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Jüdisch-liberale Zeitung · 1931-12-23 · 50-51 (23.12.1931) · page 1

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
11 (1931)
Issue
50-51 (23.12.1931)
Date
1931-12-23
Page
– (sequence 1)
Language
German
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IMchMeraleZeÜMg Oroott der Vereinigung für das überale Judentum e. D. M, für to avernleIndeud« Lherutmmt «u De «ejraigeu Aufsätze, die «m»drückNch al, l» ihrem Name» «4« ia ryrerv Aufträge verfaßt gekennzeichnet find, die ver- «NM-rtuug. Alle andern, Artikel, Aeutzervvgeu und Vorßchläge erfcheiue» unter der Verantwortung der LedaKau. Die jüdisch-liberale Zeitung" erfcheiul jeden Mittwoch. »edaMo« «»d Geschäftsstelle: Berfta SW II. Hallesche S»r. 1 ecatnf: Bergmann 3358, 3359 astfchecktouto: Serlin 71W 7, 137069 '«ereiMgung für da» Überate Zudeutum» Nachdruck sämtlicher Original-Beiträge nur mit vorheriger Genehmigung der RedokNou gestattet._ Bezugaprei» durch die Geschäftsstelle '/ejährüch Bl. Le— Einzelnummer 025. Bei freier Zusendung i. Inland Ul Jöt die Mitglieder der Vereinigung ist der Vezugspeei» im Mitgliedsbeitrage enthalten. Anzeigenpreise: Die 12gespalt.TloupareillezegeM5 Anzeigentarif durch die Geschäftsstelle. Auzeige»««- a a h m e bei der Geschäftsstelle a. sämtl. Annonceu-EMedit. nr. 50/51 Berlin. 23. Dezember 1931 11. Jahrgang Der Zionismus und die panarabijche vemegung Von Alexander Szanko Tie Ablehnung des Zionismus von seiten des religiösliberalen Teils der deutschen Judenheit erfolgt hauptsächlich aus zwei Gründen heraus: dem religiös-universalistischen (alle Bekenner der jüdischen Religion, sind Juden, so daß der Begriff des Judeseins mit dem einer Rasse, eines Stammes, eines Volkes, unvereinbar und die Notwendigkeit eines nationalen religiösen Kulturzentrums in Palästina absurd ist) und dem deutsch-politischen (wir sind deutsche Voltsangehörige jüdischen Glaubens). Diesen beiden Argumenten gesellte sich seit jeher ein drittes hinzu, welches in der Erkenntnis besteht, daß der Zionismus in Palästina selber wegen der Kleinheit des Landes und wegen der dort wohnenden Araber nicht durchführbar ist, so daß. der Versuch der Durchführbarkeit notwendig mit Enttäuschung, Unglück und Blutvergießen enden muß. Diese Erkenntnis, in den Anfangsjahren der zionistischen Bewegung vor, uns Zionisten-Gegnern oft betont, ist später mehr oder weniger in Vergessenheit geraten; sie wurde erst mit den Palästina - Unruhen 1929 wieder in das allgemeine Bewußtsein ge hoben. Wenn in den nachfolgenden, gleichermaßen von hohem Ethos wie auch von profunder Sachkenntnis ge tragenen Ausführungen Alexander Szantos dieses Problem wieder erörtert wird, so ist das für uns Juden auch deshalb besonders bedeutsam, weil wir besonders in den Nachkriegsjahren und seit Gründung des Völkerbundes immer wieder betont haben, Selbstverwaltungsrecht der Völker und Pazifismus seien prophetische, d. h. altjüdische Ideale. Diese Ideale dürfen aber wahrlich von uns Juden nicht zu hohlen Deklamationen erniedrigt werden, wenn es sich um das Selbstbestimmungsrecht der Inder oder Armenier und einen Streit zwischen Chile und Bolivien handelt, sondern sie müssen von uns dort zu allererst angewandt und betätigt werden, wo wir Juden selber, und sei es auch nur der zionistische Teil der Judenheit, in die praktische Politik eingetreten sind. Die Red. Wer die Tokuinente der zionistischen Bewegung, von Herzls „Judenstaat" angefangen bis zu den Sitzungsprotokollen des jüngsten Baseler Kongresses, in stillen Stunden durchstudiert und sich bemüht, unter möglichster Ausschaltung aller Vorurteile und gefühlsmäßigen Neigungen den Inhalt und das Ziel der Bewegung zu erfassen, der muß - sofern er sich nur einigermaßen von der berauschenden Wirkung der gesprochenen und geschriebenen Pathetik sreizuhalten weiß - immer wieder zu einem geradezu vernichtenden