Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XIII (1912)
- Issue
- Heft 8 (24.5.1912)
- Date
- 1912-05-24
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 10. Jüdische Ldlltstimme. Nr. 8. ׳hnen aber jedes Talent für die bildenden Künste, für Malerei, Bildhauerei, Baukunst, ja sogar für die Musik abgesprochen hat- In älteren Kunstgeschichten hieß es des öfteren, daß die Juden, trotz aller ihrer, sonstigen Begabung und vielseitigen Befcchigung, der Welt nie Maler, nie Bildhauer geschenkt haben. Wir brauchen wohl nicht sagen, daß dies kurzsichtige Urteile sind, die einer wenig judenfreundlichen Gesinnung entstammen. Wie sollten auch aus der Not und dem Dunkel des Ghetto bedeutende Maler und Bild- Hauer hervorgehen! Selbst die Blume der Dichtkunst konnte sich bei den Juden zur vollen, herrlichen Blüte erst in der Sonne der Freiheit, im goldigen Lichte der Humanität entfalten! Ungünstige äußere und zufällige Umstände waren es also, welche zeitweilig den jüdischen Geist in seinem Wuchs und in seinem Fluge aufgehalten hatten. Freilich, den Juden Befähigung zur Wissenschüft, insbesondere zu den exakten Wissenschaften, zur Medizin, zur Bühnenkuust, zum Handel und zur Industrie abzusprechen, daran hat niemals jemand im Emst gedacht. DaS war auch nicht gut möglich angesichts der vielen hervorragenden Leistungen der Juden auf diesen Gebieten, und wir wollen nur an die bedeutenden Fort» schritte erinuem, welche die medizinische Wissenschüft und Kunst jüdischen Aerzten zu verdanken hat, und an den großen Einfluß, dm jüdische Aerzte auf das Judenmm selbst und seine Ent- Wicklung in modernem Geiste auSgeübt haben. Ebenso kann nur blindes Vorurteil den Juden Sinn und Befähigung für Musik absprechen. Man kann für Richard Wagner als einen der größtm Tondichter unserer Zeit schwärmen und wird doch die Unduldsamkeit und Gehässigkeit beklagen und verurteilen müssen, die er in seiner Broschüre: ״DaS Judentum in der Musik" gezeigt hat. Konnte er besser in seinem absprechenden Urteil über jüdische Musik widerlegt werden, als durch das wunderbare Oratorium ״Elias" von Mendelssohn- Barcholdy oder durch die herrlichen Arien in der ״Jüdin" von Halevy und in den ״Makkabäem" von Rubinstein, die sich den Beifall der ganzen Welt erobert haben? In neuerer Zeit hat man begonnen, alle in der Bibel an verschiedenen Stellen mchattenen Hinweise auf die künstlerische Befähigung und die künstlerische Tätigkeit der Juden zu sammeln. Wie für die babylonische, assyrische, griechische und römische Kunst durch Ausgrabungen wertvolle Funde gemacht worden sind, so ist jetzt auch für die jüdische alte Kunst die Zeit der Forschungen und Entdeckungen gekommen. Man hat auS dem Schoß der Erde, aus Höhlen, Katakomben, Schatzkammern, alten vergessenen Aufbewahrungsräumen wichtige Tatsachen und Beweise auch für die jüdische Kunst auS der Finsternis ans Licht ge-?ogen und unser Wissen über jüdische Kunst vielach bereichert. Es ist eine neue Wissenschaft ׳entstanden, die Wissenschaft der jüdischen Kunst des Altertums und auch des Mittelalters, und schon haben sie reiche Fttichte getragen: Die Museen von Paris und London haben sich mit einer neuen unerwarteten Abteilung geschmückt — einer jüdischen. Man sieht dort eine reiche Sammlung von Erzeugnissen der Bildhauerkunst, der Metall- und Emaillekunst, der Schnitzerei. Goldprägung und Glasfabrikaüon. die verschiedensten kunstvollen Gefäße, Wertgegenstände und Verzierungen. Wer diese Schöpfungen jüdischer Kunst (und auch die neueren Kunstwerke in der jüdischen Kunstschule ״Bezalel" in Jerusalem) sieht, wird sicher den Juden künstlerischen Geschmack und Geist, sowie künstlerischen Befähigung und Kunstsinn nicht absprechen können. Wie sollte es auch anders sein! Die Kunst ist ein Spiegel des Lebens; der Charakter und die Schicksale eines Volkes prägen ihr ihren Stempel auf. Und die Juden, deren Geschichte so reich ist, deren jahrtausendelanges Leben bald von wilder, grausamer Tragödie, bald von malerischer, duftiger Poesie, bald von fanatischem Aberglauben und grenzenloser Herrscherwillkür erfüllt war, sollten keine