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Jüdische Volksstimme · 1912-07-11 · Heft 15 (11.7.1912) · page 1

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XIII (1912)
Issue
Heft 15 (11.7.1912)
Date
1912-07-11
Page
– (sequence 1)
Language
German
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'XIIIJ1. Jahrg. Nummer 15 Wiener Erscheint jede» Donnerstag. Bezugspreise: Für Österreich-Ungarn, halbjährig . . Kronen 5 20 ganzjährig.Kronen lOr— Deutschland, ganzjährig. Mark 10 — Rußland, ganzjährig ........ Rubel 6 50 Balkan, Frankreich.Franks 12 — Einzelne Nummer 20 h._| Herausgeber: Max Hickl. * Inserate: die 6 spaltige Petitzeile 30 h. Buchhändlerische Vertretung: Otto Sie««. Leipzig. Geschäftsstelle, Wien: Rotenturmstroße Nr. 31. Telephon 3V0S/VM. Sprechstunden von 10—12 Uhr. Postsparkoffakonto Nr. 312.842. Unverlangteredaktionelle Beiträge werden nicht honoriert. Manuskripten ist Rückporto beizufügen. Brunn-Budapest. Wien. Prag—Lemberg. Aus dem Inhalte: Der Studentenwucherer. — Leo Jung, Sentenzen vom Tage. — Dr. M. Steif, Die Einladung. — L. Brünhut, Zn den drei Wochen. — Prager Brief. — Wiener, Brünner, Budapester Nachrichten. — Die Gebetbuchfrage und die Mitteilungen des Israel. Lehrervereines. — Der XX. Veit in Geldnöten. — Der erzbischöfliche Leck in Prag über Freiheit. — Der Bischof von London über die Hartnäckigkeit der Jerusalemer Juden. — Die Sabbatruhe der New- Yorker Bäckermeister. — Pro FalaschakomiteeS. — Rundschau. — Korrespondenzen. — Die Vorbereitungen zur russischen Wahlkampagne. — Bon Uganda bis Angola. — Em. Roth, Mufik bei den Hebräern. — Jda Barber. — Der Märtyrer seines Glaubens. Der Studentenwucherer. Wien, im Juli 1912. Im österreichischen Parlament gibt eS unter den 516 Abgeordneten natürlich eine ganz erkleckliche Anzahl von MaudatSträgern, die von einer kleinen Wählergrupp^ in das HauS entsendet wurden, deren Nam' und Art aber hinter den engen Grenzen ihres Wahlbezirkeganz und gar unbekannt-ist. Auch im Parlament tun sie sich weiter nicht hervor und fristen als willkommenes Stimmvieh ein bescheidenes Dasein. Naturgemäß ist auch ihr privates Leben in Dunkel gehüllt, denn die knappen Aufzeichnungen der Abgeordneten- Verzeichnisse verraten dem Neugierigen nur sehr Mitunter aber, wenn es im Hause so recht lebhaft wird, und das kommt bei uns gar nicht selten vor, wenn die Meinungen heftig aufeinander platzen und die Erregung die Fessel die Zunge bricht, werden Zwischenrufe laut, die zur Charakteristik so manches Abgeordneten wesentlich beitragen Feuikketon. Die Einladung. Bon Dr. Max Steif. Von der Existenz des griechischen Philosphen Pychagoras hatte Salme Strimpl ganz gewiß auch nicht die leiseste Ahnung. Und doch stimmte er mit einem Hauptgedanken seiner Lehre überein. Wie jener bekanntlich den letzten Grund aller Dinge, alles Sein auf die Zahl zurückführte, so beruhte auch nach Salme Strimpels Auffassung alles Sein in der Gemeinde auf der Zahl, deutlicher ausgedrückt auf der Zehnzahl, dem Minjam. Und wer die Wichtigkeit des Vorhandenseins eines solchen als unerläßliche Voraussetzung für den öffentlichen Gottesdienst kennt, der wird auch das gewisse Selbstbewußtsein eines Salme Strimpl begreifen, mit seiner Person dazu beitragen, daß in der gehörig