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Jüdische Volksstimme · 1912-06-13 · Heft 11 (13.6.1912) · page 9

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XIII (1912)
Issue
Heft 11 (13.6.1912)
Date
1912-06-13
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Nr. 11. XII1/1. Jahrg. Beilage zur ״Wiener Jüd. Volksstimme 13. Juni 1912. Seite 9. Erste Tagung der ״Agudath Jisroel." (Schluß des Berichtes.) Jakob Rosenheim, Frankfurt betont nochmalS die Agudath Jisroel sei keine Kampf- Organisation. Er wolle nun zum Tatsächlichen übergehen und erfreuliche Mitteilung machen, daß es der Agudath Jisroel gelungen sei, ein großes Werk zu veranlassen, jüdische Arbeiter aus Rußland und Galizien aufzunehmen, ihnen rituelle Kost zu verschaffen und den Samstag als arbeitsfreien Ruhetag zu gewähren. (Stürmischer Beifall.) Der Vorsitzende des Komitees, Kommerzienrat Luis Feist habe dazu 25.000 Mark gespendet. ״Für die praktische Arbeit sei alles vorbereitet. <Äne Resolution würde der Versammlung vorgelegt werden, ebenso sei der Statutenentwurf in seinen Grundzügen fertig und werde einer Kommission überwiesen werden, die ihn weiter beraten und dann der Kritik unterbreiten soll". Auch für Arbeitergelegenheiten werde eine Kommission gebildet werden. Heute soll bloß der Grundstein gelegt werden. Dr. Scherhey-Riga bittet um Ausdauer und zielbewußte Arbeit der A. I. Groszberger-Lodz bespricht die traurige ökonomische Lage der jüdischen Arbeiter in Lodz und stellt namensderjüdischenGemeinde Lodz eine große Subvention für die diesbezüglichen Bestrebungen der A. I. in Aussicht. Rabbiner Reich-Ban polemisiert gegen die ungarischen Herren. Dr. Frank-Altona protestiert gegen die Behauptung, daß die Zionisten gegen die A. I. seien. Im Gegenteile, sie werde von allen freudig begrüßt. Die Leitung habe dies wohl erkannt und viele Zionisten eingeladen, was wohl ein Zeichen des Vertrauens sei. Rabbiner H u r w i tz-Minsk dankt dem rührigen Frankfurter Komitee. Hierauf verliest der Vorsitzende folgende Resolution, die ins Hebräische übersetzt wird: ״Die heute in Kattowitz versammelten Vertreter der thoratreuen Judenheit aus allen Ländern der Diaspora erklären nach Anhörung des vorgetragenen Referates die ״Agudath Jisroel" für hegründet und verpflichten sich, für den Aufbau der Organisation mit allen Kräften zu arbeiten. Die ״Agudath Jisroel" dient der Förderung aller jüdischen Interessen auf religiöser Grundlage, unter Ausschluß jeder politischen Tendenz." Direktor Gebe! verlangt statt ״thoratreu" orchodox. Rektor Dr. Ho ffm an n-Berlin polemisiert gegen Gabel, weder ״orthodox" noch ״glaubenstreu" seien richtig: Auf die Tat komme es an. Dr. med. Julius Möller-Altona richtet im Namen der ״Moriah" eine Anfrage an die Leitung, ob die Kolonisation Palästinas im großen Maßstabe von der A. I. angestrebt wird, bittet um klare Antwort. A u e r b a ch-Hamburg polemisiert gegen Doktor Möller, der für die ״Moriah" die Priorität der Agudah beansprucht. Rosenheim: ״Wir unterscheiden uns von der Moriah nur darin, daß die A. I. im Einvernehmen mit den גדולים für Palästina arbeiten will, die Kolonisation jedoch nicht zum alleinigen Mittelpunkt macht. Es wird keine Teilung darin geben! Hierauf verliest der Vorsitzende die Re» solution, übersetzt sie ins Hebräische und schreitet dann zur Abstimmung, die unter stürmischem Beifalle die einstimmige Annahme der Resolution ergibt. Dr. Munk-Lemberg betont, daß die Gegensätze zwischen Ost und West meistens nur Vorurteile seien, ladet zur Volksversammlung nach Krakau ein. Wolf Möller-Altona beruft sich im Gegensatze zu Äuerbach-Hamburg auf die Priorität der ״Moriah" Grosz de rg er-Lodz meldet sich zu einer persönlichen Bemerkung. Aron Markus-Krakau spricht über öfterreichische Kultus- und Schulgesetze, die er als äußerst reformbedürftig hinstellt. Jakob Rosen heim ergreift das Schlußwort, erklärt, daß alle organisatorischen