Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XIII (1912)
- Issue
- Heft 4 (25.4.1912)
- Date
- 1912-04-25
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 10. Aützttchr Nr. 4. Makkabäer und auf JosephuS FlaviuS ״Makkabäer" angewiesen. Bade Werke gehören einer viel späteren Periode an, weshalb wir Teile im Dunkln tasten müssen. Rappaport hat auf Grund zahlreicher Ouellstudlm eine neue Hypothese aufgestellt, die sich — wie ich glaube — zahlreiche Anhänger er״ werben wird und der auch höchstwahrscheinlich die Zudmst gehört. — An Dr. Schippers Studie ״Der Anteil der JudÄ» am europäischen Großhandel mit dem Orient bis zur Begründung der modernen Kolonial- Wirtschaft" sehen wir, daß der Autor seinen Stoff beherrscht, also in diesem Falle die notwendigen Voraussetzungen zu Wertbelcuchtung und Charakteristik ziemlich vollständig berücksichtigt, läßt sich nur insofcrne behaupten, als die einschlägige Literatur mit einiger Gewissenhaftigkeit verzeichnet und meistenteils auch — manchmal in sehr gewandter Weise — Auszüge und markante Zitate nebeneinander gestellt erscheinen. Die Arbeit gibt sich als Baustein zu einer Wirtschaftsgeschichte und ist innerhalb dieses bescheidenen Ausspruches Verdienstvoll zu nennen. — Der Titel der Arbeit Dr. BalabanS ״Italien,- sche und spanische Aerzte und Apotheker im 16. und 17. Jahrhundert in Krakau" scheint etwas vielversprechend und in der Tat hat der Autor, meiner Ansicht nach, sich bloß oberflächlich an das Thema herangewagt, er ging in die Archive, suchte einzelne Daten, einzelne Begebenheiten auf und schrieb eine Arbeit. — Ganz unzulänglich erweist sich bei Dr. Balaban der Versuch einer Gruppierung des angehäuften Materials unter einem höheren, kulturhistorischen Gesichtspunkte. Dementsprechend kann auch hier von einer wissenschaftlichen Arbeit nicht die Rede sein- — Dr. Martin Buber, der größte Forscher des Chassidismus, lieferte eine» Beitrag, betitelt ״Die Mythen des Chassidismus." In schlichten gedrungenen Sätzen die Resultate der psychologischen Forschung des modernen ChasidiSmus zusammenfassend, bleibt er bis zum Schluß vollständig im Reich dcS Abstrakten. Hie und da wird andeutungSweise der Versuch gemacht, mit dem Leben in Fühlung zu treten. Wir bedauern daß der positive Teil dieser Arbeit nicht breiter ausgesührt, respektive zum ausschließlichen Gegenstand eines Werkes gemacht worden ist. — Im ganzen und große» ist das Buch reich an vielen und schönen Gedanken und kann neben dem Laien dem Gebildeten warm empfohlen werden. Der beste Erfolg solcher Arbeiten, das Publikum aufmerksam zu machen und da und dort manche anzueifern, daß sie die Schöpfungen jüdischen Geistes auch wirklich kennen zu lernen streben, diesen Erfolg dürfte das Buch wohl haben. Wer aufmerksam das moderne jüdische Geistesleben in seinen feineren Verästelungen zu verfolgen gewohnt ist, dem wird das Buch viel Bemerkens׳- wertes sagen. Majer Reifer. Prager Altneuschul. Eine rmtxrgehende Universität. Noch vor wenigen Jahren war eine der blühendsten Universität Rußlands die Odessaer. Wie die Stadt Odeffa selbst eine Kulturmetropole ersten Ranges war, so galt ihre Universität alsHort der freiheitlichen Gesinnung. Dieser Zustand hat sich dann infolge der mehrjährigen Herrschaft und der Machenschaften Tolmatschows, infolge unerhörter Maßregelungen unbequemer Profefloren dermaßen verändert, daß