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Jüdisch-liberale Zeitung · 1931-08-19 · 32-33 (19.8.1931) · page 1

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
11 (1931)
Issue
32-33 (19.8.1931)
Date
1931-08-19
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Aestnummer: „Hamburger Tempel" IMchliberaleZeldmg Organ -er Vereinigung für das liberale Judentum e. V. Bezugspreis durch die Geschäftsstelle '/«jährLch TBL 3r— EluzAumumer (US. 8d frei« Zusendung I» Inland (US Aür die Mitglied« d« Vereinigung ist d« Vezugspvtts nn Mtgllebsbeiteage enthalten. Anzeigenpreise: Die 12getpatt.TloupareMezeileL45 Anzeigentarif durch die Geschäftsstelle. Anzeigenannahme bei d« Geschäftsstelle u. famtl. Anuoucen-EMedit. Nr. 32/33 _Berlin, 19. August 1931_ 11. Jahrgang Vie Vereinigung für das Nberale Judentum übernimmt nur für dtchenigenAuffätze. die ausdrücküch als iu ihrem Namen »deri« »hre« Auftrage versaht gefenuzeichuet sind. dieV«- antmvrtuug. Me audereu Artikel. Aeutzemngen und Vorschläge erscheinen unt« d« Vnautwortung der Redaküoa. Die «Iüdisch-Uberale Zeitung“ erscheint jede« Mittwoch. RedaMon und Geschäftsstelle: Berlin SV 11. Hallesche Skr. 1 ffecnmf: Bergmann 3355, 3350 Postscheckkonto: Berlin 31 © 7. 137069 (Vereinigung für das liberale Iudeakum) Nachdruck sämtlich« OriginakBdträge mir mit vorherig« Genehmigung d« Redaktto» gestattet. Zur ", . des neuen Hamburger Tempels „stein freund ücr freiheit lei dem andern fremd", — üiefes Wort, vom ersten Hamburger Tempel Prediger vr. öottvold Saiomon einst gebraucht, toll das Motto Meter fefmummer sein, mit der „Vereinigung für das liberale Judentum“ und „jüdisch-liberale Zeitung“ den „Israelitischen Uempel-öerband in Hamburg“ aus Anlaß der Linweihung seines neuen Sottestzauses grüßen. — Liberales Judentum ist der Leitgedanke des Hamburger Tempels; der Hamburger Tempel ist die Muttergemeinde des liberalen Judentums. Liberales Judentum ist tteiheitliches Judentum: erst seitdem wir innerlich unserm Judentum in sreibeit gegenubersteben; erst seitdem wir äußerlich die freibeit des Handelns uns errangen, erst feit dieser Zeit sind wir imstande, den alten Väterglauben in neuen formen darzuledm, welche, gerade weil sie mit Weltbild und Kulturgefübl unserer Zeit in Einklang sieben, die zeitlofe Idee des prophetischen Judentums in unser Herz und Leven bringen. einst verließen, in berechtigter entflammtbeit für neuzeitliche europäische Kulturidcale, Scharen der Jugend den Väterglauben: hinter seinen damals allein Zum Geleit Von Heinrich L ev y, Vorsitzender des Israelitischen Tempel-Verbandes. Als vor nahezu 9 Jahrzehnten der Bau eines Tempels in der Poolstraße beschlossen wurde, meinten unsere Ahnen, ihn sür lange Dauer im Mittelpunkte des Hamburgischen jüdischen Lebens zu errichten. Wie gewaltig haben sich seitdem die Verhältnisse geändert! Mit rasch wachsender Bevölkerung Hamburgs sielen die Wälle um das St »dünnere. Es erstanden Vororte mit lustigeren Straßen, Baumanlagen, Grünplätzen, die allmählich immer weitere Kreise veranlaßten, ihre Wohnstätten hinauszuverlegen. So kam es, daß seit Anfang dieses Jahr-- Hunderts nur noch vereinzelte Tempelmitglieder in der In- nenstadt wohnen, deren Bau- , lichkeiten den zeitlichen Verhältnissen entsprechend mehr '! beu Bedürfnissen des Wirtschaftslebens angepaßt wurden. — Ein jüdisches Gotteshaus gehört in den Bereich der.. Wohnstätten seiner Bekenner., Die Verwirklichung dieses Zie- ‘ les hat die Tempelverwaltung in den letzten Jahrzehnten vielfach in den Kreis ihrer Beratungen gezogen, bis schließlich vor nun zwanzig Jahren der Entschluß reif wurde, einen neuen Teinpel im Bezirk Rothenbaum-Harvestehude zu erbauen. Die damalige Wirtschaftslage und die Opferwilligkeit der Mitglieder des Tempels begünstigten