Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 11 (1931)
- Issue
- 38-39 (30.9.1931)
- Date
- 1931-09-30
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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wiesen. Bescheidenheit und Friedensliebe waren Grundzüge seines ehrenwerten Charakters, Hilssdereitschast gegen jedermann verschaffte ihm Liebe und Achtung in allen Kreisen der Bevölkerung. Der Gcsamtvorstand der Gemeinde widmete dem Entschlafenen einen in herzlichsten Worten des DaukcS und treuen, ehrenvollen Gedenkens abgefaßten Nachruf. Bei der Traucrseier, die enn Rüsttage des Neujahrsfestes stattsand, ivädmrle der Amtsnachfolger des Verstorbenen, Lehrer Selig, dem verehrten Berufssrennde ehrende Worte des Ab schieds. Die Gemeinde veranstaltete zu Ehren des allgemein geach leien geistigen Führers eine stimmungsvolle Treurerfeier. Mit». (S t u d e n t e n s c e t s o r g c.) Die Universität hat Herrn Rabbiner Dr. Kober die Stud-eu tenseelsdr-pe übertragen. Köln. (Vom l i b e r a l c n K u l t u s a u S s ch u ß.) Der liberale KultuSauSschuß der Synagoge.cgemeinde hat beschlossen, einen zweiten FreitagabcndgotteSdicnst in der Synagoge Roonstraße einzurichten. Er wird am 9. Oktober um 19.20 Uhr zum ersten Mal stattfinden. Die Beratungen über die Frage, ob das liberale Ein-- heitsgebetbuch cingeführt werden solle, sind noch nicht abgeschlossen; doch machen sich erhebliche Widerstände geltend. Königsberg. (Re prüfe n t ante ns itzung.) Am Dienstag, dem 15. September, fand eine Repräsentantcnsitzung statt, bei der seitens des stellvertretenden Vorstehers Justizrat Tr. Lichtenstcin,^ der die Versammlung leitete, die Mitteilung gemacht wurde, daß Vorstand und Repräsentanz dem Gemeindevorsitzeuden Geheimrat Falkenhcim zu seinem fünsundsiebzigsten Geburtstag die herzlichsten Glückwünsche der Gemeinde übermittelt haben. Da na kl) wurde in geheimer «itzung über eine Finanzvorlage beraten. Weitere Punkte standen nicht auf der Tagesordnung. Königsberg. (P r o f e s s o r M a x L ö h.r hcimgega n g e n.) Tie Synagogengemcinde Königsberg wurde durch den Tod des a>n Tage des Perjöhnungsfestes an einen: Herzschlag gestorbenen Prosesjors D. Dr Mar Löhr, enuritv-rten Ordinarius für alttestament liche Wissenschaft an der evangelisch theologischen Fakultät der Albertus- Universität Königsberg, in tiesc Trauer versetzt. Mit Löhr ist ein Manu dahingegangen, der dein Judentum nicbl nur objektiv gegen übcrstand, soiidrrn auf Grund der .intimste» Kenntnisse seiner Lehre wie seiner Geschichte und seines Ritus als ivärmster Freund des Judentums anzusprechen war. Ter Dahingeschiedcnc, der zu den bedeutendsten Forschern und Lehrern der atttestcnncntlichcn Wissen schast zählte, >var zunächst außerordentlicher Professor m Breslau und wurde iw Jahre 1909 als Ordentlicher Proscssor nach Königsberg berufen. Die Studenten der evangelischen Theologie, die zu seinen Füßen saßen, wurden von ihm nicht nur im Geeite der Toleranz, sondrm auch im Geiste der Verehrung des Judentums erzogen. Löhr hat eine Reihe von bedeutenden Werke» über das Alte Testament geschrieben, die in der tvissenschastliche» Well großes Aufsehen erregten. Zuletzt .arbeitete e.r an einer Archäologie deS Alten Testaments. Professor Löhr ist es auch zu verdanken, daß Rabbiner