Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XIII (1912)
- Issue
- Heft 3 (18.4.1912)
- Date
- 1912-04-18
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2621806-2621807-2621810--1437-2622477- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
*r 3 x... 34% Beilage zur ״WienerJüd. Bolksstimme" Sozialprobleme und das Judentum. Bon Siegmund Jonas, Wien. Hoch gingen die Wogen des Kampfes in den letzten Wochen und die Glieder des alten, kranken Judenkörpers befehdeten sich heftig. Ein Blick in die jüdischen Blätter des KonünenteS offenbart uns die letzten Ursachen dieser Bewegung. Sie heißt Werner Sombart. Man könnte logischerweise meinen, dieser Kampf gelte seinen Schriften, die sich mit dem Judentume beschäftigen, doch ist dies bezeichnenderweise nicht der Fall. Vielmehr hat seine Ansicht über die Zukunft der Juden, welche doch nur als die Schlußfolgerung seiner nattonalökonomischen Studien über die Juden anzusehen ist, und die dahin geht, daß Fortbestand und Arterhaltung der Juden wünschenswert ist, gleichviel ob dieser Wunsch antt- oder philosemiüscher Rich. tung entspringt, jene Glieder des Judenkörpers, die in einer Lostrennung ihr Lebensglück zu finden vermeinen, in großer Unruhe versetzt. Um nun nicht in den Fehler der anderen zu verfallen, wollen wir eine parteipolitische Polemik möglichst vermeiden und uns der eigentlichen Frage zuwenden, in welchem Zusammenhänge Judentum und Kapitalismus stehen, und ob das Judentum als Institution tatsächlich Träger und Schöpfer dieser letzteren Erscheinung anzusehen ist. Es ist überhaupt schon absurd, von einem Zusammenhang des Judentums, also der Gesamtheit der Juden und deren Kultur- und Geistesrichtung, mit dem Kapitalismus zu sprechen. Dieser Zusammenhang bestand nur insoferne, als ein Teil der Juden, in dieser Ordnung lebend, auch zur Fortentwicklung der kapitalistischen Tendenz beigetragen haben. Einzelne mögen sogar einen kapitalistischen Höhepunkt erreicht haben, was zur schlimmen Folge hatte, daß in Ländern hochentwickelter kapitalistischer Ordnung Judentum und Kapitalismus in einen Topf geworfen werden. Dieses oberflächliche Urteil wurde selbst von Fachmännern ohne gründliche Nachprüfung übernom« men und ist so zum Schlagworte weiter Kreise geworden. Ein Hinweis auf die Lage der Juden im allgemeinen wird wohl genügen, jenes Urteil als inhaltslose, agitatorische Beschuldigung antisemitischeu Charakters aufzudecken; denn wäre das Judentum tatsächlich eine wirtschaftliche Macht, dann könnte die Lage der Juden nicht eine so verzweifelte, die sie tatsächlich ist, sein. Wie entfremdet das Kapital dem Judentum ist, geht schon unwiderleglich aus der Haltung kapitalskräftiger Juden hervor. ״Nicht genug, daß sie ihre Kraft ihrem Volke versagen, stellen sie sich oft in den Dienst gegen das Judentum und negieren jeden Zusammenhang mit diesem". Muß es nun nicht Wunder nehmen, wenn von gewiffer Seite das Judentum gewissermaßen als Urheber und Träger der neuzeitlichen kapitalistischen Wirtschaftsordnung angesehen wird? Und wie verhält es sich eigentlich damit? Mit dem Hinweise auf die Unrichtigkeit allein, kann die Sache nicht als erledigt betrachtet werden. Schon darum nicht, weil sonst ernst zu nehmende Gelehrte der unrichtigen Anschauung durch Wahlloses Herausgreifen von Bibel- und Talmudzitaten, bemüht waren, dieser Anschauung ein historisches Gewand zu geben. Die einzige Quelle, die in Betracht kommt, kann nur der alte, unabhängige Judenstaat sein, mit seiner Gesellschafts- und Wirtschaftsordnung, die sich in Gesetzgebung und Aussprüchen in Bibel und Talmud kundgeben. Hier allein kann man von Schöpfungen des Judentums sprechen, hier, wo jüdischer Geist und jüdische Art sich frei und unbeeinflußt ausleben konnten. Nun heißt es bei Betrachtung der Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung im alten Judenstaate die Grundlagen und Elemente dieser Ordnung dahin zu prüfen, ob sie den Keim einer kapitalistischen Entwicklung in sich trugen, oder gar Analogien mit der gegenwärttgen Ordnung aufweisen. Welches ist das Hauptmerkmal des Kapitalismus? Daß die Arbeitsmittel im Besitze einer Winzi^en Minorität sind und daß diese ben erzielten Gewtnn aus der Arbeit der kapitalschwachen Majorität m ihre Taschen steckt. Kann aber irgend