Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XIII (1912)
- Issue
- Heft 16 (18.7.1912)
- Date
- 1912-07-18
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Ar.16.xm/I. Jahrg. Beilage zur ״Wiener Jüd. Volksstimme" 18 Juli 1912. Seite 9. Traum. (Zum 9. Ab.) Es war am Vorabende des 9. Ab. Noch zitterten die klagenden Töne, die auch im Gottes- Hause so tief ergriffen hatten, in meiner Seele nach und mein Herz zog sich zusammen in heißem Weh über das Schicksal meines Volkes. Wann wird der Druck, der auf dir, o Israel, lastet, weichen, wann wird dein Sehnen nach Heimat und Freiheit, gestillt, dein Heiligtum wieder erbaut werden? Da fühlt' ich plötzlich, wie mein gepreßtes Herz sich weitet in frohem Ahnen — ich sehe Engel mit leuchtenden Flügeln auf und nieder schweben. Auf ihren Schwingen tragen sie Steine, auf welchen deutlich zu lesen ist; ״Friede". Bald waren die Steine zu einem festen Fundamente gefügt,- und nun flogen die Engel nach einer anderen Himmelsrichtung und brachten neue, glänzende Steine herbei. Bald waren vier feste Mauern aufgerichtet; auf der Ostseite stand zu lesen: ״Lehre", auf der Westseite ״Gerechtigkeit", ״Glaube", nordwärts ״Recht". N״. ' L Engel, um neue Steine b^izubringen und nun mtdeckte ich mit p,״em Male in dem einen der Hlmmelskm^ kie Züge eines Waisenkindes, dessen mich einst angenommen hatte, in dem andern ick die eines Kranken, das ich nach Kräften getröstet hatte — und plötzlich kamen mir alle Engels? gesichter bekannt vor; ich wollte auf sie zueilen, um sie zu fragen, was ihr Tun bedeute, da flogen sie abermals weg und brachten eine große goldene Krone, die sie als Dach auf das Gebäude setzten und jedes der HimmeiSkinder setzte eine Perle in die Krone, die dis in den Himmel ragte und noch lange, lange nicht ganz mit Perlen besetzt war. Und das HauS stand vor mir im leuchtenden Sonnenglanze, mit den goldprangeuden Lettern und der perlengeschmückten Krone. AuS dem Innern ertönten jubelnde Weisen — und wie Schuppen siel es von meinen Augen: Heiligtum Israels! Du bist erbaut, Friede ist dein Fundament, Glaube und Lehre, Recht und Gerechtigkeit sind deine Stützen, Wohltätigkeit die Krone, die in den Himmel reicht." Suche nach Perlen, fülle sie aus, die schim mernde Krone, achte der Stützen, daß sie nicht fallen — dann weicht der Druck — mein Volk ist erlöst und sein Klagen wandelt sich in Klänge der Freiheit und Lust. Flora Grünwald. Aus der neuesten Geschichts- Literatur der Juden. Bon Theodor Weißelberger in Czerrwwitz. III. Der christliche Schuldner konnte sich im Mittelalter auf zweifache Art von den drückenden Forderungen befreien: Durch die ״Jubeljcchre" *) und durch die Pogrome. Das mittelalterliche ״Jubeljahr" bestand darin, daß der König oder der Fürst die Forderungen der Juden entweder reduzierte oder aufhob. Das hinderte natürlich nicht die Machchaber nach Ablauf eines Jahres dem Juden neue Privilegien zu gewähren, damit er weiter wuchere. Dies wurde im Westen oft praktiziert Sehr wirkungsvoll war auch die zweite Methode: die Inszenierung von Pogromen. Dieser bediente man sich auch in Polen, währenddem die elftere fast fremd war. Die Pogrome hatten auch einen religiösen Hintergrund. Das wirtschaftliche Moment spiette aber die Hauptrolle. Es handelte