Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XIII (1912)
- Issue
- Heft 17 (25.7.1912)
- Date
- 1912-07-25
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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25. Juli 1912. Seite S. Beilage zur ״WienerJüd Nr. 16. XIII./1 Jahrg. 44 Jda Barber. 1842—1912. Am 23. Juli feierte in Reichenhall unsere Mitarbeiterin, Jda Barber, ihren 70. Geburtstag. Unsere Mitarbeiterin, Frau Jda Barber. wurde 1842 in Berlin geboren, wirkte zuerst als Lehrerin, später als Vorsteherin der Berliner höheren Töchterschule, begann 1872 auf pädagogischem Gebiete ihre schriftstellerische Tätigkeit, veröffentlichte u. A. in der ״Gartenlaube", ״Voflische Zeitung" und in dem von Professor Kürschner herausgegebenen ״Vom Fels zum Meer", ״Universum" usw. zahlreiche wertvolle Artikel in Eltern und Erzieher gewinnender Darstellung. Jda Barber schrieb auch viele ergreifende und belehrende Erzahlungen und Novellen aus dem jüdischen Familienleben, hielt immer die Fahne des JudentumS hoch und wirkte vielseitig in diesem Sinne. Jda Barber legte 1872, nach ihrer Verehelichung in Leipzig den Grundstein zur Organisation der großen deutschen HauSfrauen-Bereine, wo sie vor Tausenden von Frauen in großen Versammlungen sprach und Begeisterung erweckte. Gleichartige, wirtschaftliche Organisationen wurden später durch Lina Morgenstern und Ottilie Bondy in Berlin ins Leben gerufen. 1880 überfiedelte Jda Barber nach Wien und entwickelte hier, auf dem Gebiete der Belletristik, eine intensive, bedeutende schrift stellerische Tätigkeit; ihre große Popularität aber errang Frau Barber hauptsächlich als Verfasserin der. bis dahin noch wenig bekannten Modeplaudereien. Anläßlich der Budapester HochzeitSfererlichleiten des Kronprinzen Rudolf mit Kronprinzessin Stefanie, ersuchten die damaligen Herausgeber der ״Presse", Adolf v. Nassau und Egar v. Spiegel, Jda Barber, die glänzenden Hoffestlichkeiten und Toilettenpracht in Form von Feuilletons zu beschreiben. Dieses damals noch neue Sujet fand in Leserkreisen großen Beifall und entwickelte sich dann in weiterer Folge die Modeberichterstattung, welche mit dazu beitrug, daß Wiener Mode ton angebend wurde und der gute Wiener Geschmack große Verbreitung fand. Der Chefredakteur des ״Pester Lloyd", Max Falk, wußte Jda Barber 1881 für sein Blatt zu gewinnen; es erschienen dann im Laufe von 1881—1906, also während 25 Jahre, regelmäßig monatlich zwei, also über 600 interessante Feuilletons Jda Barber's im ״Pester Lloyd", welche nicht nur von den Lese rinnen, sondern auch von den Lesern stets ge würdigt wurden; diese Artikel fanden noch in vielen ׳deutschen, österreichischen und amerikanischen Zeitungen ihren Abdruck. Ferner erschienen viele Reiseschilderungeu aus dem Süden und aus Badeorten von Jda Barber, u. zw. in großen deutschen Blättern, wie ״Neue Freie Presse", ״Neues Wiener Tagblatt", ״Fremdenblatt", ״Leip ziger Illustrierte Zeitung", ״Oesterr. Illustrierte Zeitung", ״Berliner Tagblatt", ״Hamburger Kor respondent", ״Bohemia" und in den meisten übrigen deutschen Zeitungen. Die Gründung der nunmehr bedeutendsten österr. Frauenzeitung, der ״Wiener Mode", entstand infolge ihrer Anregung. Bezeichnend ist, daß sie, die Pionierin der Mode, in ihren Artikeln