Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XIII (1912)
- Issue
- Heft 14 (4.7.1912)
- Date
- 1912-07-04
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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^SLÄ? Seite 10. Jüdische Bolttfikmue. Nr. 14. Hierauf bespricht Zangwill die Galvestonarbeit und schließt unter stürmischem Beifall mit den Worten: ״Der Erfolg lehrt, daß wenn einmal ein Territorium gegeben ist, das sich für allgemeine Kolonisation in dem Maße eignet, wie die von Galveston umsäumte Gegend, so ist das Problem, unser Volk auf diesem Gebiete anzusiedeln, wenn auch viel schwieriger, doch immerhin nicht unüberwindlich. Und dieselbe Organisation, die sich fähig gezeigt hat, ein neues Bett für den Emigratiousström unserer wandernden Massen herzustellen, wird auch in der Lage sein, sie in ein Jto-Land einzuführen." Dann folgten die Aussprachen: NamenS der Wiener israelitischen KultuSgemeinde begrüßte Herr Dr. G. Kohn die Jto-Konferenz. Nachher sprachen in Vertretung der Bnei Brich Dr. Knöpfelmacher und namens der Alliance Jsraelite Universelle, Herr Pappenheim. Herr Rubinsteiu schlug vor, die Konferenz möge aus Anlaß der Tagung das Grab Herzls korporativ besuchen. Den Reigen der Begrüßungsreden schloß Rabbiner Dr. Feuchtwang. Die Eröffnungssitzung war damit zu Ende. Die folgenden Sitzungen wurden, insoweit sie sich mit den Siedlungsprojekten beschäftigten, für vertraulich erklärt. Wir behalteu uns vor, auf die Wiener Tagung der Jto und ihre Ergebniffe noch ausführlich zu» rückzukommen. A. E. R—z. Kommunique. Donnerstag, den 27. Juni d. I. um drei Uhr nachmittags hat der vertrauliche Teil der Konferenz begonnen. Zangwill hielt ein Referat über die verschiedenen Projekte, welche die Zentralleitung der ״Jto" in den letzten Monaten beschäftigt haben und die noch zum Teile in Beratung stehen. Besonders intereffant und anregend war jener Teil seiner Ausführungen über den in der Oeffentlichkeit bereits bekannten Gesetzentwurf, welcher vorige Woche in der portugisischen Kammer angenommen wurde und mit welchem die portugisische Regierung den Juden in ihrer afrikanischeu Kolonie Angola ein großes Kolonisationsgebiet zur Ansiedlung überläßt. Mr. Zangwill hat auch über seine Reise nach Lissabon und über die Eindrücke, die er aus den beratenden Verhandlungen mit den verschiedenen portugisischen Politikern gepflogen hat, berichtet. Es wurden ferner Referate von dem berühmten Afrikaforfcher Harry Johnston sowie von einem zweiten Forscher, Nervison, aus London über Angola gelesen, die nicht ganz günsüg über diese Projette urteilen. Herr Terlo aus Liffabon hat ein spezielles Referat über das gleiche Projekt gehalten, in welchem er die sämtlichen Details dieser Frage eingehendst beleuchtet. Zangwill hat ferner auch über ein anderes Gebiet, welches in der neuen Welt liegt und welches für die Ziele der ״Jto" vielleicht verheißungsvoller ist, als Angola, gesprochen. Er empfahl in einer Resolution der portugisischen Regierung jedenfalls den Dank der ״Jt0"»Konserenz auszusprechen und dieses Projekt weiter zu sMdieren. Zangwill will auch Vorschläge bezüglich der Reorganisierung der ״Jto"׳Arbeiten unterbreiten, über welche in den folgenden Sitzungen Beratungen gepflogen und eventuell Beschlüße gefaßt werden. In das Präsidium wurden gewählt: Präsident: Mister Israel Zangwill. Vizepräsidenten: Doktor Jochelmann, Kiew, Dr. Krenberger, Wien, Doktor Finkelstein, Warschau. Schriftführer: Ing. Löw, Byalostok, Ing. Günzburg, Zürich, M. Schmidt, Wien, Dr. Stein-Warschau, Dr. Wunderlich-Oppeln. Der Märtyrer seines Glaubens. Bon Iba Barbcr, Wien. (Fortsetzung.) Der Zigeuner überlegte, ob da nicht ein gutes Geschäft zu machen, doch seine Ehrlichkeit trug den Sieg davon. ״Reise ich zu Fuß", sagte er, ״brauch' ich wenig, kaum pro Tag einen Gulden; Hab ich Fahrgelegenheit, wohl vier, auch fünf Gulden 1" ״Selbstverständlich wird Nico fahren", sagte Frau Aranka und überlegte in der Eile, wie viel Geld sie wohl entbehren könne, um Nico die Reise so bequem als möglich zu gestalten. Ja leider, da war, seitdem ihr Gatte in Hast, Ebbe im Schatz; viele Ausgaben, keine Einnahmen; die Außenstände gingen nicht ein, der Verdienst stockte; das Wenige, was sie und die Kinder zum Leben gebrauchten, wnrde durch Verkauf,von Losen gedeckt, in denen Eli sein Kapital angelegt hatte. Die Lose waren der Notgroscheu. Davon für eine so gewagte Sache zu nehmen, getraute sie sich nicht; dennoch war ihr nichts zu kostbar, um es zu dem Zwecke, die Freiheit ihres Gatten zu erkaufen, hinzugeben. ״Kommen Sie morgen früh wieder, Nicp", sagte sie, ״ich werde meinen Schmuck verkaufen und Ihnen dm Erlös geben; reisen Sie so schnell und so bequem als möglich; sparen Sie nicht; für Aladär gebe ich Ihnen einen Brief mit; rüsten Sie sich noch heute für die Reise; jeder Tag, der verloren ist, bedeutet für meinm armen Mann —״ ״Keine Stunde wird Nico verlieren", unter» brach der Zigeuner. In seinen dunklen Augen dämmerte es wie Wetterleuchten I Hin nach Rom! Der Stadt seiner Sehnsucht! Und in welcher Mffion! Er fühlte sich ganz swlz ob des Berttauens, das Frau Aranka in ihn setzte! Ja, er wollte sich dessen würdig zeigen! Kein Zweifel! Aladär mußte ihn hören, er mußte beim heiligen Vater Audienz nehmen und den Enthaftungsbefehl für den Bruder erwirken! Frau Aranka hatte viel Mühe, ihren Schmuck zu Geld zu machen. Die guten Freunde rieten ihr davon ab, die Händlerwollten aus ihrer Notlage Nutzen ziehen und boten ihr die Hälfte des eigentlichen Wertes. Endlich hatte sie 200 Gulden flüssig gemacht, die sie dem Zigeuner, der ihr volles Vertrauen gewann, einhändigte. ״Und nun", sagte sie, ״reiset mit Gott, Nico. Ich zähle die Tage und Stunden, bis ich Nachricht von Euch habe; Ihr seid jetzt nächst Gott meine einzige Hilfe I" Tränen standen ihr in den Augen, als der braune Zigeuner sich auf ihre Hand herab beugte und sie küßte. ״Arme Frau", sagte er. ״Nico weiß, was Ihr leidet; Nico wird seine Pflicht tun!" Einen Tag nach der Abreise des Zigeuners tauchte im Städtchen die Nachricht auf, Ilona KuSmik sei von einem Reisenden, der Bukarest besuchte, in einem dorügen Freudenhause gesehen worden. Man forschte nach, der Fremde war bereits abgereist. Alles, was man wußte, war, daß derselbe in dem Gasthause in dem er übemachtete, erzählt habe, ein junges Mädchen, Namens Ilona, sei wieder ihren Willen in die Fremde gelockt worden und habe ihm den Auftrag gegeben, ihre Mutter aufzusuchen und sie zu bitten, Schritte zu ihrer Befteiung zu tun. Der rätselhafte Fremde mußte vermutlich die Adresse von Ilonas Mutter kennen; Frau Aranka hatte nichts Eiligeres zu tun, als zu ihr nach dem zwei Meilen entfernten Dorfe zu fahren. Wie pochte ihr das Herz, wenn sie daran dachte, Ilona wieder zu finden, die schändlichen, gegen ihren Gatten erhobenen Anklagen entkräften, ihn wieder in ihre Arme schließen zu können! Arme Frau! Als sie bei Ilonas Mutter anlangte, ward ihr die Kunde, die Kusmik sei vor