die Odeffaer Universität heutzutage dem Ruin entgegengeht. Selbst qnantitatip ist der Rückgang ein beispielloser: statt der ehemaligen fünftausend Studenten weist jetzt die Universität nur noch zweitausend auf, und auch diese Zahl dürste bald zusammen schrumpfen. ES nützt nichts, daß die ״echtrussisch" gewordene-Hochschule den reaktionären Studenten die größten Vergünstigungen erweist. Erst dieser Tage konnte die Presse eine ganze Liste von Odeffaer Studenten veröffentlichen, denen trotz ihrer bewährten und offiziell markierten Faulheit ״wegen ihrer loyalen Gesinnung" große staatliche Stipendien zugewendet werden. Die Zahl der ״echt russischen" Studenten ist im.allgemeinen aber zu gering, und die andere Jugend läuft von der Odeffaer Universität wie von einer verseuchten Stätte davon. Soweit ist es in Odessa gekommen, daß hier vor kurzem eine Gruppe reaktionärer Profefforen das Ministerium für Volksaufklärung umAufhebung der Prozen tn orm für die Z ulassung von jüdischen Aerzten zu den Assisteutenstellen anging. Denn immer mehr stirbt alles in den Laboratorien, Auditorien und Kliniken aus; leer sind die neuen Gebäude und nur gering ist die Schar der Zuhörer, welche die von Tolmatschow herangezogenen ״echtrussischen" Nullen in ihrer Eigenschaft als Universitätslehrer um sich zu sammeln verstehen. Wie sollte es anders sein, da auch schon äußerlich die Räume der Odessaer Universität immer mehr Polizeirevieren gleichen? In den Hörsälen der Hochschule lungern haufenweise zu Spitzeldiensten bestellte Schutzleute, die aus Langeweile in tolles Treiben verfallen und mit ihrem Hallo das Polizeiregiment dokumentieren. Es kommt nicht fetten vor, daß Professoren mehrmals ihre Vorlesung unterbrechen und die in den Nachbarauditorien lärmenden und singenden Universitätsschutzleute flehentlich um Ruhe zu bitten, damit sie ihre Vorlesung fortsetzen können. Nirgends in der Wett gibt es wohl eine Universität mit derartigen heillosen Zuständen. Der Schöpfer dieser Situation, der ehemalige Gebieter Odessas. Tolmatschow, ist zwar wegen, seiner gran diosen Unterschlagungen fortgeschwemmt, aber die von ihm zum Rektor erwählte Kreatur, ein gewiffer Lewaschow. wirtschaftet auch unter dem neuen Stadthauptmann SosnowSki fort, und so ist keine Aussicht vorhanden, daß die Odessaer Universität bald andere Tage erleben dürste. Die vom ״echten" Ruffentum, von Spionage und Protektion zerfreffene Hochschule scheint endgültig dem Untergang geweiht zu sein. Rußland hat eben zu viel Oückerbelprecklmgen.*) Tie religionsgeschichtliche Bedeutung Rabbi AkibaS. Borlrag, gehalten von Rabb. Prof. Dr. I. Hirsch. Der Kampf um die Emanzipation der Juden. Bortrag, gehalten von Prof. Dr. A. Deutsch. Publikation des Vereines ״Afike Jrhuda" in Prag, 1912. Selbstverlag des Vereines. 1 Krone. Davis Trietsch: Palästina-Handbuch. 3. Auflage, 340 Seiten. 3 Mark. Jüdischer Verlag 1912. Seit jeher hat das Interesse für Palästina eine ganz bestimmte Färbung gehabt. Die Reisenden suchen und sehen im Land vor allem das Historische und das Religiöse. Dieses zeigt sich auch in der Literatur. Man braucht nur die bekannten Reiseführer zur Hand zu nehmen. Daß aber Palästina auch eine lebendige und praktische Gegenwart hat, scheint den meisten unbekannt zu sein. So ist es z. B. vor kurzem vorgekommen, daß ein sehr verdienstvoller, politischer Schriftsteller und Kolonialpraktikcr