Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XIII (1912)
- Issue
- Heft 4 (25.4.1912)
- Date
- 1912-04-25
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2621806-2621807-2621811--1450-2622491- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. 4. XIII. Jahrg. Beilage zur ״Wiener Jüd. Bolksstimme" 25. April 1912. Seite 9 Thefilath Tal?) ״Herr, gib uns Thau!" Mit stillem Flehen Dringt das Gebet zu Dir ״Gib Thau!" Laß Deine Wunder neu geschehen Von Dan bis zu BeersebaS Gau!!eit des ThauS erscholl Dein ״Werde!״ ... Jett des ThauS kam oft uns Glück. . iß träufeln Thau der Mutter Erde, Zur Thauzeit fuhr' Dein Volk zurück! Laß unsrer Väter Land erblühen Zur Zeit des ThauS in junger Pracht, Laß lodernd unsre Sehnsucht glühen Wie einst, als Du unS hingebracht. Und laß, o Herr, den milden Segen Reich sttömen über Berg und Tal, Daß wie ein Garten allerwegen Die Heimat blühe noch einmal. Noch einmal soll Dein Volk erstehen, Soll leuchten Deines Hauses Bau! O, lenke saust des Windes Wehen, Laß träufeln, Herr, des Segens Thau! Siegmund Werner. *) Thaugebet am ersten Ein Märtyrer seines Glaubens. Bon Iba Barber, Wien. Große Freude im Hause des Rabbiners Salomon Lazzlo; der älteste Sohn Aladür, der jetzt die Doktorwürde erlangt, sollte heimkehren. Sett Jahren weilte er, seinen Studien obliegend, fern dem Vaterhause, in der großen Stadt. — Wie würde es ihm nur daheim in dem kleinen ungarischen Orte gefallen? Das war eine Frage, die, obschon sie den Vater zwar oft beschäftigt hatte, doch heute seine Festtagsstimmung nicht zu trüben vermochte. Aladür, der geliebte Sohn, die Freude seines Alters, kehrte ins Vaterhaus zurück! Das Herz pochte ihm wie in den Tagen seiner Jugend; er konnte die Stunde nicht erwarten, da er ihn mit seinen Armen umfangen würde. Seitdem er Deborah, sein geliebtes Weib, verloren, war Aladür seinem Herzen der nächste; auf ihn übertrug er all seine Liebe, ihm galt setn heißes Sehnen, das nun endlich gestillt werden sollte. Zu Eli, dem um ein Jahr jüngeren Sohn, der in Prag Medizin studierte und öfter zu Besuch nach Hause kam, fand er sich weniger hingezogen. Eli war aufbrausend, rechthaberisch, unzugänglich; es war mit ihm schwer zu verkehren; nur Aranka gegenüber war er mild und freundschaftlich, sie war die Einzige, die Einfluß auf sein störrisches Gemüt hatte. Aranka Jranpi, ein schönes Mädchen von 18 Jahren, eine entfernte Verwandte der verstorbenen Frau Deborah, war nach dem Tode ihrer Eltern in Rabbi Lazzlos Haus gekommen. Sie war so schön, wie sie gut war: jeder, der sich ihres Umganges erfreute, rühmte ihre Munterkeit, ihren heiteren Sinn; selbst der Hypochonder wurde beim Anblick dieser holden Menschenblüte froh und vergaß seine Leiden. Aranka hatte blauschwarzes Haar, blendend weißen Teint, tiefblaue Augen; ihr ebenmäßig geformtes Gesicht schien wie von Frohsinn durchgeistigt; sie war die personifizierte Anmut und Güte; was Wunder, daß sich Eli sterblich in sie verliebte. Aber Aranka schien sein Werben nicht beachten zu wollen. Sie wich ihm aus, wenn er ihr nahen wollte, er blieb öfter als sonst allein in ihrem Zimmer. Heute war dies nicht gut möglich, da sie viel mit den Vorkehrungen zu Aladärs Empfang zu tun hatte. Eli half ihr, wo er nur konnte; er, der sonst wenig Sinn für Häuslichkeit hatte, ging ihr zur Hand, als sie die Polstermöbel ihrer Bezüge entkleidete, die Vasen mit Blumen füllte, die Vorhänge ansteckte. Ein dankbarer Blick aus ihren schönen Augen war ihm der reichste Lohn. Von Liebe ihr zu sprechen, hatte er nie gewagt; sie wäre ihm wie ein scheues Reh entschlüpft. In vier Wochen waren seine Ferien beendet; dann hieß es zur letzten Prüfung noch einmal nach Prag reisen; wenn er als Doktor heimkehrte, wollte er vor die Geliebte hintreten^ sie bitten, die Seine zu werten. es mir fast-nicht, diesen Tag allein zu erleben! War es doch ihres Herzens sehnlichster