Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XIII (1912)
- Issue
- Heft 6 (9.5.1912)
- Date
- 1912-05-09
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 10. Jüdische BolkSsttmme. Nr. 18. beweinten wir unsere Vergangenheit, in Peszach Tikwa schöpfen wir Hoffnung auf unsere Zukunft", rief der Redner mit Begeisterung aus. Nach Beendigung der Rede ertönten abermals Freudenschüffe und die Musikkapelle intonierte die Zionisten- Hymne. In der Synagoge hielt ein alter Kolonfft eine Begrüßungsansprache, und im Bibliotheksaale begrüßte uns ein im täglichen Arbeitsanzuge erschienener Kolonist in schönem fließenden Hebräisch. Mit den Kindern, die neuhebräische Namen haben (wie Schoschana, Jefefijo und dergleichen) konnten wir uns nur schwer verständigen. Wir hörten sie französisch, englich, rumänisch und auch andere Sprachen sprechen. Es war uns schwer ums Herz, als wir von den Einwohnern des Ortes Abschied nehmen mußten. Während des dreistündigen Aufenthaltes entwickelte sich unter uns ein sehr intimes Verhältnis. Jeder einzelne Kolonist sprach den Wunsch aus, daß wir sein Haus und seine Gärten besichtigen, was doch unmöglich war. Die Ortsmusik und die Einwohner gaben uns bis außerhalb des ׳Ortes das Geleite. Da die dortigen Einwohner nicht notleidend sind und daher keiner Almosen bedürfen, beschenkten wir die Kapelle mit einigen Franken zum Ankäufe von Musikinstrumenten. Peszach Tikwa ist die volkreichste und schönste Kolonie in Palästina. Sie wurde im Jahre 1878 gegründet und zählt 1600 Einwohner. Sie hat gerade Gaffen und besitzt überhaupt alle Anstalten, die in gar keiner gut eingerichteten Gemeinde schien dürfen. An der Spitze der Kolonien steht je ein Muktar (Bürgermeister), der der ottomanischen Regierung gegenüber für alles, also auch für die Eintreibung der Steuern verantwortlich ist. Dem Muktar sind drei Beisitzer beigeordnet, die den Ort autonom verwalten. Von den jüdischen Ackerbaukolonien sind noch zu nennen: Mikwe-Jisroel, Waade Chanin, Rechowosz, Ekron, Gederah, Beer-Tobiah, Jehudia, Cheüeirah, Sichron-Jaakvow, Rosch-Pinah, Artus und noch viele andere. Bon den Kolonien Abschied nehmend, ga^en wir dem Wunsche unseres Herzens Ausdruck: Es mögen die Worte des Propheten in Erfüllung gehen: ״Und sie werden die verwüsteten Städte wieder aufbauen und sie bewohnen, Weinberge werden sie pflanzen und deren Wein trinken, Gärten anlegen und deren Frucht genießen." Der Märtyrer seines Glaubens. Von Jda Barber, Wien. (Fortsetzung.) ״Reformen! Reformen!" höhnte Rabbi Lazzlo. ״Gottes Wort ist heilig und bedarf keiner modernen Deutung! Es will mit dem Gemüt erfaßt sein! Wer kein gläubiges Gemüt hat, dem helfen auch Reformen nicht! Im Gebet, wie es unsere Urväter gesprochen, liegt Stärkung, Heil, Labung der Seele! Fangt Ihr erst an, an Gottes Wort zu deuteln, so ist die echte Poesie des Glaubens dahin! Lass' Dich von all den modernen Sophistereien nicht vom wahren Glauben ablenken, mein Sohn, bleibe der Religion der Väter treu! Sie ist ein Born, dem all das, was das Leben lebenswert macht, in reichstem Maße entquillt!" ״Wie beneide ich