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Jüdische Volksstimme · 1912-05-16 · Heft 7 (16.5.1912) · page 10

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XIII (1912)
Issue
Heft 7 (16.5.1912)
Date
1912-05-16
Page
– (sequence 10)
Language
German
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N Seite 10. Jüdische Lolkistimme. Nr. 7. banken der Echellingschen Naturphilosophie, wie sie oben angedeutet wurden, heute in dem System des Franzosen Bergson neu aufleben. Hier wie dort ist das Wesen der Materie eine Produktivitüt (elan vitale), die in den Pro« dukten nur momentan zur Ruhe kommt, um׳ über sie immer wieder hinüberzugehen. So ist als Wesen der Na» tur der rastlose Drang erfaßt. Bon hier ging ja auch Schopenhauer aus, denn jene Rastwsigkeit war die Quelle seines Pessimismus. Sclma Lagcrlös: ״Liljenrronas Heimat". Roman. Verlag Albert Langen, München. Preis 4 Mk. — Einmal las ich irgendwo: ״In Selma Lagerlöf ist die Phantasie wieder auserstanden". DaS ist Hewiß wahr. Aber sicherlich könnte man auch sagen, daß in ihren Werken ihre Heimat in Dalokarlien in Wahrheit erstanden ist; erstanden ist für die übrige Welt, die so lange von diesem gesegneten Stück» chen Erde nichts gewußt hat. Jetzt aber, mit jedem neuen Werke Selma Lagerlöfs lernen wir cs immer beffer kennen: die Hügel von Braby, die Eisenwerke und tiefen Wälder und die freundlichen weißen Kirchen der Kirchspiele sind uns ebenso vertraut, wie die Menschen, die ihr tüchtiges, arbeitsreiches Dasein leben und deren tiefe Frömmigkeit und Innerlichkeit ebenso nachhaltig erhebt, wie ihre liebenswürdige und gesittete Fröhlichkeit erfreut. Und sie sind uns bereits wirkliche Gefährten geworden. Ist uns nicht der Name Liljencions bereits aus ״Göster Berling" wohl be» kannt und steigt nicht das Bild dieses sonderbaren Träumers und Wanderers, der unstät umherirrt, nur regelmäßig im Frühjahr bei seinem Weibe Ruhe findet, bei diesem Namen vor uns auf? Und ihn und viele andere Freunde, wie den schönen Oerneclau und den boshaften Sintram finden vir in diesem neuen Buche wieder. Und von neuem geben wir uns dem Zauber dieser mit unvcr» siegbarer Märchenphantasie begabten Dichtung hin. Wirklichkeiten sind auch hier wieder Märchen, und Märchen Wirklichkeiten und alles steht und blüht in dieser Landschaft Dalarne, mit ihr verwoben zu einem der ergreifendsten Naturmärchen, wie es dieses Buch letzten Endes ist. Und so reiht es sich würdig an den ״Gösta Berling" an, wenn es auch zeitlich vor den Vorgängen im ״Gösta" sich abspielt. Aspccts of thc Biblc by H. G. Enclow, Rabbiner der Adaß Jisroel-Gemcinde in Louisville, Ah 1911. — Bon diesem Autor, Dr. H. G. Enelow in Louisville, er» schien vor kurzem in der Jewish Tribüne ein sehr brachtenswerter Artikel ״Einige Elemente der jüdischen Kultur" (״Same Elements os -Jewish culture"), der auch von einer großen Wochenschrift in Chicago wörtlich reproduziert wurde und der auch gelegentlich im Auszuge in diesem Blatte wiedergegeben werden soll. Nun war der gelehrte Verfasser so liebenswürdig, mir sein im vorigen Jahre erschienenes obgenanntes Büchlein ״Aus- oder Einblicke in die Bibel" einzusenden. Ein herrliches Merkchen in jeder Beziehung, das der weitesten Verbreitung verdient. Es zerfällt in vier Abschnitte und alle find gleich gut und gediegen. In dem Kapitel ״Literarische Schönheit der Bibel" (The Literary Beauty of the Bible") beklagt es der Verfaffer mit