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Jüdische Volksstimme · 1912-06-27 · Heft 13 (27.6.1912) · page 10

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XIII (1912)
Issue
Heft 13 (27.6.1912)
Date
1912-06-27
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Nr. 13. Würdigkeit, könnte er die ganze Welt umarmen und ans Herz drücken. ,Religiosität ist das Seitenbild seines Lebens. Der volominöse Band seines BetbucheS דר־ך- und der ״Jüdische Kalender" aus Jerusalem, sind seine Wegweiser hiezu. Sein Verhalten als ״BalhabajiS" und inSbesovderS an den ״Sedernächten" unseres OstersesteS, ist geradezu mustergültig, — eine interessante, jebe« jüdische Herz erfreuende Betätigung unserer alten traditionellen Gebräuche. Wie sich da mchr als 200 Menschen, mit die Devise בל דבפץ ייתי.ייסד״• zusammenfinden und stimmungsvoll die ״Hagada" vorlesen. Geschmackvollst arrangiert stehen mehrere ״Sederschüstä" auf der großm gedeckten Tafel. Man kann sagen •אשרי עין ראתך כל אלה« - - Nach glücklicher, aber kinderlosen Ehe, starb chm seine erste Frau. Mt feiner zweiten Frau ist es dem alternden Vater beschieden, ein reizend schönes Töchterlein — das ihm Gott erhalten möge — in seinen Armen zu Herzen. Das kleine Wesen betet er an. נפשו קשרה בנפשה״«. Als ״VizepräseS" unserer Gemeinde geehrt und geschätzt, entfaltet er als ״Friedensapostel" eine rastlose Tätigkeit. Möge eS ihm gelingen, eine ״Friedensliga" in unserer Gemeinde zu organisieren, die jede ״Reibnngssläche in den gegenseitigen Anschauungen zu beseitigen, imstande sein wird. In seiner Ehrenstelluvg als Mtglied des Vorstandes unserer ״Chewra Kadischa" arbeitet er mit einem unvergleichlichen Pflichtgefühle und HerzenSgüte. So wie der gewissenhafte Arzt, das Herz eines Kranken abhorcht, so schaut er als ״Chewra-Kadischavorstand" in das Hetz, der bei ihm vorsprechenden Parteien. Den Verlust des Trauernden mitfiihlend — seine Tränen trocknend. Möge dieser mit Botzüge begabte Mann — seinem Geschäfte als tüchtiger Leiter — seiner Familie als seelensguter Gatte und Vater, — der Leitung unserer ״Kultusgemeinde" und der ״Chewra- Kadischa" als tüchtiger Mitarbeiter, noch lange Jahre in voller Kraft und Gesundheit erhalten bleiben. I. F- Baden, 20. Juni 1912. Der Märtyrer seines Glaubens Bon Jda Barber, Wien. (Fortsetzung.) Vl. Der Verhandlungstag nahte. Es war Dr. Lazzlos Gegnern ein Leichtes gewesen, die Zeugen, die sie aufstellten, zu bearbeiten; sie sagten unter Eid so gravierend aus, daß selbst ein unparteischer Richter an Lazzlos Schuld hätte glauben müsseu. . Der Schreiber Miskolz wollte von Ilona gehört haben, daß Tr. Lazzlo sie schon früher einmal in dev Keller gelockt, daß sie ihm aber, Böses ahnend entwichen sei. Josef Hish, ein bekannten Raufbold, sagte aus, Dr. Lazzlo habe im vorigen Jahre zur Osterzeit seine Tochter, die damals in seinem Hause diente, behelligt, sie sei aus Furcht entflohen und bis heute nicht zurückgekehrt, — Therese Hinczes, eine Näherin, Halle, als sie ihr Fenster öffnete und von da aus einen Blick in Lazzlos gegenüber liegendes Studierzimmer warf, gesehen, daß er ein großes Messer geschliffen und, als er sich beobachtet sah, eilig das Rouleaux herunter ließ, — Paul Meßley, ein alter Tischler, sagte gravierend aus, er hätte, als Lazzlo den Keller mit der bewußten roten Flasche verließ, Blutspuren an seinem Rock gesehen, — Alexander Hovacs, ein im Nebenhause wohnender Privatbeamter, wollte gar Hilferufe gehört und