Dr. Prrles-Königsberg von der philosophischen Fakultät der Albertus Universttat einer, Lehrauftrag für awmäisch und neu hebräisch erhielt und zum Honorarprofessor ernannt wurde. In der Oessentkichkeit hat Professor Löhr sich zu wiederholten Malen als warmer Verteidiger für daS Judentum eingesetzt. AlS vor ewigen Jahren in Memel das Ritvatmordmärchen kursierte, erließ er in der dortigen Presse vom Slandpnnkt des evangelischen Theologen aus eine Erklärung, dcrzufolgc er den Ritualmord in das Reich wer Fabel verwies. Diese Publikation hatte zur Folge, daß sogleich eine st-aike Beruhigung der Bevölkerung .eintrat. Der Berewixte war im stärksten Maße an allen jüdischen Dingen interessiert und man sah ihn sehr häufig in jüdischen Versammlungen. Dem Königs bergcr Verein für jüdische Geschichte und Literatur gehörte er als Mitglied an. Verschiedentlich hielt er in.jüdischen Vereinen Vorträge.. Für den Gottesdienst zeigte er ein so starkes Interesse, daß er at* Men Feiertagen in der Ahn agoge, in der ihm der Vorstand einen Ehrenplatz ringer äumt Halle, erschien und den Gottesdienst an Hand' des Gebetbuches verfolgte. Wenn die Thora vorbeigetragw wurde, verneigte er sich vor ihr. Auch pflegte er an Soder-Abendcn teilzunehmen. Am letzten Wersöhnungstagc wohnte er von morgens bis mittags dem Gottesdienst bei. Nachmittags überraschte ihn der Tod in seiner Wohnung am Schreibtisch. Bei Lohrs Einäscherung, dic im Könrgsberger Krematorium stattfand, kam die Liebe und Ver ehmmg, die er in jüdischen Kreisen genossen, durch eine starke jüdische Beteiligung zum Ausdruck. Einzigartig war es, daß der erst« Kantor Dr. Pick und der Synagogenchor unter Leitung seines Chordirektors Badrian bei der Einäscherungsfeier für diesen evangelischen Theologen auf besonderen Wunsch des Verstorbenen mitwirkten. Kantor und Chor sangen i>as Adaun aulom in der Vertonung des Königsberger Komponisten Schwalm, wonach Pfarrer Rohde dev 90. Psalm verlas und das Vaterunser sprach. Danach sank der Sarg unter Orgelklängen in die Tiefe. Das Andenken dieses ‘ edlen Menschen wird in den wertesten Kreisen sortleben. > Lörrach. (F r i ed ho fs s ch ä It du n g.) Vor einiger ^Zeit wur den auf dem jüdischen Friedhof in Kirchen bei Lörrach Grabsteine durch Würfe mit schweren Steinen zerstört und Jnschristtafcln beschädigt. Dic Tat wurde erst spät entdeckt, so daß sich die Ber folgung der Täter schwierig gestaltet- Auf ihre Ergreifung ist eine Belohnung von 100 Mark ausgesetzt ivordcn. Die ,.C.V.-Heilung" weist darauf hin, daß das Karlsruher nationalsozialistische Blatt „Der Führer" behauptet, Juden seien die Täter, ohne auch nnr die Spur eines Beweises erbringen zu tonnen. Ltzck. (A n t i s e m i 1 i k o.) Als l nrztich in Lyel ein indischer Kaufmann, der aus Nahrungsfvrgen feinem Leben ein Ende gemacht hatte, beigesetzt wurde, stellten antisemirische Kreise in unmittelbarer Nähe des Trauerzuges eine Tafel mit der Inschrift auf: „So wird'» Euch allen ergehen!" Die nationalsozialistische Ortsgruppe versuchte die Schuld auf Anhänger des Tanncnberg-Bundes abzuschieben. Der Oberstaatsanwalt in Lyrk hat gegen die Plakatträger und die Hinter männer Strafverfahren cingeleitet. — In Lyck wird gegen die jüdischen Geschäftsinhaber in stärkster Weise Boykott propagiert: Zettel Verteiler stellten sich