Mannheim
Compact Memory

Jüdische Volksstimme · 1912-07-04 · Heft 14 (4.7.1912) · page 9

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XIII (1912)
Issue
Heft 14 (4.7.1912)
Date
1912-07-04
Page
– (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2621806-2621807-2621821--1580-2622631
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

6 entity mentions

Nr. 14. XIII/I. Jahrg. Beilage zur ״Wiener JrÄ. 4. Juli 1912. Seite S. Die Jto-Konserenz in Wien. Donnerstag, den 27. Juni wurde in: großen Saale des kaufmännischen Vereines die diesjährige Jto-Konferenz in Anwesenheit von ungefähr 200 Delegierten und Vertretern der Wiener Kultusgemeinde, sowie anderer jüdischer Organisationen und die Vertreter der Presse mit einer Begrüßungsrede durch Dr. I. Engel eröffnet. Hierauf nahm stürmisch akklamiert Israel Zangwill das Wort, der nach einigen einleitenden Sätzen ungefähr folgendes ausführte: ״ ... Wie Sie wissen, waren die meisten von uns, die wir uns heute im Lager der ״Jto" befinden, ursprünglich Schüler des unsterblichen Dr. Herzl, welcher lehrte, daß die endgültige Lösung der Judenfrage in der Errichtung eines eigenen Heimlandes bestehe. Nach dem Tode Dr. Herzls hat eine Palästina-Sektion die Bewegung an sich gerissen und heute fast zur Karrikatur verzerrt und als der Zionistische Kongreß vom Jahre 1905 es auf sich genommen hatte, das ostafrikanische Plateau, welches von der britischen Regierung angeboten wurde, zurückzuweisen, bildeten wir eine eigene Organisation — ohne zunächst notwendiger Weise an eine Sezession zu denken — zum Zwecke der Erlangung dieses ausgezeichneten Territoriums für das jüdische Volk. Wir drückten unsere Ziele und Bestrebungen in der allgemeinen Formel aus: Die Erlangung eines Territoriums auf autonomer Basis für jene Juden, welche in den Ländern, in denen sie gegenwärtig leben, nicht leben können oder wollen." Ein Programm, wie Sie also sehen, das sich ebenso mit Palästina und den Nachbarländern, wie mit jedem anderen Territorium vereinbaren läßt und das auch von den Zionisten nicht als hoffnungslos zurückgewiesen und verspottet werden kann, ohne dadurch ihre eigene Plattform zu zerstören, vorausgesetzt, daß der Zionismus ein reelles territoriales Projekt und nicht eine bloße Kultnrschwärmerei sein will. Es ist hier nicht der Ort, des Näheren auf die Gründe einzugehen, weshalb die ״Jto" den Besitz Ugandas nicht zu erlangen vermochte: Es ist die alte böse Geschichte von der Opposition seitens der Juden selbst. Aber meine noch größere Idee, daß die Juden das ganze Britisch-Ostafrika, eine Area von 200.000 Quadratmeilen gewiffermaßen als ein Britisches Judea zur Verfügung erhalten, wurde dazumal sowohl von Mr. Josef Chamberlain als auch von seinem politischen Gegner Winston Churchill akzeptiert. In dem von uns als Manuskript herausgegebenen Blaubuch findet sich die Geschichte dieser Transaktion und dem allmählichen Aufgeben dieses Projektes, das teilweise in der Befürchtung erfolgte, daß unsere jung-jüdische Zivilisation auf Negerarbeit basiert sein könnte. In der ersten Jto-Konferenz in London im Jahre 1906 wurde der Konseil der britischen Sektion mit der gigantischen Arbeit betraut, die Möglichkeiten für die Beschaffung eines Jtolandes, das in diesem Zeitalter des Landhungers etwa noch freigeblieben ist, ausfindig zu machen. Es wurde mit dem Namen ״Geographische Kommission" ein