Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XIII (1912)
- Issue
- Heft 10 (6.6.1912)
- Date
- 1912-06-06
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Seite 10. Jüdische Loltttzimme. Nr. 10. ״Agudath Jisroel" sehr wenig verspreche. Ferner mache er aufmerksam, daß die russischen Juden sich nur eine von der russischen Regierung sanktionierten Vereine anschließen dürfen. Die Agudath Jisroel möge zugleich eine Kampfeserklärung gegen die Verräter erlassen, im Kämpfen jedoch nur sachlich Vorgehen und Rücksicht auf die Ueberzeugungen der vielen Schattierungen innerhalb der Judenheit nehmen. Vorsicht in der Wahl der Leitung! Die bestehenden Spaltungen schließen, nicht vergrößern! Jakob R o s e n h e i m. Frankfurt bemerkt, das provisorische Komitee sei nicht der unerschütterlichen Meinung, daß es gerade der Name sein müsse oder nur der Name ohne Zusatz. Jedoch wäre er in Gemeinschaft mit russischen Größen bei der vorberatenden Konferenz in Homburg als der geeignetste angenommen worden. Die Agudach Jisroel soll keine Kampforganisation werden sondern bauen und handeln. Kritik sei zulässig umsomehr als sie hier dazu diene, die Leitung zur Vorsicht zu mahnen, doch bitte er die Kritik möglichst einzuschränken und statt dessen mitz uarbe i ten. Er hoffe, daß die Agudath Jisroel einst בלל ישראל zugute kommen werde, daß die Kinder der Eltern, die heute nicht zu uns gehören, mit Stolz sich der Agudath Jisroel anschließen werden. (Großer Beifall.) Rabbiner Laiches, Leeds spricht im Namen der englischen Juden, nennt die jüdische Jugenderziehung als das wichtigste anzustrebende Moment der Agudath Jisroel und erklärt den freudigen Anschluß seiner Landsleute. Rabbiner Rothenberg, Wadowice warnt davor, die Bildungssrage zu berühren. Das sei ein sehr wunder Punkt. — Er habe erfahren, daß die Allianze und die Zionisten Vertteter nach Kattowitz gesandt haben, die die Konstituierung der Agudath Jisroel hintertteiben sollen. (Stürmische ״Hört, hört! Rufe!) Jakob R o s e n h e i m meint es sei natürlich, daß die Bildungsfrage berührt werde, doch habe die Versammlung nicht dem Komitee sondern den ״Gdaule Hatauroh" das Vertrauen entgegenzubringen, die diesen Punkt sicherlich einwandfrei erledigen werden. Die Agudath Jisroel wolle nicht Bildung nach dem Osten ttagen, vielmehr die idealen Güter des Ostens nach dem Westen bringen. Dr. F r e i m a n n, Holleschau begrüßt die Versammlung im Namen Mähren und Schlesiens, verliest ein hebräisches Begrüßungsgedicht. Rabbiner Schnur. Tarnow verteidigt in energischer Weise das Prinzip ״Tow torah im Lerech erez". Rabbiner Fürst, Wien rät, nur orthodoxe Gemeindemitglieder aufzunehmen, jene dagegen, die im prattischen Leben gegen das Gesetz handeln, auszuschließen. Die Bewegung müsse mit Begeisterung in die Massen der Orthodoxie gettagen werden. Rabbiner Hillmann, Glasgow möchte keinen Juden ausschließen, der der Vereinigung sympathisch gegenübersteht und zu ihr kommen will. (Beifall.) S ch m e l k e s, Krakau spricht gegen die Aufnähme Bildungsfrage in das Arbeitsprogramm. Schluß der Sitzung 1 Uhr 20 Minuten mittags. Wiederaufnahme der Sitzung um 1!-A Uhr nachmittags. Vorsitzender: G-rünbaum, Mrnberg. Rabbiner Dr. Kohn, Ansbach ist der Ueberzeugung, daß die heutige Versammlung so manches Vorurteil der Ost» und Westjuden vernichtet habe. Er will den rabbinischen Koryphäen maßgebenden Einfluß eingeräumt wissen. Rabbiner Reich, Baden bei Wien ersucht, es möge bloß das Aktuelle erwähnt werden. Nicht reden sondern handeln i Aufgabe jedes einzelnen der Teilnehmer sei es, das aus seinem Kreise vorzubringen, was durch die Agudach Jisroel verbessert oder neu geschaffen werden könnte. Er weist darauf hin, daß die Rabbiner in Oesterreich nicht, wie ein ungarischer Redner bemerkte, die נשיאום sondern die Reli gionsdiener sind, die sich nur mit dem Aufgebote einer großartigen Diplomatie vor den eigenmächttgen Uebergriffen der Kultusvorsteher retten könnten. (Beifall.) Rabbiner Graubardt, Bendzin spricht