Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XIII (1912)
- Issue
- Heft 10 (6.6.1912)
- Date
- 1912-06-06
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 10. XIII/1. Jahrg. Beilage zur iener Jüd. Bolksstimme 6- Juni 1912. Seite 9 Erste Tagung der ״Agudath Jisroel." (Fortsetzung des Berichtes.) Kattowitz, Dienstag 10 Uhr vormittags. Der große Saal der Reichshalle ist bis aufs letzte Plätzchen gefüllt, die Galerien müssen polizerlich gesperrt werden. Die während der gestrigen Borversammlung noch nicht eingetroffenen Mitglieder find heute vollzählig erschienen. Ihr Korrespondent sendet Ihnen eine Liste der ihm teils persönlich bekannten, teils allen Gästen durch ihr Eingreifen in die Generaldebatte bekanntgewordenen Teilnehmer, ohne jedoch den Anspruch auf Vollständigkeit des Verzeichnisses zu erheben: Aus Deutschland: Berlin: Rektor Dr. Hoffmann, Radb. Dr. Hildesheimer, Rabb. Dr. med. Biberfeld, Redakt. Berlin; Frankfurt: I. Rosenheim, R. Dr. S. Breuer, I. Braun, N. Stern; R. Dr. Breuer, Aschaffenburg, Rabb. Dr. Bondy, Mainz, Rabb. Dr. Gradenitz, Posen, Rabb. Dr. Carlebach, Leipzig, Rabb. Dr. Neuhaus, Ostrowo, Rabb. Dr. Kaan, Zabrze, Dr. Frank, Rechtsanwalt, Altona. Ferner Dr. Abr. Hirsch, Großindustrieller. Halberstadt, Rabb. Dr. Platt, Hamburg, Prof. Dr. Fink und Dr. Lange» Frankfurt, N. Grünbaum, Nürnberg, Freyhan, Fabrikant. Breslau. David Carlebach, Lübeck, Rabb. Dr. Lichtig und Rabb. Halevy, Hambürg, Joachim Freilich, Krakau; Rabbiner aus Tauroggen (Rußland), Rabbiner Dr. Hamburger, Breslau, Rabb- Aron Markus, Krakau, Redakteur Dr. Seeliger, Lemberg; Dr. med. Julius Moeller, N. Moeller, Altona, N. Fränkel, S- Fränkel, N. Bauminger, Krakau. Rabb. Dr. Hillel, Leipnik, Rabb. Dr. Freimann. Holleschau. Rußland: Rabb. Rabbinowitsch, Poltawa, Rabb. Landau, Zawiercie, Oberrabb CH. Solobejzik, Brisk, Oberrabb. CH. Auser, Wilna, Oberrabb, Ahronsohn, Kiew, Oberrabb. Graubard, Btzdzin. Dr. Munk. Lemberg, Dozent Dr. Daiches, Redakteur Suwalski, London, Rabbiner aus Glasgow; Rabbiner Daiches, Leeds (England). V- Freudinger, Budapester. Rabb. S. Fürst, Wien, Prof. Dr. S. H. Lieben. Prag, Prof. Oskar Lieben, Ung.-Hradisch; Bankdirektor Hamburger, Siegfried Wiener. Stadtrat Wiener, Kattowitz, Wolf Pappenheim, Wien. Redakteur Großberg, Dr. med. Jakob Schächter, Direktor Gabel, Budapest. Oberrabb. Schnur, Tarnow, Oberrab. Schmelkes, Przemysl, Gmder. Schmelkes, Krakau, Advokat Dr. Beer, M.-Ostrau, Dr. Jonas Simon. Heidelberg. Oskar Grün, Vag.-Ujhely, N. Guttmann, Nagy Lzöles, Rabb. Fischer, Preßburg, Rabb. Rothenberg, Wadowice. Rabb. Dr. Cohn, Basel, Rabb. Dr. Cohn, Ansbach. Rabb. Dr. Rosenack, Bremen, Siegmund Bondy, Wien, Dr. Unna. Kattowitz, Rabb. Reich, Baden b. Wien. Rabb. Reich, BLn (Ungarn), Fabrikant Kober, Breslau, Redakteur des Hapoel Hazoir, Warschau, Rabb. Bombach, Ozwitzcim. Fabrikant Schreiber, Wien, Rabb. Lifczis, Kalisch (Rußland) Dr. chem. Roos, Frankfurt a. M., H. Auerbach, Hamburg, Rabb.