Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XIII (1912)
- Issue
- Heft 9 (30.5.1912)
- Date
- 1912-05-30
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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--״ .י. xiii/1.a*» Beilage zur ״Wiener Jüd. Volksstimme" ° - «״ Nationaljudentum. Eine Untersuchung von Leo Jung, Berlin. Vorausgesetzt, daß die nationale Idee im Judentum Renaissance bedeute — wie, ist sie rein jüdische Wiedergeburt oder eine kosmopolitisch, universelle? Ist sie ein Erwachen oder ein Aufraffen? Lag sie im nationalen Schatzhause im Keime vorhanden und bedurfte nur des nenzeitlich lebendigen Windes, um ins Leben zu treten, ich meine, bedurfte sie eines Morgenrotcs zu ihrer Erweckung, oder war sie die Ursache eines solchen, dessen Leuchten durch Not und Druck verhindert werden konnte, nun, über dieselben erhaben, von ihnen unabhängig sich entfaltet? Es gibt Fragen, die umso brennender werden, je intensiver man sich mit ihnen besaßt, die umso vielfältiger, tiefer werden, je mehr man auf sie eingeht und andere Fragen gibt es. die beinahe beantwortet sind, wenn man sie stellt, ernst stellt. Die jüdische Frage nimmt an beiden Arten Anteil. Fanget mal um ihr an und ihr werdet vom Raffenpunkte zum Glaubenspunkte, von dem psychologischen zum Sozialethischen kommen, werdet tausend Verbindungssäden entdecken und ihre tausendmaligen Beziehungen zu einander. Wenn, wir unter Judenfrage die Frage nach dem sozial-materiellen Judenelend verstehen, wenn wir diese Frage stellen, — und dabei ist es vorläufig gleichgültig, ob die Frage aus innerem Herzen kommt oder ob sie ein Stutzigbleiben, ein Erschrecken angesichts trostlosen Elends bedeutet, — dann haben wir die Antwort gleich in uns. Die Antwort ist nach jüdischer Act wiederum eine Frage, aber eine anklagende. ״Warum habt ihr nicht früher gefragt? Warum ist eure Frage nicht eine stete, warum eine mehr ängstliche als tatbereite?" Wer nun von ehrlichen Arbeiten, wenigstens Arbeitswilligen, die erste Frage sich gestellt, der wird die Antwort ״Ihr seid faul, sträflich, schäudl.ch faul, indifferent gewesen!" richtig verstehen, die bittere Wahrheitspille schlucken und wohlgemut zur Tat schreiten. Wird sich finanziell und moralisch in den Dienst der praktischen Rettungsarbeit stellen und einen Baustein liefern zum großen, hohen Bau. Indem er sich also die Frage ernsthast gestellt, hat er die Antwort ohne viel Philosophie und andere tiefgründige Systeme gefunden. Vermöge der jüdischen ״Zielstrebigkeit", nach unserem neuen, ehrlichen Freunde. Viel schwerer wird die Frage, wenn wir die Judenfrage nach außen stellen, uns auf den Rassen-, Kultur-, Zivilisationspunkt stellen. Weil da im Momente eine Unmenge neuer Fragen entstehen. Fragen über den Unterschied uud die Gegensätzlichkeit zwischen jüdischer und internationaler Kultur, Fragen nach dem Grunde, Urgründe der Völkerfympathien für uns Juden, Fragen nach dem Werte der teilweisen oder völligen Assimilation, nach Setbstwehr und über Nachgeben uud Festhalten. Dian könnte aus jeder Nebenfrage eine Hauptfrage machen. Wenn z. B. bei Erwähnung der Rassenverhältnisse und Beziehungen Ludwig Stein Len Nachweis zu erbringen versucht, daß der moderne Antisemitismus ein rein Wirtschaftlicher ist und dabei vergißt, daß es beim mittelalterlich Religiösen zum großen Teil ebenso war, daß Rassenunterschiede und ihre gehässige Behandlung dem Volke erst klar gemacht werden mußten und nicht an und für sich im Volksbewußtsein lagen, dann hat dieseFrage wiederum einen weiten Spielraum eröffnet, Raum für Fragen über diese Frage. Ebenso hätte man bei Behandlung der Frage nach jüdischnationaler Idee und über dieselbe so viele Themen, daß ein rasches Ende nicht er-- reicht, so man sich bei Beantwortung und Behändlung der Frage keine Beschränkung antut. Es ist für uns von drei Punkten fragenswert und antwortbedürstig. Vom jüdischen, vom nationaljüdischen und vom orthodox-traditionell Jüdischen (Ich will nur bemerken, daß zu jeder dieser Benennungen ein ״sogenannt" hinzutreten müßte). Hat also die nationale Idee etwas ganz Neues