an den Markttagen vor den jüdischen Geschäften auf. Als verantwortliche:: Herausgeber waren aus den Boykottzetleln die überhaupt nicht bestehenden Organisationen „Deutscher Volks? dienst" und „Deutsche Auftlärungsgemeinde" angegeoen. Der Regieumlgspräsidcut in Allenstein verbot diese Zettel auf Grund der Prcssenotderordnung, nachdem die Polizeiverwaltung ihrerseits ein Verbot abgelehnt hatte. Wie sich herausstellte, haben die nichtjüdischen Geschäftsleute lediglich aus Konkurrenzgründen diese Doykottcigitation finanziert. Es ist gegen sie S'.rafanzcigc wegen unlauteren Wettbewerbs erstattet worden. Der Regierungspräsident in Allenstein hat sich auf Grund dieser Vorgänge veranlaßt gesehen, einen Sondcrkommissar zur Untersuchung nach Lyck zu entsenden. Tie Abwehraktion führt der Landesverband Ostpreußen des Ccntral-Vcreins. Magdeburg. (Ehrung v o n Rabbiner D r. Wilde.) Im Einverständnis mit Herrn Dr. Wilde fand am zweiten Tage unseres Neujahrsfestes nach Schluß des Gottesdienstes eine kleine Feierlichkeit anläßlich seines 85 jährigen hiesigen Anctsjubiläums statt. Der Vorsitzende des Vorstandes, Herr Sanitä'srat Dr. Frankenstein, umgeben von den Herren der Gemeindevertretung, hielt eine inhaltsreiche Ansprache, in welcher cc in kurzen Zügen die Tätigkeit unseres Herrn Rabbiners streifte. Cr bat Herrn Dr. Wilde, auch in der kommenden Zeit seine immer wachsenden Pflichten getreulich zu erfüllen, damit er und seine Gemeinde ste:s ein Ganzes bleibe. Tann übergab er einen im Namen der Gemeinde zur Erinnerung gestifteten silbernen Chanuka-Leuchter mit dem Hinweis, daß dieser nicht nur an seinen Festtagen leuchten solle, sondern auch an alle,: Tagen der Freude und Erinnerung fein Licht im Hause unseres Rabbiners und auch für andere erstrahlen lassen möge. Herr Dr. Wilde, der sichtlich ergriffen und erfreu! war, dankte mit Worten des Versprechens, auch weiterhin seinen ihm übertragenen Pflichten allezeit treu zu bleiben. Die würdige Feier hinterließ einen tiefen Eindruck aus die Anwesenden. Nevmogen. (Fr i e d ho fs s ch an d u n g.) In Renntagen an der Mosel wurde der jüdische Friedhof von bisher unbekannten Tätern heimgesucht. Zehn Grabsteine wurden umgeworfen und vier stark beschädigt. Es ist dies die 105. Friedhofsschändung. Raftenburg. (Hohes Alter.» Seinen 75. Geburtstag konnte Kantor Davidsohn in körperlicher und geistiger Frische begehen. Der Jubilar stand 37 Jahre hindurch int Dienste der jüdischen Ge mcinde und erwarb sich während dieser Zeit in weiten Kreisen der Bevölkerung große Liebe und Wertschätzung. Seir süns Jahren befindet sich der Jubilar int Ruhestand. Zahlreiche Glückwünsche wurden ihm von allen Seiten übermittelt. Rheda. (Persönliche6.) Der langjährige Vorsitzende der hiesigen Gemeinde, Herr Karl Dannenbaum, beging am 29. September seinen 70. Geburtstag. Der Jubilar erfreut sich in weiten Kreisen hoher Wertschätzung und bekleidet mehrere Ehrenämter. Stuttgart. (Plenarsitzung des V o r st e h c r a m t e s.) Im Mittelpunkt der Beratungen stand die von der Gemeinde zusammen mit sämtlichen jüdischen Wohlfahrtsycreinen ins Leben gerufene Nolhilse. Der Vorsitzende der Gemeinde, Oskar Rotschild, zeichnete Organisation und Aufgaben der Nothilfe. Alle Vereine haben sich bereit erklärt, während der Sammlung keine eigenen Gelduni» Materialsammlungen vorzunehmcn. Der am Vorabend des Ver söhnnngssestes in den Besitz der Gemeindemitglieder gelangte Ausruf hat in diesen wenigen Tagen bereits 6500 Mark gebracht, man. rechnet .