Endurteil gelangen. So eigenartig und hinreißend der Strom der Begeisterung ist, der hier oft sichtbar wird, so geradezu ungeheuerlich ist aber auch das Maß von Verblendung, das die zionistischen Führer der Möglichkeit und Durchführbarkeit ihrer Ideen gegenüber an den Tag gelegt haben. Daß Theodor Herzl selbst vom Judentum recht wenig, von Palästina so gut wie nichts wußte, als er am grünen Tisch seines Pariser Schreibzimmers den „Judenstaat" entwarf, mag zur Not noch hingchen und unter dem Rubrum „Ironie der Weltgeschichte" verzeichnet werden; daß seine Jünger den Begriff der „jüdi fchen -Nation" zum Mittelpunkt ihres ganzen Sinnens, Trachtens und Handelns machten und alle die! harten Tatsachen, die gegen diese Idee sprachen, als quantite negligeable behau delten, kann schließlich auch noch aus der zur Genüge Le kannten allgemeinen Mentalität eines überschäumenden Nationalismus verstanden, wenn auch nicht voll entschuldigt werden; daß aber die verantwortlichen Führer an die Verwirklichung des Palästina-Traumes gingen, ohne sich Rechenschaft über die politischen Realitäten abzulegen und ohne die jüdischen Ansiedler über die Gefahren ihres Unternehmens sowie über die dem Projekt entgegenwirkenden Kräfte genügend aufzuklären •— das fällt ohne Zweifel bereits in das Gebiet, wo historische Tragik und politische Schuld eng miteinander verwoben sind. Die ersten jüdischen Siedler, die nach Erlaß der Balsour- Deklaration nach Palästina gingen, waren auf Grund der ihnen von den zionistischen Führern gemachten Verheißungen des guten Glaubens, daß sie in ein ausschließlich ihnen gehörendes Land kämen, das nur darauf wartete, die seit 2000 Jahren verlorenen Kinder wieder aufzunehmen. Daß während dieser zwei Jahrtausende die Weltgeschichte nicht stillgestanden war, daß es auch in „Erez Israel" keine historische Lücke gegeben hatte, daß dieses Gebiet, das sie in ungeschmälertem Enthusiasmus als „ihr Land" betrachteten, seit dreizehn Jahrhunderten von einem anderen, im Aufstreben begriffenen und nach nationaler Freiheit strebenden Volke bewohnt war, davon hatten die wenigsten eine klare Vorstellung. Zn ihrem aufrichtigen Erstaunen fanden sie Palästina besetzt von den Arabern, die ihnen das Recht aus nationale Herrschaft streitig machten. Davon hatten den armen Cha luzim aus Polen und Rußland, die ans unvorstellbarem Elend in das Land ihrer Sehnsucht pilgerten, die zionistischen Koryphäen, die in Paris, in London und anderwärts die Heimkehr des „jüdischen Volkes" so wunderschön besangen, freilich nichts gesagt. Tie himmelstürmende Illusion stieß auf eine harte erdgebundene Realität. Aber schlimmer noch! Die Illusion würde künstlich ausrechterhalten. Man verschloß die Augen vor den Tatsachen, man ignorierte die von Jahr zu Jahr erstarkende arabische Nationalbewegung, man suchte den wahren Wortlaut und Sinn der Balfour Deklaration, die keineswegs die Juden zu alleinigen Herren Palästinas macht, zu verschleiern, man trieb das Spiel so lange, bis im Kampfe zwischen Illusion und Realität die letztere sich als stärkere Macht erwies. Die Ratlosigkeit, die Uneinigkeit, die Verwirrung aus dem jüngsten Baseler Zionistenkongreß sind nur die äußeren Anzeichen dafür, daß man sich in eine Sackgasse verrannt hat. Tie deutsche Oeffentlichkeit, mit ihr die deutsche Juden heit, hat natürlich im Augenblick wahrlich brennendere Sorgen, als eine Betrachtung des arabischen Problems. Dennoch ist es nicht ohne Nutzen für alle, die in der Gemeiudepolitik wie im täglichen Umgang mit zionistisch gesinnten Glaubensgenossen in Berührung kommen, über den Stand der Dinge in Vorderasien auf dem Laufenden gehalten zu werden. Tenn Hand aufs Herz - wer von den zahlreichen deutschen Juden, die sich mit der zionistischen Gedankenwelt - pro oder contra - befassen, weiß denn von den Vorgängen im Nahen Osten inehr, als die dürftigen und oft unzulänglichen Zeitungsmeldungen