gebracht? Wenn nicht, welche Teile ai ihr sind neu? Wenn ja, welche Bedeutung, welche theoretischen und praktischeu Folgen? Welchen Einfluß auf das Gesamtjudentum, welchen auf Parteien können wir bemerken? Wenn die nationale Idee einfach und ohne jeden Beigeschmack ein Hort der völkischen Eigenart sein soll, dann ist sie ja eine Renaissance des überlieferten Judentums und in diesem Sinne ist es eine bloße Formerneuerung, ein zeitgemäßer Ruf ketour ä la naturä! ״Zurück zur reinen natürlichen jüdischen Sitte! Werfet doch den unpassenden, lästigen, kosmopolitischen, international unjüdischen Ballast von Euch." Wenn also die nationale Jbee eine solche ist. ist sie nichts Neues, sondern eine Erneuerung. Allein sie hat verschiedene Kehrseiten, die ihre psychologische Natur als eine durchaus komplizierte erscheinen lassen. Die nationale Idee will ein jüdisches Volkstum erst schaffen. Stach allen Regeln moderner Technik. Sie apperzipiert einige Voraussetzungen des alten jüdischen Rationalismus. wie das Bewußtsein unserer Geschichte und Kulturpriorität. Wie den Stolz auf unsre gelehrten Philosophen, Denker und Ethiker. Und baut ein modernes Gebäude. Einheit bildet nach ihr das Judentum, allein nicht vermöge seines uralten Glaubens» weil dieser im öffentlichen Leben als Privatsache keine Rolle spielt, spielen kann, vielmehr vermöge der gemeinsamen Abstammung, vermöge dem aus ihr folgenden heißen Verlangen, ein freies Volk in einem freien Staate zu werden. Die anderen Momente, wie gemeinsame!spräche und Sitte sind derzeit noch nicht zur Welt gekommen. Man arbeitet an ihren Anfängen. Die nationale Idee ist auch eine Kampfesidee- Sie will alles bekämpfen, was ihrer Entfaltung hinderlich ist, innerhalb des Judentums und außerhalb desjelben, hat also auch politische Werte. Also -etwas Neues. Die nationale Idee ist also eine Renaissance. Aber wessen? Etwa dessen, was man allgemein Judentum nennt? Nein! Denn rmr haben die Kluft beleuchtet, die zwischen ihnen gähnt. Also wessen? — Wer ruhig nachdenkt, sich sein altes Juden- ( tum analysier!, es sorgfältig und liebevoll — (das letztere ijt besonders uötig, weil es hier ein Mutetülng nicht gibt. Entweder pro oder koutra) — l» jelne pjychologiichen Momente zerlegt, der wird im übcrllesecte u Judentum die Quelle des »ativualen Judentums finden. Eine Eigenschaft des religiösen Judentums, eine Forderungdesselben. Al!o elne, wenn auch wichtige, dennoch ziemlich undiSkutierte, weil lelbstverstauoliche Frage. Ich möchte nun ganz besonders daraus aufmerksam machen, was jetzt folgt, weil es ern merkwürdiges Licht wirst aus die Entwicklung dieses Gedaukens im Judentum. Das überlieferte, im gewissen Sinne, das Judentum der Vergangenheu griff überall ein, geleitete den Juden von der Wiege vis zum Grabe und sein Gesamtergebnis war Erhaltuug ber narionalen Sitte. Durch Verknneclichung und Huienuragen der Volksideale ins Volk, i» welcheui jo gleichzeitig das stolze Bewußriern seiner Werre entstand und stets kräftig sich weiter entfultete. Das moderne Nationaljudentum will von den Voraussetzungen und praktischen Ergebnissen, die vorher die entwickelnde Stärkung bedingten, ab sehen können und ein auf Vergangenheit und Zukunft. Geschichte und völkisches Ziel, basierendes Nationaljuoentum aufbauen. Will die Eigenschaft des alten Judentums, eine natürliche Forderung desselben zu einem neuen selbständigen Gedanken ausarbeiten. Wenn wir nun auch von der historischen Unrichtigkeit absehen, gibt es doch auch außerhalb derselben viele sehr schwierwiegenbe psychologische und praktisch natürliche Hindernisse, die es notwendig machen, daß eine Programm- oder Charakteränderung dieser Bestrebungen eintrete. Ein Nationaljudentum, losgelöst von allen Bedingungen des Judentums ist nicht lebensfähig- Es lag nicht im Judentum, liegt nicht im Judentum, ist eine Konzession an den modernen internationalen Nationalitätsgedanken, der der jüdischen Eigenschaft zuwider ist, sich unmöglich mit ihr vertragen kann, weil er rin Ergebnis fremder Beeinflussung, eine gewisse volle Assimilation bedeutet. Es ist nötig und weil es