deutlich Ilonas Stimme erkannt haben; als er nach Dr. Lazzlos Haus hinüber eilte, hätte er diesen verstört und leichenblaß aus dem Keller heraufkommen sehen und sei, auf eine Frage, was geschehen, mit den Worten abgefertigt worden: ״Mchts ist geschehen! Sie träumen wohl?" LazzloS Verteidiger, der Advokat Dr. Herrer. hatte gegenüber diesen unter Eid abgegebenen Aussagen einen schweren Stand. Dieses Gewebe von Lug, Verleumdung, Bosheit zu zerreißen, ging, wiewohl er sonst ein guter Verteidiger war, über seine Kräfte. Alles, was er erreichen konnte, war, eine Vertagung zu bewirken; er hoffte zu beweisen, daß die Zeugen gekaufte, ihre Aussagen unglaubwürdig seien; inzwischen aber blieb Dr, Lazzlo in Häft. Frau Aranka, die sich der trügerische» Hoffnung hingegeben, die Verhandlung müsse die Schuldlosigkeit ihres Gatten beweisen, war trvstlos; selbst ihre Kleinen, an denen sie sonst mit ganzer Seele hing, waren ihr lästig, gleichgültig. ״Mein ganzes Vermögen gäbe ich hin", agte sie einst, älS sic, um auf andere Gedanken nU kommen, ihrer Freundin Thekla einm Besuch nachte, ״wenn ich diese schändliche Anklage entkräftev, meinem Gatten die Frecheit wieder geben!önnte!" Im Zimmer der Freundin war eine Näherin anwesend, die, lebhaft aufhorchend, der Unterjaltung folgte. Ms Aranka schon im Begriffe war, sich zu entfernen, bat sie um die Erlaubnis, der Frau Doktor eine Mtteilung machen zu dürft». ״In chrem Hause", sagte sie, ״wohnte der alte Zigeuner Nico, der wiederholt geäußert, wenn er nur das Geld zu einer Reift nach Rom hätte, er wolle den Herrn Dr. Lazzlo befteien. Mco sei ein ehrlicher Mann, dem die Frau Doktor vertrauen solle'" Der Ertrinkende erfaßt selbst den Strohhalm; so, obgleich wenig Hoffnung in ihrem Hetzen lebte, ging Frau Aranka darauf ein dm Zigeuner Nico zu sich kommen zu lasten. Welche Welt der Empfindung durchwogte ihr Herz, als ihr der alte Mann mitteilte, wen er zu ihrem Schutze anrufen wolle! — Ja, wer könnte ihre und des Gatten Angelegenheit bester vertteten als Aladyr, der, wie schon vor längerer Zeit vernommen, in Rom zu hohen Ehren gelangt war! Doch wo ihn finden? Man wußte ja nicht einmal seinen jetzigen Namen. Als sie diesem Bedenken Ausdruck gab, sagte Nico in seiner tteuherzigen Art: ״Dafür lasten Sie mich sorgen, Frau Doktor; ich weiß, wo ich dev Pater in Rom in der Peterskirche gesehen, habe mir die Kapelle genau gemerkt und müßte nicht der Zigeuner Nico sein, wenn ich sie nicht wieder finden sollte! Kann irgend jemand unfern Doktor befreien, so ist es der ftomme Pater, sein Bruder" Aranka wollte einw enden, daß Aladar sick von der Familie losgesagt und schwerlich zu Gunsten seines Bruders eintreten würde, doch der alte Nico, ihrm Gedankengang erratend, sagte: ״Ich kenne AladarS gutes Herz; er selbst wird zum Heiligen Vater gehen und ihm vorstellen, wer sein Bruder ist, weshalb man ihn gefangen hält; und -der Heilige Vater wird ihm glauben, wenn er sagt, daß Juden kein Christenblut brauchen, daß alle Beschuldigungen Lug und Trug." ״Aber", fiel ihm die junge Frau ins Wort, ״wird der heilige Vater zu Gunsten eines im einen Uugarland wohnenden Juden eintteten? Wird Aladar es bewirken, daß-״ ״Der Heilige Vater duldet kein Unrecht", sprach Mco im Tone der innersten Ueberzeugung; ״es gilt nur, bis zu ihm zu gelangen, und das kann der ftomme Pater Aladar; vertrauen Sie mir, junge Frau, und Not und Sorge werden ein Ende haben, wenn ich-“ ״Sie muten sich zu viel zu, guter