Versuche gemacht haben, ihre Schicksale, ihr Freud' und und Leid in künstlerische Formen zu gießen! Derarttge mannigfache Er lebnisse und Geschickswendungen sind noch nie bei einem Volke ohne ausdrückliche Spuren vorübergegangen: stets werfen sie einen:'ibglanz auf die Schöpfungen der Kunst, stets ließen sie in ihnen gleichsam einen edlen Bodensatz zurück. Selbst wenn nicht die vielfachen Hinweise der Bibel und des sonstigen jüdischen Schrifttums es beweisen würden, so würden doch die großartigen Schöpfungen altjüdischer Miniatur-Plastik genügen — der großm Monumental-Plastik stand ja das jüdische Gesetz entgegen — um uns von der hohen künstlerischen Begabung des jüdischen Volkes zu überzeugen. Trotzdem ist über die Frage, ob es eine spezifisch-jüdische Kunst gebe, viel gestritten worden. Man sagt, es gebe nur eine Kunst, die an sich und in sich ganz und gar unteilbar sei; während andere an dem nationalen oder religiösen Moment als einem besonderen Charakteristikum auch in der Kunst feschalten und meinen, wie es eine ägyptische, griechische, römische, byzantinische Kunst gegeben habe, so dürfe man auch von einer Mischen Kunst sprechen. Von neueren Aeußerungen über diese Frage möchten wir die von Professor Dr. Gotthard Deutsch hier wiedergeben. Er schreibt: ״Ich halte es für ein wenig Scholastik, wenn man über die Frage diskutiert, ob es eine jüdische Kunst gibt. Moritz Oppenheims ״Dorfgänger", der bei seinem Ausgange die ״Mesusah" küßt, während die Frau mit dem kleinen Jungen an der Hand auf der Schwelle steht und ״der Herr segne dich!" murmelt, mag vom Standpunkte des technischen Kunstkrittkers bloß Genre sein; mir dem Laien ist es jüdisch. Es stellt das Gefühl eines Juden, von dem Juden erfaßt, dar." Wir möchten in dieser Beziehung noch folgendes hervorheben: Die jüdische Kunst erschöpft sich nicht darin, daß jüdische Typen, Gestalten aus der jüdischen Geschichte, Szenen aus dem jüdischen Familienleben, jüdische Ornamente, jüdische Melodien von jüdischen Künstlern wiedergegeben werden; sie enthält viel mehr und ist bedeutsam auch in ihrem Inhalte und in ihrem Wesen. Sie ist ein Abbild der jüdischen Seele, sie bringt alle Regungen des jüdischen Gemütes, alle Gefühle des jüdischen Herzens zum Ausdruck, sie spiegelt in einem Kunstwerk Freud' und Leid der ganzen Judenheit wieder. Meister wie Antokolsky und Israels waren es. die in diesem Sinne geschaffen haben und Künstler wie Max Lieberman, Lesftr Ury, Lilien, Glicenstein, Boris Schatz und viele andere sind es, welche die jüdische Idee in ihrem Herzen treu bewahren und in vielen ihrer Werke zum Ausdruck bringen. Diese Männer haben auch ihre Kunst freudig und mit warmen Eifer, ja oft mit Begersterung in den Dienst der jüdischen Allgemeinheit, der jüdischen Interessen und des jüdischen Wohles gestellt. Wenn Schiller im ״Fiesco" sagt: ״Kunst if die rechte Hand der Natur, diese hat nur Geschöpfe, jene hat Menschen gemacht", so kann das Judentum mit Swlz von sich sprechen, daß es Männer hcrvorgebracht hat, die nicht nur hervorragende Künstler, sondern auch bedeutende Menschen und vor allem im Herzen treue und gute Juden geblieben sind, denen es nicht lediglich Sache des Berufes, sondern ein Herzensbedürfnis, eine heilige Mission war. Werke der ״jüdischen Kunst" zu schaffen. Der Märtyrer seines Glaubens. Von Jda Barber, Wien. (Fortsetzung.) Er ftagte nach Pater Jeremias. Man ließ ihn in einem der großen, altersgrauen Klostersäle warten. Endlich erschien ein in Weiß gekleideter Mönch, dessen fahles Gesicht und stechende Augen ihm wenig Vertrauen einflößten. ״Ich komme mich nach dem Schicksale meines Bruders Aladär zu erkundigen", sagte Eli. ״Schicksal?" ftagte der Mönch nach einigem Ueberlegen. Cr ist mit seinem Schicksale sehr zufrieden und seit gestern auf dem Wege nach Rom. ״Unmöglich", sagte Eli, ״was hat er in Rom zu suchen?" ״Darüber", erwidette der Mönch, ״kann ich Ihnen nicht Rede und Antwort stehen; nur so viel will ich Ihnen mitteileu, Ihr Bruder kam vor einigen Wochen gebrochen an Leib und Seele zu mir; ich sah, daß ein hitziges Fieber im Anzuge war, behielt ihn bei