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Jüdische Volksstimme · 1912-05-02 · Heft 5 (2.5.1912) · page 10

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XIII (1912)
Issue
Heft 5 (2.5.1912)
Date
1912-05-02
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Seite 10. Jüv'.llye Lolttstimme. Nr. .5 um seinem Erwerbe nachzugehen. Auf Schritt und Tritt sieht er sich der Gefahr auSgesetzt, vom erstbesten Gassenjungen verhöhnt und verspottet zu werden, der niedrigste Knecht dünkt sich erhaben über den Juden, diesem Jammerbilde eines getretenen Sklaven. Und dennoch kein Sklave! Mittag kehrt er heim, den Nachmittag widmet er den Vorbereitungen zur würdigen Feier des Sabbats und erwartungsvoll sieht er dem Beginne des Gottesdienstes entgegen, denn heute, ja heute wird der Sabbat ganz besonders weihevoll, zum erstenmale mit Musikbegleitung empfangen werden. Darum drängt sich heute jung und alt in die Großehofsynagoge — und warlich, wiej sie da stehen in ihren Festgewänden, mit leuchtenden Augen den Darbietungen der Sänger und Musiker lauschend, Ihr würdet unsern Juden von Vormittag nicht herauszufinden vermögen, vergeblich sucht Ihr da das Jammerblild eines getretenen Sklaven, denn hier steht er aufrecht, hier ist er frei, trotz der Sklavenfesseln, die man ihm draußen in der Welt anlegt, innerlich frei, durch die Kraft die er in seiner Religion -findet! DaS PeraucheS, vor dem wir stehen, erzählt uns allerdings nur, daß eS im Jahre 1725 von einem Vereine gestiftet wurde, der eS sich zur Aufgabe gemacht hatte, den Freitag-Abendgottesdienst durch Instrumentalmusik zu verherrlichen, allein, in unserem jüdischen Museum dürfen wir nicht nur mit unserem leiblichen Aug' und Ohr sehen und hören, sondern auch mit unserem Herzen und unserem Gemüte, dann verstehen wir das Raunen, das geheimnisvolle Flüstern, daß uns umgibt. Da oben in der Ecke deS Saales, steht ein zweisitziger Sessel aus geschnitztem Holz, die hohe Lehne bedeckt mit hebräischen Inschriften. — Dieser Sessel wurde in der alten Eidlitzer Gemeinde benützt, wenn ein Knäblein in den Bund Abrahams ausgenommen wurde, der eine Sitz ist für den Sandek, den Paten, bestimmt — und für wen der zweite? Eine der markantesten Gestalten der Bibel ist der Prophet Elijahu. Rauh ist seine Lebensweise; bald haust er in der Wüste, bald auf den Gipfeln hoher Berge, nur wenn er von prophetischem Geiste getrieben wird, tritt er hin vor die Herrscher und Großen Israels, um ihnen mit Feuereifer unerschrocken den Spiegel ihrer Verderbnis vorzuhalten, erscheint er furchtlos in Volksversammlungen, wo er kühn den Volksversührern entgegentritt. Keine zweite Persönlichkeit der Bibel erscheint so umwoben von Sage und Legende wie Elijahu, keines andern Propheten hat sich die Poesie derart bemächtigt wie Elijahus. Nicht Heim, nicht Weib noch Kind nannte er sein eigen und dennoch wurde er in der Volksvorstellung der Schutzgeist der Familie. Ist eine Familie in Skat und Bedrängnis, dann bringt Eliahu, als Sendbote Gottes, Hilfe und wird ein freudiges Familienfest gefeiert, dann wird Eliahu als Gast erhofft und erwartet. Ihm gilt daher der zweite Sitz auf unserem Sessel, geradeso wie wir für ihn einen Becher Wein auf unsern Sedertisch stellen, denn wo im jüdischen Hause, in der jüdischen Familie ein jüdisches Freudenfest gefeiert wird, dort kehrt unser Prophet gar so gerne ein und wo Eliahu einkehrt, da bringt er Glück und Segen. Die Gegner des Judentums machen diesem häufig den Vorwurf, daß es der Frau eine untergeordnete Stellung angewiesen habe, sie als inserior behandle. Ganz mit Unrecht. In unserem Schrifttum wird sehr oft das Licht als Symbol für das Erhabenste und Heiligste gebraucht. Wir preisen Gott als den Schöpfer und Spender des Lichts, ״die erhabenen Gebote Gottes erleuchten das Auge''; die Wiederauftichtung Zions erflehen wir im Bilde, daß ״in neuem Lichte es erstrahle". Unsere Sabbathe und Festtage weihen