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Jüdische Volksstimme · 1912-05-16 · Heft 7 (16.5.1912) · page 9

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XIII (1912)
Issue
Heft 7 (16.5.1912)
Date
1912-05-16
Page
– (sequence 9)
Language
German
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fc ו■» ז Beilage zur ״Wiener Md. Volksstimme" --«S-i.° 9 ויהי קול השפר הולח וחוק «irr משה ידבר והאלהים יעגנו כקול: 2. B. Mose. Kap. 19. Vers IS. Ander Posaunenton ward immer stärker. Mose redete und Gott antwortete ihm laut. Offenbarung. Am Fuße des Berges Sinai Bekleidet mit reinem Gewand, Stand Israel heilig gerüstet Umgeben vom Wüstensand. Es klang mit stärkerem Schalle Der Posaune gewaltiger' Ton, Das Volk von Schauer ergriffen Still' hart' es der Mission. Und MoseS der Lehrer und Führer Er spricht zur Gottheit das Wort. Darauf unter Blitzen und Donner Erwidert der Weltenhort. Ich bin dein Gott und Erlöser Mir diene in heiliger Scheu', Entfern' dich von nichtigen Götzen Ich lohne dir deine Treu. Auch hüte sehr wohl deine Lippen Daß nicht zum Falschen genannt Entweihet werde mein Name Der ja im Weltall bekannt. Es würde die Strafe erfolgen Gar bald auf dem Fuße, gib acht! Damit durch die eigene Zunge Du sei'st vor Verderben bewacht. Den Ruhetag halte in Ehren Er sei deinem Gotte geweiht; Da sorge für deine Seele Wirst unter die Frommen gereiht. Gesegnet von allen Tagen Zst nur der Sabbat zum Heil; Drum übe die Werkenthalmng Um keinen Preis sei er feil. — O! Ehre den Vater, die Mutter, Wenn du noch so glücklich bist Die Teuersten ganz zu besitzen. Daß lang' deine Lebensfrist. Des Nebenmenschen Leben Schätz' als das höchste Gut Drum sollst du nie vergießen Das teuere Menschenblut. Und Treue sollen üben Sowohl der Mann, als Frau; Denn hoch vom Himmelszelte Ich tief Herniederschau. Zieh' deine Hand zurücke Von ungerechter Hab'; Nur was du treu erworben Daran dein ״Ich" sich lab'. Auch leg' nicht falsches Zeugnis Wider den Nächsten ab. Du bringst dadurch oft früher Ihn schmachvoll in das Grab. Bezeuge daß im Herzen Kein Neid, Gelüste wohnt Und bringst du dies zustande Dann bist du reich belohnt. Wenn wie Posaunenklänge Gewissensstimme spricht, Dann wenden wir wie Moses Zu Gott das Angesicht. Mit wenig, weichen Worten Entringt sich das Gebet Zum Ewigen, dessen Güte Uns immer neu ersteht. Wien. Malvine Grünwald. ״Die Jungen kenn ach doj nicht seh'n!" Bon Max Jung. Dieser merkwürdige Ausspruch erblickte vor einigen Tagen das Licht der Wett. Seine Geburtsstunde fiel mit dem Dämmern des Abendrots zusammen. das im magischen Schimmer den Schöpfer dieses Gedankens beleuchtete, als er, im Bewußtsein seiner Würde, da stand, unterstützt von trag» fähigen Beinen, kenntlich gemacht durch eine sanfte Rundung seiner globusförmigen Vorderanficht und durch das grandiose Zittern seines Amtsschnur» bartes. Und merkwürdig, als wollte die Natur das Entstehen einer neuen Epoche, etwas unsagbar Großes und Herrliches audeuten — aus den purpurnen Wolken brach plötzlich ein Lichtstrahl hervor, gvldigrot — färbte langsam ab und gingdann ins fade Grau über. Und mit dem Wechsel der Beleuchtung ging auch eine sonderbare Wandlung mit dem genialen Erzeuger des Gedankens vor fich. Er erschien erst als lichtumflosseue Gestatt, als ein Wesen aus anderer Wett, als es!edoch dunkler wurde, im Zwielicht, da sah man sein wahres Wesen wieder — im Zwielichte, da wurde er wieder ״Er". Jede neue Strömung hat zwei Phasen zu überwinden, ehe sie auf Erfolg rechnen kann. Die Phase des Judifferentismus, des ״Totschweigens" und die Phase des Kleinkrieges. Die erste Methode lähmt die Schaffenskraft der Kämpfer und ist, wenn sie durchgeführt werden kann, ein Armutszeugnis der kämpfenden Richtung. Die zweite Methode, der Kleinkrieg, setzt gewöhnlich mit persönlicher Verdächtigung der Gegner ein, läßt sachliche Auseinandersetzungen nicht zn, nützt das zahlenmäßige Uebergewicht