Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XIII (1912)
- Issue
- Heft 15 (11.7.1912)
- Date
- 1912-07-11
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 10. AS-ische VoLSsttmme. Nr. 15. Musik -ei den Hebräern. Nach Quellen bearbeitet und erläutert von Obvckantor E«. Roth. Die Musik ist als Gesang so alt als das Menschengeschlecht, und auch das Jnstrumenten spiel rächt in das graueste Altertum hinauf. Ein Sohn Lamech's, Jubal» wird 1 Mos. 4,21. als der erste Erfinder musikalischer Instrumente genannt. Wir finden die Vokal- und Instrumental» musik seit dem Patriarchalalter im gewöhnlichen Gebrauche (1 Mos. 31, 26 f.), und sie erscheint in der Folge in vielfacher Anwendung. Sie ist die Begleiterin der Poesie und des Tanzes (2 Mos. 15, I ff. Nicht. 11, 34.), und wurde auch zur prophetischen Erweckung und bei prophetischen Vorträgen gebraucht, weshalb sie zu den Lehrgegenständen der Prophetenschuleu gehörte (1 Sam. 16, 5. 6. 2 Kön- 3, 15). Sie diente der geselligen Freude (Jes. 5, 12.). öffentlichen Feierlichkeiten (1 Kön. 1, 40.), frühzeitig auch dem Kriege (4 Mos. 10. 2.Chron. 20, 19 ff.), und der Trauer (1 Kön. 13, 29 f. 2 Thron. 35, 25.). Ein Hauptbeförderer der Musik war David, welcher sie selbst schon in früher Jugend übte, und mit seiner Kunstfertigkeit im Saitenspiel den Saul erquickte, wenn der Gefft der Schwermut ihn quälte (1 Sam 16, 23.). Als König führte er sie mit der heiligen Poesie in den Kultus ein. Er bestimmte 4000 Leviten zum Gesäuge und Jnstrumenteuspiel vor dem Gezelte (1 Thron. 23, 5.); diese wurden in 24 Klaffen geteilt, uud jeder derselben 12 Direktoren vorgesetzt; an der Spitze standen als Leiter aller Chöre Asaph, Hemau und Jeduchum (1 Thron. 25. 1—41.). Wie Salomo im Allgemeinen den Kultus erweiterte und verherrlichte, so geschah dies auch mit der gottesdienstlichen Musik. Nach Josaphat zerfiel die Tempelmusik, wurde aber von HirkiaS und JosiaS wieder hergestellt <2 Thron. 29, 27 ff. 35, 15.). Im Exil verstummte Gesang und Saitenspiel: ״An den Strömen Babels saßen wir und weinten, wenn wir an ion dachten; an die Weiden hingen wir unsere ithern auf" (Ps. 137, 1f.). Doch wurde die Musik nicht ganz vernachlässigt, denn in der ersten großen Karawane, die unter Serubabel und Josua in die Heimat zurückkehrte, befanden sich 200 Sänger und Sängerinnen (Jsr. 2, 65.). Nach dem Wiederaufbau des HeiligtumS wurde auch die Tempelmufik wieder eingerichtet (Esr. 3. 10. Neh. 12. 27 ff.), und »ach ihrem abermaligen Zerfalle hat sie später Judas MakkabäuS von Neuem hergestellt (1 Matt. 4,54). Sie erhielt sich sofort bis in die letzten Zeiten des Mischen Staates, obschon im weiten Abstande von der Davidischen und Salomonischen Großartigkeit. Aber der besondere Charakter und die Kunststufe der hebräischen Musik liegt im Dunkeln und wir müssen uns diesbezüglich mit Vermutungen begnügen. Am sichersten scheint zu stehen, daß sie nur Melodie, d. i. einstimmige Musik war und die Harmonie, die gleichzeittge Verbindung höherer und tieferer Töne oder Stimmen nach dem Berhältniffe deS WohlklangeS von sich ausschloß, wor- -auf die Analogie bei andern orientalischen Völkern und auch die Beschaffenheit der hebräischen Seiten- Instrumente hinweist. Man darf weiter annehmen, daß der Gesang ihr Hauptbestandteil war und die Instrumente fast durchgängig in dessen Dienste standen, ihn vorzubereiten und zu begleiten, von einer Tonart in eine andere überznführen, Ruhepunkte auszufüllen und dgl. Strittig ist, ob die Hebräer eigentliche Gesangsweisen hatten, oder nur Kantillation, d. i. eine gesangartige Deklamation oder Rezitation, ähnlich jener, mit welcher jetzt noch in den Synagogen die Thora abgelesen wird. Der Kantillation ist aber außer der Verschiedenheit der Tonart uud des Zeitmaßes immer eine große Gleichförmigkeit eigen, während die Psalmen manigfaltige Gesangsformen anzeigen und so die Annahme eigentlich er Weisen unterstützen. ES