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Jüdische Volksstimme · 1912-05-24 · Heft 8 (24.5.1912) · page 9

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XIII (1912)
Issue
Heft 8 (24.5.1912)
Date
1912-05-24
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Nr. 8. XIII. Jahrg. Beilage zur ״Wiener Jüd. Volksstimme" 24. Mai 1912. Seite 9 ״Rabbinische DonQuichoterien!"!man sie etwa auch von der Verpflichtung jeder I Benediktion befreien? Das wäre erst recht eine Die unter obigem Titel in der ״Jüdischen Volksstimme" veröffentlichte Notiz hat mich veranlaßt, in den ״Mitteilungen des israelitischen Landeslehrervereines für Böhmen" den beanständeren Aufsatz ״Zensurierung des Gebetbuches^ nachzulesen uud ich bin nicht weniger erstaunt als Herr N., daß die verehrliche Redaktion des genannten Fachorgans in der Aufnahme derartiger Artikel sich so skrupellos gezeigt hat. Ich möchte mich zwar nicht den ״Berufenen" zuzählen, die der temperamentvolle Heir N. zu einer Kritik herausfordert; trotzdem wage ich es in aller Bescheidenheit, den Ausführungen des Herrn Rabbiner Stimmer entgegenzutreten, wobei ich nicht umhin kann, zunächst den falschen Standpunkt hervorzuheben, den der genannte Herr einnimmt, wenn er als Beweggrund seiner Zensurierungdes Gebetbuches ״die glühende Begeisterung und Huldigung für jedweden Fortschritt angibt. Man wird wohl mit mir übereinstimmen, wenn ich sage, daß es hiezu weniger dieser Begeisterung, als vielmehr des Ernstes und einer gewissen wissenschaftlichen Erudition bedarf, die man wohl in jenem Aufsatz« leider zur Gänze vermissen dürfte. Herr Stimmer erachtet die Benediktionen ״schelo osani ischo" und ״scheosani kirzono" für Ausflüsse der sklavischen Behandlung des ״femininen Elementes" in vergangenen Jahrhunderten und knüpft daran eine Erörterung, die uns in der Tat vermuten läßt, daß unsere Altvorderen ״Dummköpfe und Tyrannen" gewesen seien, wie Herr N. richtig unter dem Eindrücke des erwähnten Aufsatzes sagt. Nichts ist unwahrer und nichts läßt sich unmöglicher beweisen als diese direkt an den Haaren herangezogene Behauptung. Weder in der Bibel, noch im talmudischen und nachtalmudischen Schrifttume ist auch nur eine leise Spur für die Inferiorität des Weibes zu finden; wohl aber wäre es rin Leichtes, vollgültige Beweise für die Hochschätzung des Weibes im Judentum zu erbringen. Vollständig deplaziert ist die herangezogene Analogie mit den Assyriern, Persern und Römern, für welche allerdings das 'von Herrn Stimmer Gesagte gelten könnte. Ich muß es mir versagen, Detail •j anzuführen: die Bibel und der Talmud stehen jedermann offen, der darin zu lesen versteht und darin lesen will. Die genannten zwei Benediktionen sind aus dem religiösen Ideale des Judentums leicht und zwanglos zu erklären, aus dem Ideale der Pflichterfüllung. Je mehr Pflichten zu erfüllen dem wahrhaft frommen Juden Gelegenheit gegeben ist, desto mehr nähert er sich diesem Ideale. Das Leben im und unter dem Gesetze ist nichts anderes als der lebendige Ausdruck dieser Anschauung. Darum erhebt das Judentum jede Tätigkeit des Juden aus der Sphäre des Physischen auf die höhere Stufe des Geistigen; verklärt seine Freuden und Leiden, seinen Genuß und seine Entbehrung. Geburt und Tod, indem er alle diese Lebensäußerungen