-auf weitere große einmalige und monatliche Spenden. Ein-- zelne Vereine haben sich ebenfalls bereit erklärt, im Notfall ans den Mitteln ihrer Fonds zur Rothilsc beizustcuern. Ebenso will die ttzemeindc, da sie satzungsgemäß die Berechtigung hat, ihre zur Verfügung stehenden Restmittel für die Nothilse verwenden. — Ein ganz kleiner Aktionsausschuß soll für die korrekte und angemessene Verteilung eingesetzt iverdcn, ihm sollen angehören: ein Gemeindevorsteher, einer der Rabbiner und dann noch etwa zwei. Mitglieder der .großen Männernmd Fraucnorganisationcn. Hilfe soll für Miete und .Heizmaterial gewährt werden. Die Lebensmittel Versorgung liegt bereits in Händen der hiesigen sogenannten Pfund sammlung. Es ist selbstverständlich, daß diese Zentralstelle über jedwede geleistete Hilfe innerhalb der Gemeinde, auch die, welche von anderen Seiten geschieht, erfährt, wie es natürlich auch Ehrensache ist, daß Diskretion strengstens gewahrt bleibt. — Für die Finanzabteilung berichtete dessen Vorsitzender Karl Levy. Eine Re,!>c von Zuschüssen ivurde genehmigt. Trotzdem man in längerer Debatte eigentlich zugeben mußte, daß die jüdische Gemeinde Stuttgart durch ihre Zugehörigkeit zum Laitdesverband viel größere Aufgaben als viele deutsche jüdische Großgemeinden zu leister: habe, tvollic tmm die oben bewilligten Zuschüsse in Anbetracht der schwierigen Lagen der verschiedenen Organisationen in diesem Jahre nicht Wegfällen lassen. — Zur Kalenderresorm will sich dic Gemeinde im gleichen Sinn wie der Israelitische Oberrat Württemberg äußern. — Ter Oberrat hat nnnmchr in Anbetracht der Wirtschaftsverhältriisse davon abgesehen, hetzt einen weiteren nichtständigen Lehrer in Slnttgart cinzustelleic. — An Austritte» in der Gemeinde wurden 3 genannt. Tiegenhv-f. (2 y n a g og c. u e i n i r u ch.) Am ersten Abend des Rasch Haschanah.--Festes tvurde in die Synagoge von Tirgcnhosi im Freistaat Danzig . eingcbrochen. Die Thora-Lade wurde vo'n dort Einbrechern zrrtrünimcrt, die gesamte Jvneneinrichtung der Synagoge demoliert. Die Polizei forscht nach den bisher noch unbekannten Tätern. Wickede. (F r r e d ho f s fch ä n d nn g. j Auf dem jüdischen Fried Hof in Wickede haben Friedhofsschänder ihr Unwesen getrieben. Die Täter sind auf den Friedhof eingedrungen und haben zwei Denksteine auf Kindergräber» umgerisscn. Ein Stein wurde auf die Straßenböschung geschleppt. Von den Tätern fehlt bis jetzt jede Spur. Die Ortsgruppe des hiesigen Centraloereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens hat auf die Ermittlung der Täter eine Belohnung von 100 Mark auSgefetzt. Aus der Bewegung r~i r l Berliir-Friedemtil. tL a u b h ü t t e n f t i c r.) Am Sonntag, dem 27. September, hatte der Bezirk Friedenau aus Anlaß des Sukkoth- Festes einen Unterhaltungsnachmittag. Die MUglieder der Bezirksgruppe Friedenau waren vom Liberalen Bcreln eingcladcn, in der Laubhütte von Frau Rose Hossmann einige frohe Stunden zu ver leben. Die Beteiligung >var außerordentlich zahlreich. Frau Kallmann, die 2. Vorsitzende der Bezirksgruppe, hatte, da Herr Sander durch plötzliche Erkrankung