Recht, daß die eigen- und einzigartige Schönheit der Poesie und Sprache der Heftigen Schrift den meistcn zivilisierten Menschen eine terra inkognito ist, weil sie die Bibel nur aus den Uebersetzungen, nicht das Original selbst kennen. Wie die Werke Shakesspeares durch die Uebersetzungen in andere Sprachen von ihrem eigentümlichen Reize verlieren, wie dem die erhabene Poesie des ״Faust" verloren geht, der dieses grüßte deutsche Drama in Uebersctzung ließt oder auf der Bühne sieht, ebenso kann der die Schönheit der Bibel nicht ermesien und beurteilen, der sie nicht im Originale zu lesen versteht (S. 31 f). Wir stellen uns den Verfasser als jungen Mann vor, der von seinem idealen Berufe ganz erfüllt ist und dem das Judentum und sein heftiges Schrifttum sehr am Herzen liegt. In Amerika jedenfalls keine alltägliche Erscheinung. Und, so beglückwünschen wir Dr. Enclow zu seinem hübschen Werke und seinem edlen Willen und Wirken im Interesse des Judentums und hoffen von ihm noch mehr zu hören. F. K. Freie jüdische Lchrerstimmc. Nr. 2, 1. Jahrgang. Inhalt: Dr. D. Feuchtwang: Post iestum. — Dr. Adolf Altmann-Salzburg: Die Juden in Alt-Salzburg bis zu ihrer Vertreibung. — Pädagogik: Prof. Dr. H. Pollak: Religionsunterricht und Schuldisziplin. — Otto Ernst, Hamburg: Zur Renaiffance der Pädagogik (Schluß). — Familicnblan: Ferienheim. — Dr. D. Feuchtwang: Der Rabbi von Rochenbur?. — Richard Beer-Hofmann: Aus ״Davids Tod". Der Wartesaal. Ein Stimmungsbild von Salamon Dembitzer. Die Station einer Mittelstadt in Deutschland. Zeit: Tiefe Nacht. Ort: Der Wartesaal. Trübe brennt die schmutzige GaSlampe im breiten, viereckigen Wartesaal. Auf den Bänken liegen ausgestreckt schlafend die Passagiere. Viele schnarchen laut und zerreißen die schwer brütende Stille. Auf Tischen und Bänken liegen Mütter und Kinder, in Tüchern cingemummt; alte Leute lassen den Kopf herunterhängen, kranke junge Menschen halten schweren Schlaf. Auf den Gesichtern ist zu lesen: O Müdigkeitl Die Gasflamme zuckt hin und her, die Langeweile ist drückend. Packe und Säcke in allen Winkeln ... Speisereste. Am Buffet sitzt eine junge rotwangige Kellnerin. Sie wäscht mit träger Bewegung Gläser und Geschirr. Die Luft ist beklemmend schwül, von Ausdünstung geschwängert, der Rauch ist zum Schneiden dick . .. Da wird die Tür aufgeriffen. Ein roher, kalter Wind streicht über die Schlafenden . . . Man sieht, draußen ist eine finstere, stürmische Nacht... Nun erwachen die Schläfer, denn eine dröhnende Stimme ruft: Personenzug nach Berlin. Eine Glocke läutet. Wirwarr... Die Kellnerin lächelt mit träumender Fröhlichkeit, und die Auswanderer drängen sich erschreckt durch die Türen ... Unglückliche, halt! Wohin der Weg?! (Aus dem Jüdischen von F.) Ein Besorgter. Aus dem Jüdischen von H. Stern. In Galizien ist es fast in jeder jüdischen Gemeinde üblich, daß die Juden am Samstag- Nachmittage sich in der Synagoge versammeln, um daselbst je nach Kräften Gott zu loben und den Sabbat zu heiligen. Der Eine sagt Psalmen, der Zweite sitzt am Talmud und ein Dritter sagt פדק׳" (Sprüche der Väter). Auch שלמה Chajit war allsabbatlich mit seinem Gebetbuche unter dem Arme in dem Gotteshause erschienen. Da er keiner von den יפים” (Scharfsinnigen) war, nahm er seinen Platz in einem stillen Eckchen der Synagoge ein und begann פרק (Sprüche der Väter) zu sagen. Aber schon beim ersten Satze: בל ישראל Alle Jsraeliten stockte er. Alle Israeliten. Drei-, viermal