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Jüdische Volksstimme · 1912-07-11 · Heft 15 (11.7.1912) · page 9

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XIII (1912)
Issue
Heft 15 (11.7.1912)
Date
1912-07-11
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Nr. 15. XIII/I. Jahrg. Vellage zur ״ Wiener Jüd. Volksstimme" 11 Juli 1912. Seite 9. Die Vorbereitungen zur russischen Wahlkampagne. Vorarbeiten der Regierung. — Ein ״echtrussischer" Generalwahlmacher. — Beginn der ״Senatserläuterungen. — Ausschluß von Tausenden jüdischer Wähler. — Oktobriften und Nationalisten. — In welchem Lager ist Kokowzow? — Die Geistlichkeit. — Unsicherheit der Lage. Seit Monaten ertönt aus dem Lager der ״echten" Russen der Ruf nach Kryschanowski. Nur ihm, dem Schöpfer des reaktionären Wahlmodus und Arrangeur der Wahlkampagne zur dritten Duma, versicherte man dort, würde es gelingen, die vom neuen ״andrängenden revoluttonären Elemente" zurückzuhalten und die Zusammensetzung der vierten Duma auf dem Niveau der dritten zu erhalten. Das Geschrei nach Kryschanowski erweist sich indes als überflüssig. Es steht schon jetzt fest, daß es auch ohne ihn gehen wird. Sein Geist wirkt in sämtlichen Verwaltungskanzleien glänzend fort, und die schon vor Monaten versandten Zirkulare an die Gouverneure waren so deutlich, daß kein rußischer Tschinownik diese Sprache mißverstehen wird. Es geht den Herren an den Kragen. Wo die Oppositton durchdringen wird, da ist die Karriere der betreffenden Beamten dahin. Die um ihre Posten zitternden Verwaltungschefs kennen darum keine Gefahr mehr. Die Not- Wendigkeit des Erfolges diktiert ihnen ein absolut willkürliches Vorgehen. Dabei soll die der Regierung dienende Wahl mache einen Generalissimus erhalten, dem die gleiche Rolle zufallen wird, wie sie seinerzeit dem Priester Wostorgow zugefallen war. Was dieser verrufene Geistliche, der jetzt wegen erwiesener Mädchenverführung unmöglich ist, vor fünf Jahren mit grandiosen Geldmitteln längs des stets oppositionellen Wolgagebietes und nach her in Sibirien getrieben hat, soll jetzt, gemäß den Peterburgskija Wjedomosti, der andere in ähnlicher Weise besorgen, und an Geldern wird es auch nicht fehlen. Auf die inoffizielle Helferarbett jedoch ist bei der herrschenden Unzufriedenheit kein Verlaß. Nicht einmal der Großgrundbesitzer ist der Regierung absolut sicher, weswegen an manchen Orten recht eigenartige Ueberraschungen eintteten könnten. Da bieten die wahltechnischen Kunststücke, die Senatserläuterungen, eine weit größere Gewähr. Einen vielversprechenden Anfang hat in dieser Hinsicht der Senat bereits gemacht. Die Entziehung des Wahlrechts, die Zehntausende von Juden, die außerhalb des AnsiedlungSrayons wohnen, trifft, soll die Opposition schwächen und dürfte dies Ziel wenigstens in Kiew und Nikolajew auch wirklich erreichen. Allein in Kiew werden durch die willkürliche Senatserläuterunc etwa 7000 jüdische Wähler getroffen, so daß hier die ״echtrussische" Propaganda weit größere Aus sicht auf Äcfolg bei den Wahlen hat. Ein respektabler Anfang! Man kann daher ruhig voraus sagen, daß noch manche Senatserläuterungen kommen werden, deren Zweck einzig und allein darin bestehen wird, unbequemen Elementen das Wahlrecht zu nehmen. Nur in einer Hinsicht herrscht in Regierungskreisen gar keine Klarheit. Gehört der Okwbrismus noch zu den Parteien, die von den Behörden zu stützen sind? Von Stolypin großgezogen, find die Oktobriften am Ende seines Lebens von ihm abgeschüttelt und fast an die Wand gedrückt worden Stolypin tat es, obwohl er ohne sie in der Duma über keine Majorität verfügte, er tat es, wei man oben offenbar an den ״verkappten" Konstituüonalisten keinen Gefallen mehr fand. Soll es nun bei den Wahlen dabei bleiben, daß nur die Nationalisten, die er auf den Schild gehoben hat, und ihre Bundesgenoffen von rechts der behördlichen Gunst sich erfreuen dürfen? Oder werden die diensteifrigen Oktobriften Pardon er halten? In der Provinz scheint die Administration in der Tat das geistige Vermächtnis Stolypins zur Ausführung bringen zu wollen und versagt vielfach der. auch sonst sich gedrückt fühlenden Gefolgschaft Gutschkows ihre Gunst. Kokowzow selbst hat sich aber noch nicht entschieden. Erst vor kurzem