stets allen Modewrheiten scharf entgegentrat, nur ästhetische, erzieherische, national ökonomische, hygienische Zwecke verfolgte und durch vornehme Form und kluge Interpretation dort, wo es Not tat, wo materielle oder hygienisch Bedenken es verlangten, ihre Leser nicht für, sondern eigentlich gegen die Mode, aber für Vernunft und Gesundheitspflege zu gewinnen wußte. Nebf dieser rastlosen, stets schaffenden Tätigkeit wirkte Jda Barber im Kreise ihrer Familie, besorgte selbst den Uuterricht und Erziehung ihrer drei Heranwachsenden Söhne, welche dieser mütterlichen Sorgfalt ihre angesehenen Stellungen verdanken dabei arbeitete die vorwärts strebende Frau gleich zeitig an einer großen Anzahl preisgekrönter Ro mane, wie ״Der Mann zweier Frauen", ״Der neue Monte Christo"' ״Verkaufte Frauen" usw.. die in zahlreichen Auflagen erschienen. Der so seltene Typus einer rastlos schaffenden Frau wäre nicht vollständig geschildert, wollte man nicht chrer bahnbrechenden Tätigkeit auf philanthropi scheut Gebiete gedenken. Hier hat Jda Barber Großes geleistet. In den achtziger Jahren, als ein notleiden der Wiener Student, Mimra, sich vor einen her anfahrenden Eisenbähnzug hinwarf und gerettet, wurde, gründete sie den Allgemeinen Studenten Unterstützungs-Verein, aus dem die seit Jahrzehnten so segensreich wirkende Wiener ״Mensa Academica" entstand; sie richtete damals mit flammender Begeisterung geschriebene Aufrufe an die Frauen Wiens, vielen Hunderten, notleidenden, armen Studenten durch Freitische und Leküonen zu Hilfe zu kommen. Tausende von Zuschriften, zeradezu elementare BeifallSkungebungen waren »e Antwort. Jda Barber besorgte während der ersten Jahre ganz; allein, bei ihrem übrigen großen Wirkungskreise, die Verteilung von Hunderten von Freitischen und Prüfungstaxen. Groß ist die Anahl der Doktoren, Ingenieure usw., die noch >eute, nach Jahrzehnten. Jda Barber ihrer Dankrarkeit Ausdruck geben, für die damals erhaltene» Lektionen, Freitische usw., die es ihnen ermögichen, die Studien zu vollenden. So verstand sie es, die Gattin Johann Strauß's, Adele Strauß, zur Mitarbeit zu gewinnen; Johann Strauß entsprach dann gerne ihrer Bitte und dirigierte ,ersönlich zugunsten des Vereines mehrere WohltätigkeitS-Borfiellungen des ״Zigeunerbaron", die ein bedeutendes Mträgnis dem Unterstützungsvereine brachten, wodurch Dr. Hoffmann den Studenten-Unterstützungsverein, bald zur ״Mensa Academica" erweitern konnte. In den neunziger Jahren gründete Jda Barber zur Unterstützung notleidender Künstlerinnen, den ״Verein der Schriftstellerinnen undKünstlerinneu", durch dessen Hilfe viele notleidende Künstlerinnen künstlerisch weiter arbeiten konnten. Der Märtyrer seines Glaubens. (Schluß.) Kleinlaut und zerknirscht hörten Diejenigen, die noch kurz zuvor laut in die Posaune gestoßen, man müsse die Juden vernichten, diese Worte des Heiligen Vaters, Worte die einen Wiederhall sebst in den Herzen der Fanatiker fanden. Die durch Rassenhaß geschürte Bewegung schien im Keime erstickt. Dr. Eli Lazzlo war wieder in Ehren ausgenommen. Jeder beteuerte, daß er ja nie ernstlich geglaubt, er hätte sich eines Bergehens schuldig gemacht, aber in Dr. Lazzlo' Herzen nagte der Wurm. Es war ihm, als könne er nie wieder fröhlich werden. In den langen, langen