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Jüdische Volksstimme · 1912-06-20 · Heft 12 (20.6.1912) · page 10

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XIII (1912)
Issue
Heft 12 (20.6.1912)
Date
1912-06-20
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Seite 10. Jüdische LolkSstimme. Nr. 11. ihr einige Worte inL Ohr, bei deren Klang ihr Gesicht sich verfärbte, ihre Augen Blitze sprühten. ״Nie, niemals!" rief sie zornbebevd; ״lernen Sie ein jüdisches Weib achten I Meine Ehre ist mir selbst um diesen hohen Preis, meinen Mann frei zu wissen, nicht feil! Seine Unschuld muß und wird zu Tage treten! Noch lebt ein Gott in der Höh! Mr stehen in seiner Hut!" Hoch erhabenen Hauptes verließ sie das Haus des Unglückes. ES war ihr, als fühlte sie Trost und Beruhigung in das totmüde Herz einziehen. Als sie dkcheim ihre Kleinen umarmten, fragte sie sich: ״Gibt eS wirklich Frauen, die ihre Ehre opfern, ohne daran zu denken, daß sie damit der Achtung ihrer Kinder verlustig gehen?" IV. Der Verhandlungstag nahte. EL war Dr. Lazzlos Gegnern ein Leichtes gewesen, die Zeugen, die sie aufstellten, zu bearbeiten;'sie sagten unter Eid so gravierend aus, daß selbst ein unparteii-- scher Richter an Lazzlos Schuld hätte glauben müssen. Der Schreiber Miskolz wollte von Ilona gehört haben, daß Dr. Lazzlo sie schon früher einmal in den Keller gelockt, daß sie ihm aber. Böses ahnend, entwichen sei. Josef Hish, ein bekannter Raufbold, sagte aus, Dr. Lazzlo habe im vorigen Jahre zur Osterzeit seine Tochter, die damals in seinem Hause diente, behelligt, sie sei aus Furcht entflohen und bis heute nicht zurückgekehrt, — Therese HinczeS, eine Näherin, hatte, als sie ihr Fenster öffnete und von da aus einen Blick in Lazzlos gegenüber liegendes Studierzimmer warf, gesehen, daß er ein großes Messer geschliffen und, als er sich beobachtet sah, eilig das Rouleaux herunter ließ, — Paul Meßley, ein aller Tischler, sagte gravierend aus, er hätte, als Lazzlo den Keller mit der bewußten roten Flasche verließ Blutspuren an seinem Rock gesehen, — Alexander Kovacs, ein im Nebenhause wohnender Privat beamter, wollte gar Hilferufe gehört und deutlich Ilonas Stimme erkannt haben; als er nach Dr. LazzloS HauS hinüber eilte, hätte er diesen verstört und leichenblaß aus dem Keller heraufiommen sehen und sei, auf seine Frage, was geschehen, mit den Worten abgefertigt worden: ״Nichts ist geschehen! Sie träumen wohl?" Lazzlos Verteidiger, der Advokat Dr. Herrer, hatte gegenüber diesen unter Eid abgegebenen Aussagen einen schweren Stand. Dieses Gewebe von Lug, Verleumdung, BoSheit zu zerreißen, ging, wiewohl er sonst ein guter Verteidiger war, über seine Kräfte. Alles, was er erreichen konnte, war, eine Vertagung zu bewirken; er hoffte zu beweisen, daß die Zeugen gekaufte, ihre Aussagen unglaubwürdig seien; inzwischen aber blieb Dr. Lazzlo in Haft. Frau Aranka, die sich der trügerischen Hoff« nung hingegeben, die Verhandlung müsse die Schuldlosigkeit ihres Gatten beweisen, war trostlos; selbst ihre Kleinen, an denen sie sonst mit ganzer Seele hing, waren ihr -lästig» gleichgültig. ״Mein ganzes Vermögen gebe ich hin", sagte sie einst, als sie, um auf andere Gedanken zu kommen, ihrer Freundin Thekla einen Besuch machte, ״wenn ich diese schändliche Anklage entkästen, meinem Gatten die Freiheit wieder geben könnte!" Im Zimmer der Freundin war eine Näherin anwesend, die, lebhaft