internationales Fünferkomitee gewählt, das hinsichtlich der besten Projekte Vorschläge zu unterbreiten hatte. An der Spitze dieser Kommission steht Lord Rothschild, der sich ursprünglich öffentlich als Gegner der ״Jto" bekannte. Ueberdies wurden als Mitglieder dieser Kommission gewählt der gewesene amerikanische Handelsminister Oskar Straus, Dr. Paul Nathan, James Simon und der nunmehr selig entschlafene Professor Dr. Mandelstamm. Seit jener Zeit hatdie Erfahrung alle Sektionen der ״Jto" zur Uerzeugung gebracht, daß die vorherige Sicherung eines Territoriums mit einer politischen Garantie, und mag sie die beste sein, nicht der einzige Weg ist, um ein Jw-Land zu schaffen, daß vielmehr bei Berücksichtigung der Vorurteile seitens der Juden sowohl als seitens der Nichtjuden ein leichterer, zum Ziele führender Weg darin besteht, den jüdischen Emigrationsström in ein unbewohntes oder wenig bevölkertes Land zu lenken, bis die Einwanderer und ihre Nachkommen die Majorität der Bevölkerung bilden würden. Wären auch nur einige Garantien dafür zu erlangen, daß die Einwanderung nicht später künstlich eingeschränkt werden würde, so wäre das an zweiter Stelle genannte Mittel nicht so aneifernd für das jüdische Volk, aber es würde zu demselben Endergebnisse führen, wie die an erster Stelle genannte Methode. Bei unserer ersten Umschau auf dem Erdball ließen wir denn auch die sekundären Möglichkeiten nicht außer acht. Wir studierten die unentwickelten Landteile in Argenünien, Australien, Bolivien, Brasilien, Britisch- Ostafrika, Kanada, Kolombo, Mesopotamien, Ne» vada, Idaho, Paraguay, Rodesinien und Tripolis, wir studierten die poliüschen Bedingungen in diesen Landern und wir traten in einzelnen Fällen in Vorverhandlungen mit den Regierungen und Privatbesitzern ein. Am 31. Juli 1907, der zweiten Jahreswende unserer Gründung, unterbreitete die Leitung der britischen Sektion den Mitgliedern der geographischen Kommission ein Blaubuch, welches die Ergebniffe ihrer Arbeit enthielt und von allen seinen 31 Mitgliedern beginnend mit dem Finanzsekretär des britischen Amtes für Indien, Mr. Lionell Abrahams und schließend mit Luzian Wolf und mir einmütig unterzeichnet wurde. Dieser Bericht empfahl die Kolonisierung der Cyrenaika oder im EvenMalfalle von Mesopotamien. Das erstere Projekt sollte auf Grund einer dringlichen poliüschen Unterhandlung mit dem damaligen, weitausblickenden Gouverneur von Tripolis, Redjeb Pascha, der die Ansprüche Italiens auf Tripolis fürchtete, versucht werden. Aus diesem Grunde wurde 1908 eine wissenschaftliche Expedition nach dem bisher verbotenen Lande des Cyreneika entsendet. Die Expedition stand unter der Führung des hervorragenden Forschers und Geologen Professor Gregory, der von Redjeb Pascha jeden gewünschten Beistand erhielt. So zog die Expedition friedlich durch jene von Arabern bevölkerten Gegenden, deren Namen heute nach Kriegsblut riechen. Gerade als er sich in der Wildnis befand, brach׳ die türkische Revolution aus. Redjeb Pascha wurde als Kriegsminister nach Konstantinopel berufen und starb bei seiner Ankunft in Konstantinopel eines bis heute noch unaufgeklärten Todes. Unser Bericht über die Cyrenaika wurde ins Italienische übersetzt und von der anü-imperalistischen Presse veröffentlicht. Aber die Kriegspartei replizierte mit einem gefälschten Dokument, in welchem dem großen deutschen Forscher Rohl