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Jüdische Volksstimme · 1912-04-10 · Heft 2 (10.4.1912) · page 10

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XIII (1912)
Issue
Heft 2 (10.4.1912)
Date
1912-04-10
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Seite 10. Jüdrlchr Äolk-stdmne. Nr. 2. uud liegt nun auch in einer deutschen Uebersetzung vor*). Dieses Tagebuch verspricht nicht mehr, als es hält. Der orchodoxe Standpunkt des gelehrten Verfassers hindert ihn nicht, die von den zionistischen Institutionen geschaffenen Verhältuiffe lobend hervorzuheben. Seine Schrift ist für jeden Juden, der Palästina Interesse entgegenbringt, von nicht abzusprechender Bedeutung. Und zwar deshalb, weil in derselben die Zustände der modernsten Gegenwart nicht ziffermäßig, nicht theoretisch analysiert dargestellt, sondern augenfällig erlebt sind. Wenn auch der Vefasser viel Nebensächliches mitlaufen läßt, so hat er doch, vielleicht unbewußt, einer gewissen Neugier deS Lesers Rechnung getragen. Interessant ist z. B. die Schilderung eines Gottesdienstes im Eisenbahnzug nach Fiume; dann die Vorbereitung zum Sabbath auf dem Schiffe. Die Reisegesellschaft war aus verschiedenen Weltrichtungen zusammengekommen, so aus Wien, Budapest, Altona, Hamburg, Warschau und London. Unter ihren hervorragendsten Mitgliedern wird Herr Wolff Moeller, Vizepräsident der israelitischen Gemeinde in Altona, geschildert, der beträchtliche Summen für unsere armen Glaubensbrüder spendete. Ein ehrwürdiger Greis ist Herr Philipp Back, Wien, der sich ״an der Neige seines Lebens einmal an den heiligen Stätten Palästinas gut ausweinen" wollte, ein Philantrop, der zehn Häuser für arme Gelehrte zum unentgeltlichen Wohnen errichtet hat. Wir wünschen diesem jüdischen Edelmann ein ungetrübtes Alter! Ferner sind zu nennen die Herren: Louis Friedenheim, Hamburg, Dr. Fink, daselbst, Eugen Brüder, Nagyvärad, Samuel Berenfeld. Nagytapolcsäny. Mayer Grünfeld, Mezömehes, Oberrabbiner Alex, Fischer, Gyulafeherwar und andere. Gravosa, Brindisi. Alexandrien werden kurz berührt. Am 13. ׳ras die Gesellschaft in Kairo ein. Ueber die dort lebenden Karaiten äußert er sich: ״Nur ihr Aeußeres verrät, daß sie Juden sind; sonst aber haben sie sich längst von uns losgerissen. Diese wollen nämlich die talmudische Tradition nicht anerkennen, die heilige Schrift aber interpretieren sie willkürlich nach ihrem Gutdünken, und so geraten sie mit sich selber in den größten Gegensatz, da sie doch in vielen Religionsfragen auf die zahlreichen Lehren der Talmudweisen angewiesen und dieselben zu befolgen gezwangen sind." Von großer Bedeutung ist, was 'der Verfasser über die Gleichberechtigung der Juden in der Türkei sagt: ״Im fanatischen Orient kennt man wahrlich keinen Unterschied zwischen den Konfessionen. Die Gleichheit ist dort nicht blos eine auf dem Papier vorhandene Gnadenbezeugung, sondern sie ist eine in die Empfindung des Volkes übergegangene Wirklichkeit. Nicht nur die Gesetzgebung hat die Gleichstellung der Juden — wie über- Haupt die Gleichheit aller Bürger — ausgesprochen —; von großer Bedeutung ist der Umstand, daß die Gesellschaft in der Türkei einen hohen Grad von Toleranz gegen andere Nationen und Konfessionen bekundet. Was sage ich: Toleranz? Würde dies ein Türke hören, dann könnte er sich noch verletzt fühlen; denn nicht zu tolerieren, zu