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Jüdische Volksstimme · 1912-08-01 · Heft 18 (1.8.1912) · page 9

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XIII (1912)
Issue
Heft 18 (1.8.1912)
Date
1912-08-01
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Nr. [18. XIII./1 Jahrg. Beilage zur ״Wiener Jüd. Volksstimme" 1. August 1912. Seite 9. David Schimonowitz. Dr. H. Bergmann. Die moderne hebräische Literatur leidet an einer Hypertrophie des Lyrischen. Wer etwa das kürzlich erschienene Jubiläumsheft des ״Ha'chiloah", der führenden hebräischen Monatsschrift, zur Hand nimmt, wird erstaunt sein, wie sehr hier gegenüber den lyrischen Beiträgen die erzählende und essaistische Prosa zurücksteht. Die Ursachen dieser Erscheinung mögen sehr mannigfaltige sein. Zweifellos sind unter ihnen zwei Momente ausschlaggebend: die reiche lyrische Traditition des Hebräischen und sein gegenwärtiges Schicksal: eine ungesprochene Sprache zu sein, ein innerlich reiches Leben zu führen, dem noch die Möglichkeit äußerer Entfaltung fehlt. Wenn es unter der (natürlich relativen) Fülle von lyrischen Dichtern einem jungen Manne gelingt, mit seinem Erstlingsbuche sofort die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken, so mag er etwas bedeuten. Und dies scheint mir in der Tat bei Dawid Schimonowitz der Fall zu sein,' von dessen Gedichten ich hier sprechen will. Ec hat vor einem Jahre in der Bibliothek des Verlages ״Safruth" (Warschau) ein Bändchen von siebenzig Seiten erscheinen lassen, das er ״I e s ch i m on ״) ״Die Wüste") betitelte und in den letzten Tagen erst hat die ״Bibliothekah G'dolah" des Berlages ״Tuschijah" ein zweites Buch von ihm gebracht. ״Sa'arud' mamah" (״Der Sturm und das Schweigen") nannte Schimonowitz diese zweite Lese. Was sind das sür Gedichte, welchen Platz wird man ihnen in der Literatur anweisen? Es ist schwer und undankbar. Lebendiges zu rubrizieren. Wenn man Schimonowitz mit den anderen hebräischen Lyrikern unserer Tage vergleichen wollte, müßte man nur versichern, daß er ein ganz Eigener ist. Er ist kein Dichter des Judentums, wie Bialik und die sich an ihn anschließende Richtung unter unseren Dichtern, die aus dem Schicksal und der Hoffnung unseres Volkes die Begeisterung für ihren Sang schöpfen. Seine Lieder tändeln nicht wie die Jizchak Katzenellsohns, und die Natur, die er besingt, ist nicht die idyllische Tschernichowskys- Die Wüste, der Sturm, das dumpfe Schweigen — diese drei Titelworte seiner Bücher charakterisieren den friedlosen Menschen, der sie geschaffen hat. Er gibt immer nur sich selbst. Nichts äußerlich Herangekommenes, nichts, das ihm mit andern gemeinsam wäre, kennt dieser echte Lyriker. Er hat nur einen Stoff: sich selbst, den zerrissenen, ruhelosen, friedlosen Menschen. Sein Verhängnis ist der Ueberschuß an Kraft. Versehentlich— so meint er einmal — habe der Schöpfer seiner Seele ein doppeltes Maß an flammendem Leben, an stürmischem Freiheitsdrang eingegeben. Der Dichter möchte ein Manifest erlassen, möchte alle einladen, die den Hammer, die Keule zu schwingen verstehen. Mögen sie hämmern mit vereinter Kraft! Ob es ihnen gelingen wird» das laute Pochen seines Blutes, das Drängen seiner Kraft zu übertönen... Es ist nicht gut, wenn ein Mensch eine solche Gabe in die Wiege