aufhorchend, der Unter- Haltung folgte. Als Aranka schon im Begriffe war, sich zu entfernen, bat sie um die Erlaubnis, der Frau Doktor eine Mitteilung machen zu dürfen. ״In ihrem Hause", sagte sie, ״wohne der alte Zigeuner Nico, der wiederholt geäußert, wenn er nur das Geld zu einer Reise nach Rom hätte, er wolle den Herrn Dr. Lazzlo befteien. Nico sei ein ehrlicher Mann, dem die Frau Doktor vertrauen solle." Der Ertrinkende erfaßt selbst den Strohhalm; so, obgleich wenig Hoffnung in ihrem Herzen lebte, ging Frau Aranka darauf ein, den Zigeuner Nico zu sich kommen zu laffen. Welche Welt der Empfindungen durchwogte ihr Herz, als ihr der alte Mann mitteilte, wen er zu ihrem Schutze anrufen wolle! — Ja, wer könnte ihre und des Gatten Angelegenheit bester vertteten, als Aladär, der, wie sie schon vor längerer Zeit vernommen, in Rom zu hohen Ehren gelangt war! Doch wo ihn finden? Man wußte ja nicht rmial seinen jetzigen Namen. Als sie diesem Bedenken Ausdruck gab, sagte Nico in seiner treuherzigen Art: ״Dafür laffen Sie mich sorgen, Frau Doktor; ich weiß, wo ich >en Pater in Rom in der Peterskirche gesehen, -abe mir die Kapelle genau gemerkt und müßte nicht der Zigeuner Nico sein, wenn ich sie nicht wieder finden sollte! Kann irgend jemand unfern Doktor befteien, so ist es der ftomme Pater, sein!3ruber." Aranka wollte einwenden, daß Aladär sich von der Familie losgesagt und schwerlich zu Gunsten seines Bruders eintreten würde, doch der alle Nico, ihren Gedankengang erratend, sagte: ״Ich kenne Aladärs gutes Herz; er selbst wird zum Heiligen Vater gehen und ihm vorstellen, ver sein Bruder ist, weshalb man ihn gefangen Hält; und der Heilige Vater wird ihm glauben, wenn er sagt, daß Juden kein Christenblut rrauchen, daß alle Beschuldigungen Lug und Trug". ״Aber", fiel ihm die junge Frau ins Wort, ״wird der Heilige Vater zu Gunsten eines im erneu Uugarland wohnenden Juden eintteten? Wird Aladär es bewirken, daß — — ״ (Fortsetzung folgt.) Kü<Herbespreckungen.*) Eberhard Büchner, das Neueste von gestern. Kalturgeschichllich interessante Dokumente aus alten deutschen Zeitungen. Erster Band: Das 16. und 17. Jahrhundert. Geheftet 4 Mark 50 Pfennig, gebunden 6 Mark. Band 2—4 iverden im Frühjahr 1912 erscheinen. Verlag von Albert Laugen in München. — Dieses Sammelwerk alter, kulturhistorisch intereffanter Zeitungsnachrichten ist von besonderem Interesse und Wett. Jedes künstlerische oder literattsche Werk gibt im gewissen Sinne ein Bild der Zeit, in der es entstanden ist, die Zeitung aber gibt das un. mittelbarste, das unretuschierteste, und das ist ihre Phisiognomie. Sie ist die subjekttvste Aeußerung des Zeitgeistes, die wir kennen. Daraus ergibt sich die intereflante Eigenatt und der Wett dieser mit ganz besonderem Geschick und Utteil und mit so großer Mühe hergestellten Sammlung alter deutscher Zeitungsbettchte. Spezialwerke über die hier behandelnden Epochen (das Wett wird mit dem vierten Band bis zum Ende der französischen Revolution reichen) ottentieren gewiß genauer und sicherer über die Folge der Ereignisse jener Jahre, aber es gibt kein Wett, das den Hintergrund zu diesen Ereignissen farbiger, Iberraschender, echter bieten könnte: hier spricht die Zeit elbst, ganz dirett, ganz unmittelbar. Man sieht, wie sie ruf jeden Reiz reagiett, man hött ihren Puls, und darüber lernt man sie verstehen. Man findtt hier charakteristische Nachttchten über Ktteg, Politik, höfisches