- Dr. Cohn, Kattowitz, Fabrikant Großberger, Lodz, S. Pfeffer. Fabrikant, Warschau, Rabb. Kuk, jun., Jaffa (Palästina). Vorsitzender: Dr. Abraham Hirsch, Halberstadt. Der Vorsitzende ergreift das Wort zur Begrüßung, drückt seine Freude darüber aus, daß der Apell des provisorischen Komitees der A. I. solch nachhalttgen Wiederhaü in den Herzen aller hervorgerufen, weist auf den Namen ״Agudath Jisroel" hin, -er dem Wortes kämpfer Jakob beigelegt wurde und fordert die Anwesenden auf, durch Eintracht und großzügiges Zusammenwirken die idealen Pläne der Ä. I. in die Praxis umzusetzen. Zugleich bittet der Vorsitzende, zur Geschäftsordnung übergehend, die Redner mögen sich bloß auf das wesentlichste beschränken und ihre Redezeit auf 10 Minuten reduzieren,' da bis nun zirka 40 Herren auf der Rednerliste stünden. (Angenommen.) Der Vorsitzende erteilt hierauf das Wort Herrn Stadtrat Wiener. Kattowitz, der die tllustre Versammlung im Namen der Stadt Katto- Witz begrüßt, die sich es zur hohen Ehren anrechnet, zum zweitenmale eine historisch denkwürdige Tagung in ihren Mauern abgehalten zu wisien. Hierauf begrüßt Rabbiner Dr. Cohn, Katto- Witz, die Versammlung in hebräischer Sprache. Nun ergreift Herr Rabbiner Dr. Breuer, Frankfurt, das Wort, weist auf die ״Alliance Jftaelite Universelle" hin, die während ihres 40jährigen Bestandes in humanitärer Hinsicht wohl Großartiges geleistet, der jüdischen Religion jedoch immensen Schaden zugefügt habe. Für die zionistische Bewegung findet der Redner besonders scharfe Worte?! Die ״Agudath Jisroel" solle weder eine umgeformte ״Alliance" noch ein Substrat des Zionismus werden, sondern eine Vereinigung all jener Inden, die auf dem Boden des gesetzestreuen Judentums stehen. Der Zweck der A. I. sei die Förderung aller jüdischen Interessen auf religiöser Grundlage. Demnach werde die ״A. I." Mittel und Wege suchen, die Emigration, die Jugenderziehung, die Ansiedelung unserer Glaubensgenossen, die Förderung der sabbathhaltenden Geschäftsleute usw., die Verbesserung der jüdischen Presse, die Schaffung einer jüdischen Jugendbibliothek in großzügiger Weise durchzufahren. Vertrauen auf Gott, Vertrauen zu sich selbst und das gewaltige Werk müsse gelingen, dem Borwurfe der Untätigkeit, der den gesetzestteuen Kreisen nicht mit Unrecht gemacht werde, müsse durch eifrige Tätigkeit jeder Grund genommen werden; durch gemeinsames Einketen für die A. I. müsse der Beweis erbracht werden, daß die Orthodoxie imstande sei, für ein gemeinsames Ziel Einzelintereffen persönlicher Natur zurückzudrängen. — (Stürmischer Beifall.) Rektor Dr. Hoffmann, Berlin/begrüßt die anwesenden rabbinischen Koryphäen Rußlands als die Berufenen in solch weltbewegenden Fragen das entscheidende Wort zu sprechen, ermahnt unter Zitterung des Ausdruckes: תלמידי חכמים מביאים שלום בעולם zum Frieden und zur Einmütigkeit und bemertt, sie Geschichte Israels zeige, daß die Juden in kritischen Momenten eines Sinnes waren, daß alle trennenden Momente sich im Nu verflüchtigten, wenn es galt, die Thora zu retten. (Großer Beifall.) Der Vorsitzende dankt Herrn Stadttat Wiener, Rabbiner Dr. Breuer und Rektor Dr. Hoffmann für ihre freundliche Begrüßung und erteilt das Wort zur Programmrede Herrn Jakob R o s e n h e i m, Frankfurt. In formvollendeter Rede entwickelt er die leitenden Ideen der A. I., die Erhaltung und Fortpflanzung des historischen Judentums sei