mitbekommen hat. Er möchte Welten schaffen, Welten umfassen — und muß sein Menschenschicksal tragen. Das ist des Dichters ״großes Leid". ״Ein unendliches Leid zehrt an mir, mein Reichtum ist groß und ich weiß ihn nicht hinzugeben". Schimonowitz erzählt ein Märchen von einer Wolke. (״Al merchabe zijah".) Sie war die Tochter des Ozeans und der Sonne. Vom Vater hatte sie das stürmische Fluten, den Drang nach Kampf und Sieg geerbt, von ihrer Mutter den Wunsch, ihre Kraft in segnender Befruchtung ausströmen zu lassen. Aber ihr Schicksal zeichnete ihr den Weg vor — über einer Wüste hinzustiegen. Endlos dehnt sich das Sandmeer, vergebens blickt die Wolke von ihrer Höhe nach einem Felde, einem Wald aus, um da ihren Ueberstuß hinzugeben. Nur nackte Felsen, brennende Sandberge starren empor. Die Wolke will segnen; gierig, lechzend verschluckt der glühende Sand die kühre Flut. Aber die Wüste weiß nichts von Fruchbarfeit und Wachstum. Kaum daß sie einen Augenblick erbebt, wie in der Erinnerung an ein uraltes Märchen, an lange vergangenes Leben... Und wieder Glut und Schweigen ringsum... Meintest du dich, du Dichter, du hebräischer Dichter?... Schimonowitz ist arm aus Reichtum. Die Wüste ist seines Lebens Bild. Er hört ihren Geist klagen, ob der Sonnenglut, die sich fruchtlos an ihr verschwendet. Seine Blumen verdorren oder erfrieren an jener inneren Kälte, die ihn auch in der Sonne des Südens schüttelt. Aber was taugen Blumen, die verwelken, was nützt ein Licht, das ve löschen kann. Das ewige Weltenlicht will er schauen. ״Soll es mir nicht offenbar werden, dann will ich deine Beute werden, harter, scharfer Winterfrost". Dieses Motiv des ״Alles oder Nichts!" kehrt in des Dichters Gedankenwelt immer wieder. Er wirft sich Lilith in die Arme, verschreibt sich dem Teufel, da Gott ihn nicht erhören, sich ihm nicht offenbaren will. Fort mit allem ״Vielleicht" oder ״Vermutlich", fort mit allen Täuschungen des Augenblicks! Dieses Lebensgefühl hat Schimonowitz in einem Gedichts verarbeitet, dessen Inhalt eine grandiose Auffassung eines vielgelästerten Talmudwortes ist. Es heißteinmal: ״Wenn einer des Weges geht und lernt und sein Studium unterbricht, um auszurufen: Wie schön ist dieser Baum, wie lieblich dieses Feld! — dann ist er des Todes wert". Als sich vor einigen Jahrzehnten das europäische Lebensgefühl in der hebräischen Literatur Bahn brach, da war dieser Satz die Zielscheibe heftiger Angriffe und man exemplifizierte gerade an dem Gegensatz, in dem ein solches Wort zur modemen Lebensauffassung steht, die Not- Wendigkeit einer Umwertung der Werte innerhalb des Jlwentums. Schimonowitz, dem man wahrlich nicht den Vorwurf einer Naturfeindschaft machen kann, eignet sich nun doch jenes Wort an. (״Benafschi ani lo ethchajew".) Und er tut dies mit einer kühnen Wendung des Gedankens: Alle Schönheit der Natur — so etwa lautet das trockene Argument dieses leidenschaftlichen Gedichtes — ist Gott nur ein Mittel gewesen, um sich seiner Welt zu verbergen. Es ist unmündiges Kinderspiel, wenn man sich ob der Freude an dieser Schönheit von jenem Wege ablenken läßt, der über sie hinaus zur Erkenntnis des Weltengrundes führt. Mag der Schmetterling sich am Blumenkelch freuen und das junge Vieh auf seiner Wiese arglos lagern — die Menschenseele darf sich nicht