Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XIII (1912)
- Issue
- Heft 6 (9.5.1912)
- Date
- 1912-05-09
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 18. XIII. Jahrg. 8. Mai 1912. Seite 9 Beilage zur ״ JüÄ. Volksstimme" Sehnsucht. Die Welt steht bald im Maien Die Rose blüht und lockt. Es will mein Herz sich freuen, Doch alle Freude stockt. Die Lerche steigt ins Blaue, Weil sie die Freiheit liebt. Der Dust vom Morgentaue In Svnnenglut zerstiebt... Nach Osten streck ich die Hände Wie im Gebete aus: O, wenn ich den Weg doch fände, Den blühenden Weg nach HauS! O, öffnete meiner Sehnsucht Die Heimat ihr segnendes Tor, Dann stieg mein Herz, wie die Lerche Jauchzend zum Himmel empor. Wien. M. Scherlag. Agudath Jisroel. Frankfurt a. M., 28. April- Der in der jüdischen Presse seit längerer Zeit wiederholt besprochene Gedanke einer gemeinsamen Organisation der thoratreuen jüdischen Kreise in allen Ländern der Erde geht nunmehr der Berwirklichung entgegen. Ein proüisorisches Komitee unter dem Vorsitze des Herrn Kommerzienrates Louis Feist in Frankfurt a. M-, aus bekannten Persönlichkeiten der westeuropäischen Orthodoxie bestehend, lädt auf Montag, den 27. Mai zu ehwr größeren vertraulichen Konferenz nach Kattowitz (Oberschlesien) ein, zu der die hervorragendsten Führer der gesetzestreuen Bevölkerung Rußlands, Ungarns und Galiziens erwartet werden. Dem Rundschreiben entnehmen wir folgendes: Seit Jahren ist die Sehnsucht unserer weitblickendsten Führer in allen Teilen der Welt, wie der breiten Schichten der jüdischen Volksmüssen im Osten, daß endlich einmal eine umfassende Organisation erstehen möge, die auf dem geschichtlichen Boden der תורה stehend, von dem Vertrauen der Millionen treugebliebener Söhne und Töchter des jüdischen Volkes getragen, sich der Lösung der vielgestaltigen praktischen und religiösen Aufgaben der jüdischen Gesamtheit widmen und die zum Zwecke solcher Gemeinschaftsarbeit Ost und West einander nähern könne. Festere Formen begann dieses überaus natürliche Sehnen, das immer wieder in An regungen und Vorschlägen verschiedener Fassung zur Aeußerung drängte, mit einer seitens der ״Freien Vereinigung für die Interessen des orthodoxen Judentums" nach Homburg v. d. H. einberusenen vertraulichen Konferenz anzunehmen, an der die anerkannten geistigen Führer unserer russischen Brüder und somit der ungeheuren Mehrheit der gesetzestreuen jüdischen Gesamtheit neben angesehenen Persönlichkeiten aus Ungarn und Deutschland teilnahmen. Schon diese gründliche Aussprache zu Homburg, die einige Wochen dauerte, ergab mit Evidenz, daß über die prinzipiellen Grundlagen der gemeinsamen Arbeit Uebereinstimmung vor- Händen sei und es wurden unter allseitiger Zustimmung die Grundzüge eines vorläufigen Statuts vereinbart. Der Zweck der zu bildenden Organisation ist nach jenen Hamburger Beschlüssen in präziser Fassung wie folgt wiederzugeben: Die ״Agudath Jisroel" erstrebt: a) Die organisatorische Zusammenfassung und innere Annäherung der zersprengten Teile der gesetzestreuen Judenheit, insbesondere der östliehen und westlichen Juden. b) Die großzügige Förderung des Thorastudiums und der jüdischen Erziehung überhaupt in den dieser Förderung bedürftigen Ländern. c) Die Besserung der wirtschaftlichen Lebensbedingungen für die jüdischen Massen in den Ländern der Not und in Palästina. d) Die Organisierung und mitwirkende Förderung von Hilfsaktionen im Falle des Bedürfnisses (Emigration) usw. e) Die Förderung einer von echtem jüdischem Geiste erfüllten Presse und Literatur. f) Die Vertretung der thoratreuen jüdischen Gesamtheit nach außen und die Abwehr der gegen die Thora und ihre Bekenner als solche gerichteten Angriffe. Seit der Hamburger Konferenz hat die vorbereitende Arbelt trotz mancher äußerer Hiuderuisse nicht geruht, und es fand u. a. alsdann Ende vorigen Jahres in Frankfurt a. M. eine weitere vertrauliche Aussprache westeuropäischer Vertrauensmänner zu dem Zwecke statt, analog