Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XIII (1912)
- Issue
- Heft 4 (25.4.1912)
- Date
- 1912-04-25
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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ljXIII. Jahrg. Nummer 4 Wiener Erscheint jeden Donnerstag. ..k♦ ■y ״ «lksstmm. Bezugspreise: Für Österreich-Ungarn, halbjährig . . Kronen 5°20 ganzjährig.Kronen 10•— Deutschland, ganzjährig. Mark 10 — Rußland, ganzjährig. Rubel 650־ Balkan, Frankreich.Franks 12•— Einzelne Nummer 20 h. Herausgeber: Max Hickl. י— Inserate: die 6 spaltige Petitzeile 30 h. I Geschäftsstelle: Wien, I., Rotenturmstraße ilir. 31.! Buchhändlerische BertreMng: Otto Klemm, Leipzig. Telephon 3009/Vlll. Sprechstunden von 10-12 Uhr. Unverlangteredaktionelle Beiträge werden nicht honoriert. > Manuskripten ist Rückporto beizusügen. ' Brunn—Budapest. Wien, Prag—Lemberg. Aus dem Inhalte: Wiener Jüdisches Leben. — Im neuen Jüdischen Museum. — Chacham Dr. M. Taster. — Der Turm zu Babel. — Neue Zeitfragen. — Prager Brief. — Die türkische und arabische Frage in Palästina. — Brunner Nachrichten. — Prager Nachrichten. — Buntes Allerlei. — Korrespondenzen. — Vermischtes. — Historische Gedenktage. — Sigmund Werner: Thau. — Jda Barber: Ein Märtyrer seines Glaubens. — Eine untergehende Universität. — Bücher« besprechungen. Wiener Jüdisches Leben. Plenarsitzung der Israelitischen Kultusgemeinde. 21. April. Diese Gasse in der das Haus der israelitischen Gemeinde steht, scheint heute Sonntag wie ausgestorben. Die warme Helle Vormittagssonne findet nur schwer den Weg in diese Engnis und doch merkt man, es ist Frühling. Vor dem Gemeindehause warten, einige Fiaker, der Portier steht vor dem Tor, raucht eine Zigarre und blickt verdrossen in die Welt. Zwei Treppen hoch liegt der Sitzungssaal.!Er ist sehr klein und von seltsamer Dissonanz des Milieus adeligprivilegische Steifheit mit kleinbürgerlicher Firnis. Es ist »/.10 Uhr. der Saal beginnt sich zu füllen. Die Herren plaudern, diskutteren oder stehen abseits in einer Ecke und tuscheln mit wichtiger Geheimnismiene. Manchmal ein Lachen, ein Oho! ein Ausruf des Erstaunens, des Zweifelns. Dr. Stern erscheint. Wie schwach dieser Mann aussieht der so straff zu regieren versteht! Seine Stimme ist leise und etwas zittrig, sie kann aber mächtig anschwellen,׳ wenn dieser Mann erregt wird. Der Sekretär verließt die eingelaufenen Kondolenzen, Dankschreiben, Fürbitten mit sägender Monotonie. Keiner hört zu. Dann beginnt Dr. Stern zu sprechen: in seiner füllen, eindringlichen Art, die zum Hören seltsam insinnuiert. Er bringt ein Histörchen, man wird interessiert. Er erzählt, wie er im Einverständnis mit Dr. Seligmann seit Jahren den verstorbenen Josef Spitzberger für die Idee zur Gründung eines Kinderspitals gewonnen habe, wie er dies und jenes getan, den Mann in seinem Vorsatze zu bestärken, wie er ihn noch im Spital aufgesucht und verpflichtet habe. Und nun wird es mir plötzlich klar, worin die Ueberlegenheit dieses Mannes eigentlich liegt, der alle Fäden der Begebnisse in der Hand zu haben scheint, und der seinen Beisitzern das wohlige Gefühl einzuflößen versteht: Uns kann nichts geschehn. Es kommt der wichtige Paragraph zur Sprache, der besagt, das Steuerzahler, die im Wahljahre mit der Steuer im Rückstände