war er geneigt, eine in Petersburg geplante große Tageszeitung mit okwdristischem und selbst progrefftstischem Einschlag zu stützen, da er sich in der alleinigen Gesellschaft der Nationalisten nicht recht behaglich fühlt und an ihre unerschütterliche Macht nicht absolut glaubt. Jener Plan ist dann fallen ge» lassen worden, und wer weiß, ob Kokowzow wirklich nicht so kühn gewesen wäre, gegen' den Strom der Hofkamarilla zu schwimmen. Machen sich doch auch bei ihm recht deutliche Anzeichen des Klebertums bemerkbar, so daß ein bekannter Journalist Bajan neuerdings spöttelnd meinte, Kokowzow sei augenblicklich mit der Preisftage beschäftigt, die also lautet: wird der Premier noch lange am Staatsruder bleiben? geht er bald oder bleibt er noch einige Zeit? Tatsache ist, daß Kokowzow selber für die Wahlen keine Parole ausgegeben hat. Die Administration bedarf aber seiner Parole nicht. Die reaktionären Zirkulare werden in den Ministerien fast von selbst fabriziert wie denn überhaupt Rußland auch noch regiert wird. Der Fürst Mestschersky, der in seinen alten Tagen recht häufig vernünftige Gedanken äußert, meint in der letzten Nummer des Graschdanin, daß noch niemals — weder unter Witte noch unter Stolypin — die Regierung selbst so völlig vernachlässigt, so gänzich allmöglichen Launen überlassen gewesen sei, wie heutzutage. Diesen Umstand machen sich neuerdings ins» besondere die reaktionären Geistlichen zunutze. Sie iilden eine richtige ecclesia militans und gehen darauf aus, in Rußland ein klerikales Regime zu schaffen. Die bis vor wenigen Jahren nur Ipnter den Kuliffen geschäftigen, in der Oeffent lichkeit hingegen reservierten Popen haben plötzlich in sich den Beruf gefunden. Rußland regieren zu können. Während der Kampagne zur vierten Duma sind sie die eifrigsten und am stärksten organisiert. Ihr Ruf geht durch das ganze Land an alle Wähler, die zur Geistlichkeit gehören, daß sie nur ihre Männer fürs Parlament kreieren sollen, und da ihnen der bestehende Wahlmodus außerordentliche Vorrechte gewährt, so ist die Ge fahr einer noch größeren Klerikalisierung des russischen Parlaments nicht von der Hand zu Welsen. Sind es heute nur vierzig Popen, welche im Taurischen Palast ein Mandat ausüben, so können es nach wenigen Monaten ihrer hundert und noch mehr werden. Diese Eventualität scheint aber die ministe riellen Kreise stark zu verstimmen. Ein Borwiegen der Popen in der Duma bedeutet eigentlich bet ihrer bekannten Unterwürfigkeit, daß der Oberprokureur des Heiligen Synods für seine Person über eine machtgebietende, vielleicht gar übereine entscheidende parlamentarische Fraktion verfügen und somit im Vergleich zu seien Kollegen eine Ausnahmestellung einnehmen würde. DaS ist, wie leicht verständlich, durchaus nicht im Sinne der anderen Mitglieder des Kabinetts, schon ganz ab gesehen davon, daß der derzeitige Oberprokureur des Heiligen Synods, Sabler, gar keine Beliebthett genießt. Deshalb ist von oben bereits mehrfach der Wink gegeben worden, daß die Ueberschwemmurqi der Duma mit Popen durchaus nicht erwünsch: wäre, aber diese verstehen die Winke nicht und gehen ihre kraß-egoistischen Wege weiter. Hie und da ist es deswegen zwischen der weltlichen und geistlichen Welt zu starken Eifersichteleien gekommen, und dieser Prozeß ist noch erst im Wachsen. Kurzum, unmittelbar vor dm Wahlen ist die Verwirrung größer als je, und kein Mensch kann hier den Ausfall der Wahlen irgendwie voraus sagen. Es hat den Anschein, daß die Oktobriften sehr geschwächt, dagegen die Progressiven, aber ebenso die Nationalisten sehr gestärkt aus der Wahlschlacht hervorgehen dürften. Indes ist Ruß land mit seinen rücksichtslosen Gewaltm unv unberechenbaren Gesellschaftsstimmungen das Land aller Möglichkeiten. Darum hat auch die Wahl kampagne zur vierten Duma einen dramatischen Zug. Diskussion über die Jto.