wiederholte er die ersten zwei Worte ״Kol Israel". Ein Tränenstrom ergoß sich über seine mit Silberhaar umrahmten Wangen. Da trat der Rabbi des Ortes ein. Mit einem wohlwollenden Blicke musterte er alle Anwesenden und gewahrte in einem Eckchen Salomo Chajit, der in sich zusammengekauert und mit weinenden Augen dasaß. Der heilige Mann trat auf Salomo zu und erkündigte sich nach der Ursache seines Schmerzes. Allein es war sehr schwer, aus dem tief bewegten Manne ein Wort herauszubringen. Endlich lispelte er: ״Rabbi, ich weine." Aber warum weinst Du, Salomo?" frug der Rabbi. ״Rabbi, ich weine", war die zweite Antwort. ״Doch warum?" ״Rabbi, warum soll ich nicht weinen, hier im Buche heißt eS, kol Israel, ״alle Israeliten" haben Anteil am zukünftigen Leben und ich bin kein ישראל, sondern ein בהן (Priester). Nun soll ich nicht weinen. Tröstend entgegnete der Rabbi: ״Salomo, .darum brauchst Du nicht zu weinen. Es heißt ja בל und das sind die Anfangs- und Endebuchstaben von בדן־לר — בל• Die Erklärung ist ja daher בל, das ist Kohen, Lewi und Israel, allesamt haben Anteil am zukünftigen Leben. Vermischtes. Am 16. Mai findet in Berlin der außerordentliche deutsch-israelitische Gemeindetag statt. Heftige Kämpfe werden von den Parteien für diese Tage angekündigt. — Der Nestor der Wissenschaft deS Judentums, Prof. Dr. A. Berlinger, beging am 1. Mai das Fest des 80- Geburtstages. Der Jubilar blickt auf ein erfolgreiches literarisches Leben zurück. — In der Adas Israel-Synagoge, Berlin fand abermals ein Einbruch statt. Es wurden Wertgegenstände in der Höhe von 500 Mk. entwendet. — Dem jüdischen Krankenhause Breslau fiel ein Legat von 32.000 Mark aus dem Nachlasse des verstorbenen Adolf Funkelstein zu. Die Königsberger Wohltätigkeitsvereine haben im Jahre 1911 insgesamt 153.844 Mark für ihre Zwecke verausgabt. — Mons. Artur Myiers wurde dieser Tage zum Minister in Neu-Seeland ernannt. Er erhielt 3 Portefeuilles, und zwar dasjenige derFinanzen, des Volksschutzes und der Eisenbahnen. — Die Israelitische Taubstummenanstalt in Weißensee beging die Feier eines Erweiterungsbaues. Herr Geheimrat Ulmann hielt die Festrede. Wie alljähr-!ich fanden auch diesmal in Rechoboth während der Halbfeiertage des Pessachfestes Festspiele statt. — In der ersten Kammer von Elsaß-Lothringen, wo die Juden einen Vertreter haben, nämlich den Oberrabbiner Dr. Ury, sprach dieser am 30. April zum erstenmale und richtete an die Regierung die Forderung, stir die Rabbiner und Kantoren in wirtschaftlicher Beziehung etwas zu tun. — Der Rabbiner der liberalen Union in Paris, Herr L. G. Lewy, sprach in Madrid über die universelle Religion. Seit 1492, wo die Juden aus Spanien vertrieben wurden, Hai kein Rabbiner über ein religiöses Thema gesprochen. Unter den aus der Türkei auSgewiesenen Italienern befinden sich einige Juden, darunter auch der Hauptvertreter der Alliance Jsraelite, Herr Fernandec. — Vor ein!