dulden verstehen die Türken jeden Nichtmohamedancr, sondern sie haben keinen anderen Begriff von den übrigen Menschen, als daß sie eben Menschen sind, wie sie, mit den gleichen, ihnen von der Natur aus angeborenen Rechten und Ansprüchen." — Dies sind köstliche Worte eines erfahrenen Mannes, der mit redlichem Gefühl zu urteilen vermag. Am 17. Mai ttafen sie in Jaffa ein, wo eine Gesandschaft der Gemeinde Jerusalem sie degrüßte. D.e folgende Schilderung des heiligen Landes übergehe ich, sie ist aber lesenswert. In Jaffa besteht eine größere jüdische Gemeinde und zwar sind hier die Sephardim und Aschkenasim ausnahmsweise vereinigt. Es leben daselbst 7000 Juden. Bein, Anblick der Sephardim, die Prachtvolle Typen liefern, kann sich der Verfasser eine Kritik der Chamberlainschen Raffentheorien nicht versagen. Chamberlain ist längst widerlegt; kein ernstdenkender Mensch nimmt diesen antisemischen Charlatan für voll, also hätte der Verfasser diesmal an Raum sparen können. Sehr anerkennend spricht der Verfaffer von den Handwerkerschulen, dann von der Tachkomoni- Mittelschule der zionistischen Misrachi. Die He¬ *) Das Land, welches jedem heilig ist. Miszellen aus einer palüstinensischen Gesellschaftsreise. Im Selbst. Verlag des Verfassers, Oberrabbiner Josef Grünberg, Baläzsfaloa. Preis 3 Kr. bräisch sprechenden, singenden Kinder, machten auf die Reisenden einen tiefen Eindruck. In Jaffa existieren außerdem eine hebräische Kinderbewahranstatt, eine Mädchenschule, ein Spital, eine Bibliothek usw. Von den Kolonien weiß der orthodoxe Verfasser nur wenig zu erzählen. Wenn er auch das System der ״Alliance" als Assimslation verdammt, ist für ihn der politische Zionismus auch mit politischem Chauvinismus gleichbedeutend. Auf der Fahrt nach Jernsalem passiert die Gesellschaft Ramlach, wo nur 99 Juden leben, welche seit einem Vierteljahrhundert eine rührige Gemeinde bilden. Sie besitzt eine eigene Synazöge, eine Mikwah, sowie Schächter und Lehrer. Ein Rabbiner soll demnächst angestellt werden. Als sie sich Jerusalem näherten, machte jeder eine ״Kriah" auf seine Weste, zum Zeichen der Trauer um die verfallene jüdische Herrlichkeit. Am Bahnhofe wurden sie vom Chacham Baschi, dem österreichischen Konsul und vielen angesehenen Männern der Stadt empfangen. Sie nahmen im Audurskyschen Hotel Wohnung, welches in den ungarischen Farben prangte. Sie besuchten auch das Grab der Stammesmntter Rachel, dann Betlehem. Wir übergehen mit schuldiger Nachsicht - eine Vereinsgründung ״Morijah", die in aller Eile proklamiert wurde. Wo Judeu sich zusammenfinden (dies haben, wir mit den Deutschen gemein), wird natürlich eiu Verein gegründet. In Hebron ist die größte Sehenswürdigkeit die Höhle Machpelah, die Grabstätte unserer Erzväter. Nur Mohamedaner haben Zutritt. Hiezu bemerkt der Verfasser: ״sie hätten Kummer empfunden, weil doch unsere Ahnen nach dem Zeugnis der Bibel die Höhle rechtmäßig um teures (!!) Geld erworben haben und daher unser rechtmäßiges Eigentum bilden müßte." Sodann wurden aufgesucht: Die Königsgräber, der Oelberg, die Grabstätte Simons des Gerechten, Jericho, das tote Meer, der Zionsberg, die Gräber der Könige aus dem Hause David usw. Die Jemeniten-Kolonie in Jerusalem soll sehr arm sein. Die Leute sind verwendbar, genügsam, sparsam und eignen sich ebensogut zum Ackerbau, wie auch zur Maurerei, zum Steinmetzen, zum