der prinzipiellen Prüfung des Planes durch die גאוני ישראל in Homburg, nun auch nach der praktischen Seite durch Männer des kaufmännischen und industriellen Lehens die Grundlagen des ProjekteS zu diskutieren. Die Frankfurter Berfammlung nahm nach gründlicher Beratung folgende Resolution an: ״Die heute aus allen Teilen Deutschlands, aus Frankreich, Holland, Belgien und der Schweiz Versammelten erklären nach Anhörung und eingehender Diskussion der Referate über die bisher geleisteten Vorarbeiten die Gründung einer auf dem Boden der Tauroh sichenden Weltorganisation zur Lösung der gemeinsamen idealen und sozialen Aufgaben der jüdischen Gesamtheit für die dringendste Forderung der Zeit. Die Versammlung hält die praktische Ausführbarkeit des Unternehmens für gegeben, ernennt daher ein größeres Komitee mit dem Rechte der Kooptation und beauftragt dasselbe: Programm und Statut der Organisation auf Grund der Homburger Beschlüsse auszuarbeiten und nach Vereinbarung mit den Rabbinen und nach Sicherung der sinanziellen Grundlagen binnen zweier Monate eine Versammlung einzuberufen, welche die Konstituierung ׳ proklamiert. In der nunmehr nach Kattowitz einberusenen geschloffenen Konferenz (die vor einiger Zeit in vielen Zeitungen veröffentlichte Einladung zu einer Versammlung nach Köln war eine von unbeteiligter Seite ausgegangene Mystifikation) sollen die Grundlagen des großen Unternehmens noch einmal durchgesprochen, die Grundzüge der Organisation, die auf breitester volkstümlicher Basis ruhen wird, vereinbart und nach erfolgter Konstituierung die vorbereitenden Maßnahmen zu umfassender Propaganda getroffen werden Für den Herbst ist alsdann der erste größere Delegiertentag der ״Agudath Jisroel" in Aussicht genommen. Die jüdischen Kolonien?) Von Wilhelm Alexander. Von großer Wichtigkeit und Bedeutung für die Entwicklung Palästinas sind die jüdischen Kolonien. Die Gründung jüdischer landwirtschaftlicher Kolonien wurde schon lange, und zwar noch in den 60er Jahren des vorigen Jahrhunderts durch den weltberühmten Philantropen Moses Montefiore versucht, aber ohne Erfolg. Erst zur Zeit der Juden- Verfolgungen in Rußland, im Jahre 1882, als nämlich viele unserer Glaubensgenossen heimatlos wurden, faßten sie den Gedanken, sich in dem alten Vaterlande ansässig zu machen. Anfangs ging e sehr schwer, denn der Boden, der 2000 Jahre lang brach gelegen, konnte nur schwer fruchtbar gemacht werden. Mit den Händen mußten sie, in Ermangeluug eines Pfluges den Boden aufreißen. Auch hatten die Kolonisten viel von der Malaira (Sumpfsieber) zu leiden und viele mußen deshalb die Gegend verlassen. Erst als Baron Edmund von Rothschild sich für die Sache zu interessieren begann und der ausgezeichnete Philantrop den Kolonisten hilfreich unter die Arme griff, begannen die Kolonien sich rasch zu entwickeln- Gegen die Madaira ließ er eine große Anzahl Eukalyptusbäume pflanzen, die sich als ausgezeichnetes Schutzmittel gegen das Sumpffieber bewährten. Auch Emil Lachman aus Berlin erwarb sich unverwelkliche Verdienste um di-> Kolonisierung, denn er opferte zur Förderung derselben ein schönes Vermögen. In der Kolonie Pessach Tikwa zeigte man uns auch die großen Orangenplantagen und Weinstöcke des Herrn Lachman, die kaum ihresgleichen haben. Während unseres Aufenthaltes in Palästina hatten wir Ge- *) Wir haben vor einigen Wochen aus der Feber unseres Redakreurs den Artikel ״Eine Gesellschaftsreise nach Palästina" gebracht. lieber diese Reise ist von einem Teilnehmer, Herrn Wilhelm Alexander in Sätoraljauhely (Ungarn), ein hübsches Buch erschienen, dem wir obigen Aufsatz, die jüdischen Kolonien betreffend, entnehmen. Wir empfehlen das anspruchslose Büchlein allen Palästinafreunden. legenheit, mehrere der dortigen bedeutendsten Kolonien zu besichtigen. Bon Jerusalem aus machten wir einen Ausflug nach der von der Stadt eine Stunde entfernten. westlich gelegenen kleinen Kolonie Mauza. Unter anderem besichtigten wir dort