sich bei den Judenmetzeleien in erster Linie um Vernichtung der Schuldbriefe, um Wiedererlangung der verpfändeten Gegenstände, um Wegschaffung der Gläubiger aus der Welt. Die ersten Pogrome in Polen waren unter der Herrschaft Kasimirs des Großen im Jahre 1343 bis 1367. In Posen wurden zum zweite» Male 1399, in Krakau 1404 bis 1423 entsetzliche Judenmetzeleien inszeniert. Die Zahl der jüdischen Gemeinden in Polen war noch am AuSgange des XIV. Jahrhunderts eine sehr geringe: Posen, Salisz, Pyzdrg, Koposzew, Krakau, Lemberg. Warschau. Erst im XV- Jahrhundert entstand eine ganze Reihe von jüdischen Siedlungen auf polnischem Bodens) Es ist dies auf die. Vertreibung der Juden aus Spanien, Böhmen, Ungarn. Litauen, hauprsächlich aus Deutschland zurückzuführen. Der größte Teil der Vertriebenen wandte sich nach Polen. Hier 1) Schipper: ״Anhänge des Kapitalismus bei den abend, ländischen Juden", p. 48 " ״ *) Unter vielen anderen: Tarnow. Buczacz. Boltna. Halicz, Przemysl, Drohobycz. Danzig (Schippers ״Studha"), p. 1ö3—1S5. . nahmen sie die Könige fteundlich auf, weil sie wußten, daß die Einwanderung jüdischer Elemente von großem Vorteile für das Land sei. Die Anfiedlung erfolgte auf Grund eines königlichen Handschreibens, welches einem Repräsentanten einer Gruppe Jtwen übergeben wurde. Im XV. Jahrhundert beteiligten sich auch die Juden an der ländlichen Kolonisation in einer polnischen Provinz: in Reußen. Teilweise weist darauf dies hin. daß ein Jude (Wolczko), viele Kolonisten anfiedelte. Nach der Meinung deS Verfaffers sollen unter diesen auch Juden gewesen sein. Mehrere Umstände sprechen dafür, daß die Juden sich noch im XV. Jahrhunderte in Polen, besonders, in Reußen mit Ackerbau befaßten. Es ist unter anderem auch dies in Betracht zu ziehen, daß sie infolge nicht rechtzeittger Tilgung der hypothekarisch fichergestellten Forderungen oft Eigentümer der ihnen verpfändeten Liegenschaften wurden. Ae Gerichtsbücher aus dem XV. Jahrhundert erwähnen oft Juden als Besitzer von Grund und Boden am flachen Lande. Erst im Jahre 1496 wurde ihnett der Erwerb von Ländereien verboten. In der zweiten Hälfte des XIV- und im XV- Jahrhundert waren die Kreditoperationen und und der Ackerbau (allerdings in geringem Maße) nicht die einzige Beschäfttgung der polnischen Juden. Die wichtigste Erwerbsquelle war der Handel. Biele Faktoren förderten denselben. Die Entstehung der Städte im Westen zwang die Juden in Deutschland, in Frankreich sich auf den Großhandel — welcher über Polen führte — mit dem entfernten Osten zu beschränken. 2. Die Privilegien der polnischen Judenschaft enthalten Bestimmangen, welche den jüdischen Kaufleuten sehr günstig waren: volle Freizügigkeit, Schutz vor der Habsucht der Zöllner, vollkommene Autonomie in inneren Angelegenheiten. 3. Der Haß und der npf der Schlachta mit dem Bürgertum, durch welchen sich die erstere veranlaßt sah, oft die Handelsbeziehungen der Juden zu unterstützen. 