seiner Frau leider verhindert war, die Leitung übernommen und begrüßte mit herzlichen Worten die Anwesenden. In einer mit bunten Guirlanden, Früchten und kleinen Emblemen jüdischen Charakters geschmückten Laube, in der die Feiertagslichter brannten, hielt .Herr Rabbiner Dr. Winter eine kleine Ansprache und machte Kiddusch. Herr Dr. Fritz Salomonsii erfreute mit dem herrlichen Vortrag Schumaiinscher Lieder und einiger Loewe Balladen. Frau Goetz hatte die Begleitung in der ihr eigenen vollendete» Weise übernommen. Zum Schluß wurde von Frau Hvfsmanu ein Film von der im Jahre 1928 in Berlin stattaefnndene» südisch-libercifen Well .Konferenz vorgesülirt, der uns mit den prominenten Teilnehmern an der Konferenz aus allen Weltteile» bekannt machte. Frau Kalt manu dankte in schlichte'.!, aber herzlichen Worten allen denen, die sich das Gelingen des Nachmittags bemüht hatten, in erster Linie ber liebenswürdigen Gastgeberin, Fra» Rose Hoffman», die keine Miiye gescheut halte, den Nachtnitlag angenehm und familiär zu gestalten. Rückblick (Eine Berichtigung) In unserem Artikel „Rückblick" in Nr. 31.5 hatten wir uns mit der Finanzlage de? Zionismus auf Grund der in den Jia Nachrichten enthaltenen Mitteilungen besaßt. Wir hatten uns natur gemäß auf die Mitteilungen dieser sehr gut unterrichteten Justituliouen verlassen. Nun schreibt uns der Keren Hajcst'od unter dem 8. Sep tembcr d. I. folgendes: „Alle Ziffern, die Sic erivähnen, beziehen sich nicht auf das Budget der Zionistischen Organisation, sondern auf das Budget der Jewish Agency. Und cS ist weder erstaunlich noch niederschmeitcrno, daß die Einnahmen der Jewish Agency restlos ober fast restlos auf den Einnahmen des Keren Hajessod basieren, denn der Kcrerr Hajessod ist das Finanzinstrument der Jewish Agency. Die ZionS stische Organisation hat seit der Gründung der erweiterten Jewish Agency im August 1929 dieser dic gesamte Kolonisationsarbeit in Palästina übergeben. Ihr eigenes Budget für Organisation und Propaganda deckt sie aus den Schekeleingängen, ohne für ihre eigenen Zwecke auch nur einen Pfennig aus den Eingäng«» des Keren Hajessod in Anspruch zu nehmen. Wenn sich der zionistische Kongreß als solcher sehr eingehend mtt dem Budget der Jewish Agency befaßt, so sind alle seine Pudgctbefchlüssc Vorschläge, die die zionistische Hälfte im Council der Jewish Agency für den neuen Etat zu unterbreiten hat. Die definitive Beschlußfassung über das neue Budget obliegt dem Council der Jewish Agency in seiner Gesamtheit. Was nun die Ziffern des Budgets für das Etatjahr 1931/1932 betrifft, so berichtet die ITA. vom 17. Juli ds. Js. darüber wie folgt: „Der Budgetvorschlag der Exelutive und des Keren Hajessod in der Höhe von 366 000 Pfund wird angenommen. Dieses Budget sitzt sich zusammen aus: 80 000 Pfund für landwirt-' schaftliche Ansiedlung, 57 000 Pfund Erziehung, 14 500 Pfund Einwanderung und Arbeit, 55 000 Pfund Gesundheitstnescn, 2000 Pfund Industrie, 1000 Pfund religiöse Zwecke, 48 000 Pfund Administration, 91000 Pfund Schuldemilgung, 15 000 Pfund Entschädigungen und Gehaltsrückstände an Beamte." Dieser Vorschlag wurde in der Tat dem Council der Jervish Agency unterbreitet, und die ITA. berichtet in der Nummer vom 21. Juli, daß die vom Council der Jewish Agency eingesetzte Budgetkommission 