der herrschenden Klasse aus — führ! aber selten zum Erfolg! Gewattsame Aktion löst nur gewaltsame Reaktion aus! Stoß erzeugt Gegenstoß! Da kommt es darauf an, wer elastischer ist, wer den Anprall mit gleicher Wucht znrückfaüen läßt, wer, von dem endlichen Siege seiner Idee überzeugt, den kleinsten Erfolg als Ansporn zu weiterem Kampfe ausfaßt, wer m oralisch stärker ist. Die innerliche moralische Stärke kann aber nur dort vorhanden sein, wo sie auf moralisch unanfechtbarem Grunde ruht, kann nur diejenige sein, die ihr eigenes Selbst nicht verleugnet, die stets aus sich selbst heraus neue Kraft und Anregung zu finden weiß, nicht aber durch erborgten Glanz anderer! Dieses moralische Empfinden geht leider den meisten unserer westösterreichischen Juden ab. In ihrem Innern schaut es trostlos aus. ״öde und leer". Der Geist Gottes schwebt nicht darüber. Sie haben sich ihres ״Jchs" enteignet, haben jede edle Regung für das Judentum in ihrem Herzen erstickl, den natürlichen Zufluß gehemmt und ״fremde Gruben gegraben, in denen kein Wasser ist!" Sie haben aber nicht nur ihr Heiligstes sich selber aus dem Herren gerissen, sondern auch an seine Stelle Falsches eingesetzt, Pflanzen eines fremden Bodens, die in ihnen gar nicht gedeihen können! Nicht gedeihen wollen, weil sich der Boden, obwohl arg vernachlässigt, dagegen wehrt, weil er die treibenden Kräfte die das Wachstum befördern, nicht für fremde Saaten, fremde Bruten hergeben will. Weil sich seine undefinierbar fein zusammengesetzten Moleküle dagegen wehren, Verrat am eigenen Fleische zu begehen. Und so muß der liebe Jude die Pflanze, die doch hie und da Wurzel gefaßt, wieder herausreißen, unter Schmerzen entfernen! Und wieder ist es leer in seinem Innern! Warum?! Warum müssen gerade wir Juden mit unserer angeborenen Intelligenz, mit unserer ruhmreichen Geschichte» mit unserem alten, alle Religionen übertreffenden Bekenntniffe erbärmlichen Flitter tragen, Selbstachtung und Manneswürde verleugnen? Warum müssen gerade wir. die am meist gehaßten und am meisten gefürchteten Juden unsere uncwänderlich festgelegte historische Bestim mung verkennen, warum stad wir gerade dazu verdammt, etwas anzustteben, das nicht zu uns gehört, das bei uns nicht gedeihen kann, statt nur das sein zu wollen, nur das. zu dem aber so viel, so unsäglich viel gehört — echteJuden?! Wozu unechte Deutsche, Tschechen usw., wozu Talmimagyaren, Pseudo-Polen, Menschen zweiter Klaffe, die man aus ganz erbärmlichen materiellen Interessen mitlaufen läßt, warum nicht das, was wir unserem ganzen Wesen nach anstreben sollten, was durch heroische Aufopferung, durch tausend und abertausend Zeugnisse erkämpft wurd — warum nicht echte Juden? Der AntisemittSmuS, diese Bewegung, die dar Schlechte will/ hat auch Gutes geschaffen. Sie hat uns an uns selbst erinnert! Sie hat uns höhnisch lächelnd zurückgestoßen aus Kreisen, die wir aus Selbstachtung nicht gemieden haben, sie har uns den Eintritt versperrt in Kreise, die uns als gleichberechngten Bürgern offen bleiben mußten. Sie hat diejenigen, die keine Juden mehr waren, wieder zu Juden gemacht, diejenigen, die das Judentum feige verlassen wollten, zurückgehalten. Durch die Zurückdrängung, durch die Demüügung erwachte der stolze, jüdische Geist! Die Jugend mit ihrer Empfänglichkeit für alles Hohe und Edle war es, die zuerst in die Schranken trat, die dem mächtigen Rufe nach Reorganisatton und Wiederverjüngung des jüdischen Geistes zuerst Folge leistete! Was die Väter durch Jahre verschuldet, was sie in blindem Verkennen der Verhältnisse, nur für den Augenblick lebend, gesündigt hatten, das sollte durch die Jugend wieder gut gemacht werden! Durch die Jugend, die noch nicht eingeengt ist von dem öden, materiellen Streben der Assimilanten, die vor der Macht des Geldes nicht niederkniet, die ihre Ueberzeugung nicht verkaufen will, die an die ewige Kraft des Judentums glaubt! Durch