täuschen lassen; des Dichters Seele mag sich nicht damit zufrieden geben, daß man ihr ein Geheimnis enthüllt und Myriaden verschleiert. Wenn das Leben nur genossen werden kann in Blindheit und mit lahmen Flügeln, dann sei es verflucht. Und lieber fliegt die stürmische Seele dem Abgrund zu, als daß sie ihr Genügen fände an der Schönheit, die sich ihr mühelos darbietet... . . . Dem Abgrund zu. Und dieser Abgrund trägt einen fürchterlichen Namen: Langeweile. Soll der Adler, dem die Flügel beschnitten wurden, sich damit zufrieden geben, mit den Gänsen um die Wette zu fliegen, der Löwe im Tiergarten den Gaffern zuliebe brüllen? Was sind unserm Dichter die Zerstreuungen der Menschen? Und wollte er sie auch aufsucheu, wollte er im Weine seinen Schmerz betäuben, es begleitet ihm auch da seine geheime Genossin, die Einsamkeit, die Oede. Ec hat das Geheimnis de» Lebes durchschaut, aber in einer fürchterlichen Weise. War ihm in seiner Jugend das Leben als eine gerade Bahn erschienen, die ewig vorwärts führt, so sieht er sich jetzt plötzlich auf alten Pfaden wandeln. Das Leben ist ein Kreis, der in sich selbst zurückkehrt, ein enger Kreis und wehe dem, der ihn schnell durchlaufen hat. Noch eilt ein Fuß einem Ziel entgegen, und schon stockt der andere, gebannt von der alten, von ihm selbst getretenen Spur . . . Ewige Wiederkehr! Wir sind gewohnt, diesen Gedanken mit Nietzsche philosophisch zu betrachten und dann wird er freilich zum unsinnigen Phantom- Er nimmt nichs und gibt nichts. Denn die Dinge kehren ja genau so wieder wie sie einmal da waren und sie waren schon so und so oft in derselben Gestalt da. Dieselben Spannungen und Reize, welche dieses Leben jetzt bietet, werden das nächste ebenso erfüllen. Diese Multiplikation ändert nichts am Dasein. Anders ist eS, wenn unfern Dichter das Bewußtsein davon ergreift, daß dieses eine Leben sich in einem kleinen Kreise dreht. Nun kehrt im nicht mehr das Gleiche wieder, vielmehr lösen sich ihm alle Erlebnisse in das Nichts der Langeweile auf. Nun ist er von dem Hegelschen Gefühle gepackt, daß die Unsterblichkeit, wenn sie nichts anderes wäre als ein endloses Fortsühren des Lebens, der schrecklichste Gedanke wäre. ״E - wühlen die Wellen im Ozean und branden gegen den Felsen. Die Wogen, die eben anbrandeten und zurückfluteten, beginnen ihr ewiges Spiel von neuem." Nicht im zeitlichen Fortgang allein kann die Erlösung liegen, sie muß gewissermaßen in einer andern Dimension gesucht werden. Doch Schimonowjtz kennt nur die negative Seite dieses Lebensgefühls: Pessimismus, Verzweiflung. Er möchte als Einsiedler in die Wüste gehen, aber nicht, um da einem Gott zu leben, sondern um stumm nur dem einen Werk zu dienen: die Ringe jener Kette, die sich von Geschlecht zu Geschlecht spannt, einem nach dem andern wie durch seine Finger ziehen zu lassen, wie er mit blutiger Hand Anfang oder Ende dieser Zauberkette ergriffen hätte... (״Jeschimon" S- 23.) Er sitzt auf dem Schiffe, das ihn nach Palästina führt, und ein arabischer Bettler nähert sich ihm. ״In Mekka und Medina will ich für Euch beten, erbarmt Euch, Brüder, mein Tag ist schwer". Und der junge Dichter antwortet dem alten Bettler: ״Hier Bruder, deine Gabe. Aber für mich sollst du nicht beten. Mir hilft kein Zauber, kein Prophet, für mich ist alles