Wunsch, Dich Dokwr nennen und" — ״Mach' Dir das Herz nicht schwer, teurer r", unterbrach Aladür, ״die Mutter ist nicht gestorben-, sie lebt in uns fort, in ihrem Sinne und Geiste zu wirken, ist unser Bestreben, so sichern wir ihr ein Fortlebeu nach dem Tode!" ״Das klingt fast freigeistig", sagte der Rabbi, sein Erstaunen kaum unterdrückend. ״Nach den Satzungen unserer heiligen Religion —״ ״Ich weiß", unterbrach Aladür den Vater, ,die Religion sagt uns, daß unsere teueren Vertorbenen im Jenseits zu ihren Urvätern und Ur- Müttern versammelt werden und Gott Loblieder singen. Diesen frommen Kinderglauben teile ich nicht uud möchte Dich bitten, teurer Vater —״ ״Genug", unterbrach Rabbi Lazzlo, sein Gesicht in strenge Falten legend, ״ich sehe, Du hast Dich wiederum fest in Reformideen verrant! Hoffen wir, daß Du den rechten Weg zu Gott und seiner einzig wahren Lehre zurückfinden wirst und trüben wir uns die Stunde des Wiedersehens nicht durch Differenzen." Aladür atmete erleichtert auf. Welche Unklugheit, mit dem streng orthodox denkenden Vater polemische Gespräche zu führen! Er erinnerte sich, wie oft er früher des Vaters Unwillen erregt, wenn er seine religiösen Anschauungen nicht teilte, und nahm sich vor, in Zukunft allen derarttgen Unter- Haltungen auszuweichen. Er war Theolog aus innerstem Herzensdrang, doch das Forschen in Bibel und Talmud hatte ihm Herz und Sinn für das Wesen der wahren Religion geöffnet; ״nicht blind glauben, sondern erkennen" war seine Devise. In diesem Sinne hoffte er als Prediger und Jugendbildner zu wirken. Die Brüder empfanden herzinnige Freude, nach langer Trennung wieder vereint im Vater- Hause zu sein; alles heimelte sie an, rief ihnen die glücklichen Tage ihrer Kindheit ins Gedächtnis. Nur ab und zu huschte etwas wie ein schwarzer Schatten über Elis Gesicht. Er sah des Bruders Auge bewundernd auf Arankas klassisch schön geformtem Gesicht ruhen und fragte sich : ״Wirst Du das Mädchen, das Deinem Herzen teuer, dereinst Dein nennen können, wenn —", er wagte den Gedanken nicht zu folgen, ״wenn Aladür, der schöne, reichbegabte Mann, dem alle Mädchenherzen zufliegen, in Liebe für sie entbrennt? _(Fortsetzung folgt.) Heimkehr. (Schluß.) Tie Zeit vor Herzel hat Professor Dr. Leon Kellner in seiner Arbeit ״Was Herzel vorfand" genau charakterisiert. Die Art. wie er die Quellen, die Unzahl scheinbarer und wirklicher Kleinigkeiten verwertete, wie er alte Zeitungsberichte, Erinnerungen aus seinem Leben zu einem farbigen und tebensvollen Bilde ausnützte, ist ganz und gar nach der Schablone ״Kellner" und nebenbei sehr beliebt. Der zukünftige jüdische Historiker wird in diesem Aufsatze eine reiche literarische Quelle vorfinden, denn die Arbeit, der Stil sind so rein wie der Spiegel, aber keineswegs so kühl wie das Glas. Man gewinnt beim Lesen dieser Arbeit nicht bloß die Kenntnis eines Kapitels aus der jüdischen Geschichte, sondern auch ein Bild der jüdischen Sitten und Kultur dieser Periode. Dawis Trietsch weist in seiner Studie ״Der Umschwung in der Türkei und die jüdischen Palästinabestrebungen" auf bisher fast unbeachtet gelassene Einwanderungsmöglichkeiten von Juden nach Palästina hin. Die Einwanderung auf industrieller Basis ist nach seiner Auffassung die nützlichste ui d rationellste, weil Palästina ein industriell schwach entwickelte; Land ist, aber infolge seiner Lage im Zentrum des türkischen Reiches für eine hochentwickelte Industrie berufen ist. Was uns Wunder nehmen muß ist, daß Dawis Trietsch die landwirtschaftliche Kolonisation ganz hintanstellt, ja sie sogar in Palästina als ganz unrationell erklärt. Jedenfalls gibt uns der Aufsatz neue Anregungen und sollte von jedem Zionisten und Palästinafteunde gelesen werden. — Im Essay ״Hasmonäerfest und Chanukah" versuchte Dr. Rappaport den Beweis zu erbringen, daß der ursprüngliche Charakter des Chanukahfestes ein rein nationaler