für die Förderung der geistigen und materiellen Interessen durch die Agudach Jisroel verspricht sich durch die Schaffung der Agudach Jisroel einen großartigen moralischen Erfolg selbst bei anders Gesinnten. Dr. Kaan, Zabrzeh polemisiert gegen Rabbiner Dr. Breuer, der den Zionismus beschimpft habe. Er sei nicht für die strenge Ausschließung sondern meint, man müsse das Judentum auch in jene Kreise hereintragen, die nicht zu uns gehören. Nach der Ansicht Dr. Breuer dürfe nur der der Agudath Jisroel angehören, der einer Austrittsgemeinde angehört, andere die religiös leben, aber aus gewissey manchmal nicht leicht zu nehmenden Gründen nicht austteten. nicht. Er warne davor. Mehr arbeiten weniger krittsieren! Rabbiner Rabbinowitsch, Poltawafordert die Uebersetzung der Reden in das Jargon. Er verlangt einen Beschluß über die Ziele der Agudath Jisroel und Vorlage des detaillierten Arbeitsplanes. (Fortsetzung folgt.) Der Märtyrer seines Glaubens. Von Iba Barber, Wien. (Fortsetzung.) ״Es sind Zeugen da", sagte Dr. Bathory, ״Augenzeugen die —" ״Unmöglich", unterbrach ihn Aranka, ״kein Mensch auf Gottes weiter Welt kann gesehen haben, daß Dr. Lazzlo je etwas Unrechtes getan!" Und überlegend, daß sie darauf bedacht sein müsse, den Richter zu ihrer Meinung zu bekehren, fuhr sie, sich vor ihm niederwerfend und die Hände ringend, fort: ״Glauben Sie mir, Herr Doktor, mein Mann ist unschuldig! Geben Sie ihn ftei! Es könnte ihn, der das verkörperte Ehrgefühl ist, dem Wahnsinne nahe bringen, auch nur einen Tag und eine Stunde unter so schrecklichem Verdachte zu leiden!" Dr. Bathory weidete sich an dem Anblick der vor ihm knieenden, hochgradig erregten Frau. Ohne sie aufzuheben, sagte er: ״Ich bin ja kein Unmensch! Was ich ftir den Gatten der schönen Frau Lazzlo tun kann, soll geschehen, wenn — er ergriff ihre Hände und zog sie zu sich empor und wollte sie umarmen — diese wunderschöne Frau sich auf ihren Vorteil verstehen wird". Schon wollte erste mit beiden Armen umschlingen, als Aranka, die Situatton erkennend, ihn heftig von sich stieß und zur Tür eilte. Sie rüttelte an derselben, ohne sie öffnen zu können. ״Machen Sie auf, augenblicklich", rief sie vor Zorn bebend, ״der ganze Ort soll es wissen, wie Sie sich einer geängstigten, bei Ihnen Hilfe suchenden Frau gegenüber benommen!" ״Gut, daß Sie mir das sagen", erwiderte Dr. Bathory; ״ich bin es somit meiner Ehre schuldig, auch Sie in Gewahrsam zu halten!" ״Mich?" fragte Frau Aranka erbleichend; ״wagen Sie es", fuhr sie, nach Fassung ringend, fort; wir haben Freunde, man wird Ihnen zeigen, was es heißt — ״Larifari", unterbrach sie der Richter, ״lassen Sie ein vernünftiges Wort mit sich reden, Frau! Ihre schönen Augen haben es mir angetan; je mehr sie in Ekstase geraten, desto begehrenswerter erscheinen Sie mir; ich lasse Sie nicht von hier, ehe —" Ein greller Aufschrei Aranka's. Sie fühlte, ehe sie es hindern konnte, seine Lippen auf den ihrigen brennend; unmöglich ihn von sich zu stoßen, sich zu befreien. ״Hilfe, Hilfe!" rief sie wild um sich schlagend, ״ich dulde die Schmach nicht, die sie mir antun wollen, ich — ich —״ Ohnmächtig lag sie in seinen Armen. Er war entsetzt; er sah, wie sie sich verfärbte, leblos zusammensank. Was, wenn der Schreck sie getötet hätte? Dem Diener läutend, befahl er schnell Wasser. Essig, Eau de Cologne zu bringen. Verschmitzt lächelte der Herbeigerufene; ihm schienen solche Szenen nicht neu zu sein. Den vereinten Bemühungen der beiden gelang es, Frau Aranka wieder zum Bewußtsein zu bringen. ״Fort! Fort!" stöhnte sie, sich mühsam erhebend, ״fort aus diesem Haus der Schande!" Sie schleppte sich einige Schritte vorwärts, sank aber, am Sopha angelangt, um; die Kräfte versagten ihr den Dienst. In Tränen ausbrechend, bat sie den Diener, sie nachhause zu führen, sie werde eS ihm reichlich lohnen ״Warten Sie, bis Sie sich erholt haben", mahnte Dr. Bathory: ״ich laste Sie in diesem Zustande nicht gehen!" ״Elender"! rief sie im Tone ttefster Verachtuvg. ״Und