den Plan, so daß bereits ein Jahr vor Kriegsausbruch die nötigen Mittel annähernd zusammengebracht waren und Umschau nach einem geeigneten Platze gehalten werden konnte. Der Weltkrieg mit seinen unglücklichen Folgen hat die gesammelten Mittel dezimiert und die Pläne der Verwaltung zunichtegemacht. In von Jahr zu Jahr steigendem Maße wurde nun die Verlegung des Tempels eine ernste Sorge der Verwaltung. Der immer mehr steigende Verkehr in der Poolstraße hatte manche unliebsamen Störungen zur Folge, die sich durch bauliche und hygiewische Mängel des Gebäudes bis zur Unerträglichkeit steigerten. Die Verwaltung sah den Bestand ihres aufstrebenden jüdisch-liberalen Verbandes gefährdet und hielt es daher mit ihren Pflichten nicht mehr vereinbar, langer zu zögern. So hat man sich vor einigen Jahren trotz beginnenden wirtschaftlichen Abstiegs zu dem schweren Entschlüsse eines baldigen Neubaues durchgerungen. Das Vorbild unserer Ahnen, die 1818 ebenfalls in einer Zeit wirtschaftlicher Not den ersteir Tempel zum Segen des liberalen Judentums errichteten, hat unserer Verwaltung den Weg gewiesen, rasch und entschlossen ans Werk zu gehen. — Der Grundstein in der Oberstraße wurde im Herbst vorigen Jahres gelegt und der Bau so rasch und glücklich gefördert, daß die Weihe des neuen Gotteshauses kurz vor den hohen Feiertagen dieses Jahres bevorsteht. Für den Bau sind die eigenen Werte des Verbandes restlos zur Verfügung gestellt worden; in besonders dankenswerter Weise hat aber auch unsere Deutsch-Israelitische Gemeinde eine großzügige Beisteuer geleistet. Der ganze vorbandenen mitteialteriicheu formen vermochten sie keinerlei Inhalt zu gewahren; in diesen formen wollten sie nicht leben, ver jüdisch-liberale Tempel mit seinen neuen formen zeigte ihnen den alten, ewigen Gehalt des Judentums; mit ihnen zeigte und schns er den europäischen Juden die Möglichkeit, Europäer zu werden und Juden zu bleiben. Solcherart ist beute in allen Kontinenten der religiöse Liberalismus träger des Judentums von einer Zeit zur andern, alleiniger Saram aller jüdischen Zukunft, Glaubt man aber, es „fei zu allen Zeiten die Tradition gewesen, die das Judentum erhalten bat“, so sehe man hier — an dem Seifpiel und der geschichtlichen Wirkung des Tempels wie auch an der kuimrelieu und gememdepoiittschen Arbeit unserer Liberalen Vereinigung — daß in Wahrheit der Seift des Judentums es ist, der zu aiieu Zeiten ftch immer wieder neue Traditionen schafft. Ans Treue zu diesem Seift erstreben wir die freibeit; die erkämpfte freibeit erft ermöglicht uns ein Leben in Treue. George Soetz Es hat etwas Erhebendes, mit welcher Kraft und Eindringlichkeit der neue Tempel in der Oberstraße diesen Gedanken zum Ausdruck bringt. Wenn man vor dem Gebäude steht, an dem kein Ornament, keine Linie das Gleichmaß der Formen stört und zu der großen mächtigen Wand emporblickt: Stein an Stein gefügt, einer dem anderen gleich und doch jeder anders, jeder die Zeichen des Kampfes an sich tragend, die Erinnerung an die Geburtswehen der Erde, als' vor ungezählten Aeonen das Schöpferwort Gottes die Felsenmassen türmte — da toirfr die Geschichte unseres Erdballs lebendig, da vermeint man dm Atem der Ewigkeit zu verspüren. Und wmu dann der Blick auf den siebenarmigen Leuchter fällt, der in das Gleichmaß der Fläche harmonisch sich einfügt, dann wird vor dem Auge des Beschauers die Geschichte des Judentums lebendig mit ihrem Fall und ihrem Aufstieg, ihrer Verzweiflung und ihrer Hoffnung, und Stein und Leuchter, Vergangenheit und Zukunft, sie klingen zusammen zu einer großen Symphonie, die kündet, daß der Einzelne nur Wert besitzt, wenn er sich in das Ganze fügt, wenn er von dem Heiligtum, um das er gelagert ist, sein Licht empfängt. Es ist unser Stolz, daß der