mit Mizwot umgibt und durchdringt. Hierbei leitet ihn die Ueberzeugung, daß er durch die Erfüllung der Mizwot nicht allein Gott eine Huldigung darbringt, sondern auch sein eigenes Ich veredelt (R. Akiba: lazakkos es Jisroel). Als besonderes Verdienst rechnet er sich an, die Mizwot zur gehörigen Zeit zu erfüllen: Mizwot schehazzeman geroms. Diese Gattung Mizwot — wie Keriat Schema, Tesillin, Lulab, Sukka u. a. — zu erfüllen, ist zumeist nur dem Manne unter normalen Verhältnissen möglich, während das Weib, zufolge eines andern nicht minder hochanzuschlagenden Ideals, daran verhindert ist; denn auch die besonderen Pflichten des Weibes, die Besorgung des Haushaltes, die Pflege und Erziehung der Kinder usw. erfordern besondere Hingebung. Ueberdies ist die Frau auch physiologisch nicht immer in der Lage, den für den Mann immer geltenden Pflichten nachzukommen. Dieser glücklicheren Lage des Mannes gibt die erste der beiden Benediktionen beredten Ausdruck; anderseits muß die zarte Rücksicht des religiösen Gesetzes und dessen Liberalismus gegenüber den Frauen anerkennen, indem er den Grundsatz ausspricht:.הנשים פטורות ממצות שהזמן כרמז־ ״Die Frauen sind von der Erfüllung jener Mizwot befreit, die an eine bestimmte Zeit gebunden sind." Sollte nun die Frau, gleichsam dem Manne zum Trotz, eine analoge Benediktion sprechen wie der Mann? Das wäre doch gewiß lächerlich; und so viel Sinn für Situationskomik muß, man schon bei den alten Gesetzeslehrern voraussetzen. Sollte Zurücksetzung gegenüber dem Manne. Daher gab und gibt es nur den einzig richtigen Ausweg, daß die Frau die Benediktion ״scheosani kirzono" spricht. Oder doch. Herr Rabbiner Stimmer kennt einen besseren Ausweg: die Ausmerzung beider, und tut sich etwas darauf zugute, daß er dies bereits praktisch in Schule und Synagoge durchgeführt. Andere Leute haben aber andere Ansichten und wenn sich seine Gemeinde diese unbegründete und haltlose Reform gefallen läßt, so mag es dabei sein Bewenden haben; für -die Schule jedoch entäußert er sich dadurch eines überaus wertvollen pädagogischen Behelfes: denn an der Hand dieser unscheinbaren, kurzen Eulozieen könnte er seinen Schülern die Anleitung geben, zu verstehen, welchen Wert das Judentum auf etwas legt, was den heutigen Juden, speziell in unseren Gegenden, beginnt unbekannt zu werden: auf die unbedingte Pflichterfüllung. Eine besonders scharfe Attaque führt Herr Rabbiner Stimmer gegen das Wort ״el nekomos" aus und knüpft daran eine Erörterung der Jomkippurlitaneien, die — ich gestehe es offen — über meine Verständnis geht. Herr Stimmer scheint übersehen zu haben, daß der Psalm 94 mit den Worten ״el nekomos" beginnt. Nun sollte doch jeder Bibelleser sich darüber klar sein, daß das Wort nekomos, auf Gott angewendet, keineswegs den in der vulgären Anwendung gehässigen Beigeschmack von ״Rache" oder Zorn und Strafe besitzt, sondern einfach ״Vergeltung" bedeutet. Um Herrn Stimmer davon zu überzeugen, müßte man ihm einen ganzen Teil des More von Maimonides hierhersetzen, damit er die Bedeutung der biblischen Anthropomorphismen verstehe. Ob er nun einen ״vergeltenden" Gott aus seinem Glaubensbekenntnisse streicht oder nicht, ist nur für ihn von Bedeutung; und damit hätte er sich begnügen sollen, ohne diese seine Meinung der