Mco", unterbrach Aranka; ״der Schwager wird Sie nicht hören, er hat jeden Verkehr mit seiner Familie, mit seinen Landsleuten abgebrochen!" ״Den Mco nicht hören", unterbrach der Zigeuner fast unwillig, ״wenn ich ihm sage, daß ich die weite Reise gemacht, um ihm das Schicksal seines Bruders ans Herz zu legen? Glauben Sie, daß er seinen Bruder-nicht mehr liebt? Daß er ein schlechter Mensch geworden? O, da kenne ich den Aladar bester! Wenn ich, als er noch ein kleines Bürschchen war, mit ihm spielte, ihm meine Fiedel lieh oder ihm selbst was vorgeigte, da griff er mit seiuen Patschhändchen noch mir und sagte: ״Nico Hab' ich lieb! Nico gut Freund sein! Das hat der gelehrte Herr sicher nicht vergessen! Und dcm Nico wird und muß er Gehör schenken, wenn auch nicht St. Peter, wo alles so gar ftomm und förmlich zugeht, so doch daheim iu seiner stillen Klause; da werde ich ihn aufsuchen und ihm erzählen, was es für böse Menscheu daheim gibt und daß sein Bruder durch sie unglücklich geworden! Mehr wird nicht nötig sein; sollt' ich den Aladar Lazzlo nicht kennen, wenn er nicht sofort —״ ״O, er wird von den Juden nichts wisten wollen", unterbrach Aranka. ״Da müßte er ein schlcchter Mensch sein", erwiderte Mco, ״und das ist der Aladar nicht! In Rom ist jeder Pater ein Gelehrter; da wird man am besten wissen, daß solch eine Beschuldigung, wie man sie hier ausbringt, die Juden brauchen Christeublut, unwahr ist!" ״Das wissen die Gebildeten und Vorurteils« losen auch hier", sagte Frau Aranka, ״aber keine Macht der Welt ist imstande, die stupide Menge >avon zu überzeugen!" ״Die höchste Macht der Welt", sagte Mco, ״ist der Heilige Vater in Rom. Der muß ein Wort sprechen, liebe Frau, und das ganze Gezeter wird ein Ende haben; glauben Ste mir, >er Mco ist in der ganzen Wett herumgekommen, und ist er auch 1׳ur ein armer Zigeuner, er weiß, vou wo auch Hilfe zu hoffen ist! Wollen Sie dem Nieo vertrauen?" ״Ich will", sagte Aranka. ohne zu überlegen. ״Wie viel gebraucht, Mco für die Reise nach Rom?" (Fortsetzung folgt). i Sternhof i bestem aller Bitterwässer. KückerbespreiHungen.*) F. W. I. von Schelliug: Vom Ich als Prinzip der Philosophie. Herausgegeben von Otto Weiß. Der Philosophischen Bibliothek Bcmd 133a. Verlag F. Meiner. Leipzig. Mk. 2 —. ES ist die zweite Schrift des jungen Schilling, die hier in neuer schöner Ausgabe vorliegt. Sie zeigt den Idealismus ״in seiner frischesten Erscheinung". Das Ich — und zwar daS absolute, über dem Gegensatz von Subjeltivem und Objektivem.stehende, daher mit dem lieben Ich unseres PersönlichenS nicht zu verwechselnde Ich — wird als das Prinzip der Welt aufgezeigt und es ist somit hier ein Gegenstück zu Spinozas Ethik geschaffen, die die Welt auch aus einem Prinzip begreifen wollte; nur daß dieses Prinzip nicht das Ich, sondern das Nicht-Jch, nicht die Freiheit, sondern die Notwendigkeit ist. Es sei mir gestattet, statt aller sonstigen Empfehlung dieser Schrift einige Motte aus der wundervollen Borrede hiehe^usetzen. ״Es gibt Leser, welche in jede Schttft nur einen flüchttgen Blick werfen, um in der Schnelligkeit irgend etwas aufzufaffen, bas sie dem Berfaffer als Verbrechen aufbürden. So könnten z. B. Leser jener Art bemerken, baß in der vorliegenden Schttft von Spinoza sehr häufig nicht ״wie von einem toten Hunde <um Lessings Ausdruck zu gebrauchen) geredet werde, und dann den schnellen Schluß machen, der Berfaffer suche die längst widerlegten" spinozistischen Jrttümer aufs