Reisebriefe aus Palästina veröffentlicht hat, in denen er mit keinem Worte der neuen jüdischen Kolonien Erwähnung tat. Nun ist aber ein Werk erschienen, welches uns zeigt, daß das heilige Land vom Strudel des modernen Lebens ergriffen ist, das Buch von Trietsch, von dem jetzt die dntte Auflage herauskommt, bildet eine Darstellung aller Tatsachen über die wirtschaftlichen, sozialen, politischen Verhältnisse des Landes. Aus verschiedenen klimatischen und wirtschaftlichen Gründen kann die Landwirtschaft im Heiligen Lande vorwiegend nur sehr intensiv betrieben werden. Diesen Dingen ist denn auch weitgehende Aufmerksamkeit gewidmet. Der Verfasser gibt Auskunft über: Oliven-und Maulbeerkultur, die Kultur des Orangenbaumes, vor allem der Weinrebe. ... , *)Die angeführten Bücher sind durch die Administration dieses Blattes zu beziehen. Auch der Handel hat gebührende Berücksichtigung erfahren, ebenso die Industrialisierung des Landes. Hierbei kommen solche Industrien in Bewacht die sich an die Landwirtschaft anlehnen. Die allgemeinen Lebens- und die sanitären Bedingungen in den Städten sind nicht vergesien. Wie aktuell das Buch ist, beweist der kleine Abschnitt über Bauart der Häuser. Die alteingeseffene Bevölkerung hat gar lein Verständnis für rationellen Städtebau, und die-Behörden pflegen sich dort um dergleichen nicht zu kümmern. Insolgedessen mußte die neu zugewanderte Bevölkerung, die doch mehr oder weniger an europäische LebenSbebingungen gewöhnt war, zur Selbsthilfe greifen. In Jaffa lst auf diese Weise durch genossenschaftlichen Zusammenschluß ei» ganzes Stadtviertel entstanden, welches allen modernen Anforderungen entspricht. Auch in anderen Städten werben solche Genossenschaften geplant. — Man darf ruhig be« haupten, daß bas Buch als Ergänzung zu den üblichen Reiseführern, jedem Palästinafahrer, der das Land wittlich sehen will, unentbehrlich ist, aber auch der Forscher wird für das Züsammenttagen des sonst schwer zugänglichen Materials dankbar sein. Protokoll des X. ZionistenkougreffeS. Herausgegeben vom zionistischen Aktionskomitee. 365 Seiten. Preis gewöhn!. Ausgabe brosch. Mk. 150, geb. Mk. 2 25, beflere Ausgabe brosch. Mk. 250־, geb. Mk. 350 in Kom- Mission beim ״Jüdischen Verlag". Unter den wirkenden Kräften der zeitgenössischen Judenschast ist der Zionismus zweifellos die stärkste und zukunftsreichste. Es ist von großem Wert, sich über die Entwicklung dieser Bewegung, die als solche kaum anderthalb Jahrzehnte existiert, zu informieren. Die regelmäßig stattfindenden Kongresse bedeuten jedesmal ein patteSAufleben der in der zionistischenBewegung vorhandenen Kräfte. Die Berichte über die Verhandlungen spiegeln wieder, was die Zionisten in den abgelaufenen Kongreßjahren geleistet haben und in den kommenden zu leisten hoffen. Es kann wohl für den, der sich in die De» tails der Bewegung vertiefen will, keine bessere Jnsormattonsquelle geben, als diese Verhandlungen. Vor kurzem ist das Protokoll des X. Kongresses erschienen, welcher vom 9. bis 15. August 1911 in Basel stattgesunden bat. Der Bericht ist sehr gut herausgegrben,. die übersichtliche Anordnung erleichtert die Orientterung. Besonderen Wett für Außenstehende dürsten außer der Eröffnungsrede folgende Teile bieten: Das Generalreferat, das Nordau seit dem!.Kongreß gleich nach der Eröffnung zu halten pflegt, der Bettcht über die Tättgkeit in