Dich, teuerer Vater", sprach der junge Mann, ״um Deine Glaubenstreue! Trotzdem ich mit mir gekämpft und gerungen, in schlaflosen Nächten Gott gebeten, mir Kraft zu geben, daß ich meinem Berufe treu bleibe, ich kann es nicht! — Gib mir ein Jahr Zeit; ich werde irgend eine wissenschaftliche Laufbahn wählen, die, ohne daß ich mir selbst untreu werde, meinen Fähigkeiten entspricht und mich befriedigt; zum Rabbiner passe ich nun einmal nicht;" ״O, Gott Vater", jammerte der alte Mann, ״was habe ich so schwer gesündigt, daß Du mich also strafst — all meine Hoffnungen mit einem Schlage vernichtest!" ״Jammere nicht, Vater", bat Aladär, des alten Mannes Hand ergreifend, ״Deine Worte zerreißen mir das Herz! Bedenke, daß wir Jüngeren eine andere Lebensanschauung haben, uns durchringen müssen zu höherer Klarheit, zu reiner Erkenntnis, wenn uns der blinde Glaube, der Euch beseligt, fehlt!" ״Worte, Worte! Nichts als Worte!" sagte Rabbi Lazzlo abweisend. ״Man denkt und grübelt nicht, man hat gar kein Recht, nach den letzten Ursachen aller Dinge zu forschen! Und glaube mir, die, die es tuu, sind nie glücklich. Der Zweifel an Gott ist Sünde! Nie war ein Zweifler ein glücklicher Mensch! Glücklich ist nur, wer sich eins Ühlt mit Gott, gläubig zu ihm aufschaut, ihm im Zübete sein Herz erschließt. — Versuche es, Alalär", fuhr der alte Mann fast bittend fort, ״bleibe!rer Religion der Väter trm! Sei stolz darauf, daß Du berufen bist, als Seelsorger einer Gemeinde viel Gutes zu tun, Gottes Wort zu künden, ine Dir anvertraute Schaar durch die Macht Deines Wortes für die Religion der Väter zu begeistern!" So gib mir Bedenkzeit", bat AladLr, dem es in tieffter Seele wehe tat, den strenggläubigen Vater so bettübt zu haben, ״ich werde Einkehr bei mir halten, mich prüfen und Dir meinen Entschluß in einigen Tagen mitteilen!" ״Möge Gott Dich erleuchten", sprach der alte Mann und wandte sich zum Gehen. Es war Aladär. als er den Vater jetzt Hinauswanken sah, als hätte er ihm Jahre seines Lebens geraubt. Rabbi Lazzlo schloß sich in seinem Zimmer ein und war für Niemand zu sprechen. Er betete zu Gott mit jener Inbrunst, die nur gläubigen Menschen eigen, er möge des geliebten Sohnes Herz erleuchten, seinen Sinn ändern. Er betete lange und innig, und als er geendet, war ihm, als hätte er Zwiesprach mit Gott gehalten: ihm durfte er alles überlassen. Nach einer schlaflos verbrachten Nacht war AladLr zu dem Entschluß gekommen, das ElternhauS zu verlaffen. Der Vater verstand ihn nicht, konnte und wollte ihn nicht verstehen; er dürfte sein junges Leben nicht zum Opfer bringen. Bestimmend für seinen Entschluß war wohl auch, daß Arankas Nähe eine Gefahr für ihn bedeutete, der er, wollte er nicht wortbrüchig werden, entrinnen mußte. Es war ihm klar, daß sie ihn liebte, nur auf eine Gelegenheit wartete, um seine Erklärung herbeizuführen. Er mußte ihr gegenüber äußerlich kalt scheinen, während in seinem Herzen heiße Liebe Erwiderung begehrte. Beim Frühstück teilte er dem Vater mit, er wolle nach Prag reisen, persönlich seine Bewerbung einzuleiten. ״Gelobt sei Gott, der Deine Gedanken in die rechte