Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XIII (1912)
- Issue
- Heft 11 (13.6.1912)
- Date
- 1912-06-13
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 10. Jüdische Botttstbmve. Nr. 11. Juden und Judentum im Lichte römischer Schriftsteller. Eine literarische Skizze. Bon Dr. Josef Hoff, Rabbiner in Bisenz. Die alten Heiden Ijatten keine eingentliche jkenntvis vom Judentum. Bei den Römern schalt man die Jude» ein Volk ohne alle Religion, weil sie keine sichtbare Gottheit hatten, eine ״impia geyS" da sie eine ganze Menge von Göttern leugneten. Ihre ungesellige Lebensweise machte sie der Menge verdächüg, und der stolze Römer ließ sich herab, die vulgärsten Erzählungen von ihrer Unfreundlichkeit gegen Fremde und von ihrer Weigemng, ihnen den Durst zu stillen, wenn sie nicht Glaubensbrüder waren, zusammen» zutragen und schrieb diese üblen Gewohnheiten dem Umstande zu, daß sie einen ganzen Tag in der Woche mäßig zubrachten, kein Schweinefleisch aßen und die römischen Gesetze verachteten — darin schien ihm das Judentum zu bestehen. Dieselbe Unwiflenheit verraten der Satyrendichter Persius (V, 180) und der unzüchtige Epigrammatiker Marti al1), die, verleitet durch Vorurteile, zu ähnlichen unwürdigen Mißverständnisien gelangen. TacituS der größte Geschichtsschreibe! des Altertums, der einen Strahl der Mischen Offenbarung auffing, da er die ״verachteten Horden" der Juden zu Rom sah, brandmarkte sie in semer unsterblichen Sprache mit den Worten ״inter se nihil illicitum." Er rechnete die Juden unter die Anbeter des Bacchus, weil Pompejus eine goldene Rebe unter den Tempelzierraten gefunden hatte und das Laubhüttenfest zufällig mit der Feier der BachuSorgien in der Zeit zu» sammentraf. TacituS' philosophischer Geist konnte den jüdischen Ritus für lächerlich erklären und sich wundern, wie dieses ״einsame und grämliche" Volk alles profanierte, was den Römern heilig war. Doch glaubte er den wahren Grund der jüdischen Eigentümlichkeiten darin entdeckt zu haben, daß Moses, um das Band der Vereinigung fester zu ziehen und sich seine Autorität zu sichern, eine -neue Art von Gottesdienst und ein System religiöser Zeremonien gab, welches die Kehrseite von allem war, was andere Zeiten und andere Länder kannten.-) So beschränkt war der Gesichtspunkt, aus dem der philosophische Polytheist etwas, das ihm unbekannt war, ansehen mußte. Wenn aber TacituS aus den Tiefen seines profunden Geistes schöpft, nicht verleitet durch populäre Vorurteile, vielleicht auch belehrt von Josephus, oder erwänut Lurch den platonischen Philo, dann betrachtete er ehrfurchtsvoll die geistige Gegenwart des Gottes Israels, die Inspiration des jüdischen Glaubens erfüllt ihn und wir erleben das seltsame Schauspiel, daß er selbst gleichsam zum erhabenen He» bräer wird. ״Die Juden", so ruft er gelegentlich der Schilderung des ״unbekannten Gottes der Juden" aus, ״erkennen nur Einen Gott, ihn sehen sie im Geiste, ihn beten sie in der Bettachtung an. Der Gott der Juden ist der große, waltende Geist, der die ganze Natur beherrscht, er ist ewig, unendlich, keines Wechsels fähig und keiner Abnahme unterwarfen."s) Diese würdige Beschreibung hätte dieser heidnische Historiker von keinem seiner vielen Fabelgötter geben können. Juden und Christen waren bei den Römern lange nicht unterschieden und so ist es leicht erklärlich, wenn der Geschichtsschreiber und Privatsekretär des Kaisers Hadrian Sueton in seinem ״Leben des Claudius" die Vertreibung der Juden auS Rom den häufigen Empörungen zuschreibt, die ein gewisser Chrestus unter ihnen erregt habe.