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Jüdische Volksstimme · 1912-07-25 · Heft 17 (25.7.1912) · page 1

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XIII (1912)
Issue
Heft 17 (25.7.1912)
Date
1912-07-25
Page
– (sequence 1)
Language
German
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XIII|1. Jahrg. Nummer M Wiener 53- Bezugspreise: Für Österreich-Ungarn, halbjährig . ganzjährig. Deutschland, ganzjährig. Rußland, ganzjährig. Balkan, Frankreich. Einzelne Nummer 20 h. Kronen 520־ Kronen 10־— Mark 10- Rubel 650־ Frank >2־— Herausgeber: Max Hickl. Erscheint jeden Donnerstag. Inserate: die 6 spaltige Petitzeile 30 K. Geschäftsstelle, Wien: I., Rotentarmstcaße Nr. 31. Telephon 3009/VIIl. Sprechstunden von 10—12 Uhr. Postsparkasiakonto Nr. 312.812. Unverlangte redaktionelle Beiträge werden nicht honoriert. Manuskripten ist Rückporto beizusügen. Brünn—Budapest. Wien, U zW' Prag—Lemberg. Aus dem Inhalte: Ein Kulturdokument. — Die Zurücksetzung der Juden an den reichsdeutschen Universitäten. — Jntereffante Schicksale. Die Anfänge der Frankfurter Judenschaft. — Prager Brief. — Von der galiläischen Kolonie ״Poriah". — Budapester, Prager Nachrichten. — Korrespondenzen. — Rundschau. — Die jüdischen Kolonisationsbestrebungen in Portugisisch-Westafrika gescheitert. — Bon der Kolonisation in Palästina. — Jda Barber, 1842—1912. Der Märtyrer seines Glaubens. — Das Jubiläum einer jüdischen Gemeinbe. — Die jüdische Autonomie in Ungarn.' — Bücherbesprechungen. Ein Kulturdokument. Wien, im Juli 1912. Kultur im finsteren Rußland zu suchen wird heute niemand mehr einfallen. Wiewohl die Nachrichte» über die ungeheuerlichsten Vergewaltigungen physischer und psychischer Natur aus diesem Lande nicht spärlicher werden und. wenn auch unter der abscheulichen Knutenpolitik durchaus nicht bloß die Juden zu leiden haben, hat sich dennoch das Mitgefühl des Europäers vielfach abgestumpft und er geht über derlei Meldungen ohne innerlich stärker irritiert zu werden hinweg. Das Elend und die durch rohe Willkür hervorgerufene Verzweiflung russischer Untertanen sind eine Massenerscheinung und nur ganz exzeptionelle Fälle finden noch in der großen Welt Erörterung und Diskussion. Jüngst erst gieng die Nachricht durch die Blätter, daß 500 jüdische Studenten der Musik- und dramatischen Schule aus Kiew ausgewiesen und unter polizeilicher Aufsicht gemeinsam aus Kiew 'abgeschoben wurden. Jede Begründung zu dieser unerhörten Maßregel fehlt, den armen Opfern wurde bloß die Tatsache mitgeteilt. 500 strebsame junge Leute, eie sich unter Entbehrungen für einen ehrlichen Beruf vorbereiten, die ihr Leben der Kunst weihen wollten, werden herausgerissen und im grünen Wagen abgeschaffr, ohne Grund, ohne Veranlassung, nur weil sie als Juden zur Welt gekommen sind. Das Lumpenproletariat ist um 500 Seelen vermehrt worden, 500 Existenzen wurden geknickc und manch eine unter ihnen mag zu großen Hoffnungen berechtigt haben. Tragik im Leben der russischen Juden, denen gewaltsam jedwede Ausbildung verschlossen wird. Was weiter mit diesen Menschen geschieht, weiß man nicht, sie werden zum Wanderstab greifen oder sie werden sich der Bombe und dem Revolver verschreiben. Die Nachricht wurde in den europäischen Blättern reproduziert, kurz und lakonisch, als