wir durch das Entzünden von Lichtern und die Frau ist es, die die Sabbathlampe entzündet, sie ist es, die fromm die Hände faltend, diese Weihe vollzieht. Die echte jüdische Hausfrau, die als Priesterin. im Hause waltete, war darum zu allen Zeiten der Swlz ihres Gatten, mit Ehrfurcht blickten ihre Kinder zu ihr empor und der graugewordene Mann gedenkt noch feuchten Auges liebevoll der Mutter, die im freundlichen Schimmer der Sabbatlampe die Hände segnend ihm aufs Haupt gelegt. Und ebensowenig wie das Judentum die Frau als minderwertig behandelt, ist eS kunstfeindlich, wie ihm ebenfalls zum Vorwurf gemacht wird. — Die prachtvoll gestickten Synagogenparamente, die kunstvollen Lampen uud Leuchter, Becher und Gewürzbüchsen, Thoraschmuck und Gitterwerk, die wir in unserem Museum verwahren, beweisen vielmehr, daß selbst die finsteren Zeiten des HaffeS und der Verfolgung den stark ausgeprägten Kunstsinu des Juden nicht zu unterdrücken vermochten. Und nun könnte ich noch darauf Hinweisen, wie die Sammlungen unseres Museums geeignet sind, jüdisches Denken und jüdisches Empfinden zu fördern, wie unsere Kiduschbecher, Sederschüffeln und Hagadas längst verstummte Saiten unseres Herzens zu neuen Tönen zu wecken vermögen, ich könnte noch erzählen von Dokumenten aus der Zeit des Kampfes um die dem Juden so lange vorenthaltenen Menschenrechte, ich könnte erzählen von dem alten, aus Eger stammenden Grabsteine und wie vieles andere noch; ich darf aber Ihre Geduld nicht länger in Anspruch nehmen, sie Ihrer Zeit nicht länger berauben, denn der Abend gehört Ihnen, Sie haben das Wort. Nur noch eine Bitte sei mir zuM Schluß gestattet: Kommen Sie in unser Museum — und wenn Sie da nicht nur mit Ihrem leiblichen Aug' und Ohr sehen und hören werdm, sondern auch mit Ihrem Herzen und Gemüte, dann werden Sie verstehen daS Raunen, das geheimnisvolle Flüstern, daß Sie umrauscht: Vor Ihrem geistigen Auge werden vorüberziehen die Gestatten unserer Ahnen, die in der Welt draußen Verachtung und Hohn erdulden mußten und sich dennoch ihre Menschenwürde nicht rauben tteßen — und sich dennoch ihre Ideale heldenhaft zu bewahren wußten; vor ihrem geistigen Auge werden vorüberziehen die poesieumfloffenen Gestalten unserer glorreichen Geschichte; die gehäffigen Vorurteile gegen unser, ach, so vielgeschmähtes und verkanntes Judentum zerstieben vor dem Richterstuhle der Wahrheit — und Sie werden mitnehmen neue Liebe neugewecktes Interesse für unsere alten, sinnigen Gebräuche. Dann werden Sie selber die Antwort geben auf die Frage: Welchen Wert hat ein jüdisches Museum? Der Märtyrer seines Glaubens. Bon Iba Barber, Wien. (Fortsetzung.) Ec sah, wie Aranka mehrmals, wenn der Bruder sie fixierte oder ihren Worten lauschte, das Auge senkte, leicht errötete und sich irgend etwas am Tische zu tun machte, um ihre Verlegenheit zu verbergen; als sie hinausgegangen, um der Dienerin einen Befehl zu geben, sagte Eli zum Bruder: ״Du bringst Aranka in Verlegenheit! Beachte sie weniger! Sie ist nicht gewöhnt, so angestaunt zu werden!" Ich kann mich an diesem vollendet schönen Gesichte nicht satt sehen", sagte der junge Mann. ״Und wie lieb und gut sie ist! Wahrlich, Ihr wißt gar nicht, welche Perle —״ ״St!" mahnte Eli, als er Aranka nahen hörte; ״machte sie nicht eitel; sie liebt es nicht, Schmeicheleien zu hören!" Aladär sah den Bruder groß und fragend an. Er war Menschenkenner genug, um zu ver^ stehen, was in Eli's Seele vorging. Am anderen Morgen hatten die Brüder eine ernste Aussprache. ״Ich muß in wenig Tagen", sagte Eli, ״das Vaterhaus verlassen, um meine letzte Prüfung abzulegen. Schweren Herzens gehe ich diesmal. Ahnst Du, weshalb wir die Trennung allerhand Bedenken einflößt?" ״Sprich offen", sagte Aladär, ״was befürchtest Du?" ״Daß Aranka sich Dir zuneigen — sich mir entfremden wird!" ״Hast Du ihr je von Liebe gesprochen?" ״Niemals, aber sie weiß, daß ich ihr zugetan bin; wir verstehen uns auch