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Jüdische Volksstimme · 1912-07-25 · Heft 17 (25.7.1912) · page 10

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XIII (1912)
Issue
Heft 17 (25.7.1912)
Date
1912-07-25
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Seite 10. Irische Bo!»stimme. Nr. 16. über den Inhalt gestellt werde. Wie oft gieng er mit der Idee um, für eine Lehre Propaganda zu machen, die der Form ganz entraten solle, deren Ziel einzig und allein Nächstenliebe, Pflichterfüllung, Streben nach Gottähnlichkeit sein sollte. Doch die ihn umgebende Menschheit schien für dieses Ideal nicht reif. Die Form war notwendig. Ja, wenn sie nur von wirklichem Inhalt durchgeistigt wäre! Bon Rom aus kamen ihm verlockende Anträge, wenn schon nicht als Geistlicher, so doch als Lchrer zu wirken. Er lehnte alle ab, vermied es, nach dort, um die, die ihm Gutes getan, nicht zu kränken, von seiner Rückkehr zum Judentum zu berichten. ״Daß ich mich demselben jemals abwandte", sagte er einst zu Eli, der ihn mit Gattin und Kindern in Prag besuchte, ״war eine Irrung, die ich aber, nicht bedauere, denn wer weiß, zu welchen Ausschreitungen die antisemitische Hetze geführt hätte, wenn ihr nicht des Papstes Machtwort Einhalt geboten hätte! Dr. Eli verbrachte einige Wochen mit den Seinigen in dem schönen. Als sie nach Verlauf derselben von Aladär Abschied nahmen, mußte Aladär versprechen, sie bald in ihrem Heim zu besuchen. Er wollte sein Wort einlösen, fand aber nicht die Kraft dazu in sich. Aranka, um deren willen er einst das Vaterhaus verlassen, war ihm noch immer die Heißgeliebte; ihr nah sein und fern bleiben zu müssen — welche Seelenqual l Ja, wäre sie nicht des Bruders Weib gewesen! Doch so hieß es entsagen. Wie schwer ihm das mit seinem liebeglühenden Herzen wurde, ahnte Niemand. Und als er zu kränkeln begann, wußten auch die Aerzte nicht, wo es ihm fehlte. Tiefe Melancholie hieb seine Sinne umfangen. Der schöne, jugend starke Mann siechte dahin, war kaum mehr der Schatten seiner selbst. Die Einen meinten, er sehne sich nach Rom, Andere, er sei nicht Jude, nicht Christ und des halb, mit sich zerfallen. — Freude u >d Frohsinn 'waren aus seinem Leben gewichen, auch die rechte Schaffenslust, die ihn eh.׳dem beseligte. Seit Wochen bettlägerig, verlangte er darnach, die Seinigen zu sehen. Bruder und Schwägerin eilten an sein Krankenbett. Ec fieberte stark, erkannte den Bruder nicht mehr, wohl aber Aranka, die er leidenschaftlich küßte, den heißen Kopf an ihre Brust lehnte und nach wenigen Augenblicken, selig lächelnd, in ihren Armen verschied. Unter seinen hinterlasienen Papieren fand sich manch' schwungvolles, von Entsagung und glühen der Liebe durchgeistigtes Gedicht, in denen er Aranka seines Lebens entschwundene Sonne, sein verlorenes Glück nannte. Der Bruder war aufrichtig genug, diese Papiere Aranka zu übergeben. ״O, ich wußte eS, daß er mich liebte", sagte -sie, indem sich ihre Augen mit Tränen. füllten, ״ich wußte, daß ihn diese Liebe in die Ferne triefe, ״doch glaube mir, kein Wort, kein Blick ist je Mischen uns gewechselt worden, stets bin ich Deiner würdig geblieben!" ״Brauchst Du das zu beteuern?" fragte Dr. -Eli, ״ich weiß, daß eine gute jüdische Frau dem Gatten Treue bewahrt, und Du. mein Aranka, bist eine Musterftau und mir jetzt doppelt teuer, da ich erkenne, welche Opfer Ihr Beide, Du und -er teuere Entschlafene, mir gebracht! Lass' uns sein Andenken in Ehren halten! Hamburg der kacholische Gottesdienst verboten war. Unter ihnen waren nicht nur Kaufleute, onderu auch geschickte Haudwerker. Immerhin mußten sie auch in Hamburg das Leben einer verbotenen Sekte führen und hatten nicht einmal das Recht, eine Gebetsversammlung abzuhalten. Die Hamburger Regierung war grundsätzlich nicht dagegen, ihnen gewisie Rechte zu verleihen. Sie verstand zu gut, daß diese klugen Kaufleute und geschickten Handwerker dem Handel des Hamburger Hafens nur förderlich sein können und daß eS geradezu einer-Selbstverstümmelung gleich» '!omme, sie in die dänischen Häfen zu treiben, wo ie mit offenen Armen ausgenommen worden vären. Wenn später eine Agitation gegen sie einetzte. so kam sie hauptsächlich von seiten der lutherischen Geistlichkeit. Die Hamburger Regierung