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Jüdische Volksstimme · 1912-06-20 · Heft 12 (20.6.1912) · page 9

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XIII (1912)
Issue
Heft 12 (20.6.1912)
Date
1912-06-20
Page
– (sequence 9)
Language
German
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20. Juni 1912. Seite 9. Nr. 11. XIII/1. Sahrg. ff Badener Brief. 111. ״Gemilus chesed". Wer heute von mir eine Kritik, gegen die Leitung unserer KultuSgememde gerichtet, erwartet, wird nicht ganz auf seine Rechnung kommen. Diese kleine Schonzeit, die ich den Herrn vom Vorstände antizipiere, ist kein Umschwung in der Tendenz, die ich verfolge, sondern eS sei Feststellung der Tatsache, daß unsere Gemeinde in der Ausübung von ״Zedokoh" und ״Gern, chesed" das Möglichste leistet, welches im vollen Maße anerkannt werden muß. — Dort, wo Zifferkolonnen Beweise liefern, kommt die Wahrheit in markanter Weife zum Ausdruck und die Kritik muß schweigen. — Ich werde es aber gewiß nicht versäumen, nötigenfalls von meinem, guten Rechte — Kritik zu üben — den ausgiebigsten Gebrauch zu machen. ״Zedokoh", die öffentliche Wohltätigkeit und ״Matan-Baseser" die verborgene, ungenanntseinwollende Wohltättgkeit! In die erste Kategorie von ״Zedokoh" zählen wir die Menschen, die nur aus ״Nobeltuerei" sich an Geldsammlungen für wohltäüge Zwecke beteiligen, prunkm und prahlen, sehen ein Befriedigen ihrer Eitelkeit darin, wenn ihr Name in den Tagesblättern veröffentlicht steht. In diese Kategorie zählt auch die ״Zedokoh", welche in grenzenloser Gier nach Ehrenämtern und Orden jagt. Bei dieser Jagd nach Auszeichnung werden die Begriffe derart verschoben, daß jedes religiöse Gefühl aufhört. Zur zweiten Kategorie von ״Zedokoh" zählen wir die Menschen, die im stillen geben. In den modeinen jüdischen Gemeinden werden die aus beiden Kategorien zusammenfließenden Gelder unter der Spitzmarke ״Armenwesen" verwaltet. Eine einheitliche ״Basis" für alle Kultusgemeinden in Oesterreich zu schaffen ist wohl geplant, aber leider noch nicht durchgeführt. Inzwischen behelfen sich die ״Armenseküonen", je nach der Auffassung und Spitzfindigkeit ihrer ״Sektions- Mitglieder". — So wurde bei uns z. B. vom Armenrat die Einkronenwährung eingeführt — bitte, diese nicht mit der staatlichen Einführung ' der allgemeinen Kronenwährung zu verwechseln — das heißt, unser Gemeindesekretär wurde mit der ״Generalvollmacht" ausgestattet, jedem ״Armen- Paffanteu" das ״Fixum" von einer Krone als Abfertigung auSzusolgen. Außerdem ist die Ein» führung getroffen, an hiezu bestimmten Tagen von der Seküon selbst Verteilungen vorzunehmen. An solchen Tagen, besonders in der Badesaison, ist der Andrang ein kollossäler. Man sieht die armen Bittsteller, wie ihnen die Tränen aus den Augen quellen, wie sie die Hände bittend falten. Die Gemeinde kann nicht ausgiebiger solch viele Tränen, ttockaen. — So mancher Arme geht enttäuscht fort und andere Unzufriedene legen resigniert die ״Einkronenwährung" in die Hand des Armenrates zurück. In einem solchen Fall, wenn es mit ״einer Krone" nicht geht, gibt der Armenrat noch eine ״Krone drauf" und meint, es ist bester, wenn man die ״Mawnoh" auf zweimal gibt — weil man doppelt (?) gegeben hat. — Diese ״Hypothese" ist bei einem Armenrate niemals unwahrscheinlich. — Um ausgiebiger beteilen zu können, müßte die ״Privatwohltätigkeit" michelfen, aber nicht plan- und sinnlos — sondern durch Gründungen von ״Vereinen", — die, wie im Uhrwerk die sinnvollen Teilchen präzis meinandergreifen, so muß da- ״Armenwesen" zenttalisiert und präzisiert, separat verwaltet und im Sinne des Spenders seinem heiligen Zweck zugeführt werden. Wer unser tägliches Gebet: ״Behüte uns Allmächtiger Gott vor Matnas - Bosor-Wodom" in Erfüllung gehen sol^ muß die milde Gabe so verabreicht werden, daß der Arme das ״Bosorwodom" nicht verspürt, müßte aus zwingendem Grunde unter den jetzigen Verhältnissen, — wo ״Allesgeben" auf die Schulter der Gemeinde gelegt wird — eine Aenderung eintreten. ES handelt sich um Reformen in der BerwalMng der Sttftungen und Legate. ES handelt sich überhaupt um die ״Organisation" des ganzen Armenwesens in unserer Gemeinde, denn man kann nicht düster genug färben, wenn man die unglückliche Lage eines Armen, der heute nach Baden kommt, schildern sollte. Als ״Passant erhält der Arme die ״Einkronenwährung", die er in sein ganz leeres Geldtascherl, wenn er ein solches hat verschwinden läßt, er sucht schüchtern die ״Privat- Wohltätigkeit" auf und sammelt, wenn er nicht inzwischen polizeilich beanständet wurde bei diesen paar stadtbekannten Wohltätern noch eine oder zwei Ikonen. — Inzwischen ist es Nacht geworden, der Arme müde und hungrig, denkt an ein Nachtlager aufs Nachtmal verzichtet er. sucht in der Stadt herumwandern-, mehrere Glaubensgenoffeu auf. Die Wohnungsverhältniffe in Baden gestatten es dem Mittelstand nicht, für Arme ein Nachtlager reserviert zu halten und die oberen Zehntausend", die in ihren luxuriös ausgestatteten Billen mit den ausgedehnten Parkanlagen Hausen, find in der Regel für solche Besuche nicht eingerichtet, der Arme bekommt kein Nachtquartier, er kampiert im Freien, legt sich in einem Winkel im Stadtpark auf eine harte Bank, er schläft ein, aber, o Verhängnis! er wird von der alleerspähenden Hermandat aufgefunden, unsanft geweckt und wandert auf die Schubstatton Nr. LeeSdorf- Sttohmarkt". In eiuigen Tagen erhält der Borstand der Chewrakadischa die verkauliche Mitteiluug, in obbezeichneter Schubstatton ist ein Glaubeusgenoffe als ungeladener Gast eingezogen und kann erst nach Erlag der auf einige Kronen aufgelaufenen Kosten freigegeben werden... Die Chewrakadischa besorgt das weitere Fortkommen "dieses Aermsten aller Armen und die ״Privatwohltättgkeit, ist nicht inkomodiert worden. Wenn du geehrter Leser vermuten solltest, daß unsere Gemeindemitglieder, mit KultuSsteuer, oder sonstigen Bereinsbeittägen überbürdet sind, will ich dir das Geheimnis verraten; Ein dem besten Mittelstände angehöriges ״Kultusmitglied", zahlt bei uns pro Jahr 20 bis 30 Kronen — wenn es auch Mitglied unserer ״Chewra-Kadischa" ist, zahlt er noch — den horrend hohen Beittag von 2 Kronen per halbes Jahr. — Willst du neugieriger Leser, noch wissen, was sich ein 30 Kronen zahlendes Mitglied alles leistet? Er ist Gemeindemitglied im strengsten Sinne des Wortes — darf sich zu der Intelligenz der Wähler zählen — welche doch die überwiegend.