Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 11 (1931)
- Issue
- 40-41 (14.10.1931)
- Date
- 1931-10-14
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Jüdisch ÜberaleZeiklliL Organ -er Vereinigung für das liberale Judentum e. V. Bezugspreis durch die Geschäftsstelle ^jährlich M. 3/— Einzelnummer OJ25. Bei freier Zusendung l. Inland gLD Jür die MttgNeder der Vereinigung ist der Bezugsprek» im Milgliedsdeltrage enthalten. Anzeigenpreise: Die 12 geipalt. Ironpareillezeile 0.45 Anzeigentartfdurch dieGeschäftsstelle. Anzeigenannahme bei der Geschäftsstelle u. sämtl. Annoncen-Expedit. 7lr. 40/41 Berlin, t4. Oktober 19Z1 _ 11, Jahrgang Ale Vereinigung für das liberale Judentum übernimmt nur für diejenigen Aufsätze, die ausdrücklich als in ihrem Tlame« »der tu »yrem Aufträge versaht gekenvzelchuei sind, die Verantwortung. Alle anderen Artikel, Aenhemugeu und Vorschläge erscheinen unter der Verantwortung der Redaktion. Die ^Jüdisch liberale Zeitung" erscheint jeden Mittwoch. Redaktion und Geschäftsstelle: Berlin SW 11, Hallesche Str. 1 Fernruf: Bergmann 335S. 3339 Postscheckkonto: Berlin 71TB 7, 137069 (Vereinigung für da, liberale Judentum) Nachdruck sämtlicher Original-Beiträge nur mit vorheriger Genehmigung der Redakno« gestattet. Die nächste Doppelnummer erscheint am Mittwoch, dem 28. Oktober. (Redaktionsschlutz: Freitag, den 23. Oktober, vormittags.) Aus Politik und Wirtschaft Bon George Goetz. Hitler bei tzindenburg — das dürfte, für uns Juden, wenigstens, das in die Augen stechendste, sicher aber nicht das wichtigste Ereignis der vergangenen zwei Wochen sein. Der Inhalt der Unterredung ist, sowenig wie derjenige der Unterredung Briands und Lavals mit Hindenburg, bekannt geworden, und in einem anderen Zusammenhänge hat der Herr Reichspräsident kürzlich verlautbaren lassen, daß er als Staatsoberhaupt grundsätzlich Interviews nicht erteile. Man ist also auf Vermutungen angewiesen. Ziemlich sicher aber darf »itctu arm eh men, daß über die Judensrage nicht gesprochen worden sein dürste, da heute wirtschaftliche Fragen ganz inr Vordergründe stehen und, ihnen gleichwertig als Mittel zu ihrer Lösung, politische Fragen. Bereits die Reden ans der Harzburger Tagung der „nationrlen Opposition" zeigen, wie sehr vor allem die Innenpolitik Mittel zum Zweck der Lösung wirtschaftlicher Fragen geworden ist. Im Mittelpunkt der Rede Hugenbergs standen wirtschaftliche Forderungen in bezug auf Schwerindustrie, Rüstungsaufträge, Agrarpolitik. Die politische Forderung nach Reichstagsauflösung, nach „Räumung des Bauplatzes", stand völlig im Dienste jener vorhergenannten wirtschaftlichen Forderungen. Solange die Parteien des Sozialismus und Kommurnsmus außerhalb der Regierung bleiben, ist der wirtschaftliche Gegensatz, um den es sich handelt, nicht mehr in die Formet zu fassen: „Hie Kapitalismus — hie Sozialismus", sondern es handelt sich um den Gegensatz Binnenwirtschast („Autarkie") und Weltwirtschaft. Um diese Alternative wird es für die neue Regierung, besonders im jetzt eröffneten Reichstag, gehen. Weltwirtschaft, das bedeutet: Fortführung der Gespräche mit Frankreich, Anschluß an die Gespräche, die Frankreich mit Washington haben wird, Auflockerung der politischen und Zollgrenzen, gemeinschaftliche Arbeit an der Lösung der Weltwirtschaftskrise durch alle zivilisierten Nationen. Es ist klar, daß die Regierung Brüning die über Frankreich mit der übrigen Welt geknüpften Fäden nicht abreißen lassen will, daß zunächst die Gespräche Lavals mit Hoover, die am 22. Oktober beginnen, abgewartet werben müssen; es ist ebenso klar, daß diese Fäden abreißen oder doch außerordentlich gelockert werden müßten, wenn die „nationale Opposition" an die Regierung käme. Die Regierungsumbildung der vorigen Woche ist ausschließlich von diesem Gesichtspunkt