Bahn gelenkt", sagte der alte Mann gerührt. ״Ich wußte es ja, mein Sohn konnte straucheln, aber nicht fallen!" Aranka war sichtlich verstimmt, als sie hörte, daß Aladärs Abreise beschlossene Sache sei. ״Wie leid mir das tut", sagte sie wehmüttg; ״Du hättest wirklich noch einige Zeit bei uns bleiben sollen! Ich hoffte so viel von Dir zu lernen!" ״Gutes Kind", sagte Aladär, ״es gilt einen Beruf wählen. Etwas leisten! Der Mann darf nicht untätig daheim bleiben!" ״Wohl wahr", sagte Aranka, sich mühsam beherrschend; ״ach und es war doch so schön, wenn wir —״ Schluchzen unterbrach ihre Worte, zwei großen Tränen rollten über die roten Wangen. Schnell erhob sie sich und eilte hinaus. Aladär wollte sie halten, sie beruhigen, aber eine innere Stimme mahnte ihn: ״Bist Du auch stark genug, der Gefahr zu ttotzen? Gedenke des dem Bruder gegebenen Versprechens!" So reiste er eine Stunde später, ohne Abschied von Aranka zu nehmen, ab. Das junge Mädchen war trostlos. Wie schön hatte sie sich das Zusammenleben mit Aladär gedacht, wie gern seinen Worten gelauscht, mit welcher Wonne ihm in die tiefdunklen Augen geschaut, in denen sie eine ganze Welt des Glückes zu sehen meinte. Tieftraurig saß sie da; nicht Speise noch Trank wollte ihr munden; jetzt erst wußte sie, was ihr Aladär gewesen. Auf ihn verzichten, bedeutete für sie, allem Lebensglück entsagen. Morgen war Sabbath. Da wollte sie im Tempel zu Gott beten, daß er Aladär in seinen Schutz nehme, ihr krankes Herz gesunden lasse. — Sie war am anderen Tage die erste in der Frauen-Abteilung; das war ihr gerade recht; da konnte sie unbeobachtet ihrem gepreßten Herzen Luft machen, den Allmächtigen anrufen, daß er sie erhöre — ihren Tränen freien Lauf lassen. Als sie ihre Zwiesprache mit Gott gehalten, war es ihr leichter ums Herz; sie schaute jetzt um sich. Da saßen schon all die geputzten Frauen, die Sittel Abraham mit ihren großen Brillant- Ohrringen, die Leah Simches in ihrem hellgrauen Seidenkleide, die Reffte Jüterbock mit dem in Gold gestickten Brustlatz. Sie plauderten miteinander, lachten, schienen kaum zu wiffen, weshalb sie im Gotteshause seien. ״Warum hast Du geweint, Aranka?" ftagte ihre Nachbarin die schöne Ruth Heigel. ״Um AladLr Lazzlo brauchst Du Dich nicht zu härmen! Er ist kein guter Jude; ich weiß es von meiner Schwester, die in Pest im selben Hause wie er wohnte.". ״Was weißt Du von ihm?" ftagte Aranka aufhorchend. ״Daß er intim mit dem Jesuiten — Pater Jeremias verkehrt, stets seine Predigten besucht, schon mehr Christ wie Jude ist!" ״Das lügst Du", sagte Aranka erregt; ich v.'rbiete Dir einfür allemal, Ungünstiges über Aladär zu sprechen!" ״Gedenk', was ich Dir sagte", mahnte Ruth Heigel; ״ich meine es gut mit Dir!" ״Ich danke für Deine gute Meinung", sagte Aranka, stand auf und wandte sich zum Gehen. Es war ihr, als hätte sie jemand mitten durchs Herz gestochen. AladLr, ein Ungläubiger! AladLr, der Abgott ihrer Seele, im Verkehre mit einem Jesuitenpater! Was würde Rabbi Lazzlo sagen, wenn er davon hörte! Sie konnte, wollte es nicht glauben. Dennoch beschloß sie, Erkundigungen einzuziehen. Sie