Neue geltend zu machen. Für solche Leser bemerke ich einetteits. Laß diese Schttft gerade dazu bestimmt sef, bas nicht schon längst widerlegte spinozistische System in seinem Fundament auf- »heben, oder vielmehr durch seine eignen Prinzipien zu kürzen, andrerseits aber, daß mir das spinozistische System nit allen seinen Jrttümer» doch durch seine kühne Konequenz unendlich achtungswürbiger sei, als die beliebten Koalittonssysteme unserer gebildeten Welt, die. aus den Lappen aller möglichen Systeme zusammengeflickt, der Tob aller währen Philosophie werden. Zugleich »äume ich olchen Lesern recht gerne ein, daß diejenigen Systeme, die nur immer zwischen Erde und Himmel schweben, und nickt mutvoll genug sind, auf den letzten Punkt alles Wissens hinzudttngen, vor den gefährlichsten Jrrtümern weit sicherer sind, als das System des großen Denkers, besten Spekulation den freiesten Flug nimmt, alles aufs Spiel setzt, und entweder die ganze Wahrheit, oder gar keine will; dagegen bitte ich sie hinwiederum zu bedenken, daß, wer nicht kühn genug ist, die Wahrheit bis auf ihre ganze Höhe zn verfolgen, zwar den Saum ihres Kleides hie und da berühren, sie selbst aber niemals erttngen kann, und daß, die gerechtere Nachwelt den Mann, der. daS Pttvilegium toletterbarer Jrttümer verachtend, der Wahrheit ftei entgegenzugehen den Mut hatte, weit über die Furchtsamen hinaufsctzen wird, die, um nicht auf Klippen und Sandbänke zu stoßen, lieber ewig vor Anker lägen." Ich glaube, diesen ewig schönen Motten nichts mehr darüber hinzufügen zu müssen, wieviel Kraft und Mut zur Undedingtheit im Leben -wir aus diesem Schttftchen ״über das Unbedingte im menschlichen-Wisten" schöpfen können. Die Zuckerkrankheit, Wesen, Behandlung und Heilung schUdett ein soeben neu erschienenes Buch von Dr. med. Georg Luda, dem infolge der großen Verbreitung und Gffäbrlichkeit dieser Krankheit weiteste Verbreitung in allen Kreisen unseres Volkes zu wünschen ist. Die Zucker« krankheit oder wie der Fachmann sagt, Diabetes, gehött zu den Krankheiten, die sich nach und nach im menschlichen Lörber rinnisten, und die oft erst nach ziemlich langer Zeit, bann aber meist umso erschreckender ihr wahres Gesicht zeigen. Gerade bei dieser Art Krankhttten kann sachgemäße Aufklärung und rechtzeitige Vorbeugung von allergrößtem Nutzen sein, und auch bei schon sottgeschttttenen Stadien wird der Kranke, wenn er daS Wesen seines Leidens kennt, dieses viel leichter tragen und einem üblen Ende entgegenwitten können. Dr. Luda gibt eine anregend geschttebene und dabei leicht verständliche Dar« stellurg aller Fragen, die die Zuckerkrankheit betreffen, schildett Symptome und Verlauf der Krankreit, ferner die verschiedenen Behanblungsatten, wobei auch die verwerslichen Geheimwittel, durch die so viele harmlose Menschen schon zu Schaden gekommen sind, entsprechend unter die Lupe genommen werden. Jeder Diabetiker wird dem Verfasser dankbar sein für die prakttsche Anweisung zur Bestimmung des Zuckergehalts im Harn sowie für die detaillierten Ernährungsvorschttsten usw. Das Buch, das jeden, der sich hinsichttich seiner Gesundheit und speziell seines Verdauungsapparates nicht ganz fest fühlt, im eigensten Interesse lesen sollte, ist im Medizinischen Verlag Schweizer & Co, Berlin NW 87 zum Preise von Mk. 1-80 erschienen. *) Sämtliche Bücher sind zu beziehen durch dttr ״ZLd. Buch- und Kunstverlag", Brünn, Adlergaffe S.

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