her zu verstehen. Die Uebertragung des Ministeriums des Innern auf den Reichswehrminister ist nicht, wie viele fürchteten, als Errichtung einer Militärdiktatur gedacht, sondern, im Zusammenhänge mit Brünings erfolgreicher Außenpolitik und mit seiner eigenen Uebernahine des Außemninisteriums, zur Sicherung des jetzigen Regimes. Daß freilich, im Falle eines Regierungswechsels, alle Borarbeiten zur Errichtung einer Mililurdiktatur unfreiwillig geleistet sind (Pressezensur, Artikel 18), kann nicht zweifelhaft sein. Die inuerpolitischen Schwierigkeiten, gegen die der Reichs kauzler sich heute wehren muß, sind aber auch dadurch her vorgerufen, daß er die Wirtschaftskrise, soweit ihre Auswirkungen auf Deutschland in Betracht kommen, von feite».» des Kapitals, anstatt von seiten des Konsums aus zu beseitige»» versuchte. Drosselung der Sozialleistungen, Herabsetzung der Löhne, Heraufsetzung der Steuern, das alles bedeutet Herab - Minderung des Volkseinkommens, der Kaufkraft, des Absatzes. Der Reichskanzler ist Exponent der Zentrumspartei, die ihre politische Ausgabe in der Verwirklichung des Christentums .sieht. Wie sehr das religiöse Gebot der Nächstenliebe, vorn Judentum 2000 Jahre früher verkündet als von: Christentum, zum praktischen Heil der Menschen dient und mit ihrem Egoismus, dem wohlverstandenen Gesamtegoismus Aller, zu sammensällt, zeigt gerade die heutige Lage. Wohl noch niemals war das Interesse der Besitzenden so völlig gleich mit dein der Besitzlosen wie heute. Auf der einen Seite stillgelegte Betriebe und Fabriken, unverkaufte Lagerbestände vom Keller bis zum Dachfirst; aus der anderen Seite die arbeits und daher geldlosen Massen, die kaufen möchten, nichts als kaufen, und es nicht fömten, so daß au ihrer Not auch der Mittelstand und das absatzlose Unternehmertum zugrundegehen. Eine Besserstellung der Massen würde also notwendig eine Besserstellung des Mittelstandes und des Unternehmertums nach sich ziehen. Kann es eine weitergehende Jnteressengleichheit geben, eine günstigere Gelegenheit zur praktische»! Bewährung der Nächstenliebe, der Religion im Leben? Alle Bemühungen »nüßten also hinauslausen auf Erhöhung des Kousmns, auf Schaffung zusätzlicher Zahlungsmittel und Kredite, die aber nicht in Investitionen angelegt werden dürfen. Daß Vorarbeite»» für eine derartige Planwirtschaft vorhanden sind, wurde an dieser Stelle bereits gesagt; u»»i, ist zur Beschaffung zusätzlichen Kredits die Loslösung vorn Golde nötig, so bedeutet diese Forderung in de»u Augeublicke nicht mehr Jnslatio»», in dem diese Loslösung nicht, wie 1922, von einern Einzelstaat, sondern von allen Staaten vorgenommei» wird. Auch hierfür si»»d, wiederum unfreiwillig und wohl mit ganz anderen Ziele»», die Vorarbeiten geleistet, feitbem England und, ihm folgend, einige andere Staaten sich vom Golde lösten. Worauf es nun nufomiitt, ist, aus der Not eine Tugend, aus der krisenhaften Eutwictlung ein planvolles Geschehen zu »nachen. In» Zusamrnenhange mit dieser Währungsfrage muß noch etwas anderes erwäh»rt werden. Bei Vorbringung rein abstrakter Gedanken hört man so oft von den Männern der Praxis den Einwand, sie könnten »nit diesen Gedanken nichts anfangen, Praxis sei anders als Theorie. Die deutschen Lieferungsabschlüsse »nit der Sowjet-Union sind vorwiegend in englischer Psundwährung abgeschlossen. Ei»»c der ersten Fragen, die bei der Verhandlung über die Errichtung der deutschfranzösischen Kommission besprochen worden sind, soll diejenige gewesen sein, ob diese Aufträge nicht künftig in Francs getätigt werden sollen. Dies käme durch Jnanspruchnahnie der französischen Finanz und infolge der größere»». Sicherheit, die augenblicklich der Franc gegenüber dein Pfunde hat, gleicherweise Franzosen wie Deutschen zugute. Würde man »mi» den Männern, die an