Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XIII (1912)
- Issue
- Heft 10 (6.6.1912)
- Date
- 1912-06-06
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Jüdische Volksstimme Nr. 10. Zeitabstande auch der größte Teil der Provinzpresse den Bericht über die Verhandlung mit einem mehr oder minder langen, entsprechend wehleidigen Komentar: Alle auf denselben Ton gestimmt. Der Richter habe sich nicht engherzig auf den Paragraphenstandpunkt gestellt und menschlich gehandelt. Dafür gebühre ihm Anerkennung. Der Student aber wurde zum eintägigen Heros des FeuilletonteileS taxfrei erhoben. Und dann trat das goldene Wiener Herz in Aktion. Das will heißen, daß die ״Israeliten" Wiens ihre Taschen öffneten, um das Füllhorn ihrer edelmetallenen Gunst über den freigesprochenen, rumanischen Studenten auSzugießen. Die Zeitungen eröffneten Sammellisten und die Wiener jüdischen Geldgrößen hatten seit langem wieder ein Objekt an dem sie ihr gut-deutschfreiheitliches Herz mosaischer Konfession und ihre ״fast" christliche Nachstenliebe erproben konnten. Ueber Nacht war der erwähnte Student in den Augen der Spender zum Repräsentanten des darbenden HochschülertumS geworden und heimste als solcher binnen weniger Tage ein für seine bisherigen Verhältnisse recht stattliches Sümmchen ein. Wozu ich das alles sage? Gewiß nicht aus Animosität. Nach den Entbehrungen, die er ausgestanden, ist ihm das zu gönnen. Aber in dem Momente, wo wir konstatieren, daß die Spender fast ausschließlich Juden sind, ist uns auch bereits die Frage gegeben, wie sich zum Beisviel im umgekehrten Falle die Rumänen verhalten hätten. Und waS nvch kitzticher ist: Wie sich dieselben Juden, die für einen rumänischen Studenten in wenigen Tagen über 4000 Kronen zusammengebracht haben, gegenüber einem jüdischen Studenten verhalten würden oder besser gesagt: wie sie sich derzeit zu den kollegial-humanen Bestrebungen der jüdischen Studentenschaft stellen. Uns Juden wird bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit unser Besitzstand an jüdischen Großkapitalisten und ״Ausbeutern" vorgeworfen. Den Fluch des Geldes haben wir also, den Segen haben die anderen, genießen jene, die in der Morgen- und Abendausgabe täglich einige jüdische Geldprotzen ihren Lesern zum Frühstück bezw. Nachtmahl Vorsitzen. Nach ihrem eigenen Geständnis wird der christlichsoziale Wahlfond von Juden gespeist werden, deren Institutionen von Juden gestiftet und ausgehalten. Um das ״gefährdete" Deutschtum zu schützen, haben Juden Hunderttausende für den Roseggerfond gespendet, ttaten sie zu Tausenden den Schul- und Schutzvereinen bei, von denen die antisemitische Boykottbewegung ausgegangen ist und von denen sie noch heute mit einer Zähigkeit propagiert wird, die nicht leicht ihresgleichen findet. Ich nehme überhaupt alles auf meinen Eid, was ich am 11. April gesehen habe. Präsident: Woher wissen Sie so genau, daß es der 11. April war? Zeuge: Werl am 25. Ottober der Geburtstag meiner Schwiegermutter ist. Daran Hab ich mir'S gemerkt. Staatsanwalt: Wir Werder, nachher von zwei Zeugen hören, daß tatsächlich Ende April von den Juden auf dem Markt eine Kuh verkauft wurde, die grüne Flecken hatte. Allerdings nicht unter dem Schwanz, sondern an der Seite. Der Angeklagte: Das war die Kuh von Lob Hirsch, die hatte sich an einem frisch gestrichenen Scheunentor gerieben. (Höhnende Zurufe im Publikum.) Staatsanwalt: Herr Zeuge, sagen Sie uns °. ist es möglich, daß die gescheckte Kuh, die Sie sahen, auch von der Seite grün war? Zeuge: Grün, wie ein junger Spinat, war sie an beiden Seiten. Und nach Oelfarbe haben die Flecken nicht gerochen. Präsident: Waren Sie denn auf Ihrem Apfelbaum so nahe bei der Kuh? Zeuge: Ich konnte, wenn ich mich niederbeugte, ganz gut an der Kuh