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Jüdische Volksstimme · 1912-07-18 · Heft 16 (18.7.1912) · page 10

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XIII (1912)
Issue
Heft 16 (18.7.1912)
Date
1912-07-18
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Seite JO. Jüditchr Vo'krtzimme. Nr. 16. Schriftstück verfassen, das sein Gesandter Signore zu überbringen habe. Die Kardinale beglückwünschten Kaplan Mostarly, daß er, der Güte und Weisheit des Heiligen Vaters vertrauend, den rechten Weg gefunden, um eine Frage von so großer Tragweite zur Erledigung zu bringen. Signore Spalato wurde angewiesen, sich reisebereit zu Hallen und mit Energie und Klugheit an Ort und Stelle des Heiligen Vaters Wunsch und Befehl zum Ausdruck zu bringen. Nico sollte ihn begleiten. Als Spalato aus den Händen des Papstes tagSdarauf den auf Pergament geschriebenen, mit dem päpstlichen Siegel unterfertigten Brief erhielt, den er dem Fürst-Erzbischof zu übergeben hatte, gelobte er feierlich, alles einzusetzen, um die für ihn ehrenvolle Misiion zu erfüllen. Papst GregoriuS hatte es dem Kaplan Mo. starly freigestelü, einen Urlaub zu nehmen und seinen Gesandten zu begleiten; doch Aladar lehnte dankend ab. In allzu lebhafter Erinnerung war ihm noch, was ihn damals bestimmte, der Heimat zu entfliehen; in der Ferne hatte er Ruhe und Seelenfrieden wieder gefunden; weshalb das mühsam Errungene aufs Spiel setzen? Was er den Seinigen durch seinen Einfluß nützen konnte, wollte er mit Freuden leisten; doch warum alte Wunden auftcißen, die kaum vernarbt waren? Nicht wenig erstaunt war mau in dem kleinen ungarischen Städtchen, als sich die Kunde verbreitete, im nahen Domstift wäre ein Abgesandter deS Papstes eingettoffen, der beauftragt sei, die Prozeßakten in Sachen der Ilona KuSmik zu prüfe״. Sämtliche Zeugen, die ehedem vernommen worden waren, wurden nochmals vorgeladen. Der vornehme röhmische Herr, in dem sie wohl gar den Heiligen Vater selbst sahen, flößte ihnen un» geheueren Respekt ein. Ihre Aussagen lauteten jetzt wesentlich anders, um so mehr, als Dr. Bathoiy, der von ihnen Gefürchtete, plötzlich verschwanden war; es hieß, er habe einen längeren Urlaub genommen. Wenige Tage schon nach Ankunft des Signore Spalato war Dr. Eli Lazzlo in Freiheit gesetzt. Welch ein Wiedersehen! Frau Aranka schluchzte wie ein Knd. Dr. Eli schien um Jahre gealtert. ״Last' uns zunächst Gott danken", sagte er, ״daß er unsere Richter erleuchtet hat!" ״Gott und diesem braven Mann", sagte Frau Aranka den Zigeuner vorführeud, ״der mit seltenem Scharfblick erkannt hat, von wo die Hilfe kommen muß und nicht Müh' und Entbehrungen gescheut hat, um diese Hilfe zu bringen". Dr. Eli horchte gespannt, als Aranka jetzt erzählte, wodurch die Wandlung bewirkt worden. Gerührt schloß der Arzt den Zigeuner in seine Arme, küßte ihm Mund und Wangen und sagte: ״DaS lohn' Euch Gott, Nico! Ihr seid so brav, wie Ihr klug seid! Fortan ist mein Haus das Euere! Ihr sollt uns Freund und Bruder sein!" Und nun mußte Nico von Aladar erzählen, der so hoch in Ehren beim Papst stünde und, obgleich Christ, ein so guter Jude geblieben sei. j Da der zeither als Richter in Dr. LazzloS Prozeß fungierende Dr. Bathory spurlos verschwunden war, wünschte Signore Spalaw, der als Ge» sandter des Papstes hohes Ansehen genoß, daß in Bachorys Bureau sämtliche Papier einer