׳ Mehrzahl bilden — macht die Wahlen — hat das Glück, ein schönes, blondköpfiges Töchterchen und einen schwarzäugigen, bildhübschen Knaben zu besitzeu, beide Kinder besuchen die Religionsschule — natürlich, gratis! Denn bei uns bezahtt die Gemeinde — alles. Ein, schöner Tempel steht ihm das ganze Jahr zur Verfügung, — zu den hohen Feiertagen besucht er dieses Gotteshaus, übersieht eS in der Regel, sich einen Sitz zu mieten. Er könnte auch ins ״Beth-Hamidrasch" gehen, wo ein von unserm Ehrw. Rabbinate anerkannter und von der Gemeinde besoldeter Talmudist seine Vorttäge hält. Er geht lieber auf den Turf, obzwar er nie in ״Brehm; Werke" über das Tierleben nur einen flüchtigen Blick machte, oder er geht auf das ״Flugfeld" nach Wiener-Neustadt, ohne von der ״Kurbelumdrehung" einer Flug- Maschine eiue ״blaue Technik" zu haben, ttotzdem er sich das ganze Jahr bemüht, die ״Mechanik", seiner in der Haushaltung unentbehrlichen ״Kaffeewühle", zu begreifen. ״Zedokohgeben" — sei größte Sorg! wozu ist denn die ״Kehilo" da? Die von mir gewählten Vorsteher, sagt er, werden schon dafür sorgen, daß ich als ״Privatwohltäter" nicht überlastet werde. Die ganze Sorgfalt, die man bei uns, von Seite der priv. Wohltättgkeit der ״Zedokoh" augedeihen läßt, besteht darin, daß, nachdem man sein goldenes jüdisches Herz entdeckt hat, mit langer Hand üef in den Geldsack greift, nur daß dabei in der Regel eine kleine Verwechslung vorkömmt, nämlich, daß man, statt in feinen, in den Geld- Jatf der Kultusgemeinde greift. Daß die nicht protegierten Armen bei dieser offenbaren Ver- Wechslung zu leiden haben, beweist der Umstand, daß unsere Gemeinde als ״ausschließliche Wohltäterin", ttotz Einführung ihrer ״Ein Kronen- Währung" des öftern durch Schwindsucht erregte ״Ebbe" in ihrer ״Armenkaffa" hat. Dieser, zum ״System" gewordene Mißbrauch, treibt das ״Zedokhgebenmachen" zur Maßlosigkeit. Allerdings erspart bei diesem ״System" der gutherzige ״Protegeur" sein eigenes Geld. Sehr angenehm wäre eS mir, dieses ״Kapitel" mir allen noch rückständigen Einzelnheiten, heute schon abschließen zu können, allein eS hieße, die Grenzen des mtt gesteckten Raumes in diesem Blatte überschreiten. Ich werde so ftei sein, das noch rückständige in einer der nächsten Nummern ergänzend abzuschließen. Als Schüißwort für heute muß ich noch von einem bedeutenden Fortschritt in unserer Gemeinde Mitteilung machen: Die ״Zivilisation" geht in ״Meilenstiefel" voran. Ein eigenes ״Preßbureau" hat unsere löbliche KultuSgememde etabliert. Die freie ״Kritik" wird konfiHiert. Die Scheu vor der Oeffentlichkeit geht so weit, daß man ״Die Baduerbriefe", wie die ״Kupons״ aus der ״Jüdischen BolkSstimme" schneidet, damit die unwiderlegte Beschuldigung der ״Rückständigkeit" dem Auge des Unbefangenen entrissen wird. Wem fällt nicht, bei nt Lesen dieser Zeilen, der ״schlimme Knabe" ein» der beim Ableben seines Lehrers, seine Freude nicht unterdrücken konnte und dafür die ״Zurecht- Weisung" seiner Mutter: ״Das Siderl lebt ja noch" zu hören bekam? Ein Mitglied der isr. Kult.