wird nämlich in Ueberschristen mehrmals angegeben, daß der Psalm nach der Melodie von diesem oder jenem bekanuten Liede, das mit seinen Gesangsbuchstaben oder nach dem Jnhatte angeführt wird, abzusingen; zum Beisp. Ps. 22: על־אילת השחר -Nach der Hündin der Morgenröte", Ps. 56: על־יונת אלם ״ רחקיםNach der stummen Taube der Fernen, Ps. 57, 58, 59: ״ על־תשחתVerdirbt nicht" u. a. Unzweifelhaft ist das hrufig (71 Mal) in den Psalmen und auch bei Habakuk vorkommende Wort סלח ein musikalisches Zeichen, über dcffen Bedeutung aber verschiedene Ansichten herrschen. Am wahrscheinüchsteu ist die Erklärung noch ,שלזה פלד sprechen, schweigen, ruhen, mit Pause (Rosenmüllm, GeseniuS, Kramer, de Wette), so daß damit der Stillstaud deS Gesanges uud Zwischenspiel der Instrumente augHeigt wurde. Sonst hält man eS auch für ein Zeichen der Erhebung der Sümme oder Wiederholung der Melodie um einige Töne höher, nach der Bedeutung vo» .פלד erheben (Kimchi, Fockel, Herder) oder mit Annahme eiuer Abreviatur uud Auflösung derselben durch: םיטן לשנות הקול »Zeichen dm Ton zu ändern". statt deflm andere sie auflösm mit למעלה זהשה ID ״Kehre hinauf, Sänger!" Das jetzt übliche italienische da Capo (s. Eichhorn, allgem Bibl. V. S. 545 f.). Der Märtyrer seines Glaubens. Bon Jda Barber, Wien. (Fortsetzung.) V«. Nico war endlich nach langer, beschwerlicher Reise iu Rom angelangt. Jetzt, so nahe dem Ziele, wurde er sich erst darüber klar, eine wie schwere Aufgabe er sich gestellt. Ohne Rast zu hatten, fuhr er nach St. Peter. Er wollte sich zunächst vergewiflem, ob Aladar noch seines Amtes walte. Bebenden Herzens bettat er den hochgewölbten Dom, dessen weite Hallen von Andächtigen gefüllt waren. Papst Gregorius zelebrierte gerade die Messe. Alles lauschte; in den Seitengängeu waren Kapellen, Beichtstühle; ängstlich spähte Nico umher. Hatte er nicht Aladar damals in der Kapelle der dritten Halle gesehen? Ja, dort stand der Beichtstuhl; er war leer. Vielleicht würde ein Pater kommen, wenn die Messe beendet. Nico wartete. Die Füße brannten ihm; er setzte sich gegenüber dem Beichtstuhl, lehnte dm fiebernd heißen Kopf an eiue Marmorsäule. — So mochte er wohl eine Stunde geseffm haben, da teilte sich bte Menge, das Gebet war beendet. Viele Hunderte strömten den Ausgängen zu, ebenso v'ele bildeten Spalier, um dm Heiligen Vater zu sehen, den die in rotsridene Gewänder gekleideten Dimer in einer Sänfte hinauStrugm. Dicht hinter dem Papst sah mau die höchsten Würdmttäger, Kardinäle und Bischöfe im Ornat. Nico war von der Pracht fast geblendet. Er schaute wie ttaumverloren in die Menge. Da plötzlich pnttang sich seinen Lippen ein Schrei: ״Aladar!" Einer der in Purpur gekleideten Priester wandte den Kopf nach ihm und sah ihn groß und fragend an. Kein Zweifel! Aladar saß nicht mehr im dunklen Beichtstuhl als simpler Mönch, er war im Gefolge des Papstes; Nico hatte ihn erkannt. Doch wie zu ihm gelangen? Unter welchem Namen lebte er hier? Eilig, ehe der Zug die Kirche verließ, drängte er sich an einen der in der Vorhalle wachchabenden Leibgardisten und gab ihm, da er der Landessprache nicht mächtig war, durch Zeichen zu verstehen, daß er wissen möchte, wer jmer Priester im roten Ornat, der Dritte in der erstm Reihe sei. Der Gardist wies ihn an einm Beamten, der ihm die gewünschte Auskunft gab, und da Nico weder Name noch Wohnung behalten konutt. Beides auf einen Zettel aufschrieb. Wer war glücklicher als Nico! Schon glaubte er gewonneS Spiel zu habm. — Da auf dem Zettel stand: Padre Consola, Chiesa Maria. Eine Stunde später stand er vor dem Padre. Man hatte ihm offmbar einen anderen Geistlichen als Aladar bezeichnet; Padre Consola war nicht Derjenige, dm er suchte. Wie schwer war eS dem der italienischen Sprache Unkundigen, dem Geistlichen sein Auliegen vorzubringm! Anfangs schien eS, als wollte die Verständigung gar nicht gelingen. Padre Consola aber war eiu gutherziger, leicht zugänglicher