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Jüdische Volksstimme · 1912-06-27 · Heft 13 (27.6.1912) · page 9

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XIII (1912)
Issue
Heft 13 (27.6.1912)
Date
1912-06-27
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Nr. 13. XIII/1. Jahrg. Bellage zur ״Wiener Jü-. 27. Juni 1912. Seite 9. Aus der neuesten Geschichts- Literatur der Juden. Bon Theodor Weißelberger in Czernowitz. Etwas über jüdische Wirtschaftsgeschichte im allgemeine». I. ES ist wirklich höchst seltsam: so viel über das Judenvolk geschrieben ist, über oaS wichtigste Problem, seine Stellung im Wirtschaftsleben ist kaum etwas von ״grundlegender Bedeutung gesagt worben." (Sombart. ״Die Juden und das Wirtschaftsleben.") ״Die jüdischen Historiker beschäftigten sich bis jetzt ausschließlich mit dem geistigen Leben unserer Borfochren. Mit Recht. Der Mensch lebt nicht nur vom Brod, sondern sicherlich auch vom Brod. ES ist die höchste Zeit, daß wir erfahren, woher wir — ohne Land — Brod erhalten haben." (L. Kölner: Aphorismen.) Bor׳ wenigen Jahren war die jüdische WittschaftSgeschichte ein fast unbekannter Begriff. Unsere zahlreichen Geschichtsforscher des XlX. Jahr» Hunderts kümmerten sich um das Wirtschaftsleben der Inden seit dem Verluste ihrer politischen llnabhängigkeit entweder überhaupt nicht oder in sehr unvollkommener Weise. Mit zwei Problemen befassen sie sich hauptsächlich: Mit der jüdischen Literatur und unserer Martyrologie. Die materielle Kultur der Juden überging man mit Süllschweigen. Nicht einmal Gurete bildet eine Ausnahme. Erst in jüngster Zeit wandten einige Historiker chr Augenmerk dem Studium der jüdischen Wirtschaft in der Diaspora zu. Ein Bahnbrecher ans diesem so arg vernachlässigtem Gebiete war Georg Caro.׳) Bis nun ist der erste Band seiner Wirtschaftsgeschichte erschienen. In diesnn Werke werden die wirtschaftlichen Verhältnisse der Juden vom frühesten Mittelalter bis zum Ausgange des XII. Jahr- Hunderts sehr ausführlich geschildert. Dieselbe Materie behandelt auch I. Schipper in der Studie: ״Anhänge des Kapitalismus bei den abendländischen Juden im früheren Mittelalter."') Schipper widerlegt die Theorie von Sombart über den ״Altkapitalismus". — Um die Wende des XII. Jahrhunderts finden wir abendländische Juden, die über große Kapitalien verfügen. Die Frage nach dem Ursprünge dieses Reichtums der mittelalterliche Juden beantwortet Sombart folgendermaßen: ״Wahrscheinlich ist, daß von den wohchabenden Juden, deren wir ü b e r a l l im späteren Römerreich begeguen, ein beträchtlicher Teil den Besitz an Gold, Schmucksachen und kostbaren Geräten aus der versinkenden alten Welt herüberretteten ins Mittelalter?) Schipper weist nach, daß diese Hypothese aus der Luft gegriffen ist. Größere Bermögensmafsen besaßen nämlich diejenigen Juden, welche fick später in den germanischen Staaten angefiedel: haben, am Ausgange des Altertums überhaupt nicht. Bon einer Herüberrettung könne also hier nicht die Rede sein. Die Grundlage des primären Reichtums sei vielmehr die Rente im weiteren Sinne, welche sich bei den Juden, die Grund und Boden besaßen, anhäufte und das mobile Vermögen, das sie als Gegenwert für die Veräußerung ihrer ländlichen Besitzungen