-Gem. in Baden. Der Hauptmann von Köpenick und sein Vorgänger. Die von der TageSvreffe gebrachte Nachricht von dem Tode des ehemaligen Schuhmacher» Wilhelm Voigt, der spättr den Beinamen ״Der Hauptmann von Köpenick" erhielt, rief die Erinnerung an ein Vorkommnis wach, das vor sechs Jahren in der ganzen Welt vielfach belacht wurde und den Helden der Handlung plötzlich zu einem der bekanntesten Männer machte. Im Jahre 1906 gelang es nämlich dem Schuhmacher Wilhelm Voigt in der Uniform eines HauptmanneS, den Bürgermeister der Stadt Köpenick zu düpieren und einen Anschlag auf die Stadtkassa zu vollsühren. Kurze Zeit nach Verübung des Stteiches wurde er verhastet und später zu vier Jahren Gefängnis verurteilt. In Anbettacht der Originalität dieses Stteiches wurde er vom deutschen Kaiser begnadigt und Voigt konnte nach 20 Monaten das SttafhauS verlassen. Der vom Voigt verübte Streich wurde als sehr originell und genial derart bewundert, daß sich sogar eine Dame fand, die ihm eine lebenslängliche Rente zum Geschenk machte. Es durste aber nur wenige geben, die da wissen, daß der ״Hauptmann von Köpenick" einen ebenbürtigen Vorgänger hatte und daß der von Voigt verübte Stteich, was Originalität und Genialität betrifft, nicht vereinzelt in der Verbrecherliteratur dasteht. In dem von Jellinek herausgegebenen ״Beth-Hamidrasch" (III. Band) wird von einem ähnlichen Gaunerstreiche berichtet. Die Handlung spielt in der Hauptstadt Ägyptens. Der ägypüsche ״Hauptmann von Köpenick" ging ebenso raffiniert zu Werke wie sein deutscher Nachfolger: Er begab sich auf den Friedhof und verlangte von jedem Einketenden auf Grund eines gefälschten Debets des Königs eine Gebühr, die ihm anstandslos eingehändigt wurde. Auch dieser vollbrachte seinen Stteich mit Hülfe der königlichen Soldaten, die da glaubten, im Aufkage des obersten Kriegs- Herrn Ägyptens zu handeln. Nur der Schluß weicht einigermaßen von dem seines deutschen Nachfolgers ab. Als der ägyptische König von dem Gaunerstreiche und den finanziellen Erfolgen erfuhr, ernannte er ihn zum — Finanzminister und erwies ihm große Ehren und Auszeichnungen. Schreiber dieses hat den betteffenden Band des Beth - Hamidrasch nicht zur Hand und kann daher die Seite und auch die Randbemerkung des sel. Dr. Jellinek nicht angeben. Irren wir nicht, so lautet die Randglosse JellinekS dahin, daß diese Erzählung.eine Satyrs enchält auf die militärische Macht Ägyptens, sowie auf das Bestreben der Regierungskreise Ägyptms, immer neue Steuern einzuführeu. Soeben erfuhr ich, daß die Nachricht vom Tode der ״Hauptmannes von Köpenick" in der Presse dementtert wird. Voigt hat also die Genug» tuung, zu erfahren, daß er einen ihm ebenbüettgen Vorgänger hatte — vorausgesetzt natürlich, daß er diesen Artikel zu Gesicht bekommt. Jedenfalls ersieht man daraus, daß es ״Nichts neues unter der Sonne gibt". Wie sagt doch Rabbi Akiba: ״Alle» ist schon dagewesen". Dr. F. K. --- Z. Der Märtyrer seines Glaubens. Bon Iba Barber» Men. (Fortsetzung.) ״Ich bin bereit, allezu tun, jedes Opfer zu bringen", sagte Aranka^ ״soweit es sich nnt meiner Ehre verttägt!" ״Nur keine volltönenden Wortt", sagte Dr. Bäthory. ״Ihr Gatte wird seine Freiheit noch heute wieder erlangen, wenn" — er zischelte

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