einer Stunde mit einem Fremden abgereist; wohin, wußte Niemand. — All ihre Nachforschungen, wer der Fremde gewesen, blieben erfolglos. Es hieß also, sich in Geduld fassen; die Frau war offenbar auf der Suche nach ihrer Tochter; sie würde sie finden, mit ihr zurückkehren und Eli befreit sein. Ein Hoffnungsstrahl in der Nacht ihres Unglücks. Sonderbarerweise verstrich Woche auf Woche, ohne daß man etwas weder von Frau Kusmik noch von ihrer Tochter hörte. Hatte man ihre Fahrt nach Bukarest vereitelt? Hielt man sie gar gefangen? Undenkbar, daß sie nach Bukarest gekommen und kein Lebenszeichen von sich geben sollte. . Tatsache war, daß Dr. Bäthory, der davon Kenntnis erhallen, daß ein Fremder Nachricht über den Verbleib der Ilona Kusmik verbreite, einen vollständigen Aufpasserdienst organisierte. Er war benachrichttgt, daß Frau Kusmik sich reisebereit machte; der Fremde, der offenbar ein Jntereffe daran hatte, das Mädchen der Mutter zuzufahren, mußte geschont werden; er schien vermögend, einflußreich. Man wußte, daß er die Frau mit Geld versehen und bis nach Ugody begleitet hatte; von da sollte sie die Reise allein fortsetzen. Dr. Bäthory verstand dies zu verhindern. Die Frau wurde, als sie abenS in einer Herberge in Szikra übernachten wollte, nach ihren LegittmationSpapieren geftagt und, da sie diese nicht vorweisen konnte und man eine größere Summe Geldes bei ihr vorfand, in Hast genommen; es hieß, eS sei verdächüg, daß eine so dürftig gekleidete Frau eine Brieftasche mit 100 Gulden bei sich führe; die müffe sie gestöhlen habm. .Vergebens beteuerte sie ihre Unschuld; sie erzählte, daß ein Deutscher, der ihre schmerzlich vermißte Tochter in Bukarest gesehen, ihr das Geld gegeben, damit sie die Reffe antrete und ihr Kind befreie. Man glaubte ihr einfach nicht und hielt sie in Gewahrsam. Die arme Frau war der Verzweiflung nahe. Der Fremde war ihr wie ein von Gott gesandter Retter erschienen, er hatte sie reichlich mit Geldmitteln versehen und nun sollten gerade diese den Verdacht erregen, sie hätte sich auf unerlaubte Weise in den Besitz des Geldes gesetzt! Mau ftagte sie,wer denn der Fremde gewesen, wo er wohne; darauf wußte sie keinen Bescheid. Frau KuSmik verlangte, daß man in Bukarest nach ihrer Tochter forsche, sie werde sicher den Namen jenes Herrn wissen» dem ihr Schicksal so nahe ging, umsonst; man verhöhnte sie, nannte ihre Tochter eine Dirne, die sicher ihr LoS verdient habe. So verging Woche auf Woche; Aranka harrte vergeblich der Rückkehr der Frau KuSmik; das Gerücht, daß Ilona noch am Leben, war allmählich verstummt. Man wollte es nicht aufiommen lassen und diejenigen, die ein Jntereffe daran hatten, ihm nachzuforschen, fanden keinen Anhalt. Bukarest war weit, die Behörden unzugänglich. Vergebens wandte sich Aranka an die Vorsteher der Gemeinde; sie waren machtlos. Ihre einzige Hoffnung war jetzt noch auf Nico, dem brrven Zigeuner gesetzt. (Fortsetzungfolgt.) Zur Lage der israelitischen Religionslehrer in Baden. Man schreibt uns: In der letzten Zeit haben badische Blätter mehrfach über Dienstjubelfeiern jüdischer Religionslehrer und Kantoren berichtet, während kaum einmal zu lesen war, daß sich besagter Mann in den Ruhestand zurückgezogen hätte. Diese ausfallende Tatsache hat mich veranlaßt, über die Pensionsverhältnisse dieser Funktionäre mich zu unterrichten; das Ergebnis dieser Feststellungen ist ein geradezu effchreckendes. DaS Ruhegehalt eines solchen Lehrers schwankt in Baden zwischen 500 und 1000 