ohne Worte!" ״Dasselbe kann ich von mir nicht sagen; mir ist ihr Wesen fremd; ich kenne ihr Innenleben ״Du wirst sie kennen lernen! Ich fürchte, die bestechenden Eigenschaften Deines Geistes und Herzens werden Eindruck auf Aranka machen, sie wird Dich vorziehen, Dich lieben lernen und die Deine werden. Eine dunkle Ahnung sagt mir, daß Ihr wie für einander gechaffen seid. Ich habe Euch gestern und heute beobachtet und wahrgenommen, daß Ihr mehr als ein oberflächliches Interesse für einander empfindet. Offen und ehrlich wie '.ch bin, verlange ich auch von Dir. Aladär, daß Du mir offen und ehrlich Deine Ansicht sagst, ob ich beruhigt reisen kann, ob ich hier bleiben soll, meinen Schatz zu hüten!" ״Reise mit Gott!" sagte Aladär ernst״ ׳Deine Liebe ist mir heilig! Nie soll Aranka wissen, was in mir vorgeht; ich werde mich zu beherrschen wiffen und in ihr nie mehr als eine Schwester ״So habe ich mich nicht geirrt", ftagte Eli, ״als ich vermutete, sie könnte Deinem Herzen mehr als"- ״Wer könnte", fiel ihm Aladär ins Wort, ״diese von Seelengüte durchgeistigte Schönheit sehe», ohne den Wunsch zu empfinden, ihr zu nahen!" ״Tausend Dank dafür", sagte Eli, den Bruder umarmmd, ״daß' Du diesen Wunsch in Dir bekämpfst, um meinem Lebensglück nicht hinderlich zu fein!" Eli war des anderen Tages nach heimlichen Abschied von seinen Lieben nach Prag gereist. ״Wenn ich den Doktorhut erworben", hatte er Aranka, noch ehe er den Reisewagen bestieg, gesagt, ״werde ich Dich ftagen, ob Du meine Frau Doktorin werden willst I Ich hoffe, Du wirst nicht ״Nein" sagen." DaS junge Mädchen war über und über rot geworden. ׳ ״Was Eli sich nur denkt", sagte sie, als der Wagen davonfuhr, zu Aladär; ״ich empfinde nichts für ihn; es sollt mir leid sein, wenn er sich trügerischen Hoffnungen hingibt!" Und dabei blickte sie den jungen Mann mit ihren tiefblauen Augen so glückverheißend uud sehnsuchtsvoll an, als wollte sie sagen: ״Ja Du, Du wärest meinem Herzen der Langersehnte! Zu Dir zieht mich alles hin, jeder Gedanke, jede Regung meiner Seele. Doch Aladär tat, als verstehe er sich auf Augenspräche nicht; ihm war das dem Bruder gegebene Wort heilig. Offen und ehrlich hatte ihm Eli seine Bedenken kundgetan, offen und ehrlich wollte er, wie schwer es ihm auch würde, bei Elis Rückkehr vor ihn hintreten und sagen: ״Ich habe mein Wort gehalten!" Der alte Rabbi ahnte nicht, was in des Sohnes-Seele vorging, wie schwer eS ihm wurde, sich der schönen Hausgenossin gegenüber kalt, ja ablehnend zu verhalten. ״Da ist mir der Eli doch ein anderer Mensch", sagte er einst, als sie iü der weinumrankten Laube saßen, zu Aladär. Eli pflegte viel mehr wie Du für Arankas Unterhaltung zu sorgen; er ging mit ihr spazieren, leistete ihr, wenn sie im Garten war, Gesellschaft, las ihr etwas vor, während Du sie gänzlich vernachlässigst. Du bist doch nicht etwa ein Weiberfeind?" Aladär blieb die Antwort schuldig; ihm war das Herz zum Zerspringen voll. Gleichgültig scheinen müssen, wo man heiß und innig liebt — welche Qual! Der Zufall wollte es, daß er am folgenden Abende einen Besuch bei seinem Jugendfreunde Jmre Szegö machte und Aranka bel dessen Schwester Janka traf. ״Gut, daß Du kommst", sagte diese, dem Dottor die Hand reichend, ״so haben wir Araika, die sich eben verabschieden wollte, doch noch ein Stündchen! Sie wollte Jmres Begleitung nicht annehmen. Deiner Begleitung vertraut sie sich gewiß gerne an!" Aladär warf einen ftagenden Blick auf das schöne Mädchen. ״Ja, ich bleibe, so lange Du bleibst", sagte Aranka; in ihrer Stimme lag eine ganz eigene Melodie, etwas einschmeichelnd Süßes, das Aladär bezauberte. Man plauderte, musizierte, Aranka sang mit ihrer klaren, glockenreinen Stimme einige Nationallieber — in denen sie die ganze Tiefe ihres Gemütes zum Ausdruck brachte. (Fortsetzung folgt). ü Sternhof I bestes aller Bitterwässer. .jidielH■11. 17427765

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