Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XIII (1912)
- Issue
- Heft 3 (18.4.1912)
- Date
- 1912-04-18
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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1|XIII. Jahrg. Stummer 3 Wiener Erscheint jede» Donnerstag. MW NxlllSpMt. Beinasvreiie: Inserate: die 6 spaltige Petitzeile 3l n-—g Bezugspreise: Für Österreich-Ungarn. halbjährig . . Kronen -.520־ ganzjährig.Kronen 10•— Deutschland, ganzjährig. Mark 10 Rußland, ganzjährig. Rubel 650־ Balkan, Frankreich.Franks 12• Einzelne Nummer 20 k. Herausgeber: Max Hickl. Inserate: die 6 spaltige Petitzeile 30 h. «eschästSstelle: Wien, I., Rotenturmstraße Nr. 31. Buchhändlerische Vertretung: Otto Klemm, Leipzig. Telephon 300S/VIII. Sprechstunden von 10-12 Uhr. Unverlanateredaktionelle Beiträge werden nicht honoriert. Manuskripten ist Rückporto beizufügen. 1 8 Brünn—Budapest. Wien. ^z,Ä7s«7^' Prag—Lemberg. Aus dem Inhalte: Der Kiewer Ritualmordprozeß. — Ein Abschiedsbrief. — Schisma. — Wiener jüdisches Leben. -- Der Verband j'tt. Frauen für Kulturarbeit in Palästina. — Der tschechiche Nationalrat in Mähren und der Antisemitismus. — Prager, Badapester. Brünner Nachrichten. — Hofrat Professor Dr. Alfred Pkit-ram gestorben. — Darf ein Nichtjude aus einen jüd. Friedhofe begraben werden. — Korrespondenzen. — P:rsonalnachrichten. — BunteS Allerlei. — Sigm. Jonas Wien. — Sozialprobleme und Judentum. — Zur Familieng. schichte der mährischen Juden. — Heimkehr. — Bücherbesprechungen. Der Kiewer Ritualmordprozeß. Der ״Russische Korrespondenz" wird über diesen Prozeß, über den wir bereits berichtet haben, authentisch von ihrem Spezialkorrespondenten folgeudes mitgeteilt: Ob der mit solcher Spannung erwartete Ritualmordprozeß, den die russische Justiz arrangier^ noch im Laufe dieses Frühlings stattfinden wird, wird immer fraglicher. Es scheint, daß die ״echtrussischen" Fanatiker jetzt entgegen ihrer früheren Taktik selber den Prozeßtermin möglichst verschoben sehen möchten, um einerseits das Handwerk der Pogromagitation in der Zwischenzeit unr so gründlicher ausüben zu können, andererseits aber um für den entscheidenden Moment besser gerüstet zu sein. Denn es ist kein Geheimnis, daß die Anklageschrift gegen den angeblichen Ritualmörder Beilis ein klägliches Machwerk ist. Nichts belastet darin den Mann, dem der Knabe Juschtschinski zum Opfer gefallen sein soll, und mit ebensolchem Rechte könnte jeder andere Jude — wie Nichtjude — hinter Schloß und Riegel gesperrt und der Tötung Juschtschinskis bezichtigt werden. Wie nichtig sind doch die Zeugenaussagen, Feuilleton. Ein Abschiedsbrief. Von Frau Anna Mandel, Wien. (Schluß.) O daß Du doch lachen könntest. Dein Helles, frisches Lachen, das so ansteckend wirkte und Jeden, der in Deine Nähe kam, heiter stimmte. Lachen und singen, das war Dir Lebensdürfnis! Wie gut erinnere ich mich noch eines Abends da wir das Chanuka-Festspiel die Makkabäer aufführten. Wie lebendig stehst Du vor mir — Du, der kühne, junge Held ״Juda Makkabi", der Besieger des furchtbaren Antiochus, der Erretter der Juden, kühn und stolz das ״Moaus zur" singend und die Chanukah-Lichtlein entzündend. Auch damals errangst Du Stürme des Beifalls und neidlos gönnten wir Alle Dir den Erfolg. Bald darauf verließest Du die Schule und wir wurden uns fremder. Wir gaben uns die Hand wie gute