mir, pflegte ihn, und als er sich wohler fühlte, sprach er den Wunsch aus. den Winter im Süden zu verbringen. Da gerade eine Deputation unseres Ordens nach Rom ab ging, dem Heiligen Vater zu Neujahr zu gratutieren, schloß er sich den Brüdern an." ״Welch teuflischen Einfluß müffen Sie aus geübt haben", sagte ׳Eli zähneknirschend, ״um diesen ehedem strenggläubigen Juden in Ihre - ״Keine Beleidigungen", unterbrach ihn der Mönch mit Stentorstimme; ״wagen Sie es nicht noch einmal, von teuflischem Einfluß zu sprechen, "onst —“ ״Unverschämter", fiel ihm Eli ins Wort, ״Sie,!)er Sie meinen arglosen Bruder in Ihren Netzen gefangen, wollen mich glauben machen, daß —״ ״Gar nichts will ich Sie glauben machen", unterbrach der Mönch, ״fordere Sie vielmehr auf, dieses 4>au8 zu verlassen, und zwar sofort I" ״Ich gehe", sagte Eli verächtlich, ״da ich es unter meiner Würde halte, mit einem aus Seelenang ausgehenden Priester Worte zu wechseln". Auf dem Heimwege überlegte Eli, was er tun önne. um den Bruder zu retten, ihn dem Glauben der Väter zu erhalten. , Mit Grauen dachte er daran, welch tief schmerzichen Eindruck die Nachricht von dem beabsichtigten oder wohl gar schon vollzogenen Glaubens- Wechsel Aladärs auf den strenggläubigen Vater machen müffe. .Es würde sein Tod sein, sagte er sich, und ich bin verpflichtet, alles aufzubieten, ja selbst die weite Reise nach Rom zu machen, um Aladär ins Gewiffen zu reden, daß er dem Glauben der Väter treu bleibe. Durch einen Mönch hatte er nach vielem Hin- und Herftagen in Erfahrung gebracht, daß »ie nach Rom bestimmte Deputation des Jesuiten-!losters sich drei Tage in Men aufhalten werde. Sofort beschloß er abzureisen, hoffend, den Bruder noch in Wien zu tteffen. Nach beendeter Fahrt orschte er, ohne sich Ruhe zu gönnen, beim Bischof, in den Klöstern, bei den Kirchenvorstehern nach; niemand wollte etwas von einer nach Rom abgegangenen Deputation wissen. Verzweifelt kehrte er nach Pest zurück; offeniar hatte ihn Pater Jeremias nur auf eine falsche Fährte führen wollen. Ist es ja jesuitischer Grundatz: Der Zweck heiligt die Mittel! Ungeachtet ernster Nachforschungen auch in Pest keine Spur des Gesuchten. Tieftraurig trat er die Heimreise an, um die unterbrochenen Studien zu vollenden. III. Rabbi Lazzlo rüstete sich eben zum Gange nach dem Tempel, als ein Brief Aladärs eintraf, in dem er ihm schonend und nach langen Umschweifen mitteilte, daß er fest entschlossen sei, eine andere Laufbahn einzuschlagen; er sei jetzt auf dem Wege nach Rom, wolle Welt und Menschen kennen lernen. Die Reisespesen decke ein guter Freund, der geistliche Rat Kerper, dem er sich angeschloss-n. Der alte Rabbi las den Brief zwei- und dreimal, dann sagte er wie geistesabwesend: ״Nach Rom? Was will Aladär in Rom? Und in dieser Gesellschaft!" Er wagte den Gedanken, der in seiner Seele auftauchte, nicht auSdenken. Zitternd ging er einige Schritte bis zu seinem Lehnseffel vorwärts, dann fiel er lautlos zusammen. So fand ihn Aranka. Bemüht, ihn aufzurichten, sah sie ein zerknülltes Blatt in seiner Hand; nachdem sie den alten Mann zum Sopha geführt, las sie den Brief. Jetzt war ihr Alles klar. Aladär war auch für sie verloren. Sie sandte zum Arzt. Er kam, untersuchte den leblos daliegenden Mann, konstatierte eine Herzlähmung; Arankas Aufregung schrieb er der Sorge um den alten Rabbi zu; man solle, meinte er, die Söhne sofort kommen lassen, sie sei zu schwach, die Pflege zu übernehmen. Dr. Pollak wußte sehr wohl, daß daS Leben Rabbi LazzloS nur noch nach Tagen zählte. Die- Gewißheit, daß sein Sohn sich dem Glauben der Väter abgewendet, hatte den strenggläubigen Mann wie ein tödlicher Pfeil ttes ins Herz getroffen. Gerade an dem Tage, als Eli sein Doktor- Examen gemacht, erhielt er die Kunde, der Vater sei schwer erkrankt, er möge unverzüglich nach Hause kommen. Wie hatte er sich Jahre hindurch auf diesen Tag gefreut und nun diese Nachricht! Das Schlimmste befürchtend, traf er sogleich seine Vorkehrungen zur Reise. Ec fand den Va'er, als er daheim anlangte, um zehn Jahre gealtert. (Fortsetzung folgt.) ü Sternhof I bestes aller Bitterwässer.