Lastttagen usw. Die kunstvollen Silberarbeiten im ״Bezalel" werden vonJemenitern hergestellt. Von der ״Bezalett-Schule weiß der Verfasser nur Erhebendes zu sagen. ״Aus dieser Anstalt gehen Zöglinge hervor, die echte und wahre Künstler sind ״ Wie gesagt, über unsere Kolonien ist der Verfasser wenig unterrichtet. Ihn interessieren viel mehr die zahlreichen Zedoka-Anstalten, Versorgungsvereiue und Wohltätigkeits - Institutionen. Trotzdem konnte er nicht ganz blind an dem Aufschwung vorübergehen. ״Rifcho l'Zion", ״Petach-Tikwah" belobt er in wenigen Worten. Aber er muß zugestehen, daß ״unsere Brüder sehr gute, wackere Landwirte sein können — wenn sie wollen." Am 28. Mai nahmen die Reisenden vom heiligen Lande Abschied. Am 7. Juni langte die Gesellschaft in Triest an und zerstteute sich in alle Windrichtungen.— Das Buch ist anregend und flott geschrieben und wir wünschen demselben recht viele Leser, denn es vermag manchen aus dem Jndifferentismus des alltäglichen Empfindens aufrütteln. Es ist ein Mahnruf an die Gleichgültigen, ein Ruf der sagt: Gehet hin in euer Land, das eure Mutter ist!" Jiddische Oper. Wir haben bereits in der vorletzten Skrmmer kurz über die Eröffnung der Londoner yiddischen Oper berichtet. Die B. Z. a. M. bespricht sie wie folgt: London, 17. März. Sonnabend abend. Die Hauptstraßen Londons östlich der City sind hell erleuchtet. Auf den Gehwegen drängen Menschenmassen. An den Fassaden der Häuser blitzen Rcklameworte in starken farbigen Lichtern auf. Autoomnibusse und lange Trambahnen, die mit ihren gedeckten, glasverschalten Imperialen wie fahrende Wohnhäuser aussehen, rasseln über das Pflaster. Aus den Schaufenstern der Geschäfte strömt weißes Licht in die Nacht hinaus. Am Rande der Straße stehen in langen Reihen Bretterbuden, in denen, ebenso wie in den offenen Kaufhallen und kleinen Auktionsräume, alle möglichen Lebensmittel, Fleisch, Seefische, Kippers und Haddocks, Austern, Geflügel, Obst, Kleider, Eisen- und Küchenwaren, Schuhe und kolorierte Süßigkeiten feilgehalten werden. Die bärtigen Händler stehen vor den Buden und schreien aus Leibeskräften die Güte und Billigkeit ihrer Waren aus. Hier werden große Fleischstücke für den Sonntagsttsch versteigert, nebenan alte Hosen; Schnecken-, Aal-, Austern-, Jelly- und Eisverkäufer wechseln mit Suppen-, Kaffee- und Teeständen ab. Vor den Public Houses, den Bars, staut sich an jeder Straßenecke die Menge. Da sieht man Russen und Polen mit ihren Frauen' und Kindern sich vor großen, illusttierten Plakaten sammeln, die in riesigen hebräischer Lettern ein sensationelles Melodrama in irgend einem Theater des East End ankündigen; dann Hooligans mit ihren Dirnen, alle in zerlumpten Jaketts, aber gewöhnlich mit pompösen Federn auf den schwarzen Strohhüten; Gesindel, Arbeiter, junges Volk, Mattosen. Man hört lachen, stteiten und singen; Kinder lecken Süßigkeiten, begaffen die Buden, feilschen und kaufen. Es ist Sonnabend nacht; eine Woche stirbt, und noch einmal in letzter Stunde flackert mächtig, grell und laut das Leben eines Stadtteils auf, bevor der Sonntag einzieht, mit seinem Zwang zur Kirchenstille und häuslicher Zurückgezogenheit. Hier draußen, mitten im Herzen des Londoner Ghettos, steht jetzt ein neues Gebäude ״Der Tempel", das das erste yiddische Volkstheater der Welt ist. Es zeigt einen eigenartig orientalischen Bau mit zwei