darüber besagen? Und wie gering ist die Zahl derer, die über diese spärlichen Jnformativnsmittel hinaus Zeit und Muße finden, sich ein einigermaßen zutreffendes Bild über die Rückwirkungen der arabischen Nationalbewegung auf die Weltpolitik und auf deren winziges Segment, den Zionismus, zu bilden! Tie Araber sind längst nicht mehr, wie eine überalterte Schulweisheit es lehrte, ein Beduinenvolk unter der patriar Nebenberufliche Siedlung für jüdische Erwerbslose Ter Preußische Landesverband jüdischer Gemeinden und der Reichsbund für jüdische Siedlung prüfe», wieweit die Möglichkeit besteht, jüdische Erwerbslose im Rahmen der von der Reichsregierung geplanten nebenberuflichen landwirtschaftlichen Siedlung unterzubringen. Jüdische Erwerbslose, die an dieseur Siedlungsvorhaben interessiert sind, werden gebeten, ihre Adresse schriftlich der Arbeitsgemeinschaft der jüdischen Arbeitsnachweise, Berlin N 2-1, Auguststraße J7, mitzuteilen. Abwehrverein auf Abwegen Ei« seltsames Verfahren. Die „Abwehrblätter" (Organ des Vereins zur Abwehr des Antisemitismus) veröffentlichen einen Aufsatz „Ter Anti semitismus im Lichte Constantin Brunners" von Tr. Karl Borromäus Herrligkoffer. Der Aussatz ist eine Besprechung des auch hier bereits besprochenen Brunnerschen Buches „Hör-. Israel! und Höre Nicht-Israel!", von dem Herrligkoffer sagt: „Es ist meines Erachtens höchste Pflicht unseres Abwehr Vereins, Inden und Nichtjuden aus diese unerhört lvuchtige Schrift mit dem größten Nachdruck hinzuweisen." Die Re daktion der Abwehrblätter hält es zwar für richiig, diesen Aufsatz abzudrucken; sie hält es aber seltsamerweise ebenfalls für richtig, seine Wirkung durch eine Vorbemerkung abzu schwächen bzw. die Leser von vornherein abzuschrecken. Wir haben bereits Gelegenheit gehabt, unserm jüdischen Central verein vorzuwerfen, daß er in Sachen des Zionismus nicht immer eine klare Stellung einnimurt und daß er so erfreulich radikale Antizionisten wie Konstantin Brunner absichtlich oder unabsichtlich mißversteht". Die „jüdische Eigenart", von der in ihrer Vorbemerkung zu HerrligkofscrS Aufsatz die „Abwehrblätter" reden, die es avcr in Wirtlichkeit bekanntlich nicht gibt, spielt auch im Eentralverein ihre verwirrende Rolle, gerade auch im Zusammenhang mit den Schriften von Eonstautin Brunner; und es wäre darüber viel zu sagen, weil dieser Aberglaube an eine „jüdische Eigenart", an den „jüdischen Menschen", der Unklarheit der Inden über sich selbst entspringt, und die Ursache des, um Brunners Ausdruck zu gebrauchen, latenten Zionismus der nichtzioniftischen Ju- Die nächste Rümmer erscheint am Mittwoch, dem 8. Januar. (Redaktionsschluß: Montag, de» 4. Januar, früh.) chalischen Herrschaft von Stammeshäuptlingen. Diese soziologische Form hat sich nur im innerarabischen Wüstengebiet und in einigen Küstenstrichen Nordafrikas erhalten. In all den Zentren arabischen Lebens über, die dem Einfluß der europäischen Zivilisation zugänglich waren, in Syrien, in Palästina, im Irak-Gebiet, in Aegypten hat sich innerhalb weniger Jahrzehnte ein grundlegender Wandel der Lebensformen und damit auch der geistigen Strömungen und politischen Bewegungen vollzogen. Waren schon im vorigen Jahrhundert aus den Nomadenstänunen zumeist ackerbauende Fellachen geworden, so entstand in den letztvergangenen Jahrzehnten unter dem Einfluß des von Europa her vordringenden Kapitalismus in den Küstenstädten der genannten Gebiete ein selbstbewußtes arabisches Bürgertum, das, wie überall, seine klassenmäßigen Aspirationen in die gedankliche Form eines zugespitzten Nationalismus kleidete. Neben dem Bürgertum, das in den aufblühenden Handels- und Verkehrszentren mit den Parolen nach nationaler Selbständigkeit, demokratischer Selbstverwaltung und sozialer Besserstellung die Führung der Freiheitsbewegung innehat, finden sich aber in Syrien, Palästina, Aegypten und im Irak auch bereits