hat es offeni ündig so lauge wie möglich vermieden, der Frage näher zu treten, ob die eingewanderten Maranuen!Lohnrecht haben, sie verließ sich gern darauf, daß ie allgemein als Katholiken galten. Und als eS 'päter aller Welt offenkundig wurde, daß man eö mit leibhaftigen Juden zu tun hatte, da unterzeichnete der hamburgische Senat eine Verordnung teS Inhalts, daß die eingewanderten Juden in Hamburg zu dulden sind. Die deutschen Juden blieben nach wie vor von Hamburg ausgeschlossen. Ein deutscher Jude rot einmal dem Senat eine einmalige Anzahlung von 3000 Talern und eine jährliche Steuer von 400 Gulden an für die Erlaubnis, in Hamburg zu wohne» und der Senat hat sein Anerbieten abgelehnt. Erst gegen Ende des 17. Jahrhunderts!onnten sich einige deutsche Juden unter dem Schutze der Pirtugiesen. in Hamburg niederlaffen und erst 1719 wurden sie offiziell als Gemeinde anerkannt. Die Blütezeit der portugiesischen Gemeinde war das 17. Jahrhundert. Einer von ihnen, ein gewiffer Beneditta de Castro, war ein so bewährter Meister, daß seine christlichen Konkurrenten aus Neid gegen ihn ein Pamphlet gegen alle jüdischen Handwerker verbreiteten. - Der große Bankier Texeira war so reich, daß der Kaiser, als Beherrscher des ganzen deutschen Reiches, einen Abgesandten nach Hamburg schickte mit dem Auftrag, daß der Senat das ganze Bermögen des Bankiers konfisziere und nach Wien schicke. Dies forderte der Kaiser unter dem Vorwände, daß Texeira als ein vom christlichen Glauben Abtrünniger dem Kaiser mit Leib und Vermöge! 1 verfallen sei. Dieser ganze Handel nahm aber die Gestalt eines internationalen Skandals an. da Texeira der Konsul der schwedischen Königin Christine war und sich also unter dem Schutze einer fremden Re gierung befand. Schließlich fand sich Texeira mit dem kaiserlichen Gesandten ab. Er schenkte ihm nämlich eine Schuld von 75.000 Franken, die er an einen spanischen Edelmann zu fordern hatte, und von dem er das Geld doch nie hätte eintreiben können, da es ihm verboten war, den spanischen Boden zu betteten. Das Jubiläum einer jüdischen Gemeinde Die Hamburger portugiesische Gemeinde feiert dies Jahr ihr 300 jähriges Jubiläum. Im Jahre 1612 nämlich bekam eine Anzahl portugiesischer Juden offiziell das Recht, in Hamburg zu wohnen. In damaliger Zeit dursten in Hamburg keine Juden wohnen. Einige portugiesische Juden, 125 im ganzen, schifften sich eines Tages in Hamburg aus, um vor den grausamen Verfolgungen der Inquisition Schutz zu finden. Schon von Spanien aus hatten sie mit Hamburg Handelsbeziehungen unterhalten. ES waren Marannen, die, des ScheinchristentumS überdrüssig, zum Vaterglauben zurückgekehrt und deshalb au« der Heimat entflohen waren. Sie sielen infolge ihres südländischen AuSsehenö, einer gewiffen Grandezza in ihrem Benehmen und ihrer fpanischen Sprache als Juden weniger in die Augen. Bei ihrer Ankunft wurden sie überhaupt in einem so verkehrsreichen Hafen wie Hamburg kaum bemerkt. Man hielt sie anfangs für Katholiken. Daß sie die Kirche nicht besuchten, konnte nicht beftemden, da im protestauüschen und an der Verwirklichung Ihrer Autonomie mitwirken. Ich will hoffen, daß Sie auf dem Wege, )en Sie 'eingeschlagen haben, Ihr Ziel erreichen werden und daß Sie dann ein noch entsprechenderes moralisches Kapital jenes Judentums repräsentieren werden, das auch tn der Vergangenheit ein sehr iedeutender Hebel des kulturellen Fortschritts und )er Entwicklung Ungarns war. Die Antwort des Ministers wurde von der Deputatton mit lebhaftem Beifall ausgenommen. Die Deputation begab sich sodann zu dem Ninisterpräsidenten Ladislaus v. Lukacs, der auf die Rede des Hofrates Franz Szekely folgendes erwiderte: Empfangen Sie meinen Dank dafür, daß Sie mich aufgesucht und sich in Ihrer Angelegenheit verttauenSvoll an mich gewendet haben. Sie können übe^eugt sein, daß ich sowohl die kulturelle, wie auch die politische Bedeutung des Judentums )erart würdige, daß es sich von selbst versteht, daß Sie in allen Fragen, in denen Sie sich an die 1 Regierung wenden, meinerseits und von seiten der ' Regierung stets dem vollsten Wohlwollen und der Interstützung begegnen werden. In meinem bis- »erigen Tätigkeitskreis hatte ich keine Gelegenheit, mich mit dieser Angelegenheit zu