Bekannte und gingen aneinander vorüber, Jede mit ihrer Lust und ihrem Leid. Ich hörte wohl allerlei von Dir. Ich wußte, daß Du immer der Mittelpunkt eines fröhlichen Kreises warst, den Du mit Deiner liebenswürdigen Heiterkeit belebtest. Du mußtest immer Menschen um Dich haben, ich ging lieber einsam meinen Weg. Das trennte uns. Und ich urteilte über Dich so wie die Anderen und fand, daß Dein Scherzen und Lachen mit dem anderen Geschlecht nicht welche Beilis belasten sollen! Ein Spielkamerad des Juschtschinski, der inzwischen verstorbene Eugen Tschebyrjakow, der mit Juschtschinski am Mord« tage spazieren gegangen ist, soll einem gewissen Schachowskoi gesagt haben, daß sie am betreffenden Morgen innerhalb des Gehöftes der Sajtzeffschen Ziegelei, in der Mendel Beilis angestellt ist. nicht fern vom Ziegelofen von einem Mann mit einem schwarzem Bart aufgeschreckt worden seien. Schachowskoi selbst fügte zu dieser seiner Erzählung dis Behauptung hinzu, daß der Mann mit dem schwarzen Barte kein anderer als Beilis gewesen sein könne; nach seiner Ansicht habe dieser an der'Ermordung des Juschtschinski teilgenommen, während der Knabe Tschebyrjakow den ermordeten Spielkameraden-im Gehöft der Sajtzeffschen Ziegelei verlockt hätte. Bei seiner späteren Bekundung schränkte Schachowskoi seine eigenen Angabm selbst ein: Der Knabe Tschebyrjakow hätte ihm nur gesagt, daß er und sein Spielkamerad von irgend jemand aufgeschreckt worden seien. Den Mann mit dem schwarzen Bart habe er sich selbst hinzugedacht und daraufhin die Vermutung ausgesprochen, daß es nur Beilis gewesen sein könne. So ist die ganze Aussage Schachowskois schließlich belanglos geworden. Je mehr er nämlich ausgesragt wurde, desto weniger hatte er zu sagen. Und ebenso erging es seiner Frau, die offenbar auch ihrerseits aus irgend welchen Gründen den Beilis hatte belasten wollen. Lau» ihrer ersten Bekundung hätte ihr eine gewisse Sacharowa mit dem Spitznamen Wolkiwna erzähl, daß, als Juschtschinski nebst Tschebyrjakow und einem dritten Jungen am Mordtage im Gehöst der Sajtzeffschen Ziegelei gespielt hätten, der dort wohnhafte Mann weiblich sei, wie die Anderen es fanden. Jetzt erst weiß ich, daß auch dies zu Dir gehörte wie der Duft zur Blume und daß Du wohl einer stillen, tiefen Liebe fähig warst. Ich wußte es seitdem in Dein Antlitz der weiche, sehnsüchtige Ausdruck trat, der nach außen Zeugnis ablegte von dem, was in Deinem Innern vorging. Du wurdest ruhiger und ernster und all' Deine Liebe gehörte mehr denn je Deinen Nächsten, bei ihnen, in dem kleinen gemütlichen Stübchen neben der Konditorei, saßest Du, dorr war Dein Frieden, Dein Glück und Deine Ruhe. Ihr Singvögelchen warst Du früher gewesen, jetzt wurdest Du ihre Stütze, ihre Freundin, ihre Beraterin. Mit welcher Sorgfalt und Hingebung betreutest Du die leidende Mutter, wie fröhlich gingst Du auf die Scherze des Vaters ein. wie innig hingst, Du an den Geschwistern und Verwandten! Ja, wenn Du in dieser Zeit nur Stunden in der Ferne weiltest, überkam Dich die Bangigkeit wie ein Raubvogel, der an Dir fraß und Dich nicht ließ, bis Du wieder Daheim warst. Manch Einer kam, den Deine Anmut und Dein Frohsinn bestrickt hatte und wollte Dich mit sich nehmen, aber Dein Herz sagte immer ״Nein" und Du bliebst bei uns. Jahre vergingen! Die Sorge um die kranke Mutter nahm Dich immer mehr