute sich eines geradezu ausgezeichneten Appetits, versügte aber nur über einen sehr mageren Geldbeutel, für ein billiges Lungengemüse reichte cs noch immer aus. Cheskel hausierte mit Baumwollbändern, Nadeln und Zwirn, dafür tauschte er Knochen n!!d Hadern ein, und ernährte seine kleine Familie schlecht und recht. Lemel, sein ältester, war ein großer derbknochiger Junge, von sehr geringen geistigen Fähigfeiten und Cheskel pflegte immer zu sagen, oaß er an der Borniertheit seiner Kinder keine Schuld träge, seiner Gattin Nachemcs Brüder, so meinte er, wären so dumm, daß cs gerade zu eine Schande wäre, und die Kinder — so hätte er vom Rebbe gehört — geraten immer nach den Brüdern der Mutter. ״Mein Bruder Moscheh", so pflegte Cheskel zu sagt״ ,״wäre doch beinahe Rom geworden und nur die Stelle fehlte ihm dazu; mein Bruder Choneh Löb ist doch ein gebildeter Mann, er schreibt doch deutsch wie ein Kalligraph. Freilich Hot er es nur zum Schlafstubenbesitzcr gebracht (Schlafstätte oder Schlafstube nannte man in alter Zeit die jüdische Herberge für die herumzicheuden Armen) wieder nur daS Weib daran schuld. Warum hat er auch die Tochter von Jekew Schlafstätter geheiratet." Lemel wollte in der Schule nichts lernen. Ter Melamed') Reb Salmen pflegte zu sagen: ״Was soll ich mit Lemel anfangen, schlag ich ihm das Sefer (Buch) an den Kopf, so wird das Sefer zerrissen und Lemels Chaserkopf-) bleibt ganz, schlag ich ihn mit den, Stecken, so schlage ich vielleicht einen Chamer') heraus und zehn andere Dummheiten erblühen zu neuem fruchtbaren Gedeihen." Mit dem Erreichen des dreizehnten Lebensjahrc verlü ß Lemel das Cheder«) und wurde beim Vorsteher Reb Mendl Hausjunge. Lemel begleitete seinen Herrn auf allen Geschästswegen, trug ihm den Pack mit Tuchwaren, fütterte die Kuh, spaltete daS Holz und verrichtete für einen geringen Lohn alle nur erdenklichen Arbeiten. Im Hause von Reb Mendl wurde Lemel sehr liebevoll behandelt, bekam reichlich Nahrung, wurde mit Kleider und Wäsche versorgt. Lemel verstand es aber auch sich das Vertrauen seines Herrn zu erwerben. Lemels Charakter war lauter wie Gold, er war von einer Treue, wie sie immer seltener zu finden ist. Man konnte ihm ungezähltes Geld anvertrauen, er hätte sich eher vierteilen lassen, als einen Heller zu veruntreuen. Während der Sommermonate, wenn er im Hause seines Brotherrn entbehrlich war, ging er auf die Robot. Zu jener Zeit mußte noch jeder Hausbesitzer der Gutsherrschaft einen Tag im Jahre Robotdienst verrichten, oder einen Mann stellen, der die Pflichtarbeit verrichtete. Diesen Dienst verrichtete Lemel für die Kost und eine Entlohnung von siebzehn Scheinkreuzern. Eines TageS hatte Lemel für die Witwe Fradel Reb Eisiks gerobotet. Der Abend war schon vorgeschritten, als Lemel hungrig und durstig vom Felde heimkehrte. Während Frau Fradel das Nachtessen, welches aus Kartoffelsuppe, Fleisch und ungefähr zwanzig großen Mehlklößen bestand, aufwärmte, erlaubte sie dem Lemel, der über brennenden Durst klagte, in die Kamnier zu gehen und sich den Topf mit kaltem schwarzen Kaffee zu nehmen, denn dieser lösche den Durst am besten. Auf demselben Tische aber stand auch ein Topf mit frischem Gänseschmalz zum Verkühlen, Lemel griff danach und trank diesen mit einem Zuge leer, verzehrte alsdann das Nachtessen mit großem Be- י) Lehrer. ’) Schweinsschädel, soviel