erhielten. Der Berfaffer führt zur Bekräftigung seiner Hypothese eine Fülle von historischem Material an, aus dem ersichtlich ist. daß die Hauptbeschäfügung der Juden im frühesten Mittelalter der Ackerbau bildeten) In den letzten zwei Jahren wurde unsere Wirtschaftsgeschichte um einige vorzügliche Werke bereichert, die hier besprochen werden sollen. II. Moses Hoffma»»: Der Geldhandel der deutsche» Inden während des Mittelalters bis znm Jahre 1350?) . « ®et Verfasser geht von einer kurzen Darfiellung der Beteiligung der Juden am Grund besitz im Mittelalter aus. Wo sie sich in einer cm״* ,'),Sozial, und Wirtschaftsgeschichte der Juden im Mittelalter und in der Neuzeit. Band I, Leipzig 1908. , '),Erschien zuerst in der Wiener Zeitschrift für Bolks- Wirtschaft, Sozialpolitik und Verwaltung 1906 und als Sonderabdruck 1907. . -) Sombart. ״Der moderne Kapitalismus." Band I, p. 270. «) Schipper. ״Anfänge des Kapitalismus." p. 13, 18, 83 u. a. Siehe auch Caro ״Sozial- und WirtschastS» geschichte". p. 78, 141, 142 u. a. — Ruppin hält SombartS asichr für ti'" ' * " " größeren Zahl niederließen, beschäftigten sie sich mit Ackerbau. ״Dort (in Spanien bis zum X. Jahrhundert) bildete der Landbau die vornehmlichste Beschäftigung und den Haupterwerb der Juden?) Dem landwirtschaftlichen Berufe widmeten sich auch die ftanzösischeu und deutschen Juden in den folgenden zwei Jahrhunderten, wenn auch lange nicht in dem Maße, wie die spanischen. ״ES ist verboten, von einem Israeliten Zinsen zu nehmen und ebenso von einem Nichtjude», wenn man sich durch seinen Grundbesitz ernähren kann."*) Dieser Ausspruch im ״Buche der Frommen" aus dem Jlchre 1226 charakterisiert am deutlichsten die Wirtschaftsgesinnung des damaligen Juden. Ein ״geborener" Geldhändler spricht eine ganz andere Sprache. Nach einer allgemeinen Charakteristik des ldischen Handels wendet sich Hoffmann dem :igentlichen Thema zu: der Geldoperation der deutschen. Judm. Sie waren nicht die einzigen, welche sich am Geldhandel beteiligten. Nach Lamprecht wurden »ie Kreditbedürfnisse in Deutschland bis zum XU: Jahrhundert von der Geistlichkeit, im XIII. Jahrhundert vom Adel und den Bürgern, im XIV. Jahrhundert hauptsächlich von den «nl . , . richtig, trotzdem die Gründe, die Schipper für die gegenteilige Hypothese anfühtt, stichhältig sind. (Juden der Gegenwart, II. Auflage, p. 46.) — Hoffmann hält auch die Sombartsche Theorie für richtig. Er gibt aber zu: Indes war gewiß bei vielen (Juden) auch der Grundbesitz eine Quelle der BermögenSbildung. (Der Geldhandel der deutschen Juden während des Mittelalters, p. 81) Juden befriedigt.') Hoffmann hätt diese Ansicht insoferne für richüg, als alle diese Bevölkerungs- ,ruppen sich am Geldhandel tatsächlich beteiligten. Im das Zinsenverbot kümmerte man sich wenig, ttotzdem es unter schwere, kirchliche Strafen gestellt wurde. Man umging es auf verschiedene Weise. UebrigenS gewähtte die Kirche selbst gewiffe Konzesfionen, indem sie das Zinsennehmen von Juden und Heiden, den Rentenkauf und den Verkauf, eine verschleierte Form des Wuchers, gestattete.») Die Juden waren im Mittelalter die einzigen, >ie offen Kreditgeschäfte betteiben durften. Nur dadurch ist die Tatsache zu erklären, warum wir eine Reihe von rechtlichen Ausnahmen, die den Geldhaudel betteffen, zu Gunsten der Juden find?»