Flehenvergeblich. Ich habe keine Heimat, nach der ich mich sehne, keinen Seher zu dem ich emporschaute, mein Gebet starb längst dahin. Düster und dunkel ist mein Weg und meine einsame Fahrt kennt keinen Hafen". Doch es ist Zeit, von Schimonowitz, dem Dichter der Natur zu sprechen, damit ich nicht den Anschein erwecke, als sei sein Werk eine in Reime gebrachte metaphysische Grübelei. Davon ist er weit entfernt. Er hat uns in seinem ersten Buche eine Schilderung des Meeres — seine Fahrt nach Palästina gegeben, die man mit der berühmten Meeresöde Jehuda Halevys zusammenstellen darf- Die Sonnenuntergänge, die Nächte der Wüste, das Fallen des Schnees, wie weiß er all das zu besingen! Doch geht eS ihm nirgends darum — obwohl er es ausgezeichnet versteht — die Natur zu malen. Ec findet überall in ihr sich selbst. Er schafft die Natur aus sich selbst neu. ״Aus jedem glitzernden Tautropfen baue ich mir blendende Sonnen, aus dem Wolkenzüge schaffe ich leuchtende Welten. Mir winkt unter jedem Stein ein heimlicher Kristallpalast, ich kenne der Tiere Sprache im Gebüsch des Tals. Ich sammle aus der Asche der Ruinen heilig glimmende Funken, jeder Laut und jede Regung birgt mir Schätze ohne Zahl." (Halachti bedarki") So wird ihm die Natur überall lebendig, vielfältiger Kräfte voll. Darum versteht er Therach, den Polytheisten und Pluralisten. besser als den Monotheisten Abraham. (Man vergleiche die entzückende Therachszene. dre der ״Haschiloah" eben veröffentlicht hat.) Im Frühling geht ein lichter Engel durch die Flur und zieht allen Dingen neue Kleider an. Selbst die schwarzen, alten Zäune bekommen bunte Farben zum Gewand. Im Sommer lassen sich die kaum geborenen ersten Strahlen mit unserm Dichter ins Gespräch ein. Dem sterbenden Sommer widmet er eines seiner schönsten Lieder. (Hakajiz hagossess.) Den Altweibersommer, die Spinnfäden, die der beginnende Herbst verweht, weiß er als das Leichentuch des großen Toten zu deuten. Alle Provinzen spinnen daran. Und was bedeutet das Stöhnen des Windes im Herbste? Ist es nicht der große Kaddisch, den der Wind sagt für die Seelen der Heimgegangenen Blumen? Es ist nicht zu verwundern, daß dieser Dichter der Natur auch die Liebe zu gestalten weiß. Das zarte Liebesgedicht aus Rechoboth, das die zweite Sammlung enthält (״Lebath haamakim") möchte ich zu den besten Liebesgedichten unserer Literatur zählen. Und das will viel sagen in einer Literaturgattung, an deren Spitze das Schic Haschirim steht! Doch genug. Aller literarischen Kritik und zumal einer solchen, die in einer dem Dichter fremden Sprache geschrieben wird und daher ihre Darstellung nicht einmal mit Beispielen stützen kann, sind allzuenge Grenzen gezogen. Und alle Worte, die man über die Gedichte macht, können nur den Wert haben, auf sie selbst hinzuweisen. So möchte ich den Liedern von David Schimonowitz viele Freunde wünschen! Lemel. Von Dr. F. Rich. Heinschel. Es war nicht der König der Schnorrer, dazu fehlte ihm das positive Maß hebräischen Wissens und die Sicherheit des Auftretens, aber er war ein Gefürchteter im Reiche derer, die schnorrend von Ort zu Ort, von Haus zu Haus ziehen. Es gibt einen Adel der Geburt, der Gesinnung, es Soeben erschienen: ״Wiener Jüdischer Volkskalender".

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