im Mittelalter relativ leicht gewesen, weil eS auf kleine, engbegrenzte Kreise deschränkt war und so die Möglichkeit bot, alle Kräfte nach innen zu richten. Heute jedoch würden alle Länder von einer einheitlichen Wellkultur erfaßt, die bei den so lange enttechteten Juden infolge ihrer unvorbereiteten Plötzlichkeit verheerend gewirkt habe. Selbst der Osten, das Bollwerk des Judentums, gehe der Auflösung entgegen. Dem Jndifferentismus müsse gesteuert werden, den vielen auflösenden Kräften eine festgefügte, wohl organisierte Einheit gegenübergestellt werden. Die Jugend, diese Zukunft des ganzen Volkes, werde heute nicht mehr von den Ettern, sondern von Ser sie umgebenden unheilvollen Atmosphäre erzogen, von den vielen modernen, mißverstandenen Theorien. Sie müsse herausgehoben werden aus dieser schädlichen Umgebung, müsse von Stolz und edlem Selbstbewußtsein erfüllt, sich als ein Glied des Judentums ftlhlen. welches das eigentliche Judentum sei. Schon der Gedanke allein, daß jeder Jüngling als Soldat einer großen wohlorganisierten Armee mitkämpfe, von großem moralischen Nutzen namentlich bei der gesetzestteuen westeuropäischen Jugend, die, losgelöst vom Stamme, in ihrer Isoliertheit den geistigen Zusammenhang mit den Verttetern des eigentlichen Judentums gleichsam als Reorganisation enpfinden würde. Deshalb sei die A. I. vor allem für Westeuropa von ungemeiner Wichtigkeit. Allein auch die osteuropäische Jugend, die den Westen voll gleißender Jedeale wähnt, würde durch den wechselseitigen Verkehr Positives lernen und ihre jüdische' Ausbildung durch Verwertung der bei ihren westlichen Brüdern gemachten Erfahrungen wirksam ergänzen. Dies die Aufgabe der A. I. in idealer Beziehung. Zu den praktischen Aufgaben sei vor allem die großzügige Förderung der Emigration zu zählen. Es soll dafür gesorgt werden, daß in allen Ländern des Golus, in Amerika, Südaftika usw. Institutionen geschaffen werden, die den Emigranten von seiner Heimat bis zu seinem neuen Wohnort liebevoll begleiten, ihm ermöglichen seine religiösen Bedürfnisse voll zu befriedigen, die ihm an die Hand gehen sollen bei der Gründung seiner Existenz im ftemden Lande. Es sei ein Verbrechen, wenn man immer bloß das Reingeistige allein fördern wolle, ohne an den Körper zu denken. ״En kemach, en tauroh." Die A. I. wolle aber auch das Jeschiwah-Wesen reorganisieren, durch Zuwendung von Geldmitteln die Lage der ״Bachu» rim" günstiger gestalten. Der Redner wolle hier auf Einzelheiten nicht eingehen. er glaube jedoch, was alle andere Kulturvölker durch Organisation und einheitliches Zusammenwirken geschaffen hätten, werde von einem so alten Kulturvolks wie das jüdische, sicherlich geschaffen werden können. Der Redner weist noch auf folgende Punkte des Programmes hin: ״Besserung der Wirtschaftlichen Lebensbedingungen unsrer östlichen Glaubensbrüder", ״Förderung der Besiedlung Palästinas", ״Ausgestalmng der jüdischen Presse und Literatur", ״Verttetung der thoratteuen Judenheit nach außen und Abwehr der . . . Angriffe". Die A. I. werde sich in Landesorganisattonen gliedern, die die Aufgäbe haben werden, den jeweiligen Landesverhältnisten bei der praktischen Durchführung der