riechen. Auch ist die Mit jüdischem Geld werden Kirchen errichtet, in denen glühender Haß gegen Juden und Judentum gepredigt wird, von jüdischem Geld gestützt, wird in wenigen Wochen in Wien der eucharistische Kongreß einen niegesehenen Prunk entfalten m>d so die stark verblaßte klerikal antisemitische Herrlichkeit Wiens wieder auffrischen. Wohl werden nun deshalb einige jüdische Geldaristokcaten neu kreiert werden und wieder einige ״Glaubensgenossen" adelige Stammbaumgründer werden. Aber was haben wir Juden davon? Die Großen umschmeichelt man und für uns beanttagt man Schußgeld oder ähnliche Annehmlichkeiten, die die christlichsoziale Nächstenliebe recht deutlich dokumentieren sollen. Der Fall des rumänischen Studenten hat es erst der Oeffentlichkeü si recht zum Bewußtsein gebracht, daß es ein Str.de ׳tenelend in des Wortes traurigster Bedeutung g bt daß das Studentenleben doch nicht eitel Won, c und Glück ist. Aber über den einen Studenten dürfen nicht die vielen anderen vergessen werden, die im Stillen darben und denen es nicht gelungen ist die Aufmerksamkeit der Oeffentlichkeil auf sich zu zu lenken. Und solcher gibt es Hunderte in Wien. Die Mehrzahl davon sind Juden. Wohl hat die Studentenschaft selbst sich aufgerafft, kollegial-humane Vereine geschaffen, die 'einigermaßen dem jüdischen Studentenelend steuern sollen, aber sie sind ohnmächsig, solange sie nicht aus jüdischen Bürgerkceisen materiell unterstützt werden. Unsere Großen haben sich bisher größtenteils dieser Pflicht gegenüber ihrem Volke entweder überhaupt entzogen, oder die verschiedenen jüdisch-humanitären nur unzulänglich unterstützt. Pflicht, Ehrenpflicht unserer Reichen wäre es nun auch der jüdischen Studenten zu gedenken. Es existieren in Wien zahlreiche jüdische HochschülerunterstützungSvereine, Vereine für nnentzeitliche Lektionsvermittlung, es existiert sogar eine ausschließlich für jüdische Studenten errichtete Mensa (IX-, Pramergasse 31), welche es den ärmeren Studenten ermöglicht, um wenig Geld eine gesunde, kräftige und dabei doch genügende Nahrung zu erhalten. Ja, ärmeren und würdigen Hochschülern werden dort sogar Gratismarken gewährt. Da ist ein Gebiet auf dem unsere Großen vieles leisten, sich den ehrlichen Dank der jüdischen Studentenschaft erwerben und ihren Wohltätigkeitssinn entsprechend betätigen könnten. A. E. R—r. Rektor Rauchbergs Protektorat. Die deutsch-antisemitischen Studenten Prags haben sich wieder einmal ein Husarenstücklein geleistet. Meister im Lug und Trug, gewandt im Kuh. als der Rabbi und der Kantor ihr den Rücken drehten und im Grase Milch tranken, einen Augenblick zu mir auf den Baum geklettert. Präsident: DaS ist aber doch auffällig, daß eine Kuh auf einen Baum klettern soll. Herr Sachverständiger Kreistierarzt BestibuS, darf ich Sie bitten, sich über den Fall zu äußern. Der Sachverständige: Die Kühe, die ich behandelt habe, waren kranke Kühe. Wie weit die Fähigkeit einer gesunden Kuh im Klettern geht, entzieht sich meiner Beurteilung. Staatsanwalt: Wie denkt der Herr Sachverständige darüber: ist es möglich daß bestimmte Lebewesen, bei denen man bisher Neigung oder Talent zum Klettern auf die Bäume nicht beobachtet hat, unter Eindruck besonderer Umstände plötzlich auf die Bäume zu klettern stteben? l Der Sachverständige: Jawohl. Staatsanwalt: Kann der Herr Sachverständige ein Beispiel nennen? Sachverständige: Jawohl der gesunde Menschenverstand in gewissen Prozeßen. Schmieden hinterlistiger Ränke und stets darauf bedacht, ihre Weltanschauung, den rüden Rassenhaß. in allen Gebieten festzusetz-n Häven sie diesmal etwas ganz Neuartiges ersonnen, um die horchende Welt in Erstaunen zu versitzen. Naturlich ging es, gemäß ihrer Gewohnheit, ohne Schwindel nicht ab und um ein Haar wären ihnen die guten