Oeffentlichkeit anheimzugeben. Ueberaus interessant ist es. daß Herr Rabbiner Stimmer bezüglich des Gebetes ״welamalschinim" plötzlich konservative Anwandlungen zeigt. Gerade dieses Gebet wurde vielfach abgeändert und ein Blick in die verschiedenen Siddurim zeigt, daß mehrere Versionen dieses Gebetes bestehen. Aber!elbst in der Besprechung der von ihm gütigst in einer Fassung belassenen Stückes zeigt sich eine merkwürdige Unvertrautheit mit dessen Geschichte. Weder ist velamalschinim eines der jüngsten Ge- 1ete, noch hat es mit dem ״langen Wehu rachum" irgend welche Beziehungen; es stammt auch nicht — selbstverständlich! — aus der Zeit des babylonischen Exils, sondern aus einer viel späteren. Schon die ältere Fassung dieses Stückes verrät die Zeit seiner Entstehung; es war gegen die ״Minim" gerichtet, ferner gegen die Sadduzäer und Epikuräer, endlich gegen die Verläumder der Juden bei den Römern. Es stammt aus der Zeit des Rabban Gamliel, der im Jahre 72 nach der gewesenen Zeitrechrung Patriarch in Jabne gewesen ist und der Talmud Berachot 28 b schreibt es Samuel dem Kleinen zu. Bezüglich des ״langen Wehu rachum" gibt es eine Anzahl von Traditionen, die sämtlich eine phantastische Unterlage haben; unter anderen gibt es eine Tradition, die dieses Gebet den drei Männern im Feuerofen zuschreibt; ferner eine, die es an den babylonischen Hochschulen entstanden sein läßt — daher vermutlich der Irrtum Herrn Stimmers, der behauptet, daß er im babylonischen Exil verfaßt worden ist. Auch mit seinem scharfen Angriffe auf ״wesen tal umotor" und ״maschiw horuach" ist Herr Stimmer nicht viel glücklicher; das beweist zunächst seine Schlußfolgerung, daß diese beiden ״Sentenzen" (!) nicht gerade ״unsinnig", sondern völlig überflüssig seien, während er sie einige Zeilen vorher als sinnlos bezeichnet hat. Sein Vorschlag über die Vertauschung des Tal- und Geschem- Benschens, begründet durch die Verschiedenheit unserer Gegenden und Palästinas und der Levante hinsichtlich der ״teturischen und hydrostatischen Verhältniffe" hat ja auf den ersten Blick etwas für sich; ja man kann ihm verraten, daß bereits längst die ernsthaftesten Erörterungen über die zeitgemäße Umwandlung dieser Gebete gepflogen wurden; endlich kam man übereinstimmend zu dem Schluffe, daß man um die Einheitlichkeit, die Kontinuität der synagogalen Liturgie zu wahren, auf dem traditionellen Brauche verharren solle, zumal es ja wirklich schwer ist, die Grenzen zu bestimmen, bis zu welchen man Tal und Geschem als zeitgemäß ansehen soll. Freilich, zu dem radikalen Mittel der Ausmerzung .zu greifen, siel bisher niemand ein, selbst dann nicht, wenn die Ueberzeugung bestand, daß deshalb die Welt nicht aus den Angeln gehoben würde. Geht doch die Welt nicht aus den Angeln, trotzdem so und so viele Juden in Böhmen das Gebetbuch überhaupt aus ihren täglichen Gebrauchsgegenständen ausgeschaltet haben. Nicht unerwiedert darf schließlich die völlig abstruse Behauptung bleiben, das ״maschiv horuach" habe keinerlei Beziehung zu dem vorhergehenden ״ato gibbor" und dem nach» folgenden ״mechalkel". Im Talmud Berachot :!3 a finden wir eine Tossista: מזבירין;בורות;שמים ״ •בתדדית המתיםMan gedenkt der Gewalt der Regengüsse gelegentlich der Wiederbelebung der Toten." In der anschließenden