Herr, und da er aus dm Mimen des armen ZigmnerS ersah, wie viel ihm daran lag, seinen Padre Aladar ausfindig zu machen, beorderte er einen Mönch, mit Nico zu einem Dolmetsch zu gehen, mtt dessen Hilfe man den Gesuchtm ausfindig machen würde. Wie ftmte sich Nico, in dem Dohnetsch einm Landsmann zu finden, mit ihm in der Mutterspräche verkehren zu können. Er schilderte dem Signor Cavecko. der sich ganz italimisiert hatte, was ihn nach Rom führte. ״O, Padre Aladar", sagte dieser, ,wie sollte ich ihn nicht kmnen l Nur hat er, seitdem er Kaplan gewordm, seinen Ramm geändert; umnt sich jetzt Kaplan Mostarly, ist ein hoher Herr und gilt ungemein , viel beim Papst!" ״Um so beffer!", sagte Nico, da wird er um so eher helfm können! Nico fürchtet sich nicht vor großen Herren!" In Begleitung des Dolmetsch ttat dm Zigeuuer, keine Müdigkeit spürmd, wieder die Fahrt nach ׳ St. Peter au. Bald hatte dm Kapla» mkündet, wo dm Kaplan zu sprechm sei. Nico ließ sich melden. Gar Wele wartetm im Borzimmm; er wurde sofort vorgelaffen. ' ״Bravo, Nico!" redete ihn Aladar an, ihm beide Hände entgegenstreckend, ״das ist schön von Euch, daß Ihr mich aufgesucht. Ich freue Mich jedesmal einen LandSmanu zu sehm und von meium lieben Heimat zu hörm!" ״Ist leider nicht viel Gutes zu hörm, Hmr Kaplan", sagte Nico, sich auf dm ihm dargebotenen Stuhl niederlaffend. ״Sind schlechte Menschm, die einander das Leben schwer machen!" Er sah, wie eine Wolke des Kaplans hohe Stirne trübte, und fuhr fort: ״Wahre Mchstenliebe kennen die Leute nicht mehr, verfolgen die Juden, sperren sie ein, sagen, daß sie Christenblut brauchen und morden und"- ״Unsinn", unterbrach der Kaplan; ״ich kenne den Talmud ich kenne den Talmud so gut wie Einm! Die Juden brauchen kein Christmblut; uur Unverstand uud Wahnwitz kann das behauptm!״ ״Sag' ich auch", fuhr Nico erregt fort, ״ab« was der Nico sagt gilt nichts; Ihr müßt eS sagen, Hmr Kaplan, denn Euch geht eS an!" ״Wie darf ich mich in ftemde Angelegmheitm mischen?" sagte Aladar abwehrend. Nicht ftemde", erwiderte Nico; ״eS ist Euer eigen Blut, Eure Familie die leidet; deShalb ist Nico hier, um Euch" — ״Meine Familie?", unterbrach Aladar bekoffen aufhorchend; ״so redet!" Und Nico erzählte, was m wußte, das Eli gefangen gehatten wird, daß Aranka ihn nach Rom gesendet» seine Hilfe anzurufen. Aladar ging emegt im Zimmer auf und ab; er war bleich gewordm; seine Hände zitterten; Bilder der Vergangenheit zogen an seinem geifügen Auge vorüber. Endlich schien er zu einem Entschluß gekommen. ״Ich danke Euch", sagte m, dem Zigeuner die braune Hand drückend, ״daß Ihr mich aufgesucht! Noch heue nehme ich Audienz beim Heiligen Vater. Sein Wort gilt in der gauzm Christenheit; es wird auch bei uns daheim gehört werden! Glaubt mir, Eli's Befteiung ist nur eine Frage dm Zeit!" ״Wollt Ihr das nicht selbst der armen Aranka schreiben, die vor Gram vergeht?" ftagte der Zigeuner. ״Guter Niw", antwortete der Kaplan, ״ja, das werde ich tun, doch nun komm und stäcke Dich! Trinke ein Glas guten Tokaym, ich sehe Du bist mschöpft! Ruhe Dich aus und seimein Gast!" Er führte ihn in das anstoßende Zimmer, öffnete einen Kasten, aus dem er Wein, Früchte, Brate« nahm und Nim zum Effen einlud. ״Ich selbst", sagte er, ״fahre sofort nach dem Vatikan; in einer Stunde bin ich zurück. Erwarte mich him; Du wirst von mir selbst hören, was dm Heilige Vater zu tun gedenkt." — Die im Vorzimmer Wartenden wurden auf den nächsten Tag zur Audienz beschieden. Kaplan Mostarly hatte es verstanden, sich die besondere Gunst deS Papstes GregoriuS zu ttwerben. Er wurde sofort vorgelaffen, teilte dem Papste mit, was er vernommen und bat tatkräftige Unterstützung. Teilnehmend hatte der Heilige Vater zugehört; Papst Gregorius war ein vorurteilsloser, aufgeklärter Mann, stets bmeit, zu helfen, die Unschuldigen, auch wenn sie Andmsgläubige waren, zu schützen. (Fortsetzung folgt.) i Sternhof | bestes aller Bitterwässer.