das HauS, den Weingarten, dm Keller, die ein Glaubensgenösse auS Rußland vor 15 Jahren gebaut, beziehungsweise gepflanzt. Wir nahmen von dort wirklichen Israel-Wein, — der 15°/» alkoholhaltig ist — und Kognak mit, der trotz seiner Billigkeit sehr gut war. In der Nähe dieser Kolonie sieht man den ״Herzl-Baum". den nämlich Theodor Herzl eigenhändig gepflanzt hat. Infolge der Liebe und Wertschätzung, mit welcher die dortigen Juden auch heute noch des unvergeßlichen Heitzl gedenken, wird der Baum einem jeden Besucher gezeigt. Die Kolonie wird von der Bene-Brith-Loge in Jerusalem unterstützt. Auf der Rückfahrt von Jerusalem nach Jaffa nahmen wir eine der bedeutendsten Kolonien, nämlich die Rischon Lezion-Kolonie in Augenschein. Diese wurde im Jahre 1882 gegründet. Sie liegt 1V3 Stunden südlich.von Jaffa und zählt heute etwa 1000 Einwohner. Rischon Lezion hat ungvführ zwei Millionen Weinstöcke die ausgezeichneten Wein liefern, aus dem auch vortrefflicher Kognak bereitet wird. In Alexandrien und Kairo sahen wir riesige Plakate, die Rischon Lezion-Weine anpriesen. Die meisten dort gepstanzten Weinstöcke wurden aus Amerika importiert, und mit franzöfischen Sorten gepropft. Die Kolonie fechst jährlich 15.000 Hektoliter Wein unb fabriziert ein bedeutendeS Quantuv! Kognak- Außerdem gedeihen dort zahlreiche Maulbeer — und eine Menge Obstbäume, wie Mandel-, Feigen-, Granatäpfel-, Zitronen- und Eszrogimbäume. Zur Manipulation und Einlagerung der Weine sind schöne Kellereien angelegt, die mit allerlei Maschinen und technischen Behelfen der Neuzeit eingerichtet sind. Der Weinkelter der Koionie wird zu den größten der Welt gezählt, denn die ganze Umgebung läßt dort die Trauben keltern. Wir wurden dort außerordentlich freundlich empfangen und bewirtet und das Gesehene setzte uns in Erstaunen. Ter Protektor der Kolonie ist Baron Edmund von Rothschild. Freitag am Lag b'omer machte die ganze Gesellschaft von Jaffa aus eine Exkursion auf zwanzig Wagen in die bereits genannte, südöstlich von Jaffa 151 Kilometer weit liegende Kolonie Peszach Tikwa. Der Weg dorthin führt durch fruchtbare Getreidefelder, sehr schöne Weingärten und Plantagen, ein Anblick, der in Erez Israel auf jeden einen besonders angenehmen Eindruck macht. Eine aus drei Herren bestehende Deputation erschien zeitlich früh in Jaffa und lud uns zum Besuche ein und wir begaben uns in Begleitung der Rabbiner Kuk und Horovitz zur Besichtigung der Kolonie. Der Empfang, der uns hier bereitet wurde, war so feierlich, daß er selbst nach europäischen Begriffen imposant genannt werden kann. Vor dem Orte harrte nnserer Ankunft die festlich gekleidete Bevölkerung mit einer aus der Jugend gebildeten Musikkapelle. Zu unserem Empfang wurden zuerst einige Salveschüffe abgefeuert, dann spielte die Musik. Zuerst gingen wir in die von der ״Freien Vereinigung" vor drei Jahren gegründeten Talmud Thora-Schule. Ter Leiter der Schule, Dr. Moses Auerbach richtete an uns eine sehr schöne hebräische Ansprache. Hierauf besichtigten wir die den modernen Ansprächen der Hygiene entsprechend eingerichtete Schule, die die größte der Kolonieschulen ist. Den Zöglingen wird hier in ausgedehntem Maße Unterricht in der Thora erteilt, sie lernen aber auch die Landessprache, Naturkunde und Rechnen. Wir besichtigten auch die von der ״Jka" erhaltene ältere Schule, in der wir die traurige Ersahrung machten, daß dort alles, nur nicht Jüdischfeit gelehrt wird. Tie obenerwähte Talmud Thora- Schule ist auch dazu berufen, dem verderblichen Wirken dieser Schule nach Möglichkeit entgegen zu steuern, was ihr auch gelingt, denn ihre Schülerzahl nimmt erfreulicherweise stets zu. Wir gingen dann ins Gemeindehaus. ES ist dies ein schöner großer Saal, wo uns die Damen des Ortes eine köstliche Jause servierten. Hieraus bestieg Rabbiner Kuk eine Kanzel und hielt eine Begrüßungsrede, aus welche Rabbiner Stern in solch ergreifender Weise erwiederte, daß kein Auge tränenleer blieb. ״In Jeruschulajim