Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XIII (1912)
- Issue
- Heft 5 (2.5.1912)
- Date
- 1912-05-02
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 5xm/i. wn, Beilage zur ״Wiener Jüd. Volksstimme" - «1-12 למנות ימינו p הודע וגבאי לבב חכמה Psalm 90. Bers 12. Lehre uns die Tage zählen, damit wir weisen Herzen seien. ״Und ihr sollt zählen fünfzig Tage Vom Tag' da ihr das Omer bringt Es seien sieben volle Wochenx) Die Lehre Moses eS bedingt. Zur Zeit als die geweihte Stätte Das Heiligtum bestanden hat, Schnitt man die ersten Gerstengarben Beim Fackelschein, zur frommen Tat. Es wurde aus dem neuen Mehle Dem Herrn ein Opfer dargebracht. Zum Dank für segensreiche Ernte Und auch der Arme ward bedacht. Der Rabbi Abdimi ben Jossi Er sagt: Die Gaben teile aus Dem Dürftigen, das wird geachtet Als bautest du ein Gotteshaus. EL schwanden hin die Feierzeiten Der frohe Sang und Jubelschall; Denn mit des Grimmes Pantherzähnen Kam es heran wie Wogenschwall. Ein grausig Heer der Judenfeinde Das den Vernichtungskrieg geführt, Am Marterpfahl für viele Tausend Die Feuersgluten hell geschürt. Die große Leucht' Rabbi Akiba Erlosch in dieser Schreckenszeit Der Glaubensheld, der all sein Leben, Der Lehre Gottes nur geweiht. Durch Pfaffen irrgeführte Toren-) Sie drangen ein mit scharfen Stahl; Sie stießen nieder ohn' Erbarmen, Sie labten sich an Menschenqual. Es hat den harten Zeitengriffel Die Klio ganz in Rot getaucht. Sie schrieb mit feuerfarb'nen Lettern») Viel Seiten sie dazu gebraucht'. — Nur einen Tag war unterbrochen Das höllisch grauenhafte Leid, Es war der lichte Lag b'Omer Wir grüßen ihn im Freudenkleid. O! lehr' uns Herr, die Tage zählen, Mit heilem unverdorb'nen Sinn, Daß wir ein weises Herz erringen Wo deine hehre ganz darin. Laß auch die andern Völker wissen Daß Lieb' und Recht an deinem Thron Barmherzigkeit mit Gnad' verbunden Zum Beispiel' dien dem Menschensohn Wien. Malvine Grünwald. Welchen Wert hat ein jüdisches Museum? Referat, gehalten im Verein Afike Jehuda in Prag, von Markus Brückner. Bis weit zurück in die Zeit des Altertums reichen die Beskebungen der Kulturvölker, Gegenstände der jftmst und .Denkmäler der Vergangenheit zu sammeln, vor Zerstörung zu schützen und aufzubewahren. Auch unser Volk, eines der ältesten Kultur- Völker, machte hierin keine Ausnahme, wie viele Stellen der Bibel beweisen. — So erteilt Moses den Befehl eine Flasche mit Manna anzufüllen und sie für künftige Geschlechter aufzubewahren, als Zeugen für die Wüstenwanderung des Volkes Israel. "“1; B. Moses, Kap. 23, B. 15. M s) Die Kreuzfahrer. s) Autodafe: ״In Spanien sind von 1481—1808, 34.658 Menschen hingerichtet worden. Nimmt man die übrigen katholischen Länder, so steigt jene Zahl fast ins Ungeheuere." ״Napoleon l. hob 1808 die Jnquisition auf." Josua läßt 12 Steine ans der Mitte des Flußbettes entnehmen, damit sie aufbewahrt werden zum Andenken daran, daß das Volk trockenen Fußes den Jordan überschritten. —Die eherne Schlange, die Moses in der Wüste angeferttgt hat, wird erst 800 Jahre später durch König Chiska zerstört, weil das Volk ihr abgöttisch Verehrung zollt. David bringt Trophäen und Kleinodien, die er von den Feinden erbeutet, nach Jerusalem und ״heiligt sie dem Herrn" und Salomo bewahrt sie später in der Schatzkammer des Tempels auf. Auch von der Aufbewahrung von Gesetzessammlungen wird in der Bibel wiederholt berichtet — und so können wir ruhig davon sprechen, das es zur Zeit des jüdischen Reiches Sammlungen von historischer Bedeutung gegeben hat. Doch nichts davon hat sich bis auf unsere Zeit erhalten; nichts von den Schätzen des Tempels in Jerusalem, keines der Prachtgewänder der Priester, nicht die Bundeslade, nicht die Tafeln von Sinai und nicht die Cherubim. Von den Palästen der Könige zeugt kein Stein, die Gräber unserer Profeten kennen wir nicht — alles fiel der Zerstörung anheim, alles aus der Zeit unserer staatlichen Selbständigkeit — es ist verloren. Nur ein einziges, kostbares Denkmal wurde gerettet: Das heilige Schrifttum Israels; dies trug eS mit sich wohlverwahrt in seinem Herzen und seiner Seele, unverlierbar, unentteißbar! Sein Schrifttum allein vermochte das über» wundene Israel aus den Trümmern seiner verwüsteten Heimat zu retten, sein Schrifttum allein begleitete es auf seinen endlosen Wanderungen über die Erde. Während der 1700 jährigen Sklaverei unter der unser Volk nach dem Zusammenbruch des jüdischen Staates geseufzt, wo eS der Willkür jedes Machthabers unterworfen war, bald da. bald