Mark jährlich, erreichbar in vierzig Dienstjahren. Nur klein sind die Altersberhilfen, die ein paar PensionSvereine ihren Mitgliedern leisten können. Die Kultusbeamten etwa auf Zuschüsse verweisen zu wollen, die ihnen von Gemeinden aus freien Stücken zu dem offiziellen Ruhegehalte noch gewährt werden könnten, widerspräche durchaus dem modernen Empfinden, das rechtliche Sicherheit verlangt. Zudem könnten in dieser Hinsicht nur die paar größeren Städte Erhebliches leisten, während die Landtstäbte und Landgemeinden, auf die es vor allem ankommt, im allgemeinen nicht zu namhaften Beiträgen imstande sein dürf;en. Man vergegenwärtige sich dem gegenüber die Lage einiger anderen Kategorien von Staats- und Gemeinbebeamten: Diener, Wagenwärter und Schaffner kommen zu einem Ruhegehalt von 1725 Mark, Gerichts- Vollzieher zu 2490 und die Volksschullehrer, mit deneb bei jüdischen Kultusbeamten sich am ehesten vergleichen laffen, bis zu 2850 Mark. Für die Gemeinde- und KöffierschastSbeamten ist durch die Fürsorgekaffe ähnlich gesorgt. Die jüdische Kultusgemeinschaft Badens dagegen findet miteiner Altersversorgung von im Höchstfälle 1000 Mark die jenigen ab, die jahrzehntelang im Dtittelpunkt des religiösen Lebens der Gemeinden gestanden und auf die Jugend als Erzieher eingewirkt haben. Wenn diese Beteranen nicht gerade in der Lage sind, ansehnliche Kapitalzinsen' zuzusetzen oder sonstwie Hilfe aufzutreiben, müssen sie bis zum letzten Atemzuge arbeiten und in den Schulen sterben. Die Aussicht auf einen sorgenfreien Lebensabend, gerade baS wichtigste Gut ber Gemeinde- und Staatsbeamten, bleibt ihnen veffagt. Mancher Leser dieser Feststellung wird verblüfft sein, in Baden, wo die jüdischen KultuSverhältniffe schon lange geordnet scheinen, noch auf solche Tatsachen zu stoßen. ES scheint, daß man bei Bemessung der Penstonssätze aus die festen Gehälter der Religionslehrer Bezug genommen hat; baS geht aber nach Lage ber Dinge nicht an, denn das Diensteinkommen der Kultusbeamten auf dem Lande besteht außer dem festen Gehalt, das 2000 Mark kaum einmalüberschreiten bürste, aus veffchiedene wandelbaren Bezügen und einem von der Hauptkaffa gewährten Zuschuß. Dies Gesamteinkommen, auf das die Leute ihre ganze Existenz gründen und einrichten, müßte bis zu einem gewissen Höchstbetrag in Anschlag gebracht und es müßten Ruhegehaltssätze ähnlich denen der Bolksschullebrer unbedingt geschaffen werben. Unzureichend ist auch die Hinterbliäenenversorgung, für welche Boträge von 400 bis 800 Matt vorgesehen sind. — Mit diesen Ausführungen sollen die unleugbar großen Berbienste der jüdischen KultuSbehürde Badens nicht geschmälett werden, inSbesondere nicht die Berbienste des seit Jahren in dieser Be- Hörde hervorragend und hingebungsvoll tätige» Mannes; denn dem Kattsruher ״Oberrat" ist eS zu banken, wenn die Pensionsansprüche der Kultusbeamten überhaupt aus eine gesetzliche Grundlage gepellt worben sind. Aber tief bedauerlich bleibt es doch, daßauf diesem Gebiet seit geraumer Zelt kein nennenswetter Fortschritt mehr zu verzeichnen ist. Die Mittel für eine rasche, durchgreifende rückwittende Befferung müssen ausgebracht werben. Es ist hier nicht zu unteffuchen, wem dabei die Initiative zukommt, dem Oberrat in Karlsruhe, dem Kultusminister oder der Bollsvertretung. Da der Landtag für Kultus- S" eine angemessene Nachtragssorberung an ihn gelangte. Am besten wäre eS vielleicht, die ganze Kategorie in den KürperschastSbeamten zwangsweise unterzubringen.