beschäftigen, so )aß ich nicht Ihre auf die Herstellung der Eintracht und des Zusammenhaltens gerichteten Betrebungen. mit größtem Wohlwollen unterstützen verde, und wenn Sie sich in diesem Belange an die Regierung wenden werden, stehe ick Ihnen gern zur Verfügung. Lebhafte Eljenrufe folgten den Worten des Ministerpräsidenten, der sich sodann durch Hvfrat Szekely die Mitglieder der Deputation vorstellen ieß. In dem angeregten Gespräche, daS der Ministerpräsident mit den Mitgliedern der Deputation führte, wies Hoftat Franz Szekely scherzend )arauf hin, daß diese Angelegenheit in das Reffort des Ministerpräsidenten falle, weil es sich darum sandelte, die Obstruktion einzustellen und den Frieden zu schaffen, worauf Ministerpräsident v. Lukacs lächelnd bemerkte: Dann haben Sie sich wirklich an einen Sachverständigen gewendet. Der Ministerpräsident versprach schließlich abermals, 'ich über den Stand -er Angelegenheit genau informieren zu lassen und alles im Interesse der Herstellung des Friedens im ungarischen Judentum anzuwenden. Die jüdische Autonomie in Ungarn. Eine große Deputation erschien vor kurzem unter der Führung deS Hoftates Franz Szekely bei dem UilterrichtSminister Grafen Johann Zichy und bei dem Ministerpräsidenten Ladislaus v. Lukacs, um deren Unterstützung bei der Verwirklichung der israelitischen Autonomie zu erbitten. Zuerst erschien die Deputatton bei dem Unterrichtsminister Grafen Johann Zichy, vor dem Hoftat Franz Szekely daraus hinwieS, daß die Judenschast umso ehe! auf die Unterstützung der Regierung rechnet, wei ihre Bestrebungen mit den Jntereffen des Landes und der Natton übereinstimmen und weil sie innerhalb einer großen und angesehenen Konfession den Frieden Herstellen wollen, der die Garantie für den künftigen Fortschritt und die kulturellen Be strebungen bildet. Kultus- und Unterrichtsminister Gros Johann Zichy antwortete folgendes: Ich muß die Frage, da ich doch anderer Konfession bin, Mt der größten Vorsicht, mit dem größten Taktgefühl und dem größten Liberalismus behandeln. Sie können übe zeugt sein, daß das Schicksal des Judentums auch in dieser Frage in die Hand des Judentums niedergelegt ist. Insofern Sie mit dem Gewichte, mit dem einheitlichen Willen auftteten können und wollen, die za der vollständigen Ausgestaltung einer derarttgeu Angelegenheit notwendig sind, werde ich mit der größten Freude zu Ihrer Unterstützung berbeieilen Achtung auf den kleinen Anzeiger. i Sternhof i bestes aller Bitterwässer. ffiücftetbefpredumgen.*) Georg Hirschfeld: Rasten und Gefahren, Novellen. Verlegt rar L'enien-Berlag zu Leipzig. Eine hübsche Auslese von Novellen bietet dieses Buch: daS zu uns mit großen, Hellen Augen spricht. Gleich die erste Nov-lle: ״Die Kameraden" ist von einer Lebenswärme durchsprudelt, die uns angenehm berührt. Der Seemann Hans Eioenbrod und der Kommunalbeamte Benno Riedermaier sind die Kameraden, und die Verschiedenheit ihrer Charaktere gibt hier ein hübsches Zusamnienspiel voll Maupassantscher Allürer ohne dessen eroüsche Keckheit. Viel künstlerische Bildnerkcast kennzeichnet die Novelle ״Doktor Keffel". Es spielt da ein anmutiges Trio dreier Menschen: Mutter. Kind und Lehrer. Und die Gestalt Doktor Kessels ragt da so klar und mächtig hervor, daß wir seine Züge zu sehen und seine Worte zu hören wähnen. Sein Erleben rückc uns nahe, und wir bedauern, daß diese feinziselierte Gestalt nicht -in den Rahmen einer weiteren Handlung gestellt ist. Georg Hischfeld ist ein angenehmer Schilderer, und wir lauschen ihm gerne. Doch unverständlich scheint eS, warum in der Erzählung: ״Höllental" der grau in grau gezeichnete Schloßherr" grad ein Jude sein muß. Diese lüsterne 'Greisgestalt hat mit dem Judsein keine zwingende Bewandtnis, und muß daher daS Hervorstreichen seines Judenseins beinahe störend wttken. Von den anderen Novellen wären noch besonders zu nennen: ״Ein besorgter Diener" und die an Ibsen gemahnende. Erzählung: ״Das Recht auf den Tod". Alles in allem ein hübsches Buch, des Lebens und guter Freundschaft wert. Lemberg. Lorenz Sch er lag. *) Sämtliche Bücher sind zu beziehen durch den ״Jüd. Buch, und Kunstverlag", Brünn, Adlergafle 9. . smipitpy 0frnhtffftpr ÜRn!fafrtfpnhpr"

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