ein Urterl unterschoben wird, das die Schlußfolgerung der ״Jto" Lügen straft. Zum Unglück für den Fälscher ist Rohlf noch vor Gründung der ״Jto" gestorben. Aber politische Parteien halten sich eben nicht immer an die Wahrheit und so schwimmt denn die Cyrenaika heute wohl im Blute, aber noch immer nicht im Wasser. Wir Juden haben ja auch keinen Mangel an Parteien und sie sind bereits über Angola hergefallen, obgleich es heute bloß ein Punkt in einer Tagesordnung ist. Wohlan denn, ich denke, unser Vorgehen in Angelegenheit des Cyrenaika-Projektes gibt uns Anspruch auf das Vertrauen des gesamten Judentums. Niemand ist in der Lage, schlechteres über Angola oder besseres über Palästina zu sagen, als er im Verlaufe der Verhandlungen von dieser Tribüne herab zu hören bekommen wird. Aber ich kann jenes Fraktionsunwesen nicht bitter genug beklagen, daß jede Regung und Bemühung, unser Volk zu retten, umdüstert, verbittert und frustriert. Parteien- Politik mag wohl sehr gut sein für Völker, die im Wohlstände leben. Aber es ist kein Platz für sie inmitten eines landlosen, verfolgten Volkes. Unter uns sollte es bloß Brüderlichkeit und gemeinsame, vereinte Beratungen geben. Meinungsverschiedenheiten sind notwendig, aber sie müssen rechtschaffen und dürfen nicht böswillig sein. Nach Aufgeben des Cyrenaika-Projektes, auf welches wir so große Hoffnungen gesetzt hatten, wandten wir uns programmgemäß der Alternative Mesopotamien zu und ich trat öffentlich für die Vereinigung aller jüdischen Parteien und Organisaüonen einbehufs Erlangung eines Landes, dessen Besitz dem Programme sowohl der Zionisten, wie auch der ״Jca" und der ״Jto" entspricht. Der Plan, zu deren Verwirklichung diese Körperschäften eingeladen wurden, war die Erlangung der Bewäfferung und Umwandlung eines Landes in ein Judenland, das heute wüst ist, einst aber sehr fruchtbar war, dessen moderne Entwicklung durch eine jüdische Bevölkerung auch ein gutes geschäftlicheS Unternehmen war und das nach den Ergebnissen ähnlicher Unternehmungen in Indien und Aegypten zu schließen, die Wahrscheinlichkeit bot/ daß eS sich zumindest mit zwanzig Prozent ren-' üeren würde. Dieses Unternehmen ist jetzt in Ausführung begriffen, aber... durch die Türken. Die jüdischen Organisationen lehnten eS ab, zusammenzugehen. Die Schaffung eines jüdischen Heimlandes in Mesopotamien ist aber auch heute nicht unmöglich. Ich glaube nun, daß, wenn es in der jetzigen poliüschen Lage und bei dem notorischen Geld- Mangel der Türken für eine geeinigte Judenschast eine Möglichkeit gibt, in Mesopotamien große Konzessionen zu erlangen, alle jüdischen Parteien zusammentreten müßten. Das Vorgehen des einen gegen den anderen kann nur ein negatives Ergebnis zeiügen. Kanada wäre gleichfalls für ein Jto-Land geeignet, aber Welfried Lauria erklärte mir offen, daß unser Anerbieten um 10 Jahre zu spät komme. Und gerade 10 Jahre früher hat der erste zionistische Kongreß stattgefunden. Sel -st Australien, das sich in großer Bevölkerungsnot befindet, legt weder Großmut noch politische Klugheit an den Tag. Jahre hindurch stand ich mit australischen Staatsmännern in Ver- Handlung und besonders mit denjenigen von Westaustralien mit seiner geringen Bevölkerung von 200.000 Seelen auf einem Lande von einer Million Qudrat-Meilen. Ein australischer Premierminister folgte dem anderen. Die Presse hörte nicht auf, die Vorschläge