?) Die Frage, woher die deutschen Juden, die chou am Ausgange des XII. Jahrhunderts über pcoße Kapitalien verfügten, die chnen einen auszedehnten Geldhandel gestatteten, diese Summen nahmen, beantwortet Hoffmann folgendermaßen7): Die Anhäufung großer Kapitalien bei den mittelatterlichen Juden Deutschlands sei teilweise auf sie akkumulierte Gmndrente und auf den Erlös »es Grundbesitzes, teilweise auf den Besitz von Gold und Schmucksachen, die — der Theorie über >eu Altkapitalismus von Sombart gemäß — aus dem Altertum herübergerettet wurden, teilweise auf den Unternehmergewinn am ausgedehnten Orienthaudel zurückzuführen.») Zu dm ständigen Kunden der Juden gehörten: nebm dem Kleinadel, dem niederm Klerus, den Kaufleutm und Handwerkern, die höchstm geistlichen und weltlichen Würdenttäger. — Bei der Schilderung des Geschäftsbetriebes der jüdischen Gellrhändler weist der Berfaffer darauf hin, daß die jüdischen Fraum sich intensiv wirtschaftlich be tättgten. Sie besuchen Märkte, hausieren, gewähren Darlehen, schließm mit Kaufleuten Kompagniegeschäste ab usw. Oft sorgt die Frau für den Lebensunterhalt der ganzen Familie, währenddem ihr Mann sich ausschließlich dem Talmudstudien widmet?) Der Geldhandel der Judm war immer mit einem sehr großen Risiko verbunden. Es hing oft von der Laune des Schuldners ab, ob er die geliehene Geldsumme zurückerstatten soll. Ein günstiger Richterspruch half nicht immer. Außerdem war das jüdische Kapital teils durch Münzverschlechtemng, Münzveränderung, durch Schulderläffe, Zinsreduktionen, teils durch ZwangSanleihcn und große Steuerlasten gefährdet. AuS diesem Grunde war auch der Erttag der Geldgeschäfte nicht so groß, wie man es gewöhnlich annimmt, ttotz des hohen Zinsfußes. Die Bedentung der Judm für die deutsche Volkswirtschaft ist eine große, weil sie den Uebergaug von der Naturalwirtschaft zur Geld- und Kreditwirtschaft ermöglichten. Der Wert dieser historischm Abhandlung besteht hcmptsächlich darin, daß derselben die Respoosenliteratur zu Gmnde gelegt wurde, deren wirtschaftSgeschichttiches Material bis nun wiffenschastlich gar nicht benutzt wurde. Durch dieses Buch wurde für das Studium der wirtschaftlichen Verhältnisse der Juden eine neue, ausgiebige Quelle erschlossen. Caro hingegen und Schipper ließen die Responsen ganz außer acht. DaS Wettvollste vielleicht an dieser Arbeit bildet der Anhang, welcher zirka 109 Seiten Mcttettalim, Auszüge aus der Responsenliteratur in deutscher Sprache umfaßt. III. I. Schippers neuestes Werk.׳) Die Geschichte der Juden in Polen kmnt nicht ihre Anfänge. Wir wiffen nicht genau, warm und woher die Judm nach Polen eingewandett sind- AuS dem Osten oder aus dem Westen? Diewar seit jeher eine Streitfrage. Schipper verficht die Ansicht, daß die Wirtschaftssubjekte, die in den ältesten Zeiten nach Polen kamen, aus zwei Elementen bestanden: aus Ackerbauem und Kaufleuten. Die ersteren kamen aus Chasalien, also aus dem Ostm, die anderen aus dm abendländischen Staaten. Die ältesten jüdischen Sied» lungen in Klein-Großpolen, in Reussm und in Schlesien waren jüdische Dörfer. Ein eklatanter Beweis dafür sind die Namen derselben: Zydow, Zydowo, Zydowska Wolga, Zydatycze, oder Kozara, Kozarz, Kozarzow, Kaurory. Diese letzten find ohne Zweifel die ältesten und weisen darauf hin, daß die jüdischen Kolonisten aus Chasarien waren. Sie eigneten sich zur Kolonisation in besonderem Maße. Im Chasarenlande blühte nämlich der Ackerbau schon seit dem VII. Jahrhundert. Der andwittschaftliche Betrieb überging sogar hie und >a von einem extensiven zu einem intmfiven. ES ist deshalb kein Wunder, daß die Juden aus Cha» arien von den polnischen Fürsten zur agrikolen Kolonisation verwendet wurden. Die jüdischen Kolonisten waren entweder Bauern oder größere Grundbesitzer. Die ersteren bearbeiteten selbst den Boden, die letzteren benutzten dazu Sklaven. Daraus folgt, daß die Juden ein fteieS Element warm, denn nur Freien (wie Fürsten, Geistlichen usw.) war der Besitz von Sklaven gestattet. Erst seit dem Jahre 1226 (auf Grund des Privilegiums BoleslauS auS Kalisch) waren die Juden ,serv» camerue". (Fottsetzung folgt.) '1 Leipzig 1910. Berlüg von Buncker et Humblot. ') Hoffmann. Der Geldhandel der deutschen Innen, p. 3. ') ibidem p. 170. ') ibidem p. 21. *) ibidem P. 32—34. ״) ibidem P. 64—74. ') ibidem P. 81, 82. ,1 ibidem P. 7. ') ididem p. 99. Sigmund Raußnitz, Vizepräsident der israelitischen Kultusgemeinde in Baden. ES braucht einer kein bedeutender Mensch zu sein, um eine 50 jährige Lebenserinnerung zu schreiben. Oft gönnt das Schicksal gerade der liebm Einfalt ein Ettnnemngsvermögm, so daß er bei Modellierung eines Bildes, das er vor 50 Jahrm geistig miterlebte, sich gar nicht anzustrengen braucht, während dem er seine Denkkraft in Aktion stellen muß ״JüngstgeschehmeS" zu schildem. — Und wir haben bei dieser Gedächtnisschwäche mit keinem psychologischm Rätsel zu rechnm, sondem nur den 50 miterlebten Jahren. So ergeht eS Schreiber dieser Zeilen, der in jugendlichem Alter vor 50 Jahren Gelegenheit hatte, da- ״Restaurant RauSnitz", Baden, Waffergasse in Bettieb zu sehen. Doch ich habe nicht die Absicht, den Entwicklungsgang des jubilierenden Etablissements zu schildern. Ich will nur, so weit es in den Rahmen diescS Blattes gehött, die ״Persönlichkeit" des Jubilars Herrn Sigmund RauSnitz, Baden, charaktettsieren. Es wird mir diese angenehme Aufgabe io leicht gemacht. Kennt doch jeder, selbst in dem entlegensten Winkel unserer Stadt und weit über die Grenzen unseres KurotteS — unfern lieben Jubilar. Und doch find nur wir, die wir, mit ihm zusammen leben und wirken, dazu berufen das ״Charakterbild" de- Jubilars, mft allen Konturen und Schattierungen, am besten zu zeichnen. Herr ״Sigmund" so heißt abgekürzt unser liebenswürdiger Gastwitt, — in seinem durch rastloser Tätigkeit, zu Rang und Ansehen gebrachten Geschäste. — empfängt stttS freundlich lächelnd seine Gäste und bleibt unabläffig bemüht» sich die Zufriedenheit aller zu erhalten. In seiner Lieben-- >) Dr. I. Schipp«. Study» nad stosunkami goSPobarczymi Zydow w PolSce podczaS Sredniowircza. (Studien zu den WbctschastSverhültniffen der Juden in Polen während d«S Mittelalters.) Lemberg 1911. — Ein intereffanteS Kapitel au» diesem Werke erschien in den ״Jüdischen Fragen", einem Jahrbuch de» Th. herzl-BereineS, Wien, 1908.

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