«) Wahrscheinlich hat Sueton von den Zwistigkeiten unter den Christen und den judaisierenden Christen gehört. Auch unter Domiüan's. grausamer Regierung wurden die ersten Christen, solange sie mit den Juden verwechselt worden, mit ihnen wegen Gottlosigkeit verdammt; den Heiden schien eben die Religion des einig-einzigen Gottes eine Art Atheismus zu sein. Tertullian bezeugt mit Unwillen, daß Juden und Christen zu ehrlosen Abenteurern gezählt wurden, die eine Taxe entrichten mußten, um in Rom wohnen zu dürfen. Erst unter den menschenfreundlichen und gerechten Nerva, dem Nachfolger Domitians, wurden Verfolgungen römischer Untertanen wegen ״Gottlosigkeit oder Judentums״ °) strengstens untersagt und -) Mackial. VII., SS, 34 und 81; Xl., 9b und XU., 57. s) Lac. historiae l. V. r. 5. ») Tacit. ibid. Bergt, auch Dio CassiuS l. 37. 8 17. Siehe Grötz Gesch. d. I. Ul. S. 303. «) Sueton, Claudius c. 25. *) Diö CassiuS l. 68, § 1. vgl. Salvador: ״Gesch. d. Römerherrschast jn Judäa". Bd. U. S. 485. Beschuldigungen wegen Umgehung der Judensteuer nicht angehört. Eine Münze zeigt — als Jllustration dieser Tatsache — die merkwürdige Inschrift: ״Fisci judaici calumuia sublata", sie besagt, daß die Anklagen gegen Judensteuer aufgehoben seien und die Juden nicht mehr unter falschen Borwänden so hart gestraft werden sollen, wie es unter Domitimt noch der Fall war?) Die berühmtesten Schriftsteller und Historiker des klassischen Altertums haben mit ihren Schriften, welche Juden und Judentum behandeln, einen dauernden Beweis hinterlaffen, wie sehr ihre Geschichte durch Volkssagen und ungewisse Tradittonen in Punkto Glaubwürdigkeit beeinttächttgt worden sein mag. Sie haben uns in Betteff des jüdischen Volkes höchst kindische Märchen, die plumpsten Mißverständnisse und die feindseligsten Verleumdungen überliefert und so ist es naturgemäß, daß sie, namentlich bei der Beurteilung jüdischer Gebräuche zu falschen Vorstellungen gelangen. Quintus Horatius Flaccus konnte die ״gestutzten Juden" nur im Scherze tteffen, ohne ihnen eine brennende Wunde zu schlagen. Doch sein ״vin' tu curtis Judaei oppedere" drückt seine Verachtung ohne die gewohnte Feinheft seines Verses aus. Mit köstlichem Humor rächt sich der Dichter an den damaligen Gegnern der Poeten, die er mit Anspielung auf den jüdischen, vielleicht christlichen Eifer, Proselyten zu machen, zur Aus- Übung der Poesie zu bekehren droht: ״ac velutt Judaei cogemus in hanc concedere turbam"?) Horaz bezichtigt die Juden auch des Aberglaubens und der Leichtgläubigkeit, denn wie er aus einer Reise von einem wunderbaren Vorfall, der sich am Tore eines Tempels zugetragen, vernimmt, ruft er aus: ״Credat JudaeuS Apella, non ego." ״Glaub* es Apella, der Jude, nicht ich I"*) Wahrscheinlich war dieser Apella ein bekannter Jude in Rom, der zweifelsohne den Götzendienern die Wunder dieses Vorfalles erzählt hatte. Auf den sieben Hügeln an der Tiber bildeten die Juden zur Zeit, da Horaz seine Leier sümmte, bereits eine zahlreiche Gemeinde und offenbar gab es auch Juden in den höheren Ständen. Ein intimer Freund des Horaz war der jüdische Dichter Aristius Fuscus, den er in die Zahl seiner Freunde Varius, Maecenas und Virgil einschließt, und den er ״in seinen eiligen Gang zur Synagoge"«) nicht aufhalten konnte. Decimus Junius JuvenaliS,Satyrendichter und Sittenmaler unter Domiüan, will einen Zeitgenossen die Folgen einer schlechten Erziehung vor Augen führen, indem er auf diejenigen Söhne von Vätern hinweist, ״welche den Sabbath -alten und ihr geheimes von Moses überliefertes Gesetz auswendig lernen."») So sehen wir, daß die Juden sich nur da- )urch den Haß ihrer römischen Herren zugezogen, )aß sie fest und tteu im Glauben ihrer Väter lebten; wir entdecken aber auch hier zugleich einen merkwürdigen