als Dummschädel. Esel. *) Schule. s) 17. Tamus, Fasttag. °) Vorsteher. ') Gemeinde. ״) Abtrünniger. Hagen, und trug außer ein klein wenig Bauchgrimmen feine weitern Beschwerden davon. Am andern Tage, es war ein Freitag, holte Frau Fradel den Schmalztopf herbei. Entsetzen malte sich auf ihrem Antlitze ab, der Schmalztopf war leer. Sollte die Katze die Näscherin gewesen sein? Die Kammer war zu, daß Drahtgitter unversehet. Als sie aber den Topf mit schwarzem Kaffee erblickte, ging ihr erst ein Licht auf: Kein anderer als Lemel Fresser hat das Schmalz ausgetrunken. Frau Fradel faßte sich aber bald, lief mehr als sie ging zu Neb Mendl, um sich über Lemels Wohlbefinden zu erkundigen; Lemel war bereits am frühen Morgen wieder roboten gegangen. Reb Mendl fragte sie, warum sie sich so angelegentlich nach Lemel erkundigte. Frau Fradel erzählte ihm das Geschehenis mit dem Schmalztopfe. Neb Mendl lachte darüber so herzlich, daß ihm die Hellen Tränen aus den Augen flößen. ״Liebe Frau, machen sie sich über Lemel keine Sorgen, er verträgt Kieselsteine." Ein anderes Mal war Lemel während der neun Tage (Trauerwoche vom 1. bis 9. Aw) für Reb Leser Kazew (Fleischhauer) auf Robot. Man setzte ihm eine Milchsuppe und Kuchen vor, doch was war das für Lemels Appetit. Reb Leser fragte ihn, ob er noch Hunger habe, und als er dies bejahte, brachte man ihm einen Brotlaib und einen Topf mit Milch, dazu eine Tasse; doch Lemel lehnte die Benützung der Tasse ab, schnitt Brotstücke in den Milchtopf und aß mit vielem Behagen lange, bis weder ein Tropfen Milch noch ein umen Brot vorhanden war. ״Nun Lemel bist du jetzt satt", fragte Neb Leser? ״Niein lieber Reb Leser, antwortete Lemel, wenn man essen will, so hat man immer genug, wenn man fressen will so hat man niemals zu viel. Lemel stand bei Reb Mendl zwölf Jahre im Dienste, da starb ihm der Vater. Als das Trauerjahr vorüber tvar, wurde Lemel Soldat. Die Gemeinde R. hatte einen Mann beizustellen, Lemel brachte der Gemeinde, gegen Vergütung des Kostgeldes und einer bescheidenen Löhnung, das Opfer, sich zum Heeresdienst affentieren zu lassen. Josef Spulenzwirn, ein verbummelter Student aus R. ließ sich zum Militär anwerben und so verließen beide, Lemel und Spulenzwirn ihre Heimat, um sich nach P. zum Regiment zu begeben. Es war an einem heißen Schiwohssorbetamus-׳) als sich die beiden Vaterlandsverteidiger auf den Weg machten. Wenn auch jeder Loldat den Marschallstab im Tornister trägt, Lemel hatte keinen Raum dafür, denn sein Tornister war bis auf das letzte Plätzchen mit verschiedensten Eßwaren gefüllt. Kuchen, Barches, Brot, Fleisch, Wurst, Wein und Branntwein; er sollte für die erste Zeit, bis ein R.er Gemeinde- Mitglied nach P. kömmt mit Eßwaren versehen sein. Die Sonne sandte ihre glühendsten Sttahlen nieder, als wollte sie die Qualen des Fastens noch steigern. Eine Stunde mochten die beiden schweigend nebeneinander gegangen sein, als Josef zum Lemel sprach: ״Höre an Lemel, ich habe furchtbaren Hunger, der Durst schnürt mir die Kehle zu, ich werde anbeißen; beim Militär werde ich es ja mit den Speisegesetz und Religionsvorschriften nicht mehr genau nehmen, wozu also länger leiden. Die Pfeife zwischen den Zähnen gewährt mir auch kein Behagen mehr, also machen wir dem Fasttage ein Ende. Wenn einmal der Erlöser kömmt, so wird ja der Fasttag des vierten