vollendete Tatsache, an der sich nichts ändern läßt, in den ernsten Blättern wenigstens. Nur das Organ der Deutschradikalen Antisemiten in Wien, die ״Ostdeutsche Rundschau", knüpft an die Meldung die Frage, ״warum man Aehn iiches nicht in Wien tue". In diesem ganz gemeinen, brutalen Zynismus liegt die Weltanschauung jener teutonistischen Helden. Man würde dem Gesindel mit den schwäppernden Bierbäuchen und Jägerhemden zu viel Ehre antun, wollte man darauf Hinweisen, welche Verdienste sich gerade die Juden um die deutsche Musik und dramatische Kunst erworben haben, wollte man erinnern, daß die vollendetsten Interpreten der deutschen Klassiker Juden gewesen sind. Das wäre schon deshalb vergeblich, weil ja diese Ritter vom heiligen llnverstand den Bierkomment statt der Klassiker lesen und die feuchtfröhliche K ieipe dem Theaterbesuch vorziehen. Die Bemerkung zeigt aber, wohin angewandter Antisemitismus führen kann und welche« die Zukunftsindeale der Wolf und Konsorten sind. Jedenfalls ist aber die zynische Frage ein trefflicher Beweis für das geistige Niveau, auf dem die Gesellschaft steht und ein wertvolles Dokument, das beweist, daß die Sehnsucht und daS Vorbild ,der Deutschen der Zarismus nur russische Praxis , sind, trotz der Freiheilsphrasen, die sie im Munde führen. Die Tatsache ist nicht neu, verdient aber von Neuem festgestellt zu werden. Die Zurücksetzung der Juden an den reichsdeutschen Universttäten. Im Aufträge des Verbandes der Deutschen Juden hat dessen erster Schriftführer Justizrat Bernhard Breslauer in Berlin eine Denkschrift ausgearbeitet, die sich mit der vielerörterten Frage der Zurücksetzung der jüdischen Universitätslehrer in Deutschland beschäftigt. Der Verfasser, der sich die Schwierigkeit einer schlüssigen Beweisführung in dieser Frage nicht verhehlt, gelangt auf Grund eines zuverlässigen und sorgfäliig gesichteten Zahlen- Materials zu dem unanfechtbaren Ergebnis, daß tatsächlich in weitem Umfange eine Zurück'etzung der Juden besteht, in dem Sinne, daß jüdische Akademiker lediglich um ihrer Zugehörigkeit zum Judentum willen von der Beförderung zu außerordentlichen und vollends zu ordentlichen Professoren ausgeschlossen werden. Um die Untersuchung auf eine möglichst breite Grundlage zu stellen und zugleich zu prüfen, ob und wie weit sich allgemeine antisemitische Zeit- JWffeion. Interessante Schicksale. Die Anfänge der Frankfnrtcr Judenschaft. (Die ersten Nachrichten. — Einwanderung aus Köln. — Im XU. Jahrhundert. — Wo die Juden wohnten. — Die erste Frankfurter Judenschlacht. — Der Einfall der Mongolen. — Die Ursachen der Metzelei. — Grauenhafte Szenen. — Die zweite Frankfurter Judenschlacht.) Die Bedeutung der Frankfurter Judengemeinde für die Entwicklung des Bank- und Wechslergeschäftes in Deutschland ist allgemein bekannt. Dagegen sind die Quellen nur spärlich, die von den Anfängen der Frankfurter Judengemeinde erzählen, und deshalb hat es sich Professor Dr. II Kracauer zur Aufgabe gemacht, eine Geschichte der Frankfurter Juden im Mittelalter zu schreiben. Schon der erste, soeben erschienene Teil seiner Forschungen ״Die politische Geschichte der Frankfurter Juden bis zur Jahre 1849"*) bietet ungemein viel Jntereffantes. ES ist'auf den ersten Blick, schreibt Professor Kcacaner, eine