- gen Tagen begingen die in Berlin wohnenden sephardischen Juden das Fest der Einweihung eines Sefer Thora. Diese Gemeinde zählt bereits 100 Mtglieder. — Eine große Anzahl jüdischer Advokalen in Moskau veröffentlicht dieser Tage einen Protest gegen die unter ihren jüdischen Berufskollegen in der letzten Zeit überhandnehmende Taufbewegung. In dem Protest wird zunächst den Täuflingen der Vorwurf gemacht, daß sie nicht aus religiösen Ueberzeugungen, sondern bloß aus materiellen Gründen zum Christentum übertreten. Hundfchaii. Gabriel Mouod im Drcyfuß-Prozcffc. Der vor wenigen Tagenverstorbene französische Historiker und Profeffor am College de France, Gabriel Monod, war der Schwiegersohn Alexander Herzens, des berühmten russischen Freiheitskämpfers, dessen hundertster Geburtstag vor kurzem von den Radikalen aller Länder gefeiert wurde. Monod und seine ihn überlebende Gattin Olga, die von der hochsinnigen Jdealistin Malwida v. Meysenbug erzogen wurde, sind den freiheitlichen Traditionen des väterlichen Hauses stets unbeirrt treu geblieben. In der Dreyfus-Affäre unseligen Angedenkens hatte der dahingeschiedene Gelehrte zweimal Gelegenheit, in wirksamer Weise für die Sache des schuldlos Verdächtigten und Verurteilten einzutreten. Als Emile Zola wegen seines berühmten J’accuse- Artikels in der ״Aurore" vor den Pariser Geschworenen stand, da trat Gabriel Monod für ihn als Leumundszeuge auf und rühmte in fast leidenschaftlichen, von tiefer Erregung durchzitterten Worten den Mannesmut, den unbestechlichen Wahrheitssinn und die fanatische Gerechtigkeitsliebe des großen Schriftstellers. Wenige Monate später, im August 1899, als der Revisionsprozeß gegen Dreyfus die ganze Welt in Atem hielt, veröffentlichte Monod im ״Figaro" einen Brief über eine Unterredung mit Freycinet, der beträchtliches Aufsehen hervorrief. Der ehemalige Kriegsminister de Freycinet hatte wenige Tage vor Schluß deS großen Prozesses seine Aussage abgegeben, die ziemlich günstig für Dreyfus lautete. Am selben Abende traf Monod mit Freycinet auf dem Bahn- Hofe in Le Mans zusammen. Nach einigen Worten der Begrüßung sagte Monod: ״Gestatten Sie mir. Ihnen zu sagen, mit welchem Vergnügen ich Ihre wundervolle Rede angehört habe. Ich war gerührt von Ihrem Aufrufe zur Versöhnung. Darin fehlte nur ein Wort: Die Bekräftigung der Unschuld Dreyfus' oder wenigstens die Feststellung, daß der Spruch des Kassationshofes" — der das erste Urteil gegen Dreyfus aufgehoben hatte — ״heute die gesetzliche Wahrheit bedeutet, und daß das Kriegsgericht ihn zur endgültigen und allgemein anerkannten Wahrheit machen muß." Und zum Schlüße der Unterredung sagte Monod: ״Ich bin überaus glücklich, Herr. Freycinet, daß Sie durch Ihre Aussage die Legende vom Syndikat ein für allemal zerstört haben." Freycinet stutzte einen Augenblick, dann erwiderte er sehr energisch: ״Ach ja, es war zu dumm, zu dumm." Die Veröffentlichung dieser Unterredung war damals für das Resultat des Prozesses von großer Bedeutung, da Monod dadurch Freyc.nets Aussage, die im Gerichtssaale etwas schwankend und wortreich gewesen war, gewissermaßen auf ihren kürzesten Ausdruck gebracht hatte. Bei der allgemeinen Hochachtung, deren sich Freycinet wegen der Lauterkeit seines Charakters auch bei seinen politischen Gegnern erfreute, fiel sein Votum außerordentlich schwer in die Wagschale. Ein hebräischer Kindergarten in Ungarn. Dank den Bemühungen des Szatmärer Rabbiners Dr. A. Jordan ist hier ein Kindergarten mit hebräischer Unterrichtssprache eröffnet worden, wohl die einzige derartige Anstalt in Mitteleuropa. Der Kindergarten wird von einer in Palästina ausgebildeten Lehrerin geleitet. Zur Judcnfrage. Der ״Rjetsch" zufolge hat der Wiborger Gouverneur von Pfaler den Villenbesitzern verboten, Juden, die nicht das Recht haben, sich im Lande aufzuhalten, Billen zn vermieten. ü Sternhof i bestes aller Bitterwässer.

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