Monates sich doch in einen Festtag umwandeln, glaub mir Lemel der Messias ist jetzt gekommen; was die Propheten mit dem raschen Fluge ihres Geistes vorausgeahnt, hat sich erfüllt, so laß uns denn speisen. Warum auch fasten? Weil unsere Väter den Weg der Pflicht verlassen? Was geht das uns an. Und was harret deiner am Abend? Deine Speisevorräte werden bis zum Abend von der Sonne gedörrt sein, und jetzt ist noch alles genießbar. Ja, Reb Mendl der Roschhakohol kann schon fasten, er wird am Abend einen guten Slibowitz trinken, dann eine gute Nuderlsuppe, ein Paprikahuhn mit Nockerl effen, dazu im Brunnen gekühlten Wein trinken. Wenn ich daran denke, so steigt mir das Wasser im Munde auf. Lemel fei kein Narr und esse." ״Gewiß wird Reb Mendl fein essen, er ist ja Roschhakohol/) ist ein isch mechubod (angesehener Mann) und eS gebührt ihm so. Wenn ich noch in seinen Diensten stünde, ich hätte dasselbe bekommen, was soll ich aber tun, wenn Gott mich bestimmt, ein Auslöser für. die Kehillah׳) zu sein. Weißt du nicht, was der Prophet David gesagt? Wer äm Schiwohssorbetamus ißt, erlebt nicht vom Lewiathan zu kosten. Wir fasten baawaunausenu horabim (wegen unseren vielen Sünden), wären wir alle so gut und brav, so fromm und gelernt wie unser Row, dann wären wir längst im gelobten Lande", erwiderte Lemel. Josef setzte sich unter einen Baum und ließ es sich gut schmecken; Lemel setzte sich abseits von ihm und weinte bitterlich. Es begann bereits zu dunkeln, als die Kriegskumpane in P. anlangten und sich im Kreuzwirtshause einlogierten. Josef-kaufte sich ein warmes Nachtessen und legte sich auf's Streu. Lemel harrte geduldig aus, bis drei Sterne am Himmel sichtbar wurden, dann verrichtete er das Abendgebet und verzehrte den großen Vorrat an Speisen, welcher für viele Tage ausreichen sollte, zum Anbeißen. Im Tornister war wieder Raum genug für alle Marschallstäbe der Welt. Lemel legte diesen unter das Haupt und schlief bis in den Hellen Tag des neuen Morgens hinein. (Fortsetzung folgt.) OüclferöejpeeiHung vcurt Bcrgfou: Materie und Gedächtnis. Essays zur Beziehung zwischen Körper und Geist. Autorisierte Uebertragung. Mit Einführung von W. Windelband. Jena, Eugen Diederich?. LI. 8.— 264 88. Der französische Philosoph Henry Berg so n — übrigens ein Jude und Enkel russischer Juden — war noch vor wenigen Jahren bei uns unbekannt, obwohl er in Frankreich bereits zahlreiche Anhänger zählte. Das neue Suchen der Philosophie unserer Zeit, sich dein Banne kantischer Philosophie zu entziehen und, deren Verboten und Warnungen zum Trotz, zu einer absoluten Erkenntnis und zu einer Metaphysik zu gelangen, hat Henry Bergson auch bei uns bekannt gemacht und der Heidelberger Philosoph Windelband führt seine ״tiefgedachten Werke" in der deutschen Uebersetzung ein. Es ist sehr schwer, Bergson in eine Beziehung zu den geläufigen Richtungen der Philosophie zu setzen. Den allerletzten metaphysischen Problemen ist er bisher mit einer gewissen Ängstlichkeit aus dem Wege gegangen, und bemühte sich, nichts zu behaupten, >vas er nicht beweisen oder wenigstens aufweisen konnte, (montrer oii demontrer.) Am nächsten steht sein Denken wohl dem Schellings. Sein zentraler Begriff ist der des Lebens, des elan vitale. Dieser Lebensschwung ist die Substanz der Welt, deren Geschichte die Geschichte seiner Siege und Leiden ist. Siege