vorgeschriebene» Weise früh und abends der himmlische Tribut gezollt werde. Was verschlug eS dabei, daß er hiesür aus der Gemeindekasse eine bestimmte Entlohnung erhielt, bei gewissen ״Fahrzeiten" auch ein kleines Extra- Honorar in seine Tasche floß. — dies alles stand in gar keinem Verhältnis zu dem großen Gewinu, den die Gemeinde aus ihm, dem Minjonär, zog, ohne dessen Existenz der Tempel — Salme Strimpel konnte sich diesen Fall nicht ohne und Tatsachen berühren, welche dem Betroffenen nicht so ganz angenehm sind. Auf diese Weise wurde auch das Inkognito eines Wiener Abgeordneten gelüftet, dessen einziges parlamentarisches Verdienst eS ist, daß er dem Deutschen Nationalverband angehört deutschradikal und gut antisemitisch gesinnt ist. Abgeordneter Dr. W i ch t l bekam das wenig ehrenvolle Epitheton ״Studentenwucherer an Kopf geworfen. Als guter deutscher Recke schüttelte er die Beschimpfung ab und schwieg. Dieses Verhalten war allerdings das Beste, denn entkräften hätte er de» Borwurf doch nicht können. WaS nämlich dem weiteren Publikum unbekannt sein dürfte, ist in Studenteukreisen, und nicht bloß in Wiener, allgemein bekannt. Dr. Wichtl lebt tatsächlich vom Studentenwucher und lebt nicht einmal schlecht, denn er hat sich durch ״sein System" eine ergiebige Einnahmsquelle gesichert. DaS Institut, das sich mit der Vorbereitung von Juristen zu den Staatsprüfungen und Rigorosen befaßt, floriert. Der Kurs kostet Geld, viel Geld, außerdem ״verleiht" Dr. Wichtl gegen 20 Kronen seinen Frequentanten Bogen mit PrüfungSftageu. Trotzdem die Bogen mit 20 Krönen bezahlt und nur an Kursteilnehmer, die doch außerdem noch durch sechs Monate den Kursbeitrag leisten, ausgegeben werden, verpflichtet Dr. Wichtl die Kursteilnehmer noch ehrenwörrlich, die Bogen nicht weiter zu verleihen. Verliert nun so ein Teilnehmer die Bogen, so hängt Dr. Wichtl ihm einen Prozeß an und löst dann das Ehrenwort durch eine Geldsumme, die den Bermögensverhältniffen des Studenten entspricht, ab. Auf diese Weise hat er jüngst zirka 150 Studenten verklagt und für die Rückgabe der inneren Schauer denken — an manchen Wochentagen sicherlich gesperrt hätte bleiben müssen. Salme Strimpl hatte also, wie ge>agt berechtigten Grund auf seine Würde als Minjonär einigermaßen stolz zu sein, umsomehr, als er auch die hieraus erwachsenden Pflichten aufs gewissenhafteste erfüllte, im Sommer und Winter, bei der größten Hitze oder ärgsten Kälte sich als erster, lange vor Tempelbeginn, einzusinden pflegte, und als letzter das Gotteshaus verließ. Wenn es eine Gerechtigkeit auf Erden gegeben haben würde, io hätte man ihm. als de» Frömmsten in der Gemeinde, die größte Achtung entgegen bringen müssen, und man wird das Tiefkränkende in den Empfindungen eines Salme Strimpl verstehen, daS die Wertschätzung der Leute sich von ganz anderen, und nicht gerade höheren Gesichtspunkten leiten lasse. Nur bei Eisik Lampl, dem Tewpelvorsteher. fand er eine einigermaßen gerechtere Beurteilung seiner Bersöalichkeit, und besonders fteute es ihn, daß dessen Tochter, Fräulein Rosa, eS ihm gegenüber an einem gewissen Respekt nicht fehlen ließ. ״Herr Strimpl, pflegte sie zu ihm zu sagen, Herr Strimpl, wenn ich einmal heirate, dann find der erste, der zu meiner Hochzeit eingeladen wird." Und