dort vertrieben, ewig unstet, ewig flüchttg, schmachtend unter schimpflichen Ausnahmsgesetzen, oft den unsäglichsten, qualvollsten Martern ausgesetzt — wo hätte es da auch nur daran denken können, sammeln und aufbewahren zu wollen, was späteren Geschlechtern hätte zeigen können, wie es gelebt, gelitten und geschafft? Und als endlich die Stunde der Erlösung schlug, als die Sklavenketten gesprengt wurden, als der Jude von beispiellosem Druck befreit, auf-, atmen konnte, als er wähnen durfte nunmehr! seine gefesselten Kräfte frei entfalten zu können — da, geblendet von dem ungewohnten Licht, glaubte er nicht rasch genug mit seiner Vergangenheit brechen zu können; nichts sollte ihn erinnern an die Zeit seiner Schmach und Erniedrigung, jede Schranke wollte er niederreißen zwischen sich und den andern Nationen, ganz wollte er diesen sich anschließen, jeder Eigenart entsagen. Wahrlich.- auch in dieser Zeit dachte niemand daran. Sammlungen anzulegen, jüd. Museum zu errichten! Erst als endlich nach langer Selbsttäuschung der Jude zur Erkenntnis kam. daß sein heiß' Bemühen, als vollvertiges Glied von den Nationen ausgenommen zu werden, vergeblich blieb; als er endlich erkannte, daß er seine Vergangenheit und seine Zukunft einem Phantom opfere: erst jetzt besann er sich, daß er jenem alten Kulturoolke angehöre, dem die ganze gesittete Menschheit soviel zu verdanken habe — und jetzt erst bereitete sich langsam, langsam eine Neubelebung des Judentums vor. Der Jude hatte sich auf seine Vergangenheit besonnen, der Jude hatte den Willen wiedergefunden weiter zu leben! Und jetzt beginnt ein emsiges Suchen nach jedem Ueberbleibsel aus alter Zeit, jedes Blattchen, das Kunde gibt von vergangenen Geschehniffen, wird sorgfältig aufbewahrt, vergilbte Dokumente, vermoderte Papiere.' die bis jetzt unbeachtet der völligen Vernichtung preisgegeben waren, alles was Bezug hat auf Sitten und Gebrauche, die Geschichte unserer Ahnen, eS wird sorgfältig gesammelt wie kostbare Schätze, um erhalten zu werden für künftige Geschlechter. So entstanden jüdische Museen in Frankfurt a. M. und Wien und endlich, erst vor einigen Jahren, auch in Prag. Doch während anderswo die Idee jüdische Museen zu gründen, begeisterte Aufnahme und weitestgehende Unterstützung fand, bricht sich das Verständnis daftir bei uns nur langsam Bahn; nur sehr wenige Männer sind es. die dem jüdischeu Museum warmes Interesse und tatkräftige Unterstützung widmen. Die Frage: ״Welchen Wert hat ein jüdisches Museum?" fand bei uns bis jetzt nur in einem sehr engen Kreise eine befriedigende Antwort. Jedes Volk hat den Drang seinen Wert ins hellste Licht zu stellen, seine Mitarbeit an der Kultur der Menschheit mit allem Nachdruck zu beweisen und leitet von seiner Kulturarbeit das Recht ab die ihm gebührende Stellung zu beanspruchen. Darum sehen wir. daß selbst die kleinsten Nationen, selbst wenn sie einen noch so spärlichen Anteil an der Entwicklung der Zivilisation haben, selbst wenn sie einen noch so bescheidenen Raum in der Geschichte einnehmen, alles zusammentragen und sammeln, was ihr Ansehen bei den anderen Völkern hebt, was ihre Berechtigung Nachweisen könnte, mitzuzählen im Rate der Nationen, respektiert zu werden in ihrer Eigenart und diese zu erhalten für die Zukunft. Nun denn, wo gibt es ein Volk. daS mehr unter Vorurteil zu leiden hätte als unser Volk, wo ein Volk, dessen Eigenart man so wenig respektiert wie unseres, wo ein Volk, dem man die Berechtigung einer Zukunft so gerne absprechen möchte, wie unserem? Aber der Jude will weiter leben, der Jude giebt seine Daseinsberechtigung nicht auf und der Jude hat von den anderen Nationen gelernt, bedient sich der gleichen Mittel wie diese: Auch er sammelt Beweise, daß er der Zivilisatton nicht nur in alter Zeit die hervorragendsten Dienste geleistet, daß er der ganzen gesitteten Welt einen Gott gegeben hat. denn dieser Beweise bedarf eS nicht erst, sondern daß er auch in der Zeit der Verfolgung und des Druckes ein Kulturvolk im eminentesten Sinne des Wortes geblieben, daß er trotz der Sklavenfesseln, die ihm angelegt wurden, frei geblieben ist, frei durch die Kraft, die er in seiner Religion, seinen sinnigen Gebräuchen, in seiner Familie fand Und nun bitte ich Sie, sich der kleinen Mühe zu unterziehen und mich im Geiste ins jüd. Museum zu begleiten. Hier dieser grüne Vorhang.... Es ist ein' Freitag Vormittag des Jahres 1725. Scheu um sich blickend, gebeugt und gedrückt tritt ein Jude aus dem Tore des Ghetto, Schulchandecke.