und Volksleben, über Hexen und Mißgebutten, seltsame Galgen und Spuckgeschichten, liest über die Wiedertäufer, die Waldenser, die Gegenreformation; man sieht, was damals wichtig genommen wurde, wie z. B. der Aberglaube auch die einfachsten Himmelserscheinungen als Strafe und Schrecken kündende göttliche Vorzeichen durchweg noch auffaßte, und so Wetter. Und sind nicht alle Bettchte stofflich gleich interessant, so sind sie es doch in ihrer Form, in der Att, wie diese Dinge den Zeitgenossen mitgeteilt wurden. Mit einem Wott, Eberhard Büchner zeigt uns in seinem Werk ein unverfälschtes Bild jener alten Zeit, von derü sie beherrschenken Geist selbst gezeichnet. Karl Paul Haffe: Bau Plotim zu Goethe. Die Entwicklung des platonischen Einheitsgedankens zur Weltanschauung der Neuzeit VIII, 327 €. gr. Oktav. M. 5-— Jena, Verlag Diederichs. Zweite Auflage. Wie die Bücher, so haben auch Namen und Wotte ihre Schicksale und es spiegelt sich in ihnen das Denken der Menschen. ״Monismus", ״Einheitslehre"— wer diese Wotte heute hött, bentt an jene Wellanschauung, die man wohl als die flachste, trostloseste und von allen ettenntnistheoretischen Bedenken am wenigsten ergttffene wird bezeichnen dürfen. Nicht immer war es so; Zetten, die tiefer dachten als die unseren, suchten ebenfalls die Einheit der Welt zu ergründen, aber sie suchten ttefere Quellen der Einheit und Mannigfaltigkeit als — das Atom oder Elektton. Die Einheit der Welt i m G e i s t e zu ergründen, die Mannigsaltigkeit als einen notwendigen Prozeß in jener geistigen Einheit zu ergründen, dies war seit je das Stteben tteser Geister. Der klassischen Philosophie Griechenlands war es nicht gelungen, zu einer Einheit vorzudttngen; Plato mußte sich mit der Dualität der Ideenwelt und der Matette zuftteden geben; er kam nicht weiter. Erst das ״neuplatonische" System Plotius, der 204—270 nach Ehr. labte und in Rom lehrte, machte den grandiosen Versuch, die Entzweiung zwischen Subjekttvität und Objektivität auszuheben. Dieser Versuch PlottuS hat in der Geschichte der Philosophie nachhaltig gewittt. Zunächst haben PlottuS Schüler (Porphyttos, Jamblichos, ProkloS,) die Lehre beS Meisters ausgebaut und systematisiert. Bald zieht die Einheitslehre ins junge Christentum ein und obzwar die Gedanken eines Synesios, Dionysias, Areopagita, Siotus Ettgena nichts weniger als chttstlich-rechtgläubig waren, ja offiziel verutteill wurden, hat sich das religiöse Bewußtsein der chttstlichen Mystiker doch stehtS wieder an ihnen entzündtt und Meister Eckhard, von dessen Schttsten und Predigten hier kürzlich die Rede war, ist das beredteste Beispiel für die religiöse Kraft der Alleinheitslehre. Ja der jüdischen Literatur haben die Gedanken PlottuS durch die Kabbalah einen großen Einfluß geübt. Wir heuttgen Juden haben hier viel nachzuholen, denn wir haben die Bemühung mit unseren esoterischen Schttfttum Sämtliche Bücher sind zu beziehen durch den Jübischen Buch- und Kunstverlag, Brünn, Ablergasse Nr. 9. verloren, ja uns sogar aufreden laffen, daß die Kabbalah eine Bettrrung des jüdischen Geistes war. (So Grätz und viele andere.) Man lese demgegenüber, wie hoch der Autor des vorliegenden Buches die Kabbalah schätzt und wie iatt nach seiner Schilderung der Einfluß dieses SchttsttumS auf die Männer der Renaissance war. Der Verfasser dieser verfolgt die Entwicklung deS Alleinheitsproblems von Plottn über die genannte