den Entschlüssen maßgebend »nitwirken, von der „abstrakte»»" Philosophie her sage»», daß cs in dieser Welt der Bewegung, des Wandels und der Relativität nichts Absolutes und Festes gibt und daß daher der Franc so wenig „sicher" ist wie das Pfund, sie würden gewiß wieder antworten, mit solchen bloßen Ideen könne n»an nichts airfangen. Und doch sollten die Jahre der deutschen Inflation, die Vorgänge des Juli 193t in Deutschland, die Vorgänge des September 1931 in England umnißverständlich gezeigt haben, wie enrinent praktisch der scheinbar abstrakte Gedanke von der Vergänglichkeit alle--» Gewordenen auch für die Wirtschaft ist. Der göttliche Gedanke wird sich stärker erweisen als der abergläubische Tanz u»n das goldene Kalb; dies biblische Bild gilt ganz gewiß auch für unsere Wirtschaft und ihr hervorragendstes Mittel, die Währung, u»»d „sicher" ist, solange Menschen auf der Erde wohnen werden, ausschließlich ihre Produktion und ihr Bedarf, nach denen sich Kredit u»»d Währung richten »nüßtcn. * So wichtig cs ist, daß alle diese Dinge erkannt und dar»»»»» auch besproche»» werde»», so notwendig ist es doch andererseits, an diese Besprechung eine Warnung ailzufüge»». Die Krise von heute ist gänzlich a»»derer Art als die der Inflation, der .Hungersnot u»»d des Krieges, aber sie ist nicht »ninder schwer als ihre drei Vorgängerinnen. Und es gab, un» hier nur von der Jnslatio»» zu sprechen, eine Zeit, da das ganze deutsche Volk inr Zustande der Psychose und völliger Geistesverwirrung sich befand, da von nichts anderen» gesprochen wurde als vo»r der Höhe des Tollarstandes. Der allein interessierende Gesprächsstoff, die Wirtschaftskrise und soziale Not, legt sich auch heute »vieder läh- »nend auf alles, beherrscht jedes Gehirn, drängt sich vor in Kunst, Theater, Presse, Literatur und in alle»» geistiger» Bezirken, übrigens auch in der bloßen Geselligkeit. Wo nur zwei Menschen zusainme»» sind, da ist bereits ein politischer Stammtisch errichtet. Auch hiergege»» »nuß inan sich wehren, denn dieses ganze Stammtischlertum bedeutet keinerlei T a t, so»»dern ist ein bloßes A b r e a g i e - reu bei gleichzeitiger Gewöhnung an dieses eine Thema. Zur Lösung der großen Fragen sind nur die Wenigen berufen, die an maßgeblicher Stelle stehen. Die vielen Ändern aber, die große Taten nicht tun köiurei», könne»» doch kleine Tatei» tun. An» Zustandekornmen einer Nachbarschaftshilfe und sozialer Kleinarbeit kann jeder »»»itwirke»», sogar auch diejeirigen, die nicht Geber, so»»dern Empfangende dieser Hilfeleistung sind. Es ko»»»n»t darauf an, daß jeder Einzelne in feilten» Kreise und in» Rahinen seiner Möglichkeiten das Seinige tut, da»»»» aber, in» Bewußtsein der erfüllten Pflicht, sich Kopf und Herz frei hält vor» den Gefahren, die seinen» Geist nicht weniger drohen als seine»»» Körper. Wie zur sozialen Tat, so ist a»»ch zur Abwehr der drohende»» Psychose jeder Einzelne in der Lage, u»»d wenn es eine Forderung der Religion a»» die Me»»schen »st, nach dieser Richtung Selbsterziehung zu üben, so fällt auch hier religiöses Gebot mit praktische»»» Heil der Menschen zusainrnen. Ausbau des jüdijchenWohlsahrlswesens unter liberaler Führung Berliner Repräsentantensihung vom 7. Oktober Dr. Walter Breslauer zum Verwalkungsdireklor gewählt. — Bedeutsame Erklärungen des liberalen Gemeindevorstehers Direktor Heinrich Stahl über die Wohlfahrlsaufgaben Kein Zweifel, die Beratung über das Wohisahrtswesen der Berliner Jüdischen Gemeinde, die an» vergangenen Mitt- »voch stattgefnnden hat, ist vorbildlich uub beispielgebend für das jüdische Wohlsahrtswesen in» ganzen Reich. Positive Aufbauarbeit ist geleistet worden und »vird weiter geleistet iv»jeden, solange die Liberalen an der Spitze der Ge»»»einde stehen und sich durch keinerlei parteipolitische Zuspitzu»»gen in