und Leiden der Welt» substanz? Jawohl! doch der Feind, den das Leben bekämpft und zu besiegen hat, ist doch wieder nur das Leben, jedoch daS erloschene, verstorbene, das zur Materie gewordene. Für Bergson ist nämlich nicht die Materie die Mutter der Welt, sondern das Leben, und Materie entsteht aus dem Lebendigen, wenn seine Spannkraft nochläßt, sein Lebensschwung erlischt. Er ist also auch weit davon entfernt, die Materie, dieses Affallsprodukt, zum Träger des Geistcs zu machen, vielmehr ist die Materie, das Gehirn, nur Träger der Gclvohnheit, des immer gleich und automatisch wiederkehrenden. Dieser Gewohnheit, die das Tierische in uns ist, stellt Bergson die Erinnerung als die geistige Art des Gedächtnisses entgegen. Die Erinnerung erst bewahrt das Gewesene als einmal dagewesenes, nicht wiederkehrendes auf, sie ist dasjenige, was uns zu geistigen Wesen macht. Besäßen wir nicht die Gabe der Erinnerung, dann wären ivir nur Dinge im Raum, vergangenheitslos, zukunstslos, wie dieTiere, biennrGewohnheiten aber keine Erinncrrungen haben. Die Erinnerung macht uns zu geschichtlichen, zu freien Wesen. Frei sind wir freilich nicht immer, denn gcivöhnlich sind auch >vir nur Automaten, von Gewohnheit gestoßene Körper. Aber wir können frei sein, können Besitz von uns selbst ergreisen und uns schöpferisch in die konkrete Zeitwirklichkeit hincinversetzen. — Dies ist in Kürze der Gcdankengang des bedeutsamcn Buches, dem man gerne viele aufmerksame Leser wünschen möchte, und das im Kampf gegen den Materialismus eine wertvolle Waffe ist. Helene Böhlau, Jsebies. Roman. Geheftet 5 Mark 50 Pf., in Seinen gebunden 7 Mark, in Halbfranz 9 Mark. Verlag von Albert Langen in München. Ein neues Werk von Helene Böhlau, der außer Marie von Ebner.Eschenbach einzig mit dem Schillerpreis geklönten deutschen Dichterin, wird dem großen Kreis ihrer Anhänger immer eine Freude sein, insbesondere aber dieses. Den Lesern von Velhagen und KlassingS Monatshefte ist der Roman seit dem vergangenen Winter bekannt, doch auch ihnen wird das Buch neues bringen, weil in ihm der Roman unverkürzt erscheint und mit einem neuen, machtvollen und tief bewegenden Schluß ausgeht, über Helene Böhlaus Leben ist viel gesprochen worden, doch fast nur Unwahres. In ihrem neuen Roman ״Jsebias" gibt sie eine dichterische Gestaltung ihies Lebensgange,-, ein Bild dieses reichen Lebens. Mir der bekannten Meisterschasr schildert sie vor allem schön die Jugendjahre, die Zeiten des Entwickelns und Aufwachens des starken, eigenartigen Menschen in dieser kleinen Jsebies. Wie eine Lisztsche Rhapsodie, wie glutvolle, aufwühlende Musik mutet der starke Mittelteil an, die Schilderung von Jsebiensens Kampf mit ihren Schicksal, dem sie aus Qual und Leid mit mutigen Herzen endlich folgt, — sie findet ihren Gefährten; darauf wundervolles, verklärtes Leben in Konstantinopel und München. Und in mächtigen Akkorden erklingt der Schlußteil: Todestrennung und ruhige Ergebung, Krönung des Leben?. Tiefe Erkenntnis von Menschen und Welt, urev fache Weisheit leuchtet aus diesem Buche wie selten aus einem Kunstwerk. Mit seinem reichen Inhalt, seiner echt Böhlauscheu verinnerlichten Sprache und seiner oft dramatisch gespannten Handlung wird eS jedem rin starkes Erlebnis sein. Achtung auf den kleinen Anzeiger!

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