einzelnen Agenden Rechnung zu tragen. Die neue Organisation müsse volkstümlich, thoragemäß und dezentralisatorisch sein. In der ״Agudath Jisroel" seien 4 Sttömungen vereinigt. Der Großteil der ״Jereim" aus Rußland, Galizien und Ungarn, die ״Nichtchassidim", dazu die Juden in Amerika, die eine Renaissance des überlieferten Judentums mitmachen; die ״Chassidim" mit der Innigkeit und Tiefe ihrer religiösen Weltanschauung; die ״Kämpfer — Jereim" die in harten Kämpfen mit den Liberalen ihre Positton behauptet und schließlich diejenigen ״Jereim", die vermöge ihrer universellen Bildung im Kampfe gegen das ״Apikorßes", gegen das haltlose Verdächtigen und Herabsetzen des Judentums eine Menge reifer Erfahrungen gesammelt haben. Eine Vereinigung dieser 4 Schattierungen, die alle demselben idealen Ziele zustteben, müsse von Erfolg begleitet sein. Das begonnene Werk sei zwar von erdrückender Größe. Jedoch müsse das Gefühl der eigenen Unzulänglichkeit zurückgedrängt werden, denn die Gesetzestteuen wären aus einem Selbsterhaltungsttiebe heraus gezwungen, sich zu organisieren. ״Wie immer der Erfolg der A. I. sein möge, wir alle haben das Gefühl, daß in der Stunde der Gefahr, alle Männer aus der Wacht ständen, daß sie den festen Willen hätten, zu arbeiten. Das läßt uns ruhig in die Zukunft blicken-“ (Stürmischer, wiederholter Beifall und Händeklatschen. Der Redner wird von allen Seiten beglückwünscht.) Vors.: ״Ich unterbreche die Sitzung für 10 Minuten. (12 Uhr mittags.) Wiederaufnahme der Sitzung um 12' / Uhr. Vorsitzender: Grünbaum, Nürnberg: Der Vorsitzende verliest die eingelaufenen Depeschen von Kommerzienrat Luis Feist, Frankfurt, Tachkemoni-Schule Jaffa, Rabbiner Groß, Storozynetz; Dr. Ascher, Newchatel: Joseph Kohn, Eschwege; Jüdische Studenten, Bern; Redaktion ״Moment", Warschau; L. Sttauß, Paris: Katzenellenbogen, Marcobi, Petersburg: Dr. Rosenfeld. Czernowitz; Dr. Goldstein, Malmö (Schweden); Babad, Lemberg; Oberrabbiner Dr. Schorr, Bukarest; Erlanger, Luzern: Landau, Botosani (Rumänien); Dr. Cahn, Fulda, Gemeinde Glasgow; Oberrabbiner Reich, Budapest; Adaß Jisroel, Wien: Dr. Munk, Berlin; Dr. Klein. Eisenstadt; Kongregation der Rabbiner von Kanada (Amerika); Rabbiner aus Pittsburg; Nekner, Kiew; Dr. Braver. Rechen- Hausen; Goldberg. Ujhely; Oberrabbiner Zirlssohn, Kischeneff; Adaß Jisroel, Eperjes; Oberrabbiner Brande, Lemberg; Katz, Minsk; Jungreiß, Fülek; Liebermann, Neuhäusel usw. usw. Der Vorsitzende eröffnet die Generaldiskussion und erteilt das Wort Herrn Rabbiner Schnur, Tarnow, der anregt, die Agudath J.sroel möge, getreu Sem Prinzipe ״Torah im derech erez" die Bildungsfrage, im Einvernehmen mit den Rabbinern Galiziens, als Punkt des Arbeitsprogrammes aufnehmen. Dr. Schächter. Budapest fordert, daß aus Ungarn nur Mitglieder orthodoxer Gemeinden der Agudath Jisroel beitteten dürfen. Die Landeskanzlei stehe der Agudath Jisroel sehr sympatisch gegenüber, nehme jedoch vorläufig noch eine abwartende Haltung ein. Er glaube, daß die ungarischen Orthodoxen treue Bundesgenossen sein werden. Sie seien nicht so arg als man meine. Rabbiner L i s c z i s, Kalisch fordert Aenderung des Namens, da, nach seiner Ansicht, der Name