4. Der ökonomische Kampf zwischen Bürgertum und Juden war zum Nachteile der ersteren bedeutend erschwert, weil es in Polen an kaufmännischen Gilden fehlte. Jeder christliche Kaufmann war auf seine eigenen Kräfte angewiesen. Am Anfänge des XV- Jahrhunderts finden wir zwar Keime einer kaufmännischen Organisation in einzelnen Städten, aber von einer Gesamtorganisation des christlich-polnischen Handelsstandes war noch keine Rede. 5. Die Juden hingegen waren stramm organisiert. Sie standen immer in Verbindung mit anderen Gemeinden nicht nur in Polen, sondern auch im Auslande. Vom äußersten Weste« Europas bis Konstantinopel war eine lange Lette von Siedlungen, die nöügenfalls jedem Juden an die Hand gingen. Die Solidarität der Mitglieder der Mischen Gemeinden war oft bewunderungswert. 6. Die Könige nahmen immer die Juden in Schutz im Kampfe gegen die Städte. Kein Wunder! Der Jude war ja die beste Stütze des königlichen Schatzes. Je reicher die Juden waren, desto höhere Steuern konnten sie entrichten, desto größere Darlehen gewährten sie. — Besonders im XV. Jahrhundert waren die Handelsbeziehungen der Juden in Polen sehr ausgedehnt. In ihren Händen war fast der ganze Handel von Konstantinopel und der italienischen Kolonien am Schwarzen Meere über Polen bis Breslau und Danzig. Sie lieferten Sklaven und Pelzwaren bis nach Italien. Der polnische Jude trug auch viel zur Entwicklung des Umsatzes mit einheimischen Produkten bei: mit Ochsen. Pferden. Fischen. Getreide, Teer usw. Bis zum Jahre 1485 läßt sich quellenmäßig gar keine Beschränkung der Juden Polens im Handel Nachweisen. Um diese Zeit beginnt ein heftiger ökonomischer Kampf zwischen Juden und dem christlichen Städteclement, welches die ersteren aus dem Handel vollkommen zu verdrängen suchten. Schipper führt viele interessante Details über diese Kämpfe bis zum Jahre 1540 in ^einzelnen Städten an. Am frühesten begannen sie in Krakau. Ja Lemberg nahmen sie sehr scharfe Forme» an. Den Lemberger jüdischen Kaufleuten war auf Grund eines Dekrets vom Jahre 1521 gestattet: nur mit Ochsen. Tuch. Leder, Wachs und dies unter erschwerenden Modalitäten zu handeln. Lublin, Posen, Warschau und andere schloffen sich den christlichen Händlern in Krakau und in Lemberg a». Die Jude» werden immer mehr und mehr aus ihren Handelspositionen verdrängt. Dazu trug auch die Schlachta ihr Scherflein bei, welche in der Beschäftigung mit dem Handel — früher verschmähte sie ihn — eine neue Erwerbsquelle für sich zu suchen beaann. Das Wohlwollen der Könige, deren Macht bedeutend geschwächt wurde, half jetzt dem jüdischen Handelsstande wenig. Es ist von mehreren Historikern die Meinung vertreten worden, daß sich die Juden im Mittelalter an der gewerblichen Produktto» nicht beteiligten. Das Produktionssystem der Innungen wäre schuld daran. Die neueren Forschungen bewiesen, daß diese Ansicht falsch ist. Es fehlte im Mittelalter fast nie und nirgends an jüdischen Handwerkern, trotzdem sie den Zünften nicht angehören dursten. Aus diesem Grunde mußten sie nur einen schweren Konkurrenzkampf führen. Schon aus rituellen Gründen mußten in größeren jüdischen Siedlungen jüdische Bäcker, Fleischhauer, Schneider sein. So war es auch selbstverständlich in Polen. Erst im XV. Jahrhundert finden wir in diesem Lande Mische Handwerker auch in anderen Branchen vertreten: Gerber, Glaser, Weber, Kürschner, Inhaber von Brennereien, Brauereien. Das jüdische Handwerk entwickelte sich trotz der Kämpfe mit dem christlichen Städteelement. Um. lie Mitte des XVII. Jahrhundert fand man in Polen schwer einen Gewerbezweig, in