genauen Durchsicht unterzogen würden. Diese ergab das überraschende Resultat, daß die vermißte Ilona KuSmik noch lebe. DaS arme Mädchen, das Dr. Bathory an einen Mädchenhändler verkaufte, hatte ihn mit Briefen bestürmt, er möge etwas für ihre Befteiung tun, sie könne das Schicksal, zu dem er sie verurteilt, nicht ertragen. Selbstverständlich wurde sofort das geeignete veranlaßt, um Ilona aus den Händen jener Elenden zu befteien, die im Komplott mit Dr. Bachory waren. Bei Durchsicht der im Bureau des Un- Menschen angehäuften Papiere kam man auch auf die Spur von Ilonas Mutter, die auf Bachorys Befehl in einem ungarischen Dorfe unweit der türkischen Grenze festgehalten wurde. DaS Geld, das ihr der Fremde zur Befteiung ihrer Tochter gegeben, hatte man ihr abgenommen, sie hungern und darben lassen. Der allen Frau war schon jede Hoffnung ge-;jchwunden, daß sie ihre Tochter je Wiedersehen : w?rde. Welch eine Freude, als sie ihr, ohne daß sie - eine.:Ahnung hatte, daß gute Menschen für ihre : Befteiung tätig, zugeführt wurde. AlöMutter und Tochter nach Nagy-Marchegg - zurückkehrten, war alles auf den Beinen. Jeder wollte sich überzeugen, ob es wirklich sei; ja, nun sah man, daß sie nicht gemordet worden; sie lebte und erzählte all Denen, die es Hören wollten, wie schändlich Dr. Bachory an ihr gehandelt, weil sie ihm nicht zu Willen sein mochte. Wahrhaft sensationell aber wirkte die Verlesung der päpstlichen Urkunde, die am nächsten Sonntag in allen Kirchen der Diözese stattfand. Mit hocherhobener Stimme las der Geistliche folgendes: Seine Heiligkeit Papst GregoriuS ist tief be- Wmmert, daß seine Getteuen. alle Gebote christlicher Nächstenliebe vergeffend, Judenverfolgungen anstellen» die alle Mähr vom rituellen Mord wieder aufleben lassen! Hochangesehene Kirchenväter, die den Talmud gründlich studiert, habm längst bewiesen, daß auch nicht eine Stelle im Talmud darauf hindeutet, daß die Juden am Passahfeste Christenblut brauchen! Se. Heiligkeit pflichte dieser Ansicht vollkommen bei und ermahnt kraft des ihm von Gott gewordenen hohen Amtes die ganze Christenheit, einmutig der Wahrheit die Ehre zu geben und von den Verfolgungen unschuldiger Juden abzulasten! Die christliche Religion gebietet: Liebe deinen Mchsten wie dich selbst! Diesen Spruch beherziget, lastet ab von Haß und Verunglimpfung eures Mchsten, auf daß euch das Himmelreich werde! Wer aber seinen Mchsten verfolgt, verleumdet, der ist des Namens Christ unwürdig und hat alle Höllenstrafen zu erwarten, die den Sündigen treffen!" (Fortsetzung folgt.) וגם עתה נאם יהוה שבו עדי בכל לבבכם ובצום ובבכי ובמספד Joel, 2. Kapitel, Vers 12. So spricht nun der Ewige: Bekehret euch zu mir von ganzem Herzen, mit Fasten, mit Weinen, mit Klagen. תשעה באב Am Himmel Wetterwolken hingen Zusammengeballt vom starken West, Es ruhten aus die müden Schwingen Der Vöglein in dem ttauten Nest. Schon fielen nieder große Tropfen Aufs hohe Syuagogendach, Von naher Schmiede Hämmernklopfen Verstummte in dem Donnerkrach. Mit herbem Weh im Angesichte Schritt eine glaubenstreue Schar Ins Gotteshaus, bei fahlem Lichte Las man die Kinoth traurig, wahr. Aus vielen Augen flössen Zähren, Manch Seufzer stieg aus wunder Brust, Zum Ewigen in Himmelssphären, Dem seines Volkes Gram bewußt. Da plötzlich ging mit leisen Schritten Ein Mann zum Almemor hinauf. Wie Israel so schwer gelitten Enthüllt' er in der Rede Laus. Doch auch den Grund der schweren Plage Den Treubruch, Abfall von der Lchr', Gewogen auf der Schicksalswage, Dies bracht' den Druck so zentnerschwer.