Judenliberalen ins Netz ccgan iat. Und das kam so. Urplötzlich konnte man in allen Prager Blättern mit mehr als üblichen Tamtam eine große sportliche Veranstaltung angekündigt sehen uud da in Prag das Sportinteresse im allgemeinen sehr rege ist, hat die Nachricht nicht verfehlt, die größte Anteilnahme in den weitesten Kreisen hervorzurufen. Man las Vornorizen über ein leichtachletisches Meeting, bei dem intcrnationale Meisterschaften ausgetragen werden sollten und den Abschluß sollte ein großes akademisches Fußballwettspiel bilden, bei welchem Universitäts- Hörer gegen Techniker spielen sollten. Im Laufe der vorigen Woche stellte es sich nun heraus, daß die so großartig angewndigten Wettkämpfe im Rahmen des Stiftungsfestes der deutsch-antisemittschen Lesehalle ״Germania" ausgetragen werden sollten und daß, die Konsequenz ist ganz natürlich bloß Arier sich um dje ״internationalen" (!) Meisterschaften bewerben dürsten. Darob wurde nun den zuständigen Sportsverbänden sehr übel zu Mute. Der leichtathletische Verband wählte den einfachsten Weg und untersagte schlankwegS die unter lügenhaften Vorwänden ermogclte Bewilligung zur Austragung internationaler Meisterschäften, von denen. Juden von vornherein ausgeschlossen waren. Der Fußballverband leitete Verhandlungen ein. Schließlich wurde den Herrn Deutschnationalen der Bescheid, daß sie nur offen erklären sollten, an dem Wettipiele dürfen nur Mitglieder der ״Germania" teilnehmen, dann könnte das Spiel gestattet werden. Bei diesen Verhandlungen stellten sich nun ganz pikante Dinge heraus. Die Radikalen gaben an, daß das von ihnen proponierte Wettspiel vor allem im Sinne des Protektors der ganzen Gerniauiafestlichkeiten. des derzeitigen Nestors der deutschen Universität Prof. Dr. Rauchberg wäre, und daß er nicht blos mit der vorgeschlagenen Form ein» verstanden sei, sondern daß er sie geradezu wünsche. Ja, als die sauberen Herren vom Fußballverband eine Wartezeit ausbedungen, erklärten sie, diese nur dazu zu brauchen, um mit Rektor Rauchberg Rücksprache nehmen zu können. Soweit ist es also bereits in Prag gekommen. Der Rektor konspiriert nicht bloß im geheimen mit den Anttsemiten, sondern er schlägt sich offen auf ihre Seite und protegiert Feste, von denen die Mehrzahl seiner Hörer ausgeschlossen, ja, zu denen er selber keinen Zutritt hatte, wenn er nickt zufällig Nestor wäre. Dieses kriecherische Benehmen, dieses stampfhafte Suchen nach einem Plätzchen in einem gewissen Körperteil der Radikalen, der sonst bloß in die Hosen gehört, ist übrigens das hervorstehendste Charakteristikum der ganzen Amts- Periode des Rektor; Rauchberg. Dieses Bestteben hat er bei allen Anlässen gezeigt und selten wohl hat man dem höchsten akademischen Würdenträger Anerkennung und Achtung so berechtigt versagt, wie gerade dem jetzigen Rektor der Univwsität- Schließlich neigt auch seine Amtsperiode ihrem Ende zu und eS stcht fest. Kein Teil der Hörerschaft wird ihm eine Träne des Bedauerns nachweinen. Am allerwenigsten die Jüdischnattonalen, denen gegenüber er russische Praktiken in Anwendung gebracht hat. In seinem Tun und Lassen, in seinem Charakter und seinen Handlungen, kurz in seinem ganzen Wesen ist er ein würdiger Repräsentant der Meschumodim, der Getauften. Was das Sportfest anlängt, so sei nochmals darauf hingewiesen, daß die Veranstaltung einen anttsemitischen Charakter trägt und daher von jedem anständigen Juden gemieden werden muß. Verbreitet Hickl’s ״Jüdischer Volkskalender״ Mährisch - schlesische Bank Brünrt Telephon Kr. 318, IBreltM». Ftrdfaaild8ga98e Nr. 29 ,Fetephen Hr. 101«. Woehsetstabe! verzinst EINLAGEN gegen gn*. / 11 01 gebundene Einlagen l«!t Übereinkommen. Baak- Bicfcei vuBd in laufeaier Rechnung ■tt T* |2 |0 geschääeaöer Art, Böncn-u.WcdgtergeicMftt.