welchem Juden nicht tätig wären. Um diese Zeit erstanden hier sogar jüdische Zünfte.') — Das ist der Inhalt dieses Werkes in allgemeinen Umrissen. Schon -arauS kann man entnehmen, welche Menge von historischem Material unS hier geboten wird. Sogar der Laie spürt es,. daß hier gußerordentlich viel Scharfsinn und Studium liegt. Es muß nämlich berücksichtigt werden, daß die frühere Geschichte der Juden in Polen noch immer eine terra incognita ist. Die jüngeren Historiker befaßten sich merkwürdigerweise mit der Erforschung der Vergangenheit der Juden in den polnischen Ländern, hauptsächlich vom XVI Jahrhundert angefangen, wie: Scharr, Pardro, Balaban. DaS Mittelalter wurde fast ganz außeracht gelassen. Die Arbeiten, die sich mit diesem befassen (Maximilian Gumplow'.cz, Ludwig Gumplowicz, Perles Nußbaum Sternberg), sind von minimalem wissenschaftlichem Werte. Die Geschichte von Nußbaum z. B. wimmelt von Fehlern und Unrichtigkeiten. Sternbergs ״Geschichte der Juden unter den Piasten und Jagiellonen" ist nichts anderes als eine Chronik. Schipper leistete also auch diesem Gebiete eine wahre Pionierarbeit, daß die obererwähnten Geschichtsschreiber ebneten ihm nicht einmal teilweise den Weg. Dem ganzen Werke liegt eine Masse von handschriftlichem Material zu Grunde, welches in verschiedenen Archiven auf- . bewahrt wird- Dieses Quellenmaterial bietet fast unüberwindliche Schmierigkeiten, weil es gar nicht geordnet ist Der Historiker mußte deshalb in dasselbe wie in ein Dickicht hineinleuchten. Der Wert dieses Geschichtswerkes erhöht sich noch dadurch, daß der Gelehrte nicht nur die Wirtschaftlichen Verhältnisse, sondern auch die Rechts- Verhältnisse und das Steuerwesen der Juden, die Entstehung des jüdischen Ghettos in Krakau. Lemberg. Posen behandelt. Die ״Studien" von I. Sckipper gehören ohne Zweifel zu den besten in der jüdischen Geschichtsliteratur Polens?) ׳) M. Scho.r: Organizocya Zydow w Polsce, p. 27 u. w. und Balaban: Zydi lwowcy. p. 4KS u. w. ’) Die Resultate der Forschungen in diesem Werke sind teilweise auch in der historischen Studie von I. Schipper: ״Der Anteil der Juden am europäischen Großhandel mit dem Orient", in dem vom jitd.-nat. akademischen Vereine Emunah Czernowitz herausgegebenen Sammelbuche ״Heimkehr" 1912 verwertet worden. Der Märtyrer seines Glaubens. Bon Jda Barber, Men. (Fortsetzung.) Für den folgenden Tag wurde eine Sitzung anberaumt, zu der alle in Rom anwesenden Kar» dinäle geladen wurden. Kaplan Mostarly erläuterte in längerer Rede, was ihm Rico mitgeteilt. Seine Worte machten Eindruck. Mehrere Kardinäle sprachen sich dafür aus. daß man der Christenheit im allgemeinen die Mahnung zugehen lasse, das Ritualmärchen nicht stets von neuem aufzutischen, im besonderen aber den Fürsterzbischof von Waitzen beauftrage, den betreffenden Fall zu untersuchen und für die Freilassung des De Eli Lazzlo eiazutceten, für dessen Unschuld sich ja der von ihnen allen hochgeehrte Herr Kaplan Mostarly verbürge. Papst Geegorius war der Ansicht, daß ein Abgesandter aus Rom an Ort und Stelle zu erscheinen habe; es sei endlich Zeit, jene durch keine Bibelstelle zu beweiiende Beschuldigung, daß die Inden am Paffahfeste Christenbut verwenden sollen, zu widerlegen; er selbst werde das betreffende .VW