Beweis, welch falsche Vorstellungen ein Volk sich über ein anderes bilden kann, wenn es Gebräuche beurteilt, die es ohne Untersuchung beobachtet hat. Äorresponäeazen. Leipzig. Die St. Petersburger Gesellschaft für jüdische Volksmusik hielt auf ihrer Tournee durch Europa und Amerika in Leipzig Einkehr. Die Gesellschaft verfolgt die Ziele der Pflege und Veredelung des religiösen und welllichen jüdischen Volksliedes in ״jiddischem" Dialekt. Erläuternder Vorttag und Lieder von zum Teil hohem Alter und von blendender Originalität nahmen gefangen durch ihre drastische, keck zupackende und dramatisch, etwa mit dem Mittel der Koloratur gesteigerte Anschauungskrast, wie sie in dieser, der Sprache angenäherten, temperamentvollen Eigenart nur jü bischen Weisen eigen ist. Ueber alles aber legt die Trauer im Leben des auSerwählten Volkes den Schleier üefer Schwermut. Der Erfolg des Abends war groß und namentlich im Hinblick auf die ausgezeichnete Gesangs- und VortragSkunst der beiden Herren Medwedjeff und JanowSky auch durchaus verdient. 1) Eckhel: ״boctrina nuntorum" VI. p. 404. vgl. Grätz IV. S. 123. ף Sat. I. IV. 143. ») Sat. I, V. 100. vgl. hiezu Jost ״Gesch. b'eS Juden. tumS u. seiner Eckten". Bd. II. S. 9. «) Sat. I. X. V.83. Siehe auch die Anreden an FuScuS, Epist. l, 10, Sat. I, 9 und seine schöne Ode I, 22. vgl. Jost, ibid. Bd. I. S. 330. l) Juveual. Satyr« XIV. v. 96—106. St. Petersburg. Die vom Minifterrat bestätigten -neuen Reglements über die Registrierung der jüdischen Kaufleute bestehen darin, daß jeder jüdische Kaufmann in seinem AnfiedlungSbezirk von der Polizei alljährlich ein besonderes Büchlein erhält, in das die Zeit seines Aufenthaltes in den inneren Gouvernements verzeichnet wird, außerdem werden die beim Kaufmann Angestellten auf Grund ihrer Zeugniffe darin eingettagen. Die Polizeibehörde der inneren Gouvernements hat in den Büchern Ankunft und Abfahrt des Mischen Kaufmannes genau anzugeben. Diese neuen Bestimmungen treten vom I. Januar 1913 in Kraft und werden in den Gesetzessammlungen veröffentlicht werden. Kückerbespreckungen.*) Schalom Asch. ״Die Jüngsten." Roman. (S. Fischer, Lerlag, Berlin.) Geheftet Mack 3 SO, in Leinen Mtrck 450־. Bon Schalom Asch erscheint soeben ein Romon, der uns ein Talent von einer neuen Sette zeigt. Es ist eine zacke, zurückhallende, sehr seine, an den besten dänischen Borbttbern geübte Hand, die diese reinen Umrisse gezeichnet hat: ein junges Mädchen, dem Ghetto entwachsen, von der Liebe zu einem Künstler zerstört; ein leidenschaftliches, Überfeineckes Geschöpf. Asch hat bei größter Einfachheit und Zurückhaltung das Morbide und Leidenschaftliche des ungen WeibeS sehr .schön dargestellt. Für uns hat das Buch noch ein großes soziales Interesse. Sein Milieu ist das Ghetto; wir, die wir gewohnt sind, dieses russische Ghetto als eine sozial ziemlich gleichartige Schicht an- Zusehen, erfahren aus AfchS Buch, daß eS vielmehr eine׳ Welt für sich ist, mit ihrer eigenen Gliederung, mit ihrem׳ eigenen Oben und Unten. Es gibt eine Aristokratie dann,. 0 überzüchtet wie nur irgend eine Ackstokratte, und ein. Proletariat, so elend und ausgestvtzen wie keines; und alle! Schichten dazwischen. Auch der Maler ist ein Jude, und» Asch gesellt als Dritten zu den beiden einen jungen Ritter! Toggenburg, der auch em Jude ist. Die Zett des RomanS ist der Beginn des Revolutionsausbruchs, der Sozialismus bat sich, dieser jüdischen Kreisein umfangreichem Maße bemächtigt, und nicht sie zuletzt sind voll von Hoffnungen auf die Revolution. Aber Asch zeigt, wie schwach an Nachdruck die jüdischen Revolutionäre find. Irgend etwas fehlt ihnen, irgend eine Legittmttät in ihrer dcwurch von vornherein