15 000 Pfund gestrichen uitd ein Budget von 351000 Pfund zur Annahme empfohlen hat. Bei der Beratuirg dieses Budgetvorschlages der Budgetkommission im Plenum lvurdc dann, wie die ITA. ganz richtig mittcilt, seitens eines Delegierten der Antrag gestellt, das Budget um 10 000 Pfund, d. h. also aus 361 000 Pfund zu erhöhen. Wenn die ITA. abschließend bemerkt „Das vorgeschlagetie Budget wurde angenommen", so ist das nicht ganz richtig; die dcfinilioc Entscheidung tvurde vielmehr dem Ad -ministrativkomilec der Jewish Agency überlassen. Unrichtig ist demnach auch Ihre Berechnung, tvonach die Posten für Verzinsung und Abtragung der Schulden unv für Verwaltung sich auf mehr als 50 a/o des gesamten Budgets belaufen: richtig ist vielmehr, daß nach dem Vorschlag des Kongresses für diese Zwecke 42 «5 des neuen Budgets verwendet iverdcn sollten, nämlich 28,9 für Abdeckung von Schulden und Verpflichtungen und 13,1 für Verwaltung." Dem Wunsch des Keren Hajessod folgend, geben wir von diesen Mitteilungen Kenntnis, lins sind die Interna, dic sich zivischen den verschiedenen zionistischen Organisationen abspielen, natürlich unbekannt. Tic Mitteilungen des Äcren Hajessod können den Kern unserer Mitteilungen nicht erschüttern. Die Tatsache bleibt bestehen, daß nach den Voranschlägen nahezu eine Million Mart für Administration und rund 20 000 Mark für religiöse Zwecke verwandt werden. Das ist von unserem Standpunkt aus das Entscheidende. BÜCHER5CHAU ★ Rudolf Kassner, Das physiognomische Weltbild. Delphin- Verlag, München 1930. 26t 8. Eine bereichernde Ergänzung und Ausweitung des itn gleichen Verlage erschienenen Buches von Max Piceard ,,Das Menschengesicht“ ist das Werk von K. Wird dort in einer Fülle \ on neuen Erkenntnissen von dein Bau des Meii8che.itgesichtes, seinem Ausdruck, seinem Verhältnis zur Seele, von den Beziehungen des einzelnen Gesichtes zu anderen Gesichtern, des Menschengesichtes zu den übrigen Gebilden der Schöpfung gesprochen, so wird hier das Weltganze unter den physiognoiiiischen Gesichtspunkt gestellt. Nach K., dem Begründer einer universalen Physiognomik, einem der feinsten und tiefsten Denker unserer tage, heißt Physiognomik zuletzt nichts anderes als „die innere Gestalt oder Seele des Lebens und der Dinge erfassen“. Er gelangt deshalb von den einfachsten physiognomischen Ansichten, wie sie das menschliche Gesicht dem Betrachtenden bietet, zur Erfassung der Weltkulturen ebenso wie zur Deutung dichterischer Persönlichkeiten und ihrer Werke. So behandelt ein Abschnitt des Buches „das europäische Gesicht“', während in anderen Teilen wie „zu Goethes Wilhelm Meister“ und „Erinnerung an Hugo von Hofmannsthal“ die Fruchtbarkeit der physiognomischen Aesthetik überzeugend dargelegt wird. Wer Piccards „Menschengesicht“ mit großem Gewinn in sich aufgenommen hat, wird durch Kassners ,,Weltbild“ die umfassenden Möglichkeiten der physiognomischen Anschauungsweise kennen lernen und zugleich in die geistige Welt eines der tiefsten Deuter unserer Zeit eindringeji. Dem gedankenschweren Inhalt des Buches hat der Delphin-Verlag einen ansprechenden äußeren Rahmen gegeben. Arthur Kahane, Das Judenbuch. Tiergarten-Verlag. Berlin* 1931. 