völkergeschichtlich nötig ist, wird es eintreten. daß es sich verinnerlicht, indem es sich gründlich ändert. Dies wünsche ich ihm, dem Judentum, ihr, der Idee selbst, weil sie nur dann das erreichen kann, was sie will. Es ist eine Rückkehr zum alten Judentum nötig, in dem der nationale Gedanke aufgelöst liegt. Sie wird erfolgen und die nationale Idee wird sich verwirklichen. Der Märtyrer seines Glaubens. Von Jda Barber, Wien. (Fortsetzung.) ״Sag' mir die Wahrheit", sprach der alte Mann, den Sohn umarmend, ״was weißt Du von AladLrs Wandlung? Ich kann den Zweifel nicht ertragen! Gott wird nur Kraft geben, selbst daS schmerzlichste mit Fassung hinzunehmen!" Doch Eli hatte nicht das Herz, dem Vater zu sagen, was er wußte; er vertröstete ihn, Aladär werde schon von sich hören lassen, die Reise nach Rom dürfe ihn nicht beunruhigen. Des Sohnes Zuipruch. seine Nähe, seine liebevolle Teilnahme wirkten beruhigend auf den alten Vater; sein Zustand besserte sich von Tag zu Tag; von Gottverccauen beseelt, fand er Trost und Stärkung im Gebet. Schon glaubte man an eine vollständige Genesung, da rral unerwartet ein Rückfall ein. Rabbi Lazzlo saß in seinem Zimmer und studierte; im Nebenzimmer war Aranka mit einer Handarbeit beschäftigt, die Tür stand offen. Der alte Rabbi Höne, wie Ruth Heigel, Arankas Freundin eimrat und sie mit den Worten anredete: ״Sei nicht traurig Aranka. er ist es wirklich nicht wert, daß Du Dich seinetwegen grämst!" ״Du hast wahrscheinlich durch Deine Schwester Nachricht?" forschte Aranka. in ihrer Aufregung ganz vergessend, daß die Tür zum Studierzimmer Rabbi Lazzlos offen stand und er jedes Wort hören konnte. ״Die Schwester schreibt mir", sagte Ruth Heigel, ״daß er mit Pater Jeremias nach Rom gereist ist und gar kein Hehl daraus macht, zum Christemume übertreten zu wollen!" Vom Nebenzimmer her hörte man Aechzer: und Stöhnen, dann einen herzzerreißenden Aufschrei; als Aranka hinzueilte, sah sie Rabbi Lazzlo leblos am Boden liegen. Ter schmerz um den verlorenen Sohn hatte ihn getötet. Eli war trostlos. ״Vater und Bruder veloren" ries er wehklagend; ״o Gott, warum strafst Du mich so hart!" _ Die Teilnahme in der Gemeinde war eine aufrichtige und allgemeine; niemand blieb daheim, als Rabbi Lazzlo zu Grabe getragen wurde; selbst Greis-, Weiber und Kinder folgten dem Sarge. Man wußte, daß der Rabbi an gebrochenem Herzen gestorben. Der beabsichtigte Uebertritt Aladärs bildete wochenlang den Gesprächsstoff; schließlich beruhigte sich das öffentliche Gewissen. Die älteren Leute sagten, es sei ein Unglück, daß die Jugend gar so wenig Pietät für die Religion der Väter habe, die jüngeren betrachteten es wiederum als ein Unglück, daß die Väter sie zum starren Glauben zwingen wollen. In Aranka war seit Rabbi Lazzlos Tode eine Wandlung vorgegangen. Aladär war ihr vollständig gleichgültig geworden; umso inniger schloß sie sich an Eli an; sie suchte ihn zu trösten, sorgte für seine Unterhaltung, war bemüht, ihn seinen Verlust vergessen zu machen. Eli dankte ihr mit treuer Hingabe. Von Liebe wurde kein Wort gesprochen; sein Herz war noch zu sehr von Wehmut erfüllt, die Trauer um den hochverehrten Vater eine zu heilige. Erst nachdem das Trauerjahr verflossen, erklärte sich Eli der Geliebten; sie hatte nach des Rabbis Tode bei einer Verwandten gewohnt, daS Abhängigkeitsverhältnis kennen gelernt, und gab Eli, den sie wahrhaft hoch schätzte, mit Freuden chr Jawort. Die Hochzeit wurde in aller Stille gefeiert. Doktor Eli Lazzlo erfreute sich in seiner Praxis allgemeiner Beliebtheit- Einige gut einschlagende Kuren brachten ihn in den Ruf eines tüchtigen Arztes. Seine Häuslichkeit war eine überaus angenehme; Frau Aranka verstand es. ihm dieselbe mit poetischem Reize zu verklären; sie war die Seele des Hauses, die gute Fee, die den Armen wohl tat, ihre Kinder zu tüchtigen Mensche» heranbildere. lV. Frau Aranka wartete klopfenden Herzens auf die Rückkehr ihres Gatten. Der Tisch war festlich gedeckt, das Mahl mit der dem Feiertag schuldigen Rücksichtnahme vorbereitet. Die Köchin ftagt mehrmals, ob sie austragen solle, Aranka ver-