auffallende Erscheinung, daß, während Köln, Mainz, Speier, Worms. Würzburg und an- *) Frankfurt am Main, Verlag von I. Kauffmann, 1911. dere Orte am Rhein und Main und auch an der Donau schon im frühen Mittelalter von Juden besiedelt waren, Frankfurt bis tief in das XU. Jahrhundert keine Judengemeinde in seinen Mauern barg, trotzdem es sich schon unter den Karolingern eines gewissen Rufes erfreute. Am Ende des VIII. Jahrhunderts sprach man von Frankfurt als von einem vielbesuchten Orte. Manche Reichsversammlungen wurden dort abgehalten und 876 war es geradezu Hauptsitz des ostfränkischen Reiches genannt. Und wenn auch Frankfurt unter den sächsischen und fränkischen Kaisern an Bedeutung verlor, da sich das Schwergewicht des politischen Lebens damals mehr nach dem Norden verschoben hatte, so wuchs doch die Einwohnerzahl derart, daß bei Beginn der hohenstauffischen Periode der bisherige Raum nicht mehr genügte und die Stadt ihren Mauernkrauz um ein Bedeutendes erweitern mußte (erste Stadterweiterung). Aber Frankfurt lag doch abseits von den damaligen Welthandelsstraßen; in seinem wirtschaftlichen Leben blieben Ackerbau und Viehzucht noch lange fast allein ausschlagend, und die Nachfrage nach gewerblichen Erzeugnissen befriedigten die Handwerker. Durch ihre Tätigkeit hob sich zwar der Warenumsatz aber nicht der Handel, denn auf dem. Markt verkehrten Produzent und Konsument unmittelbar miteinander; jener arbeitete nur für den heimischen Bedarf, nicht aber für die Ausfuhr, so daß für den eigentlichen Handel kein Raum blieb. So lockte also, die Juden, die zur Zeit der sächsischen und fränkischen Herrscher in Deutschland die hauptsächlichsten Träger des Handels waren, nichts an. sich dauernd in Frankfurt niederzulassen. Darum hören wir auch nichts von einer Judenverfolgung daselbst beim Beginn des ersten Kreuzzuges, während ringsherum die Juden abgeschlachtet wurden. Als der zweite Kreuzzug den Juden am Rhein und Main ein ähnliches Los zu bereiten drohte, eilte Bernhard von Clairveaux nach Deutschland, und in Frankfurt hielt er im Hainer Hof jene zündenden Reden, die den anwesenden Konrad III. zur Teilnahme am Kreuzzug bewegen, zugleich aber die Menge von einer Verfolgung der Juden abhalten sollten. Wir haben zwar keinen Beleg dafür, daß damals Juden in Frankfurt gewohnt haben, aber wir dürfen dies wohl vermuten, da wir sie wenige Jahre nach seinem Auftreten dort ansässig finden. Die Lage der Stadt an einem breiten, schiffbaren Strom und am Ausgang oder am Schnittpunkt wichtiger Straßen konnte für den Verkehr erst.dann zur gebührenden Geltung kommen, als in ihr neben den bis dahin fast ausschließlich herrschenden ländlichen Betrieben auch der Handel allmählich Boden zu gewinnen anhub. nämlich um die Mitte deS XU Jahrhundert«. Damals hatten die Kreuzzüge den Orient mit Italien und dadurch mit dem Süden und Westen Deutschlands in Handelsbezie- Große Auswahl!! Synagogenornate auch Lüsterkntten und schöne seltene Gelegenheitskäufe im Spezialhans für Synagogenornate Rudolf Goldstein, Telephon 31990 (internrban). tClt, H|1 Tadorftraße 54 Wiederverkäufer Rabatt! Lieferant zahlreicher in und ausländischer Kultnsgemeinden und k. k. Feldrabbiner Reich illustrierte Preislisten!

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