dieser Tag kam, aber, —wie dies so oft zu geschehen pflegt, daß fteudige Erwartungen nie so ganz ihre volle Erfüllung finden — er zählte für Salme Strimpl sogar zu den großen Eattäu- 150 Ehrenwörter ein ganz respektables Kapital eingeheimst. So weit über daS»geschäftliche Verfahren Dr. Wichtl'S. ES wurde schon bemerkt, daß Dr. Wichtl überzeugter Anüsemit ist. trotzdem weit über */* seiner Frequentanten Juden sind. Doch nicht genug daran. Dr. Wichil legt seinen Gefühlen gar keinen Zwang auf und mehr als einmal ist er in ganz brutaler^ roher und ordinärer Weise über die Juden losgezogen. Wegen einer Beleidigung jüdischer Studenten wurde er jüngst von einem Wiener Jüdischnattonalen gefordert. Flugs erklärte er sich als Weidhofener, der Juden keine Satisfaktion gebe und versteckte sich außerden noch hinter seine Jnmunität. Eine Kritik über diese» feige, erbärmliche Vorgehen ist überflüssig, aber eine Lehre sollte daraus gezogen werden. Dr. Wichtl ist durch da» Geld jüdischer Hochschule! zum reichen Mann geworden, er hat indirekt durch dieses Geld sein Mandat bekommen, er hat aber eben diese» Geld immer nur zur Beschimpfung und Bekämpfung alles Jüdischen verwendet. Da» soll, ststgehalten werde«. Und au» dieser Erkenntnis erwächst den jüdischen Juristen die Ehrenpflicht, Dr. Wichtl und seinen Kur» zu meiden. ES wäre traurig, sollte stir den antisemitischen Agitator kein Ersatz zu schaffen sein, traurig und zu gleich ein Armutszeugnis für die jüdischen Juristen. Sentenzen vom Tage. Die Juden suchen Ziele, die sie vom Ziele entfernen, sie kämpfen um die Frage, ob die Spitze deS Schwertes, da» sie verwundet, von schungen seines Leben«. Auch für ihn gab eS zunächst viel zu tun. Er hatte sich erböttg gemacht, die Einladungskarten an die einzelnen Gemeinde- Mitglieder zu bestellen, verschiedene Gänge und Besorgungen zu machen, kurz hatte sich in jeder Hinsicht eifrig und dienstbefi ssen gezeigt. Dafür sparte aber Fräulein Rosa auch nicht mit Worten aufmunternder Anerkennung, und am Vortage des großen Momentes wiederholte sie, ihn dabei liebenswürdig anlächelnd, nochmalihre Einladüng zum ״Esten", wobei sie darauf achten werde, daß ihm auch die größten Porttonen verabfolgt würden. Und als vorläufiges Zeichen ihrer Dankbarkeit. als eine Art Abschlagszahlung für seine geleisteten Dienste, händigte sie ihm nebst einigen Zigarren, auch einen, zwar etwas übertragenen, wnst aber noch ״ausgezeichnet" erhaltenen steifen Hut ihres BaterS ein. der an Stelle seiner weichen, schon sichtbaren Zeichen der Altersschwäche aufweisenden Kopfbedtckung am Hochzeitstage im Tempel paradieren sollte. Ein Probeversuch damit fiel zwar nicht zur vollsten Zufriedenheit aus, indem der Hut sich als viel zu groß erwies und ohne daS natürliche Hindernis der Ohren noch üefer hinabgerutscht wäre, was Salme Strimpl zu der Bemerkung veranlaßte: ״Die erste Matone (Gabe), die zu groß ausgefallen ist l" aber dem Uebelstande war ja sehr leicht durch eine etwa-!stärkere Papiereinlage abzuhelftn. Große Auswahl!! Syuagogenoruate auch Lüsterkutte» «ud schöne seltene GelegeuheitSkaufe im Spezialhaufür Syuagogeuoruate Rudolf Goldstein, Wien, II!. Telephon 21990 (interurban). Wiederverkäufe» Rabatt! 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