Monaten der Kerkerhaft hatte er Zeit gehabt, über Welt und Menschen nachzudenken, die Triebfeder ihrer Handlungen zu studieren! Ihm graute vor ihren Leidenschaften, ihrer Mißgunst, ihrer Falschheit. Am liebsten hätte er sich mit Weib und Kindern in ein weltentferntes Dorf zurückgezogen und da als Einsiedler gelebt. Die, die sich seine Freunde nannten, denen er viel Gutes getan, hatten sich, als er in Not und Bedrängnis war, nicht um ihn gekümmert; er mochte auch jetzt nichts von ihnen wissen, war auf dem besten Wege, ein Hypochonder zu werden. Anders Frau Aranka; sie war des Glückes voll, den geliebten Maua wieder zu haben. ״Lass uns vergessen", mahnte sie; ״es war eine Schickung des Himmels! Bor uns liegt noch ein langes Leben, das wir in Freuden genießen wollen!" ״Wer kann nach solchen Erlebnissen noch an Freude denken!" sagte De. Eli wehmütig. Und doch stand ihnen eine große, eine echte Herzensfteude bevor. Der Sommer nahte seinem Ende; iu wenigen Tagen feierte man das Neujahrsfest. Für Dr. Eli dem Märtyrer seines Glaubens, waren im Tempel alle Ehr-n vorbereitet; er sollte seinen Platz neben dem Rabbiner haben, zur Thora gerufen werden, die heilige Lade öffnen. Dankend lehnte er ab. Er mochte überhaupt nicht am Gottesdienst teilnehmen wollte daheim mit den Seinigen beten, jede Aufregung, die seinem kranken Herzen schaden konnte, vermeiden. Dr. Eli fühlte, daß er herzkrank war, daß ihm absolute Ruhe nötig. Still, in sich gekehrt, saß er am ersten Feiertage in seinem Zimmer, das Gebetbuch aufgeschlagen vor sich; aber er konnte nicht beten; ein Alp bedrückte das todmüde Herz Da wurde die Tür geöffnet; ein Fremder trat ein. Eia Fremder? Nein! Konnte er denn seinen Augen trauen? War der, der da vor ihm stand, nicht Aladär, sein leiblicher Bruder? Schon hatte ihn Eli an sein Herz gezogen und ihn lange mit beiden Armen umfangen haltend, sprach er unter Schluchzen: ״Bruderherz! Du hast mir gefehlt! O, daß ich noch das Glück habe. Dich 'zu sehen! Nie kann ich Gott genug dafür danken!" Das war eine echte Weihe stunde, die die beiden Brüder verlebten. Im Tempel ertönte das Schofar, ertönte Chorgesang, lautes Beten der andächtigen Menge, in ihrem stillen Stübchen war es nicht minder feierlich; auch sie beteten und dankten Gott, daß sie sich wiedergefunden nach des Lebens Irrungen und Enttäuschungen. ״Einen schöneren Neujahrstag", sagte Eli, ״hätte ich mir tatsächlich nicht wünschen können! Ind was nun erst Aranka sagen wird! Wie gönne ich ihr diesen Lichtstrahl nach der jammervollen Nacht unseres Kummers!" Und da war sie strahlend wie ehedem in voller Schönheit l Sie kehrte aus dem Tempel heim, hörte, daß ein Herr bei ihrem Gatten, wollte erst nicht eintreten, guckte durch die halbgeöffnete Tür, und Aladär erkennend, eilte sie mit freudigem Aufschrei in seine Arme. Hatte Eli nie gewußt, was die Beiden einander waren, jetzt war ihm Gewißheit darüber. — So satte er Aranka nie gesehen! Sie schien von Liebe durchgeistigt; ihm war sie das pflichttreue, brave Weib — den Bruder liebte sie. — Sie hatte sich n dieser einen Sekunde verraten. Im lleberschwang rer Gefühle, die auf sie einstürmten, vergaß sie, )aß der Gatte sie beobachtete, daß er sich klar »arüber war, nie in gleicher Weise von ihr gelieb» oft