sind, nicht wählberichtigt gelten. Dr. Stern spricht namens des Ausschusses für die Außerkraftsetzung dieses Paragraphen. Er betont, daß er die p. t. KultuSräte nicht beeinflussen will. Er schlägt nur vor. Er weiß, es ist besser schnell ein Almosen zu geben, um die Bestie vorläufig zum Schweigen zu bringen. Der Mann ist entschieden klug. Gemeinderat Max Frank verließt den Rechnungsabschluß — lauter Zahlen. Ein Schreiben von Dr. Egon Zweig, der eine große jüdische Körperschaft hinter sich hat, wird einfach ad acta gelegt. — Zum Schluß wird Herrn Vizepräsidenten Dr. Gustav Kohn gratuliert. Die öffentliche Sitzung war zu Ende. Die ״Union". Mittwoch den 17. ds. fand im Hotel Guth die 27. Generalversammlung der ״Oesterr. Israel. Union" statt. Die Versammlung war verhältnismäßig schwach besucht, trotz der Ankündigung eines Bortrages des Dr. Bloch über seine Amerikareise. Jedenfalls kann dies als das äußere Merkmal des Rückganges der ehemals so bedeutenden und einflußreichen Union gelten. Nach Eröffnung der Versammlung durch den Präsidenten Dr. Samuely, verlas Sekretär Dr, Fleischer den Rechenschafts, und Tätigkeitsbericht des vergangenen Jahres. Dieser hätte nicht armseliger ausfallen können, wenn es auch der schönen Worte genug gab. Die einzigen positiven Leistungen sind eine Intervention in einer Ritualmordhetze und die Veranstaltung zweier Vorträge. Zu einer Zeit, wo die allgemeine politische Situation energische Stellungnahme erforderte, hat es die Union vorgezogen, lieber ganz zu schweigen, damit wie Dr. Ornstein sich auszudrücken beliebte, ״es nicht heiße, daß die deutschfreiheitliche Sache eine jüdische sei". Welches Zartgefühl! Herr Lucian Brunner meldete sich zum Worte und tadelte in -scharfen _ Bemerkungen dieses Vorgehen, welches das Ansehen und den Einfluß des Vereines untergrabe. Seine ungemein sachliche Kritik fand bei einem großen Teil der Versammlung, welche sonst den Argumenten eines nationalen Juden wenig zugänglich ist, Anerken« nung. Herr Brunner ging davon aus, daßderVorstand die gesunden Traditionen der Union in unverzeihlicher Weise vernachlässige, welche ehemals den Stand- Punkt der Juden bei jeder Gelegenheit zur Geltung gebracht habe. So ist, führte der Redner aus, der Verein zur Bedeutungslosigkeit herabgesunken. Redner protestierte über die Vorgangsweise des Vorstandes, der, ohne mit den Mitgliedern in Fühlung zu treten, namens der Union und der jüdischen Allgemeinheit Kundgebungen in hochbedeutsamen Angelegenheiten fabriziere. Das wäre insbesondere der Fall in der Angelegenheit des jüdischen Katasters für den Bukowinaer Landtag. Präsident Dr. Samuely antworte, er könne nicht für die Vorgänge verantwortlich gemacht werden, da er erst seit einigen Monaten im Vorstande sitze. Hierauf schritt man an die Wahlen. Es wurden die ausscheidenden Herren Dr. Ornstein, Bau- Meister Eduard Malcher und Dr. Samuely wiedergewählt, Dozent Dr. Arthur Mahler neugewählt. Nachher hielt Dr. Bloch den angekündigten Vortrag, der auf die Humanitären Institution der galizisch-bukowinaer Juden in Amerika hinwies. Der Kaiser hat den ersten Vizepräsidenten der israelitischen Kultusgemeinde in Wien, Dr. Gustav Kohn in Anerkennung seiner Verdienste den Orden der Eisernen Krone dritter Klasse verliehen. Dr. Gustav Kohn