die Jugend, die mit ihrer lebendigen Kraft an dem morschen Bau der Assimilatiou rütteln, die ihn zerstören wird! Durch die Jugend, welche die alten, ihr Volk verratenden Männer, die in selbstsüchtiger, niedriger Gesinnung gegen die neue Strömung auftreten, niederringen wird! Durch die Jugend, die das Judentum wieder zu Ehren bringen will, die den alten Begriffen von jüdischer Ehre und jüdischem Opfermure wieder ihren Glanz verleihen will, die sich lossagt von allem Fremden, die nur wieder Juden sein wollen, nichts als Juden! Ein mächtiges Brausen erschüttert die Luft. Die morschen Wände fallen, die Hochburgen der Entwürdigung müssen sich ergeben ... Die eingerosteten Assimilanten st Yen ihre Macht schwinden ... Das haben die ״Jüngen" mit ihrem Willen getan! Aüc^erbe^preckungen.*) F.W.J von Schellina: Einleitung;» dem Ent» wurf eiucs Systems der Naturphilosophie. — Allgemeine Deduktion des dynamischen Prozesses. Herausgegeben von Otto Weiß. Der philos. Bibliothek Band lH3d, Leipzig, Felix Meiner. Mk. 240־. — Die beiden Schciftchen entstammen aus der zweiten Denkperiode des großen deutscheu Philosophen. In seiner ersten Periode war Schelling ganz auf dem Standpunkte FichterS gestanden und hatte dementsprechend gelehrt, daß sich die Natur aus dem Ich, aus der Subjektivität müsse avleiten lassen. Im Fortschritt seines PhilosophierenS kam ihm zum Bewußtsein, daß dieser. Standpunkt ein einseitiger war. Denn man muffe der Natur ein autonomes Leben zuerkennen. Sofort aber ward in ihm damit das Problem lebendig, um deffentwillen Kant und Fichte Subjsktivisten geworden waren: Wenn die Natur autonom ist, wie erklärt sich ihre Hinordnung auf den Geist? Wie kommt der Natur das Intelligente zu. ES soll die Aufgabe der Naturphilosophie sein, dieses Problem zu lösen, indem sie als spekulative Physik ihr Augenmerk auf das innere Triebwerk der Natur richtet. ES soll jedes ursprüngliche Naturphänomen als ein schlechthin notwendiges erkannt werden, die Natur muh sich als ein System enthüllen, das in einem Prinzip seinen Zusammen« Hang findet. Während die Erfahrung sich damit begnügt, Tatsachen sestznstesten (also nach Sch. mit der Geschichte auf einer Stufe steht, nämlich der einer bloßen Sammlung von Tatsachen), will die Wissenschaft die Tatsachen aus letzten Gründen, aus dem Unbedingten ableiten. Die Natur ist eben nicht bloßes Produkt, sondern auch — und in erster Linie — Produktivität, schaffende Kraft: sie ist nicht bloß Wirkung, sondern auch Ursache. Die Natur, so wie wir sie kennen und wie fie die Naturwiffenschasten behan» dein, zeigt uns die Produkte dieser Kraft, die in ihnen zu relativem Stillstand gekommen ist. Dieser Stillstand ist wie der Wirbel im Strome. Die Kraft bricht sich wohl an ihm, aber in jedem Moment kommt eine neue Welle, welche die Sphäre erfüllt. Daß etwas in der Natur permanent ist, ist so selbst nur aus jenen Ankämpsen der Natur gegen alle Permanenz erklärbar. Das Prodokt muß infolgedrffen selbst produktiv sein, muß den Trieb zu unendlicher Entwicklung in sich tragen. Daher ist die Natur nur al» unendliche Entwicklungsreihe möglich. Die unendliche Entwicklung ist endlose Verwandlung der Formen, aber alle Formen stnd einander verwandt, nenn sie entstammen alle der schaffenden Natur, der Schöpferkraft in jeder geschaffenen Form nur einen relativen Jndifferenzpunkt findet, au» dem und über den fie weiter hinaus strebt. — Wir geben hier nur die Grundmotive der Schellingschen Naturphilosophie, nicht ihre Ausführung, nicht einmal m der Kürze, wie fie unser Schxiftleben zusammenfaßt. Es kommt hier ja aus Einzelbeiten nicht an,;»mal wir einer andern Physik gegenüber stehen, als Schrmng vor hundert Jahren. Immerhin wird aber darauf verwiesen werden dürfen, daß die Grundge- *) Sämtliche hier angeführten Bücher sind zu haben im ״Jüdischen Buch- und Kunstverlag", Brünn.

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