Schttsten zu Giordano Bruno,;u Spinoza, zu Kant; zeigt, wie die deutsche idealistische Philosophie eines Fichte, Schilling und Hegel die Platonischen Gedanken philosophisch verarbeitet und zu großen Systemen gestaltet, die dann ein Schaffen Gotthes lebendige Wittsamkeit bekommen. So liefert Haffe eine überaus orgsame und heimlich zu begrüßende Monographie dieser Geistesströmung, die vielleicht in unseren Tagen neu zu wkken, berufen ist. Kunäsckau. Skandale der ״Echtruffen" in Kiew. In Kiew sind jetzt fortwährend neue Skandale an der Tagesordnung. Erst vor kurzem hatten die Verbändler nach dem Muster der Oktobertage 1905 ne Fenster der fortschrittlichen Zeitung ״Kiewskaja Mysl" eingeworfen ohne zur Verantwortung gezogen zu werden. Gestern hat sich nun ein Zwischenfall ähnlicher Art in der Redaküon des ״Doppeladler" abgespielt. Pugatsch, ein Mitarbeiter der ״Posladnija Nowostt", war dorthin gekommen, um sich eine Nummer des Programmblattes zu besorgen. Da wurde er in ein entfernt gelegenes Zimmer verlockt und in bestialischer Weise verhauen. Es waren junge Verbändler nebst dem Studenten Golubew an der Spitze, welche die Prügelei inszenierten. Als Pugatsch endlich aus den Händen der Pogromjünglinge sich losgerissen hatte, begegnete er dem Revieraufseher Ljaschtschenko. Dieser lehnte es aber ab, gegen die Redakttons- Mitglieder des ״Doppeladler" vorzugehen, und Pugatsch wurde bei dieser Gelegenheit von den» selben Verbändlern.nochmals verhauen. i Sternhofi bestes aller Bitterwässer. Eine Ausweisung des amerikanischen Journalisten Bernstein ans Rußland. Uns wird geschrieben: Die Zurückweisung des Journalisten Bernst-in, Mitarbeiters des New-Iork- Sun, von der russischen Grenze wird voraussichtlich noch diplomattsche Vorstellungen bei der russischen Regierung zur Folge haben. Der betroffene Journalist hat sich nämlich in seiner Angelegenheit an die amerikanische Botschaft in Berlin gewandt, und diese hat ihrerseits die Petersburger amerikanische Botschaft aufgefordert, sich des Falles Bernstein anzunehmen. Die russische Regierung wird nun die peinliche Frage zu beantworten haben, auf Grund welchen Rechtes und unter welcher Begründung sie einem amerikanischen Bürger, dem der Paß rechtmäßig visiert war, das Betreten des ruffischen Reiches versagt hat. Zu derselben Angelegenheit kommt uns schließlich folgende weitere Mitteilung zu: Die russische Regierung hat soeben dem amerikanischen Botschafter in Petersburg bezüglich der Nichtzulassung Bernsteins nach Rußland die Erwiderung zuteil werden lassen, daß diese Maßnahme mit Rücksicht auf Bernsteins Artikel in der amerikanischen Presse über Rußland erfolgt sei. Dem gegenüber muß betont werden, daß der genannte Journalist nicht nur krittsche Aufsätze über die russischen Verhältniffe geschrieben, sondern überhaupt dazu beigetragen hat, die amerikanische Welt mit Rußland und seinen geisttgen Gütern bekannt zu machen. Durch Uebersetzungen und Aufsätze hat Bernstein insbesondere auch die Kenntnis von Tolstoi, Gorki, Andrejew, Tschechow gefördert. Von Witte ist er mehrmals und von Kokowzow noch im vorigen Jahre als Interviewer empfangen worden. Das rigorose Vorgehen der russischen Regierung gegen Bernstein ist wohl aber auf seine rührige journalistische Betättgung in der russisch-amerikanischen Paßftage zurückzuführen. Verbreitet Hickl’s ״jüdischer Volkskalender״

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