in Anspruch, ließ Dich noch fester anklammern an Dein Haus, an Deine Heimat! Und dann kam Deine glücklichste Zeit Agnes. Da Du mit vollem Bewußtsein die Liebe eines Mannes entgegeunahmst da Du Braut wurdest. mit dem schwarzen Bart erschienen sei und vor ihren Augen den Juschtschinski ergriffen und in den Ziegeleiofen hineingeschleppt hätte. Dieselbe Wolkiwna, alias Sacharowa hätte ihr später direkt gesagt, daß es Beilis gewesen sei. DaS klang sehr belastend. Allein die Kronzeugin Sacharowa leugnete absolut, daß sie jemals auch nur etwas Aehnliches der Schachowskoi gesagt hätte, sie leugnete über- Haupt, daß sie ein solches Gespräch mit der SchachowSkoi geführt hätte, nnd diese selbst nahm später den wesentlichsten Teil ihrer Bekundung zurück. Sie erwies sich überhaupt als eine gänzlich heruntergekommene, unzuverlässige Person, die in trunkenem Zustande über den Fall Juschtschinski die phantastischsten Dinge auftischte. So hatte sie in einem Rausche einem gewissen Polischtschuk erzählt, daß ihr eigener Mann beobachtet habe, wie Mendel Beilis den Knaben Juschtschinski in den Ofen der Ziegelei geschlepp׳ hätte. Nachher, nüchtern geworden, wußte sie davon nichts, und eS stellte sich heraus, daß ihre gesamten Bekundüngen, die sie jedesmal beim nächsten Verhör zurücknahm oder bis zur Unkenntlichkeit einschränkte, die reinste Wichtigtuerei gewesen waren. Und auf solchen Zeugenaussagen basiert eine fürchterliche Anklage, die sich ja nicht gegen den einzelnen Beilis, sondern gegen die gesamte jüdische Bevölkerung richtet. Denn wenn auch in der Anklageschrift das Wort Ritualmord absichtlich vermieden wird, so ist doch darin alles so aufgebaut, daß der Zweck des Mordes nur ein ritueller gewesen sein könnte. Wozu wäre sonst unausgesetzt der Nachweis versucht, daß der Ermordung Juschtschinskis eine raffiniert durchgeführte langsame Entblutung seines Körpers vorangegangen sei, daß Wohl war es nicht mehr der jauchzende Taumel des Erwachens, der freudetrunkene Jubel des Frühlings in Deiner Seele, Agnes! Es war vielmehr ein ruhiges, sicheres Vertrauen in den Menschen, der Dir ein neues Heim schaffen wollte, in dem Du Herrin sein und nach eigenen Geschmacks und Wunsch walten solltest. Es war ein frohes Geborgensein, das doch wieder manch wundervolle Fernsicht aus heimlichen, Winkel gestattete. Und je mehr Du ihn kennen lerntest, desto sicherer wurde dies Vertrauen, desw Heller sah Dein Auge in die Zukunft. An einem trüben, naßkalten Februartag wurdet Jbr gekaut. Du sahst lieblich aus, zart und weiß wie eine Lilie und Dein Arm schmiegte sich fest und weich in den des Bräutigams. Zehn Monate ist es her ... Tief ergriffen von der Heiligkeit und Weihe der Stunde weintest Du heiße, schwere Tränen. Und was Du auch mit diesen Gott und Deinem Gatten gelobt. Du hast es treulich gehalten. Nach dem Beispiele Deiner frommen Eltern hast Du Dein Haus eingerichtet und wie eine echte, jüdische Hausfrau gewaltet. Du hast gezeigt, daß eS oft nur an der Frau liegt im Hause das Licht der Religion zu entzünden und selbst in einem Kreise Andersgläubiger der väterlichen Lehre tteu zu bleiben nach dem Worte Deines Lehrers. Waren doch in dem Dörfchen, in dem Du jetzt Dein Heim hattest, nur zwei jüdische Familien ansässig! Mit vielen lieben und freundlichen Andenken schmücktest Du dis Räume Deines Hause» und Dein lachender