Arbeiten bis jetzt nur ein Provisorium seien. Die Vorarbeiten zur allgemeinen Delegierten- Versammlung müssen durch eine Kommission auS allen Ländern erledigt werden. "Zunächst fei ein rabbinischer Rat zu wählen, dem Thoragelehrte aus allen Ländern angehören. In der darauffolgenden Wahl des rabbinischen Rates wurden vorläufig gewählt: die Rabbiner von Bris^ Wilna, DoinS( Poniewice, der Gerrer Rebbe, der Lebowitscher Rebbe, Dr. Breuer, Frankfurt, Dr. Hoffmann, Berlin, Dr. Feilchenfeld, Posen, Jsak Hmevy-Hamburg, Koppel Reich, Budapest; weitere Mitglieder aus Rußland, Galizien rc. werden noch hinzutreten. Hierauf werden ArbeitSkommissioneu gebildet, das provfforische Komitee erhält die Vollmacht in Gemeinschaft mit dem Rabbinischen Rate die wetteren Arbeiten vorzunehmen; Ort und Zeit der ersten Delegiertenversammkmg sestzusetzen. Für die Propaganda sind bis nun zirka 30.000 Mark gezeichnet worden. Am Schluffe der Versammlung werden weitere hohe Beiträge gezeichnet. Herr P f e f f e r-Warschau zeichnet 25.000 Mark für Schulzwecke in Rußland. Rabbiner Schma-Tarnow fordert die Versammelten auf, auf das provisorische Komitee ein kräftiges Hoch auszubringen. Mit ungeheurer Begeisterung willfahrt die Versammlung dieser Aufforderung. Hierauf wurde die Versammlung geschlossen, nachdem noch dem rührigen Lokalkomitee der beste Dank ausgedrückt wurde. Der Vorsitzende bittet, die gewählten Herren in einer Stunde in das Beratungszimmer zu kommen. Schluß 6V2 Uhr nachmittags. Nachbericht:. Der jährliche Mitgliedsbeitrag wurde auf 2 Franks festgesetzt. Je 200 Mitglieder wählen einen Delegierten. Viele Teilnehmer begeben sich mit dem Nachtzuge zur Volksversammlung nach Krakau. M. I. Der Märtyrer seines Glaubens. Bon Iba Barber, Men. (Fortsetzung.) Dr. Alföld war reich genug, alle Minen springen zu taffen, um eine Horde zu organisieren, die gegen Lazzlo zeugte. Was tut der im Stumpfsinn befangene, durch Alkoholgenuß unzurechnungsfähig gemachte Bauer nicht für Geld! Bela Hetway, der in Lazzlo's Hause wohnte, wurde zuerst von ihm an geworben. ״Für jeden Zeugen, den Du mir bringst", hatte ihm Dr. Alföld gesagt, ״erhältst Du 100 Gulden". Und Bela Hetway, ein vollständig verarmter Mensch, der, um sich Schnaps kaufen zu können, jeder Missetat fähig war, ging scharf ins Zeug, warb einen Zeugen nach dem andern, organisierte eine ganze Schar, die darauf eingeschworen wurde, auSzusagen, Dr. Lazzlo habe die Ilona Kusmik beseitigt, weil er, der ftomme Jude, am Passahfeste das Blut eines Christenmädchens brauchte. Hetway wußte schon, an welche Türen er anzuklopfen hatte, um Zeugen zu werben. Da war der Maurer Arpad, ein alter Zechgenoffe, der wegen schlechter Arbeit, die er an Lazzlo's Haus ausgeführt, von seinem Meister entlaffen wurde und semen Haß gern betätigte, indem er wühlte und Sttmmung gegen Lazzlo machte. Gegen den Juden waren sie alle, die ihm seine bevorzugte Stellung beneideten, einig vorzugehen. Niemand machte sich ein Gewiffen daraus, eine Unwahrheit zu sagen. ״Dem Jud", hieß es, ״geschieht schon recht, wenn er tüchtig eingetunkt wird! Lebt wie ein Fürst, ist reich, unabhängig, verdient mehr, als er verbrauchen kann, hat d׳e schönste Frau im Orte l" V. Maurer Arpad wohnte mit Nico Hallay, dem alten Zigeuner, wie man ihn gemeinhin nannte, zusammen. Dieser Nico war vor Kurzem von weiten Reisen zurückgekehrt und nicht wenig erstaunt zu hören, wie Jud und Christ sich in seiner ״lieben" Heimat befehdeten. ״DaS", dachte er, ״ist doch draußen in der weiten Welt ganz anders". Mit einer Zigeunerkapelle war er bis nach Paris gekommen; da hatten sie flott in den Cafes der Boulevards gegeigt, viel Geld eingenommen, so daß sie die Fahrt nach Genua wagen konnten; — auch da fand ihre Fidel ein dankbares Publikum! Der Prim-Geiger hatte den Wunsch, die ewige Roma zu sehen. Da man schon einmal im Süden war, kam es den lustigen Wandersleuten auf einige