*) Bo» Uganda bis Angola. (Epilog zur Jto-Sonferenz.) Mit Uganda hat der Reigen fehlgeschlagener itoistischer Siedlungsprojekte begonnen. Und an diese erste Enttäuschung reihten sich im Laufe von kaum 8 Jahren weitere mißlungene Projekte in buntester Folge. Ich zittere sie der Uebersichtttch keit halber alphabettsch geordnet: Argentinien *) Ohne uns mit den Anschauungen unseres Mitarbeiters in allen Punkteneinverstanden zu erklären, veröffentlichen wir diesen Artikel. Australien, Bolivien, Brasilien, Brttisch-Ost-Aftika, 1 chrenaika, Idaho, Kanada, Kolombo. Mesopotamien, ' llexiko, Nevada, Paraguay, Rodesinien, Tripolis, Uganda. Das die trockene Aufzählung der Namen ener Länder, auf welche die ״Jewish Teritorial Organisation" während ihres verhältnismäßig kurzen Bestandes jeweils all ihre Hoffnungen richtete. Keines dieser Gebiete war zur Besiedlung Durch Juden geeignet. Die Namen klingen dem jüdischen Volke neu und fremd. Und doch: welche fülle erfolgloser Arbeit, wieviel unverwirklichte s Zläne, enttäuschte Hoffnungen und bittere Entl äuschungen birgt jedes, dieser verflossener Projekte in sich.... Nun ist auch Angola sä acta gelegt worden. Nekrologe mit Ausschluß der Oeffentlichkett waren die einzigen offiziellen Seufzer, die diesem Projekte nachgeschickt wurden. Aber schon lag ein neues Alternativland in petto und die Konferenz tat, was sie schon aus Pietät vor der durch frühere konferenzen geschaffenen Tradition nicht lassen!onnte: Sie beschloß eine neue Kommission zur Erforschung des allerneuesten, diesmal in Amerika gelegenen Jto-Projekts. Die Geschichte wiederholt sich. Und wenn Zangwill auf der nächsten Konferenz wieder, wie Diesmal die Ländernamen aufzählen wird, die Gegenstand von Jtoprojekten waren, so wird der letzte Mißerfolg Angola in der alphabetischen Reihenfolge die erste Stelle einnehmen. Doch Spaß beiseite. Einst, und es ist nicht gar lange her, da war es anders. Die sich unmittelbar nach dem Zionisten-!ongreß im Jahre 1905, nach der schroffen Abehnung Ugandas um Zangwill scharten, waren enffchiedene Gegner der Phrase, wollten nichts wissen von einer weiteren Verzögerung in der Schaffung eines Judenstaates, wollten nichts von geduldigem Ausharren und Abwarten hören und konnten nicht länger untätig dem Elend, das ge» rade damals über die Juden Rußlands hereingebrochen war, zusehen und diese mit der Hoffnung auf eine recht problematische Zukunft in Palästina vertrösten. Sie schufen die Jto, weil sie die Un- Möglichkeit der Erlangung Palästinas in absehbarer Zeit einsahen. Land wollten sie, Land für das gehetzte, verfolgte, geächtete, verhaßte und ewig ruhelose Juden- Volk- Land, in dem die Juden ftei sich ausleben, in dem sie regenerieren und zu neuem Leben erwachen sollten. Sie konnten Palästtna nicht erhatten und begnügten sich daher mit einem anderen Lande. Dies Bestreben war ehrlich und die konsequente Folge ihres Standpunktes in der Judenfrage. Wer die rauhe Wirklichkeit kehrt sich nicht an Theorien und Folgerungen. Und so haben sich denn auch die einst so ungeberdigen Jtoisten längst in ihr unvermeidliches Schicksal gefügt und haben das geduldige Warten auf Land erlernt. Eine Organisation, wie die Jto war von vornherein kurzfristig bemessen. Daß sie noch heute besteht, beweist den Mangel ihrer Existenzberechtigung. Sie besaß diese bereits in dem Momente nicht mehr, wo sie sich wohl oder übel sagen mußte, das jedes der zur Ansiedlung in Frage kommenden Länder in irgend einer Hinsicht solche Mängel aufweise, die eine Kolonisatton ausschließen und selbst wenn solche Mängel nicht vorhanden waren, mußte man mit dem Fehlen eines stimulierenden Moments rechnen, welches die Juden veranlassen sollte, ihre bisherige Heimat, und selbst wenn sie Rußland hieße, zu verlassen und dafür die Ungewißheit irgend eines fernen unbekannten Landstrichs einzutauschen. Und zu alledem muß die Jto doch wissen, daß jedes einigermaßen brauchbare Land sich bereits in den Händen anderer befindet und uns dann bestenfalls auch nur minderwertiges Gebiet zur Verfügung steht. Kein Zweifel: Die Jto hat ihre Rolle ausgespielt. Ihr Traum allerdings ist noch nicht zu Ende. Sie war eine Episode. Unter Bergekreisen ist sie geboren worden. Sttll, von der breiten Oeffentlichkeit unbemerkt, geht sie den Weg aller aus dem Augenblick heraus entstandenen Parteien, den Weg ins bessere JenseitS. Daß die Konferenz ein Alternativprojekt angenommen und eine neue Kommission beschlossen hat, beweist nichts. Es ist das letzte Ausflackern vor dem endgültigen Verlösch:». DaS ist das Fazit der letzten Konferenz. Wien. 1. Juli 1912. A.F.R—r.

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