ihren» Wille»» beirren lassen werden, sachliche Arbeit in» Dienste der jüdischen Gesarntheit zu leisten. Begimrei» »nuß der erfreuliche Bericht, de»» wir heute zu erstatten haben, freilich »nit einer kleinen Beschwerde. Wir habe»» früher oft u»»d eindringlich aus die u»»»vürdigen Zustände auf der Zuhörecgalerie hingewiesen; Abhilfe ist zugesagt, aber nicht geschaffen worden. Dieses Mal »var es besonders schlirmn. Ausnahinsweise fand die geheiine Sitzung nicht im Anschluß an die öffentliche, sondern vorher statt. Die Zuhörer durften also die Tribüne zunächst nicht bctWeten. Der Beginn der öffentlichen Sitzung war auf 8.30 Uhr an gesetzt worden, doch zog sich die geheiine Verhandln i»g fast bis ll Uhr hin. Das Gemeindehaus hat Korridore und Räu»ne gei»ug; war es »»ötig, daß das an der Berhandlung interessierte Publikum drei Stunden im strömenden Regen auf der Straße ivarte»» n»ußte? Hauptgegenstand der geheimen Verhandlung »var die W a h l d e S Verwaltungsdirektors. Eine derartige Berufung ist seit langem geplant gewesen, de»»»» seit der Amtsniederlegung des letzten Syndikus, den die Berliner Gemeinde gehabt hat, u»»seres unvergeßliche»» liberalen Parteifreundes I u st i z r a t Leo Lilientyal, ist keine Stelle Vorhände»» gewesen, in deren Hand alle Fäden der Gemeindeverwaltung zusaminenlrefen. Das Fehlen eines Mannes, der im Hauptberuf die Gesamtverantwortung trägt, »var aber u»» so fühlbarer, als »vährend der letzten Jahre die Aufgaben der Gemeinde, damit auch der Utnfang des Berwastungsapparates, bekanntlich ganz beträchtlich angewachsen ist. Tie Wirtschaftskrise der letzten Monate hat außerdem eine grundlegende Reorganisation der Ge»nei»»deverwaltung notwendig gemacht, zuinal »»» den letzten Jahren der zionistischen Mehrheit in unverantwortlich großzügig-leichtsinniger Weise unnötige Personaleinstetlungen vorgeno»n»»»en worden waren. Die Wahl der Gemeindekörperschaften ist ans den Berliner Rechtsanwalt und Notar Dr. Walter Breslauer gefallen. Der jüdischen Oessentlichkeit u»»d insbesondere den Lesern unserer Zeitung ist der Na»»»e Walter Breslauer seit lange»»» bekamtt und vertraut. Er ist der Sohn des Begründers und langjährigen Borsitzeriden unserer Vereinigung für das liberale Judentum, J»»stizrat B e r n h a r d Breslauer, ebenso unvergessen in unser»»» Kreis wie Leo Lilicnthal, mit dein er intim befreundet »var. Die Tradition des Vaters hat Dr. Walter Breslauer fortgeführt. Er gehört de»»» Vorstände der Vereinigung für das liberale Judentuin an, ist Schriftführer des Berliner Liberalen Vereins uub Vorsitzender der Liberalen Fraktio»» in» Preußischen Landesverband jüdischer Gemei»»den. Als Wortführer dieser Fraktion sowie »nit Artikeln in der Jüdisch-liberalen Zeitung ist er oft hervorgetreten. Bei Freund und Feind erfreut er sich der größten Achtung sowohl »vegen seiner außergewöhnlichen Sachkenntnis in jüdischen Verwaltungsangelegenheiten, als auch insbesondere durch seine absolute, durch nichts zu erschütternde Sachlichkeit. Diese beiden Eigenschaften lassen ihn für das schwere Amt des VcrwaltungSdirektors der Berliner Gerneinde besoriders geeignet erschei»»en. Die Wahl erfolgte auf Lebenszeit, bei Vereinbarung einer sechsmonatige»» Probezeit »nit beiderseitigem Rücktrittsrecht. Während dieser Probezeit übt Dr. Breslauer sein verantwortungsvolles Aint unbesoldet aus, und »»»an »nnß ihn» für dieses Entgegenkom- »neu ebenso dankbar sein »vie für seine Bereitwilligkeit, die Bürde dieses Amtes in so kritischer Zeit auf sich z»» nehmen. Erst kurz vor ll Uhr konirte Rechtsanlvalt Heinrich Stern die öffentliche Versa»»»mlung eröfsnen. Er begann »nit einen» herzlichen Nachruf auf den soeben verstorbenen früheren Geineindevorsteher und Ehrengroßpräsidenten des U.O. B.B., Geheim rat B e r t h o l d T i m e n d o r f e r.