Tagereisen nicht an. Ei, wie ihnen da das Herz aufaing, als sie der Musik im Dome zu St. Peter lauschten! Sie waren allda tägliche Gäste, meinten nie so andachtsvoll gebetet zu haben. Die Kämeraden waren noch in Rom geblieben; aber Nico hatte gar bald die Sehnsucht nach seinem Heimatlande gepackt; Tag für Tag war er gewandert, Wochen, Monate lang und nun endlich, da er zu Hause, fand er, daß die Zustände daheim keineswegS so verlockend waren, wie er geträumt. Fast sehnte er sich wieder zurück nach dem sonnigen Süden und den lebensfrohen Menschen. Wenn er da sah, wie sein Jugendfreund Hetvay agitierte, harmlose Menschen zum Meinerd und falscher Zeugenaussage zu verleiten suchte, war ihm ganz bang ums Herz. ״Schlechte Menschen", sagte er sich; ״da ist Zigeuner doch besserer Mensch! Singt sein Liedel, zieht froh von Ort zu Ort und läßt den lieben Gott einen guten Mann sein!" Als er aber gar hörte, gegen wen sich die ganze Agitation richtete, da ward er unwirsch und erklärte dem alten Arpad, bei dem er Quarüer genommen, er wolle solch' gotteslästerliches Zeug gar nicht mit anhören, die Lazzlos seien ehrenwerte Leute, er habe schon den alten Rabbi gekannt und dessen Frau; von beiden hatte er nur gutes erfahren und in Rom, in St. Peter, da — er wollte den heiligsten Eid darauf schwören — sprachen, war der ftomme Pater nicht gewillt, auf den Namen Lazzlo zu hören, trotzdem — er wisse es bestimmt — es sei der Adalar gewesen, den er als Kind auf den Armen getragen. Und nun wolle man den Bruder dieses frommen Mannes beschuldigen, ein Christenmädchen gemordet zu haben? Nein, das sei purer Blödsinn! Und wenn Arpad mit dem Aufwiegler Hetvay gemeinsame Sache mache, dann werde er, der vielgereiste Nico auftteten und sagen, wo er Dr. Lazzlos Bruder gesehen; von dort werde dem Dr. Eli Hilfe kommen und müßte er selbst noch einmal nach Roin und dem ftommen Pater sagen, was seinem Bruder drohe. Man lachte den alten Nico einfach aus, nannte ihn einen Narren, wühlte weiter, warb und bezahlte Zeugen für die demnächst stattfindende Gerichtsverhandlung, aus der es, nach den verteilten Bestechungsgeldern zu urteilen, sonnenklar hervorgehen müßte, daß Dr. Lazzlo daS seither verschwundene Mädchen bei Seite geschafft. Die Mitglieder der jüdischen Gemeinde taten selbstverständlich alles Mögliche, um klar zu legen, daß die Beschuldigung, Juden verwendeten Christenblut, eine widersinnige sei; man berief sich auf Aussprüche bedeutender Kirchenlehrer, die, der Wahrheit die Ehre gebend, in Wort und Schrift dafür eingetteten, daß das Märchen vom Ritualmord jeder Glaubwürdigkeit entbehre; Dr. Lazzlos makelloses Vorleben, sein stets dem Wohltun zugewandter Sinn wurde in Betracht gezogen, umsonst, die Verhandlungen nahmen ihren Fortgang, es gelang nicht die Anklage niederzuschlagen, noch weniger Lazzlos Enthaftung zu erwirken. Aranka bewies in dieser schweren Zeit eine bewunderungswürdige Standhaftigkeit. Nur einmal hatte sie ihren Gatten sehen dürfen; wenngleich ihr das Herz blutete, zwang sie sich zur Ruhe, sprach ihm Mut zu; ihr felsenfestes Gottvertrauen wirkte stärkend und Hoffnung anregend auf den ganz gebrochenen Mann; aber als die Unterredung beendet und sie wieder allein war, da versiegten ihre Kräfte. Laut aufschluchzend sank sie im Vorhofe des Gefängnishauses zusammen. Hier war es, wo sie Dr. Bäthory, der eben eine Inspektion vornahm, antraf. ״Nun, schöne Frau", sprach er, indem er sie aufzurichten suchte, ״liegt Ihren jetzt etwas daran, Ihres Mannes Lage zu verbessern?" Er winkte dem Beamten, der an der Tür stand, sich zu entfernen. ״Raten Sie, was kann ich anfangen, um meinen Mann zu befteien?" ftagte Aranka, sich mühsam erhebend. ״Tun Sie doch nicht, als wären Sie ein dummes Schulmädchen", antwortete Dr. Bäthory zynisch lächelnd. (Fortsetzung folgt). I Sternhof i bestes aller Bitterwässer.

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