Diskussion der Gemara wird nach dem Grunde gefragt. אמ־י '״ב וםף מתיך ששקולה בתתיית המתים\ Rab Josef antwortet: ״Weil sie (die belebende Macht des Regens) der Wiederbelebung der Toten gleich» gehalten wird " Eine schönere — und ich will es verraten, homiletisch öfter verwenden — Begründüng und Beziehung dieser drei Gebetstücke gibt es gar nicht. Sowohl ״atto gibbor" als auch ״mechalkel chajjim" enthalten die Lobpreisung Gottes als Wiedererweckers vom Tode; und zwischen beiden findet die kurze ״Sentenz" maschiw horuach umorid haggeschem logisch ihren Platz. Aber warum nur im Winter? Vinn, auch das hat seinen guten Grund. Gebrauchen doch auch wir mit Vorliebe das Bild der im Winter toten, abgestorbenen Natur, die dann im Frühlings zu neuem Leben wiedererweckt wird. Wenn uns nun im Winter der Anblick her Natur an Tod und Vernichtung gemahnt, dann wird durch die bedeutsame ״Sentenz" in uns der trostreiche Gedanke an die Wiederkehr des Lebens erweckt. Und hiemit nehme ich Abschied von Herrn Stimmer und seinem Artikel. Im Rahmen eines dem Raume nach beschränkten Aussatzes konnten nicht alle Nachweise in lückenloser Weise aus geführt werden: diese Zeilen sollen vielmehr nur ein Anlaß sein zu einer Diskussion über diesen Gegenstand, der jedem treuen Juden viel zu teuer sein muß, als daß man als Spielball einer bloßen Reformsucht ohne wissenschaftliche Grundläge überlassen sollte. Jüdische Kunst. Von Tr. Simon 2 ch e r b e l. Man hört und liest jetzt vielfach davon, daß wir im Zeitalter des Erwachens der Völker leben. Diese Ansicht wird gestützt und bekräftigt durch mancherlei Tatsachen, die zum Nachdenken Anlaß geben müssen. Tie Völker scheinen sich auf sich selbst zu besinnen, sie werden sich ihrer öesonderen Eigentümlichkeiten, ihrer jkräfte und Vorzüge bemußt und suchen sich vor den andern Nationen hervorzutun und auszuzeichnen. Man sehe nur auf die vielgenannten kulturellen Bestrebungen bei den Deutschen, man beachte die mationale Wiedergeburt der Türkei und Chinas und die selbstbewußten nationalen Ansprüche gewisser romanischer und slavischer Völkerschaften. Man muß nun sagen, daß dies an sich durchaus berechtigte Bestrebungen sind, aber nur, solange sie nicht auf Selbstbespiegelung, Selbst» Verherrlichung und Chauvinismus hinausgehen und zum Rassen- und Glaubenshaß verzerrt werden, sondern die in jedem Volke schlummernden hohen Eigenschaften und Triebe, sei es im Gcwerbesleiß, in der Wissenschaft, Kunst. Dichtung oder in sonstigen idealen Dingen zur Entfaltung und zur vollen Entwicklung bringen. Es soll dadurch ein edler Wettbewerb um die höchsten Ziele unter den Völkern entstehen und eine jede Nation soll im Kampfe um diese idealen Güter ihr Bestes auf allen Gebieten des Schaffens, Wirkens und Strebens zu geben sich bemühen. ׳ So müssen wir es mit großer Freude begrüßen, daß das jüdische Element, die jüdische Eigenart, jetzt auch in der Kunst immer mehr hervortritt. Sind wir nun aber auch schon so weit, daß man von einer besonderen jüdischen Kunst sprechen kann, in der Weise wie man von einer besonderen Dichtung schon lange mit hoher Achtung, ja mit Bewunderung spricht? Es hat eine Zeit gegeben, wo man die Juden zwar für besonders befähigt für Poesie gehalten. i

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