worden zu sein. Er hatte sie für eine kalte Natur gehalten und sah jetzt, daß ihre Augen Blitze 'chofsen, daß ihr Gesicht wie mit Blut übergossen war, daß sie an allen Fasern bebte. Doch, sich ,«herrschend, ließ er den Bruver nicht ahnen, was in ihm vorgieng. Aranka war des Glückes voll und wußte in ihrer Freude gar nicht, was zuerst beginnen. Sie wollte ein Frühstück richten, konnte sich aber von Aladärs Anblick nicht trennen und blieb im Zimmer, 'einen Worten lauschend, ohne das Auge von ihm zu wenden. Und was er erzählte, war darnach angetan, ihre Aufmerksamkeit zu fesseln. Er hatte mir der Klerisei gebrochen, seinen Abschied genommen und war willens, sich dem Judentums wieder zuzuwenden. Das dem Bruder von Christen bereitete Schicksal hatte ihn gegen Alles, was mit Religion und Rassenhaß zusammenhing, erbittert; in Rom selbst war im Gelegenheit geworden, einen Einblick in das die Welt bewegende religiöse Getriebe zu erhallen; nur zu wohl wußte er, wie da geschürt,;ehetzt, Verfolgungen in Szene gesetzt würden, Mes unter dem Mantel der christlichen Liebe. Er war zwar von Ehrenstellung zu Ehrenstellung befördert worden, ab-r die erhoffte Glückseligkeit hatte er nicht gefunden. Auch die Gunst deS Papstes vermochte ihn nicht süc das, waS er aufgegeben, zu entschädigen. Er sehnte sich darnach, unter seinen Brüdern zu leben, dem geknechteten, geketenen, in seinen Rechten bedrohten Judenvolke wieder anzugehören. Staunend hörte Eli. pochenden Herzens lauschte Aranka seinen Worten. Aladär wieder bei ihnen, Aladär den sie einst mit allen Fasern ihres Herzens geliebt, dem sie jetzt so viel zu verdanken hatte. Am zweiten Feiertage schritten die Brüder Arm in Arm dem Tempel zu. Aladär wollte am Gottesdienste teilnehmen. Er betete lange inbrünstig; ihm war, da Schauern der Andacht seine Seele durchbebten, als hätte er Zwiesprache mit Gott gehalten, seine Verzeihung dafür erlangt, daß er in eitler Verblendung den Glauben seiner Väter abgeschworen. Die Kunde, daß Aladär Lazzlo zum Judentum zurückgekehrt, Rang, Reichtum, Ehren in Stich gelassen, um seinen Glaubensgenossen in ihren Nöten beizustehen, durchlief mit Blitzesschnelle die ganze Gemeinde. Man feierte ihn wie einen der Großen Israels, nannte ihn eine Leuchte seines Volkes; vergessen war Treubruch und ReligionS- Wechsel, sie Alle waren stolz, ihn wieder den Ihren zu nennen. Aladär blieb hernach Jahre hindurch literarisch tätig; seinem erleuchteten Geist war Einblick in zwei Weltreligionen geworden; was er darüber schrieb, fand ein begeistertes Publikum. Er hatte, selbst fürchtend, des Bruders häusliches Glück zu stören, seine Vaterstadt verlassen und in Prag Aufenthalt genommen. Hier war er gar bald der Mittelpunkt eines Kreises einflußreicher Männer von Geist. So oft er auch Gelegenheit hatte, mit hochgebildeten Frauen zu verkehren, er mied ihren Umgang; an die Eine, die seinem Herzen nahe gestanden, die ihm aber ewig fernbleiben mußte, ragte keine hinan; und die Anderen waren ihm gleichgüllig. Wo immer eS angieng. vermied er es, an Gesprächen religiösen Inhaltteilzunehmen. Er hatte die jüdische, wie die christliche Religion zu eingehend studiert, um sich darüber einer Täuschung hingeben zu können, daß das Forwenwesen weit Achtung aus den kleinen Anzeiger.