müßte ich auf den Knieen hinausrutschen, ich würde Ihr Haus meiden und" — ״Das sollst Du mir büßen", sagte Dr. Bathory wutschnaubend und wandte ihr den Rücken, Auf den Arm des Dieners gestützt, verließ die fast ohnmächtige Frau das Haus. Das waren Feiertage, wie sie sie nie zu er-!eben gedacht. Als sie daheim anlangend die Kinder, die nach dem Vater ftagten, ans Herz preßte, weinte sie laut auf. Welcb' ein Unglück war über ihr Haus herein-;ebrochen! Es war ihr wie ein Traum, ein schreckicher, aufregender Traum, der ihr zeitweise.das Bewußtsein ttübte. Ja. konnte es denn wahr sein? Ihr Gatte in Untersuchungshaft! Sie dem Attentat eines frechen Wüstlings, der sein Richter sein ollte, kaum entgangen, die ganze Stadt in Aufrühr, daß in ihrem Hause ein Ritualmord verübt worden! Sie wartete, zählte die Stunden, stets hoffend, ihr Gatte werde in Freiheit gesetzt werden. Schon dämmerte der Abend, sie war noch immer allein! Eine herzbeklemmende Angst überfiel sie. Wie würde sie die Nacht überstehen in dem schrecklichen Bewußtsein, den geliebten Gatten in Kerkerhaft zu wissen! Bekannte kamen und gingen, suchten 1e zu ttösten, auf andere Gedanken zu bringen. Sie wußte kaum, was man zu ihr sprach. Niemand glaubte ja das Entsetzliche, dessen man Dr. Lazzlo deschuldigte. Allen war es ein Rätsel, wie man ihn, diesen ehrenfesten Mann, einer solchen Schandtat zeihen konnte, und doch glaubte niemand das Recht zu haben, seine Freilassung zu verlangen; dem Gesetze mußte, wenn eine Verhaftung angeordnet worden, freier Lauf gelassen werden. Um ihres Gatten Lage nicht zu verschlimmern, jatte Aranka zu niemanden davon gesprochen, daß Dr. Bathory es gewagt, ihrer Ehre zu nahe zu treten. Sie hatte ihn dies auch wissen lassen, dafür aber gefordert, daß Dr. Lazzlo keine Geängniskost erhalte, sondern daß das Essen, welches re ihm sandte, ihm ausgefolgt werde. Großmütig jatte Dr. Bathory, der um alles einen Skandal vermieden wissen wollte, dies bewilligt. Dr. Lazzlo war nicht in der Gemütsverfassung, Speise und Trank zu stch zu nehmen. Das Blut redete in seinen Adern. Er rannte mit dem Kopfe gegen die Wände, meinte die ihm angetane Unbill nicht erttagen zu können. Vergeblich forderte er, vor einem anderen Untersuchungsrichter gefühtt zu werden. Tag auf Tag verging, ohne daß er auch nur vernommen wurde. Welche Seelenqual für den stets tätigen Mann! Man verweigerte ihm Papier, Tinte, Bücher. Der Tag wurde ihm zur Ewigkeit, die schlaflos verbrachte Nacht zur Höllenqual. Kein Lebenszeichen von seiner Gattin. Wie ihn der Gedanke quälte, ob man nicht auch sie einem Verhör unterzogen! Er wollte ja alles dulden, Haft, Entbehrung, Aufregung, seine Unschuld mußte zutage treten, nur seine Frau sollte man nicht in das ihm ganz unerklärliche Getriebe, das Haß und Bosheit heraufbeschworen, mit hineinzieheu! Jetzt erst wurde ihm klar, was Dr. med. Alfbld's Worte: ״Ich werde Ihnen schon zeigen, was es heißt, einen Kollegen verdrängen", bedeuteten. Dr. Alföld war vom Amte suspendiert worden, weil er an einer Dienerin einen operativen Eingriff vorgenommen, der den Tod des Mädchens zur Folge hatte. Das Mädchen selbst hatte Anzeige gegen ihren Verführer gemacht und ihren Arzt, Dr- Lazzlo, als Zeugen gerufen, daß sie ein Opfer des Mannes geworden, der sie seinen Lüsten dienstbar gemacht. Dr. Lazzlo mußte, wiewohl es ihm klar war, daß Alföld ihm ein unversöhnlicher Feind werden würde, vor Gericht die Wahrheit sagen. Konnte er damals — der Prozeß hatte sich vor etlichen Monaten abgespielt — ahnen, wie schreckliche Rache dieser Dr. Alföld nehmen würde; Dr. Bathory war Alföld's Busenfreund; diese beiden, im Bunde gegen ihn, schienen es darauf abgesehen zu haben, ihn zu verderben. Da man ihm als Bürger nichts anhaben, seine Tätigkeit als Arzt nicht verdächtigen konnte, dichtete man ihm, dem strenggläubigen Juden, eine Tat an, die von der fanatisierten, zum religiösen Haß aufgestachelten Masse geglaubt wurde. (Fortsetzung folgt.) 1 Sternhofi bestes aller Bitterwässer.