jemand behaupten, daß die biblische Gesetzgebung, als Grundlage der damaligen Wirtschaftsordnung, eine Zusammenziehung der Güter in einige wenige Hände ermöglichte? Ganz und gar nicht. Vielmehr war alles darauf gerichtet, eine gleichmäßige Verteilung des Besitzes herbeizuführen. Als Beweis hiefür getten die Sklavengesetze, welche zu einer Zeit, wo Griechen und Römer, um Sklaven, das heißt Arbeiter zu gewinnen, Eroberungszüge führten, bei den Juden Jubel- und Schuttttajahre festgesetzt waren, wo die Sklaven Freiheit und Existenz- Möglichkeit erhielten. Man ging so weit, denjenigen Sklaven, die den Dienst ihrer Herren zu verlaffen sich weigerten, zum Zeichen ihrer Schände ein Loch in den Ohrlappen zu bohren. Also sehen wir im alten Judenstaate Gesetze mit antikapitalistischer Tendenz. Kapitalismus war den Juden fremd, da sie nie Eroberungskriege führten, entgegen dem damaligen Zeitgeist, was ja historische Tatsache ist. Daraus resulttert sich, daß die Juden weit davon entfernt waren, Ursache, Träger, Förderer der kapitalistischen Weltordnung zu sein. Die Ursachen derselben sind, scheint es uns, durch andere Faktoren gegeben. ZurFamiliengeschichte mährischer Juden. Jüngst begegnete ich in einem jüdischen Blatte der dankenswerten Anregung, Daten aus dem jüdischen Familienleben aller Zeit zu sammeln und selbe historisch festzulegen. Sind sie doch Streif, lichter ihrer Kulturepoche, die es verdienen den spätern Generattonen vor Auge geführt zu werden. Und wo bietet sich das Material so reich und interessant, als in Mähren, dem Lande, das schon vor mehr denn tausend Jahren von Juden bewohnt war und wo sie vermöge ihrer sozialen, kulturellen und politischen Stellung eine hervorragende Rolle einnahmen und noch derzeit innehaben? Die Tatsache, daß am zweiten Tage des Roschchodesch Jjar, 18. April d. I., der Todestag eines Judenpatriziers, des David Ascher s. A., sich gerade zum Hundertstenmale jährt, veranlaßt den Schreiber dieser Zeilen, einen Urenkel des Genannten, einige Worte pietätvollen Gedenkens zu widmen. Was ich über meinen Urahn- Herrn zu berichten weiß, verdanke ich den sorgsam behüteten Familienpapieren unseres Hauses und den interessanten freundlichen Mitteilungen meiner Schwester, Frau Rosa Fuchs, die ein frisches Gedächtnis aus den Erzählungen unseres Großvaters Markus Löw s. A. erfreulicherweise bewahrt hat. David Ascher war in Neu-Raußnitz geboren und nach seiner Vermählung mit Rebekka, geb. Schönseid, nach Austerlitz übersiedelt, wo er die Herrschaftliche Branntweinbrennerei betrieb. Ob seines gediegenen Charakters, seiner strengen Rechtlichkeit und eifrigen Besttebung, dem Gemeinwohl zu nützen, genoß er in weiten Kreisen hohes Ansehen. Ein Freund des Thorastudiums, fand dieses in ihm einen begeisterten Förderer und in Rücksicht darauf erwählte er sich für seine drei Töchter Anna. Katharina und Barbara die gelehrten Schwiegersöhne Abraham Bloch, Markus Löw und Aron Loschitz aus Neu-Raußnitz, wo die Pflege der jüdischen Wissenschaft unter der Aegide des berühmten Lokalrabbiners Michael Wronik s. A. in großer Blüte stand. Diese drei Schwiegersöhne waren der Stolz David Ascher's. dessen einziger Sohn im 13. Lebensjahre starb. Besonderer Wertschätzung erfreute sich bei ihm vermöge seiner Herkunft unser seliger Großvater Markus Löw, ein gebürtiger Boskowitzer und Neffe des weltberühmten Verfassers des ״Machazis Haschekel," R. Samuel Löw, zu dessen jüngsten Schülern unser sel. Großvater zählte. Nach dem Wunsche David Aschers, sollte sich dieser fleißiger und intensiver mit dem Thorastudium beschäftigen, doch ihn litt es nicht immerfort in der Studierstube; er sttebte hinaus in die Welt, suchte als späterer Kaufmann und Privatgelehrter persönlichen Verkehr mit bedeutenden Männern der Judenschaft. Sein Wissen, Scharfsinn und weltmännische Erfahrung machten ihn zum Ratgeber in der Familie-Gemeinde und weit außerhalb der Grenzen derselben. Jeder der drei Schwiegersöhne Aschers bekamen von ihm ein Haus in Neu-Raußnitz. von denen das ehemals Loschitzsche durch Schenkung an die Gemeinde überging. Im Testamente David Aschers vermachte er Legate an die Rabbinen Neu-Raußnitz. Austerlitz. Gaya, Eiwanowitz und Brünn zum Zwecke seines Seelenheils und den für damalige Verhältnisse hohen Betrag von 10.000 