— Sei nicht verzagt, mein Volk, im Leiden! So rief der Mann im Blitzeslicht, Gott wftd doch niemals von dir scheiden. Läßt leuchten dir sein Angesicht. Kehr' um zu Ihm, mit ganzem Herzen, Verlaß dich nur auf Seine Huld, Er macht dich ftei von Seelenschmerzen, Er macht dich frei von Seelenschuld. Wien. Malvine Grünwald. Kückerbejpreckungen.*) F. W. I von Schelling: Methode des akademischen Et diumS Vorlesungen, neu heranSgegebe« von Otto Weiß. Der philos. Bibliothek, Band 134 d. Mark 8 8V. Felix Meiner, Leipzig- Unter Kants systematischen Schnsien findet sich belanntlich eine, die den Titel trägt: ״Der Streit der Fakultäten". Unter dem Vorwände der Stellungnahme zu organisatorischen Fragen der Universität werden die AbhängigkeitSbeziehungen der einzelnen Wissenschaften von .einander besprochen. Aehnlich verfährt Schelling in der vorliegenden Schrift. ES ist daS Problem der Systematik der Wissen- *) Sämtliche Bücher sind zu beziehen durch den ״Jüd. Buch- und Kunstverlag", Brünn, Adlergasse 9. schäften, deS letzten Einheitsgrundes alles Wissens, daS hier zur Erörterung gelangt. Mann kann sich keine schärfere Verurteilung der heutigen Zersplitterung und des Spezialistentums auf dem Wissenschaftsgebiete denken als diese Schelling'sche Ansicht, daß alles Wissen der Menschen Abbild des göttlichen UrwiffenS und daher einheitlich sein muß, nüe jenes. ״Jeder Gedanke, der nicht in diesem Geiste der Ein- und Allheit gedacht ist» ist in sich selbst leer und verwerflich, fruchtloses und unorganisches Weck". ״Alles Wissen ist ein Streben nach Gemeinschaft mit dem göttlichen Wesen, eine Teilnahme, qn demjenigen llrwissen, dessen Bild das sichtbare Universum ist". Die unmittelbare Eckenntnis des Ur- Wissens ist die Philosophie, die sich zu den einzelnen Wissenschaften wie daS Allgemeine zum Besonder» verhält und sich so in einem dreifachen Wissen barstellt, in der Wissenschaft von Gott, Natur und Geschichte: Theologie-, Natur- und Geschichtswissenschaft. Bon besonderer Bebeutung ist, was Schelling in den beiden Borträgen über Gegenstand und Aufgabe der Theologie sagt. ״Der Schwerpunkt" — sagt Kuno Fischer darüber — ״liegt darin, daß hier zum erstenmal der historische Charakter der Religion philosophisch durchdrungen und das Verhältnis der göttlichen Offenbarung zur Geschichte aus der Tiefe der GotteSerkenntniS erleuchtet wird, in einer Weise, die mit Lessing (in dessen ״Erziehung des Menschengeschlechtes") übereinkommt, der das Fundament ihrer Anschauung ungleich ttefer und systematischer gelegt hat". Für den jüdisch-chckstlichen Glauben offenback sich das Göttliche nicht, wie bei den Gckechen, als Natur, sondern als sittliches Weltteich. als Geschichte, die beherrscht wird von der Vorsehung. Dock geschieht die Offenbarung. im Aeußern der Natur, hier im Innersten des Menschen. Die Natur erscheint jetzt nicht als Gott, sondern zunächst als undurchdckngliches Geheimnis, hinter dem sich das Göttliche verbirgt. (Den Gckechen offenbacke eS sich ebenda!) Die Natur mü in den WetterlösungSprozeß aufzunehmen, ist ״höchste Ausgabe der religiösen Eckenntnis. Der Mensch der jüdisch-chckstlichen Arra hckcht sein naives Verhältnis zur Natur