schrieb an Eli, er möge Aladär, der, ohne Abschied von ihr zu nehmen, abgereist, durch einen gemeinsamen Freund beobachten lassen, ihr mitteilen, ob für die von Ruih Heigel erhobene schmähliche Beschuldigung ein Anhalt vorhanden sei. Arankas Brief versetzte Eli in hochgradige Auftegung. Der Bruder hatte das Vaterhaus verlassen, ohne ihm davon Mitteilung zu machen; zu welchem Zwecke weilte er in Pest? Mit wem verkehrte er? Ohne viel zu überlegen, fuhr er nach Pest und direkt in Aladärs Wohnung. Die Wirtin sagte ihm, daß der Bruder sich, als er anlangte, sehr krank gefühlt habe und daß ihn Pater Jeremias zu sich in das Kloster genommen, um ihn zu pflegen. Eli stand wie vom Donner gen'ihrt. ״Wer ist dieser Pater Jeremias?" fragte er. ״Ein guter Freund vom Herrn Doktor", meinte die alte Frau, ״ein sehr würdiger Herr, der beim Erzbischof in hohen Ehren steht." Jetzt erst wurde es Eli klar, weshalb der Bruder sich mit letztem Jahre ostentativ von allen Jugendfreunden zurückgezogen. Er bettat Aladärs Zimmer; zufällig gewahrte er, daß sein Schlüssel auch zu Aladärs Schreibtisch paßte. Er mußte klar sehen. Den Schreibttsch öffnend, fand er zahlreiche Briefe mit der Unterschrift ״Jeremias". Was er las, machte ihm das Blut in den Adern erstarren. Aladär schien sich dem Jesuiten mit Leib und Seele verschrieben zu haben. Ein Passus in einem Briefe des Mönches lautete: ״Jedenfalls mußt Du, lieber Bruder, Deine Studien beenden. Du giltst dann in Rom mehr, wenn Du als Prediger, denn als Laie hinkommst. Mache der guten Sache zuliebe den Hokuspokus noch ein Jahr lang mit. Der Doktortitel wird Dir ein ganz anderes Ansehen verleihen; ich halte es für unbedingt nötig, daß Du, ehe Du in den Orden eintrittst, den Doktorgrad erreicht hast. Deine Skrupel bezüglich Deines Vaters kann ich sehr wohl verstehen; doch Du bist ein. Mann. Du mußt lernen Dich beherrschen, überwinden. Bedenke, welch herrliches Ziel Dir winkt! In der heiligen Roma, im ehrwürdigen Dom zu St. Peter wirst Du zu Füßen des heiligen Vaters Dein Gelübde ablegen! Eine neue Welt wird sich Dir eröffnen! Sei stark im Glauben, im Vertrauen auf unseren Erlöser, der, wie Du, von jüdischen Eltern erzogen, das Heil in der neuen Lehre erkannte und sie der Welt als die allein seligrr.achende verkündet hat!" Eli faltete den Brief zusammen, steckte ihn zu sich, schloß die Lade ab und verließ das Zimmer. Er wollte die Lust nicht atmen, in der der Jesuit das Herz seines Bruders dem Judentums entftemdet hatte. Jetzt erst wußte sich Eli gar vieles zu erklären, das er früher der Eigenart Aladärs zugeschrieben; zu spät sah er ein, daß der Bruder, von finsteren Mächten umgarnt, nicht anders Handeln konnte. Der Jesuit hatte eine Gewalt über ihn erlangt, die jeden anderen Einfluß lahm legte. Das war ihm klar, dennoch wollte er versuchen, auf das Herz des Betörten einzuwirken. Seine Füße waren ihm wie gelähmt; er mußte einen Wagen nehmen, um nach dem nahe gelegenen Jesuitenkloster zu gelangen. Auf seine Frage, ob Dr. Lazzlo in der Krankenabteilung Aufnahme gefunden, erhielt er eine verneinende Antwort. (Fortsetzung folgt.)