die ersten Anfänge einer modernen Arbeiterbewegung. So sicher hier noch schwere soziale Konflikte im Schoße der Zukunft ruhen, so unzweifelhaft die Klassengegensätze auch innerhalb des Arabertums zu scharfer Trenuung führen werden, wenn erst einmal das jetzige Stadium des Frühkapitalismus in Vorderasien überschritten ist, so unverrückbar ist aber die Tatsache, daß gegenwärtig sämtliche Elemente der arabischen Bevölkerung, die noch rückständigen Nomaden und Ackerbauer ebenso wie das erstarkende Bürgertum, die junge Intelligenz und schließlich auch die im Entstehen begriffene Arbeiterschaft, einig sind im panarabischen Freiheitsgedanken, in der Forderung nach nationaler Selbständigkeit und nach sozialem Ausstieg. Es ist deshalb absurd, wenn die Zionisten behaupten, sie stellten in Palästina das fortschrittliche Element gegenüber den Arabern dar, und es zeugt von fahrlässiger Verkennung der Situation, wenn man die Gegenbewegung gegen den Zionismus als das Werk einiger feudaler arabischer Drahtzieher hinstellt. Im Gegenteil sind gerade in der arabischen Nationalversammlung, die nach dm Unruhen des Jahres 1929 in Jerusalem züsammentrat, alle arabischen Bevölkerungselemente in wahrhaft demokratischer Weise versammelt gewesen, Burger und Fellachen, Arbeiter und Beden ist. Nun, von dieser Unklarheit der Juden über sich selbst haben auch wir schon manches Lied gesungen. Nun aber kommt der nichtjüdische, der interkonfessionelle Abwehrverein, der nicht aus dem Spezial-Interesse der deutschen Juden, sondern aus deutschem Gesamt- und Staatsinteresse heraus den Antisemitismus bekänrpft. Wie kommt er dazu, so fragen wir, in Sachen des Zionismus eine so zweideutige .Haltung cinzunehmen und ä»s dieser Zweideutigkeit heraus Brunner geflissentlich mißzn.verstehen? Wie kommt er dazu, von jüdischer Eigenart zu phantasieren, die ihm am wenigsten am Herzen zu liegen haß und gleichzeitig an den Unwahrheiten über Constantin Brunner teilzunehmen, indem er iym vorwirft, er wolle eine „völlige Ausmerzung jeder Art von indischer Gemeinsamkeit"? Ist Brunner der Antisemit^ dem dieses Vereins Abwehr zu gelten hat? Und hat ein Verein, der die Verkehrtheit des Antisemitismus abwehren will, ein Recht, demjenigen Mann, der die Verkehrtheit des Zionismus ausdeckt, den Vorwurf der „Diffamie r n n g" des Zionismus zu machen? Vielleicht aber denken die Herren des Vereins auf Grund von Erfahrungen, die sie vor einigen Jahren machten, sie lnitten kein Recht, in innerjüdische Dinge sich einznmischen. So sollen sie wissen, daß sie mit ihrem jetzigen Schutz des Zionismus sich ebenso in innerjüdische Tinge eingemischt haben, wie damals, als sie gegen die zionistischen Wahllisten Propaganda machten! Diese üiitizionistische Propaganda des Abwehrvereins ist hüben und drüben unvergessen, und wir haben alle Ursache, anzunehmen, daß die damalige klar antizionistische Stellungnahme der Herren ihrer wahren Meinung besser entsprach, als das, was sie heute tun. Gewiß ist der Antisemitismus eine deutsche Angelegenheit, aber er ist auch eine Frage, wie die Juden in den deutschen Volkslörper sich einordnen. Wer also dem Antisemitismus wehren will, muß auch dem Juden Separatismus wehreu, wie ec im Zionismus sich darstellt, und letztlich ist auch der Zionismus nicht eine nur jüdische, sondern eine deutsche Frage. Ter Abwehrverein, selber interkonfessionell, aber doch auch speziell den Juden dienend, fordert die Unterstützung der Juden. Diese sollen deshalb auf die gefahrdrohend schwankende Haltung des Abwehrvereins hingewiesen sein und ihm deutlich zeigen, daß sie nur dann ihn ferner unterstützen werden, wenn er in ihnen Deutsche sieht. Das ist die Realpolitik, die wir von diesem Verein erwarten; zu romantischen Phantastereien und zu einer Inschutznahme des Zionismus sind die Zeiten zu ernst, ist die Sache zu groß.

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