Israelitische Tempel-Verband diese Verbundenheit mit dem Ganzm des Judentums niemals aus den Augen verloren hat. Was im Jahre 1818 die Gründer des Tempels in einer offiziellen Kundgebung mit Nachdruck betonten, daß der Tempel „innerhalb der Synagoge bleiben"^ wolle, das heißt, ein „integrierender Teil des Ganzen"-), des Gesamtjudentums, das ist auch für die spätere Zeit richtunggebend gewesen. Wer die Geschichte des Tempels kennt, der weiß freilich, daß ihm dieses Ziel nicht immer leicht gemacht wurde. Es hat in seinen eigenen Reihen nicht an Strömungen gefehlt, die für den TempÄ eine viel radikalere Stellungnahme gewünscht hätten, selbst auf die Gefahr hin, daß das Band mit dem Gesamtjudentum dadurch zerrissen wäre. Vor allem aber sind es Stimmen aus dem sogen, geschestreuen Lager gewesen, die ans einer irrtümlichen Auffassung von Frömmigkeit heraus dem mit jugendlich werbender Kraft austretenden Tempel die Zugehörigkeit zum Gesamtjüdentum absprechen wollten. Daraus resultiert ja das Märchen von dem angeblich auf dein Tempel ruhenden „Cherem" (rabbinischer Bann). Obwohl mehrfach widerlegt (u. a. von Haarbleicher in seiner „Geschichte der Deutsch-Israelitischen Gemeinde in Hamburg", S. 182, Leimdörfer in der „Festschrift zum 100 jährigen Bestehen des israelitischen Tempels in Hamburg", S. 9, Rieger a. a. O. S. 25, Ellbogen „Der jüdische Gottesdienst in seiner geschichtlichen Entwickelung" S. 406 und S. 414), spukt dieses Märchen noch immer m manchen Köpfen. In Wirklichkeit ist niemals ein Bann *) Paul Rieger: „Die Bedeutung des Hamburger Tempels filr die Geschichte des neuzeitlichen Judentums" in „Festschrift zum hunluüt- \ jährigen Bestehen", is. 29. i 2) «. a. 0. Bau ist nach seiner Gestaltung als der Brennpunkt jüdischliberalen Lebens in Hamburg gedacht. Es ist ein gediegenes, aber der Notzeit entsprechend schlichtes Gebäude, frei von jeder kostspieligen Ausstattung, in ruhiger Lage, ein von Licht durchflutetes Haus, von Gärten umsänmt, so recht für innere Sammlung uni» ungestörte Andacht geschaffen. Möge das Mühen der Verwaltung, die Weiterentwicklung des liberalen Judentums in Hamburg zu fördern, ,* ' * " '' Verständnis, Opferwillen und warmherzige Unterstützung in weiten Kreisen unserer Gemeinde finden. Wähl natiam adaunoj elauhenu olenu umaas&e jodenu kaunanoh olenu umaasse jodenu kaiunanehu. Möge Gottes Segen auf dem neuen Werke ruhen! Der Tag der Gemeinde Von Rabbiner Dr. Bruno Italiener. Bor einigen Wochen ist in der Thoravorlesung wiederholt vom „Tage der Gemeinde" die Rede gewesen. Dieses Wort empfängt für uns Hamburger Juden in dieser Zeit seinen besonderen Sinn. Der Israelitische Tempel-Berband rüstet sich zur Weihe seines neuen Tempels in der Oberstraße. Wenn irgend ein Ereignis, so ist der Tag der Tempelweihe ein „Tag der Gemeinde". Denn es gibt im Leben einer religiösen Gemeinschaft kaum ein bedeutsameres Geschehnis als den Bau eines neuen Gotteshauses. Gotteshäuser sind Sinnbilder; sie mahnen den Einzelnen, daß seiner Arbeit nur dann Wert innewohnt, wenn sie über das eigene Interesse hinaus der Erhaltung der Gemeinschaft dient. Diese Mahnung ist für den modernen Juden, zumal in der Großstadt, notwendig. Es liegt im Wesen der Großstadt, daß sie, je mehr sie die Menschen äußerliche zusammenballt, sie innerlich um so einsamer macht. Wenn Gabriel Rieß er in einem Briefe vom 31. Oktober 1832 aus Wien meint: „Hier aber, wie immer in einer großen Stadt, bin ich mehr allein," so hat er das vorweggenommen, was wir Kinder unserer Zeit noch viel starker fühlen. Diese Vereinsamung zu überwinden, ist Ausgabe der Gemeinschaft, vor allem der religiösen Gemeinschaft: sie kann nur überwunden werden durch ein gemeinsames Ideal. 593942

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