F. 5%״ Pamatken", deren Interessen der armen Schuljugend als Unterstützung dienen sollen. Diese Stiftung im Laufe der Jahre auf 20 000 K ö. W. erhöht, besteht natürlich noch heute unter der Verwaltung der Kultusgemeinde Neu-Raußnitz ihren segensreichen Zweck erfüllend. So lebt das Andenken an den »ackern Juden David Ascher s. A. in dankerfüllten Herzen von Generationen fort und an seinem 100. Todesgedenktage drängt sich auf unsere Lippen der Ruf: Lecker Zadik liwrocho! Wien, April 1912. A. L. Prager Brief. Die jüdischen Zeitungen sind voll von den großen Spenden, die die Wiener Kultusgemeinde für Kinderspitäler, drei Millionen Kronen von Ritter v. Guttmann für konfessionelles, 25 Millionen Kronen von Spitzberger für ein interkonfeffionelles Kinderspital und wir Prager Juden lesen es und erinnern uns vielleicht an unser bald dem Untergange geweihtes Spital, für das noch immer kein Ersatz geschaffen wurde. Ist es schon beschämend und für unsere ganze kleinliche Wohltätigkeit charakteristisch, daß die vielen in den letzten Jahren auftauchenden Wohltättgkeitsvereine schließlich immer den Mittelstand für einen Zweck in Kontribution setzen müssen, dem früher ein einzelner Reicher, der sich seiner jüdischen Pflicht Zedoko zu üben bewußt war, die nötigen Mittel allein zur Verfügung gestellt hätte, tritt dies auch ganz besonders prägnant in die Erscheinung, wo es sich darum handelt, die Schöpfung, die vor 300 Jahren Mordechai Weisel gesegneten Andenkens allein ins Leben gerufen hat. zu erhalten, so ist es doch ganz besonders lobenswert, daß auch diese auf breiteste Basis gestellte Wohltätigkeitsaktion noch immer viel zu wenig Anklang findet. Auch die großzügige Wohltätigkeit hat der Spitalbauverein wohl schon verzichten gelernt, aber daß der Mittelstand, die weiten Kreise der jüdischen Bevölkerung versagen sollte, das wäre ein trauriges Novum in unserer ohnedies nicht sehr erfreulichen Zeitgeschichte. Hoffen wir, daß die Wiener Spitalsstiftungen auch segensreich und anregend für die Erhaltung unseres Prager alten Judenspitales wirken. Sonst pflegen wir Prager Jude»! ja gerne den Wienern nachzueifern, selbst unter den ״jüdischen" Millionären, die den eucharistischen Kongreß mit ihren Hunderttausendkronenspenden svrdern, ja erst ermöglichen sollen, wird ja ein solcher stammesvergessener Prager Jude genannt. Und Prag ist ja gerade der Boden, wo man auf dem Gebiete Erfahrungen sammeln könnte. Wurde doch erst auf dem Kongreß der tschechischen christlichsozialen Partei mit allem Nachdruck gefordert, daß überall Raiffaisenkassen gegründet werden, um die Bevölkerung von dem Joche der Juden zu befreien, wurde doch verlangt, daß Adel und Geistlichkeit in Zukunft ihre landwirtschaftlichen Güter unter keinen Umständen an Juden verpachten sollen. Hat doch der ״Czech" die eiserne Stirn gelegentlich einer Polemik mit dem Brunner Meschumed Stransky zu behaupten, es sei bekannt, daß die Juden es mit der Heiligkeit des Eides nicht so genau nehmen. Diese unverschämte Fr chheit des ״Czech" ist nur erklärlich, wenn wir uns vor Augen halten, daß die Juden, mit denen dieses Blatt zu tun hat, vom Kaliber des Meschumed Stransky oder des millionenschweren Förderers des eucharistischen Kongresses sind. Solche Charakteure können natürlich für den ״Czech" die Juden darstellen, für uns sind sie charakterlose Meschumodim ob sie sich auch offiziell noch zum Judentum bekennen. Das Montagblatt aus Böhmen, das einzig ehrlich-liberale Prager Blatt bringt einen ausgezeichneten Artikel zu den Wahlen in die Krankenkassa des Prager Handelsgremiums, in dem es eindringlich davor warnt, wieder unnötigerweise wie bei den Wahlen vor drei Jahren einige radikale Kandidaten gnadenweise wählen zu lassen, da diese Herren in die Kranken kassa den rüdesten Antisemitisr!us hineingetragen haben, ja selbst jüdische Kranke benachteiligt haben. Vielleicht haben diesmal die jüdischen Wähler etwas von ihren traurigen Erfahrungen profitiert. N. Heimkehr.'^ Seit einigen Jahren erscheinen im Louis Lammischen Verlage (Berlin) Handbücher über verschiedene Wissenszweige der jüdischen Literatur, welche Bücher für elegante Ausstattung, Handliches Format und sehr niedrige Preise alles Lob '> Zu beziehen durch obgenannten Verlag und durch die Administration d. Bl.