183 8. Ein seltsames Buch! Widerspruchsvoll und geistreich, ehrfurchtslos und doch voll heißer Liebe zum Judentum. Fühlt man sich durch die Worte, mit denen apr Vf. sein „Subjektives Bekenntnis als Vorspruch“ einleitet: „Ich liebe die Juden. Ich liebe den Juden und das Jüdische in mir. Ich bin stolz darauf, ein Jude zu sein. Trotzdem bin ich Dissident“, irritiert, und liest man zuweilen Stellen, die einem antisemitischen Katechismus alle Ehre machen könnten, so bewundert man doch die geistvollen Formulierungen, mit denen K. als Lobredner der Juden in die Schranken tritt. Geradezu einmalig, erstmalig und klassisch ist das, was er in dem Kapitel „Shylock und Nathan der Weise“ sagt. Allein um dieser Ausführungen willen muß man das Buch gelesen haben. Es ist aber auch nicht uninteressant, welche Rolle K. den Juden zusehreibt: „Israel hat ein einzigartiges Schicksal unter den Völkern der Erde, wie soll man, wenn man nicht an der Vernunft des Weltganzen zweifelt, nicht glauben, daß dieses Schicksal seinen Sinn hat, daß dieses einzigartige Schicksal eine einzigartige Aufgabe bedeutet? .In allen Völkern der Erde herrscht die Tendenz, Nation zu werden.Aber warum soll es nicht unter allen Völkern auch eines geben, ein einziges, das keine Nation, ist, dessen Besomderheit keine nationale ist, das allen Völkern sich gleich weit und nahe fühlt, das über der Natiotr und zwischen den Nationen steht, und sich die Kraft des Geistes zu traut, die anderen Nationen zu verstehen, und die Kraft der Liebe zwischen ihren Kulturen zu vermitteln,, als Intennatian gewissermaßen? Je mehr sich die Völker als Nationen von einander absondern, um so unentbehrlicher erscheint für den Kulturzusam men hang und — Fortbestand die Mission einer Kulturverrnittlung. Welches Volk ist durch Schicksal, Wesen und Begabung dazu berufen, wenn nicht das jüdische?“ R. Miiller-Freienfels, Geheimnisse der Seele. Delphin-Verlaff. München. 349 8. Unter „Geheimnissen der Seele“ versteht der Vf. nach seinen eigenen Worten nicht solche Sensationen, wie sie von okkultistischem Zirkeln in verdunkelten Zimmern gesucht oder erzeugt werden. Er greift vielmehr Probleme auf, die scheinbar am Lichte liegen, und setzt sich mit Tatbeständen auseinander, die jeder im Alltag vorfindet» Daran sucht er zu zeigen, daß auch Bekanntes noch lange nicht erkannt zu sein braucht, und daß auch hinter den scheinbar einfachsten Sachverhalten des Daseins liefe Mysterien wirken. Es ist ein großer geistiger Gewinn, die vielfach im Plauderton wiedergegebenen, aber nichtsdestoweniger tiefschürfenden Ausführungen über Probleme zu lesen, die den denkenden Menschen in ihren Bann zwingen. Was die Metaphysik und Entwkklungspsychologie unserer Tage, die Jugend-, Sozial-, Kultur- und Religionspsychologie zu uralten Menschheitsfragen zu sagen hat, das wird in geist* reichen Essays dargestellt, die in sechs umfangreichen Kapiteln die Unendlichkeit der Seele, den Finzelmenschen und sein Schicksal, die Reise in die Vergangenheit, die Dramaturgie des Lebens, "die Amerikanisierung der Seele und die Religion der Zukunft behandeln. Der Gebildete kann an diesem. Buch, das ihm den Stand. der Wissenschaft unserer Zeit in meist populärer, überaus anregender Darstellung vermittelt, nicht vorübergehen. Es ist ein aktuelles Buch, das vom Verlag auch äußerlich ansprechend ausgestattet ist. Prof. Dr. G o 1 i n s k L Werbt neue Mitglieder! >