Palästina, die Referate über die jüdische Wanderung und über die Frauenarbett. Auch der Bettcht über die hebräischen Sitzungen, der bier allerdings in deutscher Uebersetzung vorliegt, wird auf viele Eindruck machen. Ist es nicht märchenhaft,-baß im Jahre ISl l eine internationale, parlamentarische Körper» schast stundenlang über aktuelle Fragen in einer, wie viele meinen, toten Sprache verhandelt hat? i Sternhofi bestes aller Bitterwässer. F. W. I. von Echelling: Bruno, oder über das göttliche und natürliche Prinzip der Dinge. Herausgegeben von Otto Weiß. Der philosophischen Bibliothek. Band 134 c. Verlag Felix Meiner in Leipzig. Mark 2 40. Schellings Philosophie ist bekanntlich die Jdentttätslehre das Universum ist weder bloß natürlich noch bloß geistig, sondern deren wesentliche Einheit, die Natur ist Verkörperung der Ideen, ist ein göttliches Kunstwett, wenn das ein Kunstwett ist, was im Körper die Idee zum sichtbaren Ausdruck bringt. In dieser Anschauung ettennt man Schellings Verwandtschaft mit Plato, und Echelling selbst war sich dieses Verhältniffes so wohl bewußt, daß er seiner platonischen Anschauung nicht besser Ausdruck geben zu können vermeinte, als in der Kunstform platonische Darstellung: im Dialog. So entstand der ״Bruno", deffen Vorbild der platonische Dialog ״Timäus" ist, wottn Plato die Natur als göttliches Kunstwerk zu verehren lehtte. Freilich kannte Plato noch nicht jene Einheit der Idee und der Motette, des göttlichen und natürlichen Pttnzips der Dinge, zu welcher Echelling sich erhoben hat. Das Gespräch führt den Namen Giorbano Brunos, deffen Alleinheitslehre, deffen Pantheismus Echelling aus einer Schrift des Philosophen Jacob! kennen gelernt hatte. Bruno ist der Hauptunterredner des Gesprächs, der natürlich Schellings Sache führt und sich mit Lucian (-Fichte), Anselmo (-Leibniz) und mit Alexander, dem Vettreter der hylozoistischen Ansicht auseinandersetzt. Das Gespräch geht aus von der Einheit des Wahren und Schönen, welche in der höchsten Idee, der Idee aller Ideen beschloffen ist. Die Einheit der Wahrheit und Schönheit ist gleich der Einheit von Denken und Anschauung, von Unendlichem und Endlichem. So ist also schon in jener Einheit, die das Absolute, die Gott ist, das Endliche enthalten; und indem es sich von ihm absondert, aus ihm herausttttt, wird es durch seinen eigenen Willen ein leibender und den Bedingungen der Zeit unterworfener Gott. In dieser Lehre wurzelt die Schopenhauers: Ursprung des Uebels im Willen zum Dasein. Echelling ist so sicher in seiner Einheitslehre, daß er den tollkühnen Versuch unternimmt, aus ihr heraus die Naturgesetze abzuleiten. Den Abschluß unseres Dialoges bildet eine Darstellung jener vier Formen, in welcher die Alleinheitslehre auftreten kann: Matettalismus, Intellektualismus, Realimus, Idealismus. Echelling nennt sie die ״vier Weltgegenden" der Philosophie. Das Resultat der Untersuchung dieser vier Lehren ist die polemische (insbesondere mit Fichte sich auseinandersetzende) Rechtfertigung der Schellingschen Lehre: die Natur in Gott, Gott aber in der Natur. Das Leben der Welt, eine fottschreitende Offenbarung Gottes in ihr. Die Ausgabe, die Echelling in diesem Dialog zu lösen versuchte, hat ihn freilich sein ganzes weiteres Leben lang beschäftigt: Wie ist die Absonderung des Endlichen vom Unendlichen, wie ist ״Der'Tod des Adonis" zu verstehen?