ab, erkennt in dem Natürlichen das Sündhafte, im Naturgesetz die Fessel der Notwendigkeit, von der er sich erlösen muß durch seine Freiheit. Wenn er sich dann freiwillig der Natur wieder unterworfen, sich bewußt mit ihr versöhnt haben wird, dann kann das goldene Zeitalter der Gckechen von neuem beginnen, aber nicht als ein bewußtws-naives, sondern als freiwillig wiederhergestellte Einheit von Natur und Mensch. P(P* Verbreitet HickPs "*WH ״Jüdischer Volkskalender״ Thomas Carlyle: Uebcr Helden, Heldcnverchrung und das Hcldcutümliche in der Geschichte. Bibliothek der Gesammtliteratur, Nr. 1149—1153 Mark 125. Diese Vockesungen des großen englischen Historikers haben für unsere Zeit eine eminente Bedeutung, Denn es scheint sich in unser» Tagen eine große Wandlung der Weltanschauung zu vollziehen. Der Materialismus hat abgewickschastet. Der Mensch wttb nicht mehr als Maschine bettachtet; nicht mehr sehen wir in unsren Taten die Resultate äußerer Einflüsse, vielmehr wird unS von neuem offenbar, daß das menschliche Ich der Täter seiner Taten, der selbsthettliche und selbstverantwortliche Schmied seines Schicksales ist. Damit aber steht für uns auch im Mittelpunkte der Weltgeschichte der Mensch, und nicht Milieu, Rasse und dergleichen, sondern der einzelne große Mensch, der Held. Carlyles Geschichtsauffaffung war bekanntlich in dieser Art heldentümlich; in den Vorlesungen, die er über sie gehalten hat, behandelt er: den Helden als Gottheit; als Propheten (Mohammed); als Dichter (Dante, Shakespeare); als Priester (Luther); als Schriftsteller (Rousseau, BurnS); als König (Cromwell, Napoleon). — Es wäre sehr zu wünschen, daß diese degrüßenswecke Neuausgabe des Car- §leschen Werkes viele begeisterte Leser fände. — Der erlag verspricht auch eine Neuausgabe von Carlyles ״Sartor resartus", Theodor Zlocisti: ״Am Tor des Abends", ״Lieder vom Heimweg". Berlin, Jüdischer Verlag. Preis: broschiert Mark 120־, gebunden Mack 2•—. Der Dichter Theodor Zlocisti ist kein Neuling mehr. Die erste Sammlung seiner Verse erschien vor fast zehn Jahren, im Brünner Jüdischen Buch- und Kunstverlag. — Er hat eine eigene Art: zacke, leicht melanchonische Sttmmung, innige Verquickung mit dem Stoff. Nicht jedes Erlebnw wird Zlocosti zum Gedicht, wie er denn keine Ergüsse aus reiner Sttmmung heraus kennt. Stoff und Sttmmung kommen bei ihm immer zusammen. — Zlocisti ist kein Tendenzbichter- Jede Zeile aber verrät, daß seine Werke nur aus dem Erstacken der jüdischen Volksseele heraus zu verstehen sind, jenem Erstarken, das die bedeutsamsten Umwälzungen im der Leben heuttgen Judenheit hervorgebrocht hat. ״Viel tausend Töne dnrchbeben mein Lied: Seufzer der Ahnen und Grabgebete, Und,die Siegerlust, die nur Kränze sieht...." So kennzeichnck Zlocisti selbst sein Lied. — Der Tttel des Buches klingt beinahe wie Resignation; an den Abend denkt sonst kein Schaffen freudiger. Der Dichter hat aber vorschnell gesprochen. Wir denken, er ist noch lange nicht an der Grenze, wo die Lebenskräfte nachzulaffen beginnen. Diese Gedichte verraten jeden« falls nichts davon. — Die Ausstattung des Buches, Papier, Druck und Einband ist einfach und gediegen. Die geschmackvolle Zeichnung zum Umschlag und Einband hat der jnnge Künstler Menachem Birnbaum entworfen. — i Sternhof i bestes aller Bitterwässer.

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