der Jto zu diskutieren oder sie zu verleumden. Aber alle Vorschläge zerschellen an dem Wiederstande Australiens gegen Ideen überhaupt. Vor kurzem besuchte der Präsident unserer Vereinigung in Melbourne, Mr. I. Jacobs Perth, die Hauptstadt von Westaustral'en und studierte die Angelegenheit an Ort und Stelle. Die Schlüsse, zu denen er gelangt ist, decken sich mit denen unseres Zentralrates. Solange die Arbeiterpartei an der Macht ist, ist sogar eine englische Eir Wanderung erschwert. Das Höchste, was nicht nur hier, sondern in jedem anderen Teile Austtaliens zu erhoffen ist, wäre die Siedlung von 5 höchstens 10.000 jüdischen Farmern auf dem Lande. Australien ist so blind für das Reelle, daß sie selbst ihre tropischen nördlichen Territorien so behandeln, als ob die weißen Emigranten keine sehnlicheren Wünsche hätten und von nichts Anderem träumten, als dieses unbrauchbare Land zu besetzen. Indem wir so einige andere Möglichkeiten ins Auge faßten, wandten wir uns abermals Nord- und Süd-Amerika zu. Unser geschätzter Kollega, Mr. Joseph Fels, ging nach Mexiko und hatte mit dem damaligen Präsidenten der Republik, Diaz, eine Unterredung, der sich bereit erklärt hatte, Juden willkommen zu heißen, jedoch mehr in ihrer Eigenschaft als Handelsleute und weil die Entwicklung, welche die Tüchtigkeit und der Fleiß der Juden dem Lande Mexiko bringen würden, es in die Lage versetzen würde, Kolonisten in ihrer eigenen Provinz zu besitzen. Es lagen uns auch einige Pläne für den Landankauf in Mexiko vor, darunter ein Anbot von 2 Millionen Acker in Tepic — ein Landstrich, der scheinbar reich und gut bewässert ist und obgleich zu klein, doch eine Ausdehnung nicht unmöglich macht. Aber die ungeordneten Verhältnisse im Lande haben unsere amerikanischen KonseilS von der näheren Prüfung dieses Vorschlages abgehalten. Mr. Fels hat auch in Paraguay Land gekauft und das Land selbst ausgesucht, welches jüdischen Emigranten Beschäftigung bieten und auch eine unansehnliche Kolonisation möglich machen würde, aber dieses Land ist wieder zu teuer. Aus Brasilien wurden wir mit Plänen sörmlich überschüttet. Da eS sich hier um ein Land von bloß 20 Millionen Menschen handelt, welche auf einem Gebiete von drei Millionen Quadrat- Meilen leben. Am Tage vor meiner Abreise auS London prüfte ich den letzten dieser Vorschläge, der mir durch unseren Kollegen Maier Spielmann aus Paris zugesagt wurde. In diesem Plane wird unS vorgeschlagen, die Ausbeutung der Kon- Zession der brasilianischen Eisenbahngesellschaft in die Hand zu nehmen. Eine Kolonisation bringt Eisenbahnen mit sich und die Eisenbahnen fördern die Kolonisation. Diese Konzessionen erwiesen sich jedoch zu geringfügig und an Termine gebunden. Aber Brasilien mit seinem mächtigen leeren Flächen wird noch lange die letzte Hoffnung der ״Jto" sein müssen. Die endgültige Auslese war jedoch nicht ganz erfolglos. Gleich Ruth fanden wir ein Ephaa voll Korn. Zwei Territorien gibt es, welche die Eignung besitzen, das Zufluchtsland zu werden, * welches wir suchen. Selbstverständlich können diese Territorien in dieser öffentlichen Sitzung nich.t diskutiert werden. Sie bedürfen der eingehendsten Prüfung und was ich über sie zu sagen habe, muß daher unseren vertraulichen Sitzungen vorbehatten bleiben." Demnächst erscheint: ״Wiener Jüdischer Volkskalender".

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.