Minarets, der von den glatten einförmigen Fronten der übrigen Whitechapel-Häuser sonderlich genug absticht. Rund um das Gebäude drängen aufgeregte, Hutlose Menschenmengen. Man merkt, es ist eine Ausnahmsnacht im Ghetto, ein großes Ereignis spielt sich heute ab: die Galavorstellung, der Eröffnungsabend des Jiddischen Volkstheaters. Weiber in schwarzen Perücken und dunkeläugige Kinder stauen sich in dichtem Knäuel vor dem Portal, und die Polizisten haben einige Mühe, den Zutritt für die Gäste freizuhalten. Das Haus ist nicht groß, aber geräumig, licht und sehr akustisch; es hat nur einen steil ansteigenden Balkon, aber hinter den Parkettreihen dehnt sich ein weiter ״Pit" aus, der, wie in allen Londoner Theatern, die unreservierten billigen Plätze enthält. Das Theater ist gesteckt voll. In den wenigen Logen sitzen das Komitee, der Bau- Meister, die Direktoren und Gönner im Frack, und das Parkett haben die wohlhabenden Bürger des Viertels in Beschlag gelegt. Man erblickt manch blitzende Juwelen an den Ohren üppiger Frauen und Mädchen, manch riesige/Diamanten an den Händen unscheinbar gekleideter Männer. Die üblichen Instruktionen an den Wänden sind natürlich in hebräischen Schriftzeichen verfaßt, und das Titelbild des Programms zeigt einen originellen, schwarzbärtigen Genius des Dramas. Als weiteres Kuriosum sei vermerkt, daß das Programm die — in Whitechapel wahrscheinlich nicht unangebrachte — Warnung enthält, daß die Direktion sich vorbehält, unliebsamen Elementen den Einttitt in das Theater zu verweigern. Vor Beginn der Vorstellung versammelte sich das ganze Komitee auf der Bühne; das aus 34 Mann bestehende Orchester stimmte die englische Nationalhymne an (mit einen Chor der auf der Gasse Äusharrenden als Echo), worauf Sir Francis Montesiore eine kurze Eröffnungsrede hielt. Der Direktor Kennard erklärte, daß dieses Haus — dem Andenken des yiddischen Schauspielers Feinmann geweiht — als das erste yiddische Volkscheater der Welt erbaut wurde. Dann kamen Telegrame aus allen Teilen der Welt von Gesinnungsgenossen und Freunden zur Verlesung; eines darunter war von Zangwill, eines von Schalom Asch. Daß das Publikum seine nativnalen Dichter genau kennt, bewies der Beifallssturm, der jedes Telegramm begrüßte. Zur Aufführung kam eine historische Oper in 4 Akten und 9 Szenen ״König Ahaz". Der Komponist, der im Royal College of Music in London studiert hat und der zugleich sein eigener Librettist und Kapellmeister des neuen Theaters ist, heißt S. Alman. Seine Musik, die stark oratorienhasten Einschlag hat, charakterisiert die primitiven biblischen Vorgänge in geschickter Weise. Einige hineinverwobene hebräische Melodien geben der Partitur einen ausgesprochen orientalischen Charakter. Da die Handlung sich in yiddischer Sprache abspielte, war nicht viel zu verstehen, aber daß die Sänger und Sängerinnen, allen voran ein Herr Winvgradoff wirklich prächtige Stimmen besitzen und daß der kleine Chor frisch, käftig und sicher sang, war nicht zu überhören. Das Publikum war während des ganzen Abends vielleicht noch aufgeregter als die Darsteller, aber hei den Aktschlüssen erhob sich ein südlich-orkanhafter Applaus, der allen Beteiligten deutlich kundgab, daß ihr Werk, einen Tempel nationaler Kunst mitten in Whitechapel zu erbauen, gewiß gute Früchte ttagen werde.

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