war und erst in der Folgezeit von einem mystischen Nimbus umgeben ... _ . wurde. Was dieses Kapitel unsere Geschichte annoch lebte!" fuhr er wehmütig fort. ״Ich gönnebetrifft, so sind alle Historiker auf das Buch der So seinen Gedanken nachhängeud, ward er durch das Nahen eines Wagens ans Fenster ge- Eine Postkutsche hielt vor dem Hause; ihr entstieg ein brünetter junger Mann, groß, schlang elegant. Eli traute seinen Augen nicht. Hatte sich der Bruder in den drei Jahren, da sie einander nicht gesehen, so verändert? ,AladaLr l" .,Eli, geliebter Bruder!", tönte eS von beider Lippen; sie umarmten einander herzlich. ״Und wo ist der Vater?", kragte Aladür in das Haus tretend. ״Zu Mincha im Tempel! Wir erwarteten Dich erst zu Abend!" Jetzt erst bemerkte Aladür die Kusine. Geblendet von ihrer Schönheit, fand er zuerst keine Worte; doch sie kam ihm mtt gewinnender Freundlichkeit entgegen und, ihm die Hand reichend, sagte sie: ״Sei uns herzlich willkommen, Aladür! Deinen Mg segne Gott!" Hand in Hand mit ihm betrat sie die gute Stube. ״So", sagte sie, ihn zum Sofa geleitend, ״mache eS Dir bequem, ich bringe sogleich eine Erfrischung." ״Welch herrliches Mädchen", sprach Aladür, als sie gegangen; ״wer hätte geahnt, daß sich dieses harmlose Kind zu solcher Schönheit entfalten würde!" Aladür sah nicht, wie der Bruder, sich abwendend, die Stirn runzelte. Schon trat Aranka, auf einem Tablett Konfitur und Kuchen bringend, wieder ein. ״Das einstweilen", sagte sie freundlich, den Teller präsentterend, ״sogleich kommt etwas warmes " Schon wollte sie enteilen, doch Aladür hielt sie fest und ihr liebevoll in die schönen Augen blickend, sagte er: ״Halt Kusinchen! Willst Du mir nicht ein wenig Gesellschaft leisten?" ״Gern", erwiderte sie, ״wenn ich in der Küche meine Anordnungen gettoffen! In fünf Minuten bin ich wieder da!" Und schon hatte sie sich seinen Armen entwunden und war schnell wie ein Vöglein hinausgeschlüpft. ״Von diesem reizenden Mädchen", sagte Aladür zum Bruder, ״hast Du mir ja nie geschrieben! Oder hattest Du keine Augen für ihre taufrische Schönheit?" ״Sie ist ja noch ein halbes Kind", sagte Eli ablenkend. ״Sag' eher, eine sich zu voller Schönheit entwickelnde Rosenknospe!", meinte Aladür. ״Schwärmer!" entgegnete der Bruder. ״Erzähle mir lieber, wie es Dir bei der Prüfung ergangen, was Du jetzt zu unternehmen gedenkst." Die Brüder waren gar bald in lebhafter Unterhaltung; Aladür sprach von seinen Studien, von dem Glücksgefühl, das ihn beseelt, sich nun endlich Doktor nennen, einen Wirkungskreis antreten zu können. Er hatte die Gabe, schön und eindrucksvoll zu sprechen, vom Vater geerbt. Seine Lehrer waren oft der Bewunderung voll, wenn er Anschauungen über Religion, Pflicht, Glaubenstteue in freiem Vortrag entwickelte, und prophezeiten ihm eine glänzende Zukunft als Prediger. Von hoher Begeisterung erfüllt, die Herzen für die wahre Religion zu erwärmen, sehnte er sich darnach, einen geeigneten Wirkungskreis tunlichst bald zu finden. Eli hatte ihm mit Interesse zugehört. Als Aranka jetzt, von der Dienerin begleitet, eintrat und den Tisch zu decken begann, stockte die Unterhaltung; es war, als ob Aladür nur Augen für sie halte. ״Der Vater!" rief Eli, auf die Straße deutend, wo eben des alten Rabbi ehrwürdiges Haupt am Fenster sichtbar wurde. Aladür erkennend, eilte Rabbi Lazzlo mit aus gebreiteten Armen dem geliebten Sohne entgegen. Welch herzinnige Freude lag in diesem Wiedersehen! Tränen der Rührung füllten des alten Mannes Augen, als er segnend die Hände über des Sohnes Haupt breitete. ״Dich eine Stunde früher als erwartet bei mir zu wissen", sprach er, als er mit dem Sohne die jetzt festlich erleuchtete Stube betrat, ״ist ein Glück, für das ich Gott dem Allmächtigen nicht genug danken kann!" Und selig lächelnd fügte er hinzu: ״Die gute Mutter nannte Dich ja immer den Sonnenschein ihres Lebens! Jo, wenn sie