melancholische» Erregung. Aschs Buch, das eine zarte Liebesgeschichte ist, ist zugleich ein weckvolleS Zeitgemälde.. Professor Dr. Johannes Doller. ״Abraham und eine Zeit." 3. Auflage. (Biblische Zeitsragen, gemeinverständlich eröckeck. Ein Broschürenzhklus, herausgegeben von Prost Dr. I. Mkel und Dr. Jgn. Rohr. II. Folge, 1. Heft.) Münster, Aschendorff, 191 l. Großoktav (55 S.) Mark —•60. Was der Broschürenzyklus ״Biblische Zeitragen" erstrebt, nämlich biblische Zeitftagen gemeinrerständlich zu eröckern, hat Döller für sein Thema ohne Zweifel in besonders glücklicher Weise erreicht. In fließender, leicht verständlicher Sprache werden die scheinbaren und wirklichen Schwieckgkeiten und Widersprüche in der biblichen Erzählung über Abraham dargelegt und' chre Lösung wirb mrt ebenso klaren Worten als mit überzeugenden Gründen versucht. — Dem Verfasser kommt es vor allem darauf an, zu zeigen, daß die meisten Erlebniffe und Schttderungen in der Abrahamgeschichte dem Leben abgelauscht sind, daß sie vielfach genau jenen Sitten und. Gewohnheiten entsprechen, die wir bei den alten Babyloniern,, in deren Mitte Abraham heranwuchs, bei den Aegyptern,. wo er sichlängere Zeit aufhielt, und bei den Kanaanttern wiederfinden, unter denen er s» viele Jahre als Gastfreund, weilte. — Bor allem wirb die Existenz und die histocksche Persönlichkeit Abrahams gegen Jensen und die anderen. Panbabylonisten in Schutz genommen. Dann wird der in Gen.. 14 erwähnte Amraphel von Senaar, der babylonische Hammurapi (Döller schreibt noch Hammurabii, als der historische Hintergrund der Abrahamgestalt angeführt und so daS Zeitalter des Patriarchen um 8000 v. Chr. bestimmt;. eS werden sodann die eherechtlichen Satzungen des Kodex Hammurapi, die in der Abrahamsgeschichte sich beobachtet!finden, erörteck, eine Reihe anderer Gesetze aus dieser Zeit wird mü den entsprechenden späteren Bestimmungen des Pentateuch verglichen und dann betont, daß Abraham in diesem MÜieu ausgewachsen sei, woraus notwendig folgt״ daß dieser Patriarch selbst und seine Zeitgenoffen kernest wegS auf einer niedckgen Kulturstufe gestanden habe» könne«. — Döller zeigt sich hier als Vertreter einer gesunden Exegese, der sich nicht ängstlich an de« Wortlaut des Textes klammeck, der archäologische Fragen ckchttg zu behandeln versteht und der streng wissenschaftlichen Besprechung solcher Matecken nicht ängstlich aus dem Wege geht. Zwei Pnntte möchte ich hier doch erwähnen,, mit deren Behandlung ich nicht ganz einverstanden sei» kann. Wenn der Berfaffer sagt, Abraham sei keineswegs von Schuld fteizusprechen, daß er seine Frau für seine Schwester ausgegeben habe, so wird das niemand bezweifeln; aber es durste in diesem Falle nicht untertaffen werden, darauf hinzuweisen, baß die alttestamentackschen Juden, die Patriarchen nicht ausgenommen, in ihrer Handlungsweise nicht mit dem Maßstabe des christlichen Moralgesetzes gemeffen werden dürfen, ihr sittliches Niveau stand notwendig um so vick niedriger, als ihre GotteseckenntniS eine unvollkommenere war. Wenn dann ferner Döller den zweiten Raub Saras nicht als Dublette gelten laßen will und zu dem AuSkunstsmittel greift, für Abimelechs HandlungSweise sei nicht das sinnliche Motiv, sondern daS Bestreben, sich mit Abraham zu verschwägern, maßgebend gewesen, so dürste eS ihm wohl schwer fallen, für diese Hypothese irgend einen wirklichen Anhaltspunkt zu finden, so baß dieser Rettungsversuch der Geschichtlichkeit beider Frauen» rauberzählungen als zweier verschiedener Ereignisse wohl als ein unzulänglicher bezeichnet werden muß. Rieder. *) Sämtliche hier angeführten Bücher sind zp haben im ״Jüdischen Buch- und Kunstverlag", Brünn,