hat sich durch seine humanen Bestrebungen auf dem Gebiete des Schul- und Armenwesens einen Namen gemacht. Dem Geehrten sind aus allen Gesellschaftskreisen Wiens zahlreiche Kundgebungen zugegangen. Der Verein zur Abwehr -es Autisemitisnms wendet sich in einen offenen Brief an die Reichspost gegen dieses Lügenblatt, dessen Ritualmordhetze in Wahnsinn auszuarten droht. Dieses klerikale Blatt, welches sowohl an Gedankenwie auch Abonnentenfchwund leidet, läßt keinen Tag vorübergehen, ohne daß irgend ein neuer augeblicher ״Beweis" aufgettscht wird. Wir können uns beruhigen, denn bald kommt die Zeit, wo die ״Reichspoft" nur mehr mit Ausschluß der Oesfenlichkeit erscheinen wird. Die Wiener Gemeinderatswahlen. Die am 23 d. stattgefundenen Gemeinderats- Wahlen, vierten Wahlkörper, ergaben folgendes Resultat: Von den 21 Mandaten, die zur Besetzung gelangten, befanden sich bis nun 14 im Besitze der Christlichsozialen und 7 der Sozialdemo, kraten. Die Christlichsozialen behaupteten im ersten Wahlgange 4. die Sozialdemokraten 6 Mandate. Bei den Stichwahlen dürften die Christlichsozialen in den meisten Bezirken gegen die geeinigten oppositionellen Parteien unterliegen. Die Jüdischnationalen Wiens haben im 1. Bezirke für den deutschfortschrittlichen Moißl gestimmt. In den anderen Bezirken stimmten die Jüdischnationalen für die Sozialdemokraten. Im allgemeinen gingen die Jüdischbürgerlichen mit den sogenannten ״Deutschfortschrittlichen". Verein jüdischer Hochschüler ״Mensa Aeavemica Juvaica", Wien. IX. Pramergasse Nr. 31. In der am Samstag, den 20. d. M-, stattgehabten konstituierenden Sitzung des Kuratoriums der ״Mensa academica Judaica" wurde zum Präsidenten des Kuratoriums Herr Prof. Dr. M. Hajek, zum Vizepräsidenten Herr k k. Generalstabsarzt Dr. Jakob Zuckermann, zum Schriftführer Herr Kommerzialrat S- Rosenzweig und zu Revisoren die Herren Prof. Dr. Josef Pollak und kais. Rat Siegmund Kauders gewählt. Dem Kuratorium gehören ferner folgende Herren an: Professor Dr. S. Ehrmann, kais. Rat Feitler, k. k. Notar Dr. Julius Berman, Adolf Schramek und k. k. Oberlandesgerichtsrat Dr. Bernhard Barber. Gegen den Boykott jüdischer Handelsangestelller. Für Samstag, den 20. d. M., berief der ״Jüdische Handelsangestellten'Berband" in Wien in den ״Goldenen Widd:r" eine Versammlung zwecks Stellungnahme zum Boykott der jüdischen Handelsangestellten durch den ״Ersten Wiener Konsumverein". Der Vorsitzende Herr Keßler eröffnete die Versammlung. Trotz des angeblichen Niederganges des Antisemitismus greift eine verhängnisvolle Kampfesweise gegen die Juden um sich, der Wirtschaftliche Antisemitismus. Es ist höchste Zeit, daß die jüdischen Kreise endlich zu Abwehrmaßregeln greifen und nicht weiter, wie es jetzt der Fall ist. mit fatalistischer Ruhe und verschränkten Armen den sicheren Ruin abzuwarten. Der Referent Herr Blume führte nunmehr aus, daß das Nichtanstellen von Juden, wie es von vielen Firmen praktiziert wird, schon ein Hauptmotiv zur Gründung des Verbandes war, jedoch hatte dieser keine Zeit und keine Möglichfeit, dazu praktisch Stellung zu nehmen. Nun können wir nicht mehr zuwarten, wir wollen gleich bei dem Ersten Wiener Konsumverein beginnen. Gelegenheit hiezu bietet uns die in der letzten Woche stattgefundene Generalversammlung des